Выбрать главу

»Den Muskelprotz erkenne ich wieder! Vor drei Tagen hat er sich noch als ein Fischer ausgegeben! Die müssen uns gefolgt sein.«

Der Alte mit den Zöpfen zog sein Schwert. Eine kostbare Eisenwaffe. Eine Klinge, wie sie nur in Luwien gefertigt wurde. Ein Schwert, dazu geschaffen, Bronze zu zerbrechen. »Ihr seid die dämlichsten Spitzel, denen ich jemals begegnet bin. Ihr werdet mit dem Drusnier sterben.«

»Das glaube ich kaum«, sagte Artax ruhig. Es war an der Zeit, die Maskerade zu beenden. »Ich bin Aaron von Aram, der Unsterbliche, Herr aller Schwarzköpfe. Ich stehe unter dem Schutz des Löwenhäuptigen — und ihr werdet den Zorn des Devanthar auf eure Häupter rufen, wenn ihr eure Hand gegen mich erhebt. Jedem, der nun seine Waffe niederlegt, werde ich das Leben schenken. Alle anderen sind des Todes!«

»Dem Kerl habe ich auf den Kopf gepisst!« Einer der Krieger der blauen Galeere trat neben den Steuermann. »Das scheint er nicht gut vertragen zu haben. Ein Unsterblicher, der wie ein toter Fisch stinkt! Dem hat die Sonne das Hirn aus dem Schädel gebrannt. «

Artax zog sein Schwert. In silbernen Bogen fuhr es auf die Waffe des Alten nieder. Ein Laut wie Zimbelklang ertönte, und die eiserne Klinge des Piratenfürsten zerbrach wie billige Bronze.

»Welcher Sterbliche führt ein Schwert, das von Göttern geschmiedet wurde?«, rief Artax herausfordernd.

Jene, die nahe genug standen, im Fackellicht das seltsame Muster auf der Klinge zu erkennen, wichen zurück. Blasses grünliches Licht spielte um die Waffe, als lebe der Geist, den er im Dunklen Tal besiegt hatte, noch immer darin.

»Wie könnten drei Schwerter gegen tausend bestehen?« Der Anführer der Piraten winkte einem der Männer, ihm eine neue Waffe zu geben. Eine Keule, aus deren steinernem Kopf ein Bronzedorn wie ein langer Vogelschnabel ragte.

»Was zählt die Zahl der Klingen, wenn keine Waffe, die von Menschenhand gefertigt wurde, mich zu töten vermag?« Artax hob sein Schwert und führte die Klinge im Kreis, sodass jeder das verwunschene Licht sehen konnte.

»Ist das der Mann, auf den du gepisst hast?«, fragte der Anführer unsicher.

»Ich schwöre es bei der Geflügelten! Die beiden waren in dem Fischerboot. Sie sehen doch auch aus wie Fischer!«

Der Piratenfürst prüfte mit dem Daumen die Spitze des Bronzedorns. »Glaubt hier jemand, dass sich ein Unsterblicher aufs Haupt pissen lässt? Die beiden sind Aufschneider. Großschwätzer! Das Schwert haben sie gestohlen. Wer es ihnen abnimmt, darf es behalten. Macht sie nieder!« Mit diesen Worten schwang er die Keule herum und versuchte Artax im Gesicht zu treffen.

Das Schwert des Unsterblichen schnellte hoch. Ohne Widerstand schnitt es durch den hölzernen Griff. Der steinerne Kopf der Keule flog zur Seite. Die Waffe fuhr dem Alten durch den Bronzepanzer tief in die Brust. Artax zog das Schwert zurück. Mit einem grässlichen Knirschen glitt es aus dem breiten Schnitt in der Bronzerüstung. Dem Alten quoll Blut über die Lippen. Einen Herzschlag lang hielt er sich noch schwankend auf den Beinen, dann stürzte er.

Das kalte, grüne Licht erstrahlte einen Herzschlag lang blendend hell. Ein Licht wie von den Geistern in den Bergen. Langsam verblasste es. Es zog sich wieder in die Waffe zurück. War der Grüne Geist, den er angegriffen hatte, nicht besiegt? War er in dem Schwert gefangen? Trank er die Seelen der Männer, die er tötete?

»Die Waffen nieder!«, brüllte Juba. »Los! Oder er wird jeden von euch töten!«

Einige ließen tatsächlich ihre Schwerter fallen. Andere wichen einfach nur zurück. Artax traute seinen Augen kaum. Konnten drei über tausend triumphieren? Nur durch Worte? Er hoffte es von ganzem Herzen, denn er wollte nicht noch mehr Blut vergießen. Nicht noch einen töten und erst recht nicht Hunderte. Falls er das überhaupt konnte. Ganz gleich, wie verwunschen sein Schwert sein mochte, die Übermacht würde sie einfach überrollen, wenn die Piraten nur entschlossen angriffen. So weit sollte es nicht kommen! Er hatte Juba gesagt, er werde sie bestrafen, und das würde er auch. Aber töten wollte er sie nicht. Das wäre Aarons Weg gewesen. Ihm würde etwas Besseres einfallen!

»Los, der Erhabene ist nicht für seine Langmut berühmt. Die Waffen nieder!«, bellte Juba.

Etwa ein Dutzend der Piraten warfen sich in den Sand und wimmerten um Gnade.

»Werft sich in Staub, Würmer!«, brüllte nun auch der Drusnier. »Ist sich gekommen Tag von Rache für Mörder. Habe ich nicht gesagt? Nicht einmal. Nicht zweimal. Dreimal habe ich gesagt! Wer mordet Wehrlose, den strafen Götter.«

»Dreimal gesagt …« Artax sah den blonden Krieger erschrocken an. »Dreimal?«

Volodi nickte. »Ja, ja! Jedes Mal, wenn sie Flotte verbrannt haben, mit Maus und Mann, habe ich gesagt. Muss man laufen lassen Männer ohne Schwert, die nie nix wollen kämpfen. Sonst Ehre futsch. Blut, vergossen von Unschuldigen, kann man auch im heiligsten von Hainen nicht mehr von Händen waschen.«

»Sie haben alle drei Flotten …«

»Natürlich! Liegt sich alles auf Boden von Meer. Die Schiffe, die Männer, das Zinn. Alles!«

»Mörder!«, schrie Artax auf. »Ich verfluche euch!« Er konnte es sehen, in seinem Kopf. Die brennenden Schiffe, die Männer, die um Gnade flehten. Er wusste nicht, ob es eine Vision oder nur seine Vorstellungskraft war. Aber er sah es so deutlich, als sei er dabei gewesen. »Mörder!«

Tausend Krieger wichen vor seinem Zorn zurück. Er hatte das blutige Schwert erhoben.

»Ich verfluche euch! Sollen die Seelen der unschuldigen Toten euch bis ans Ende eurer Tage verfolgen! Sollen eure toten Leiber keinen Frieden finden und sich aus den Gräbern erheben, um Sühne zu tun.«

Er machte eine weit ausholende Geste mit dem Schwert. »Ihr alle habt euer Recht auf Freiheit verwirkt! Ihr seid mein!« Er schwang sein Schwert zur Seite und wollte auf den Goldenen deuten, als etwas mit schrillem Klirren über die Klinge schrammte. Ein Pfeil fiel vor seine Füße.

Stille senkte sich über die weite Bucht. Der Pfeil vor seinen Füßen hob sich überdeutlich vom hellen Sandboden ab. Plötzlich fühlte Artax sich schwach. Sein Zorn war verraucht. Wieder spielte grünes Licht um die Klinge seines Schwertes. Einen Herzschlag lang nur, dann war es verschwunden.

»Seid ihr von Sinnen?«, ertönte Jubas tiefe Stimme. »Glaubt ihr wirklich, ihr könnt ihn töten? Kennt ihr nicht die Geschichten über Aaron, den Unsterblichen? Den Mann, der aus dem Himmel fiel und überlebte? Dem Mann, der sich ganz allein den Geistern der Unterwelt stellte? Aaron ist ein Gott unter Menschen, ihr Narren! Ein Gott! Glaubt ihr, es gäbe auf dieser Insel eine Waffe, die ihn verwunden könnte? Habt ihr gesehen, wie er den Pfeil, der auf seine Brust zielte, einfach zur Seite schlug? Habt ihr es gesehen, ihr Würmer? Welcher Sterbliche vermag so etwas zu tun? Und wer von euch hat Kraft genug, sich einem Unsterblichen zu widersetzen? Ich will den Kopf des Bogenschützen. Sofort! Und dann unterwerft ihr euch. Vielleicht wird mein Herr dann eines Tages seinen Bannfluch von euch nehmen. Vielleicht aber gefällt es ihm auch, noch in dieser Nacht jeden Einzelnen von euch zu erschlagen und eure Seelen als Diener der toten Seeleute und Ruderer in die Unterwelt zu schicken. Entscheidet euch schnell, denn Aaron ist kein Mensch, wie ihr es seid. Er ist ein Unsterblicher! Der Herr aller Schwarzköpfe! Und ich sage euch, er ist unmäßig, in seinem Zorn wie in seiner Gnade.«

Die Wirkung der Rede war erstaunlich. Zu Hunderten warfen sich die Piraten zu Boden. Artax aber hatte immer noch weiche Knie. Es war verrückt gewesen, hierherzukommen. Er trug keine Rüstung, der Pfeil hätte ihn töten können. Selbst wenn er nur verwundet worden wäre, hätte dies das Ende bedeutet. Die Piraten wären über sie hergefallen und hätten sie niedergemacht. Und jetzt krochen diese Mörder zu seinen Füßen und küssten den Saum seiner nach fauligem Fisch stinkenden Tunika.

Erstaunlich, Bauer. Wirklich erstaunlich. Ich frage mich, wie lange dein Glück noch währt.

Das fragte sich Artax auch. Was war geschehen, dass der Pfeil ihn nicht hatte erreichen können? Lag es am Schwert oder hatte er einfach nur unglaubliches Glück gehabt? Später, dachte er. Er würde später darüber brüten. Jetzt waren andere Dinge wichtiger.