»Zurück!«, herrschte Juba die Männer an. »Keiner von euch ist es wert, dass der Unsterbliche ihn auch nur anblickt! Zurück, ihr Abschaum des Meeres!«
»Du solltest ihnen sagen, was sie zu tun haben«, flüsterte Juba ihm zu. »Sie brauchen eine Aufgabe … Sie müssen wissen, welches Schicksal du ihnen bestimmst. Ungewissheit macht rebellisch.«
Artax hatte keine Ahnung, was er mit tausend Piraten anfangen sollte. Hatten sie es verdient zu leben? Konnte er sie als Waffe gegen Muwatta einsetzen? »Euer aller Leben ist verwirkt, Mörder! Ich halte es in meiner Hand! Doch ihr könnt euer Leben und eure Freiheit zurückgewinnen. Drei Mal werdet ihr für mich kämpfen, wo andere Krieger den Kampf fürchten. Wer einen Kampf für mich erfolgreich besteht, dem werde ich als Lohn eine Münze aus Zinn geben. Münzen, die eigens an meinem Hof geprägt werden. Sie sollen euch an eure Untaten erinnern. Volodi, den einzigen Gerechten unter euch, bestimme ich zu eurem Heerführer. Wer vor mich tritt, mir drei Zinnmünzen bringt und Volodis Fürsprache hat, der ist frei. Ihr werdet Sold erhalten wie meine anderen Krieger, aber ihr habt nicht dieselben Rechte wie sie. Von euch erwarte ich, dass ihr die ersten im Kampf seid und die letzten beim Rückzug.« Er machte eine Pause und blickte über die Männer, die sich seiner Gnade ausgeliefert hatten. Die er seiner Gnade ausgeliefert hatte. Ein Anflug von Übelkeit kam über ihn, doch er drängte das schlechte Gewissen fort. Aaron schwieg, aber Artax wusste auch so, was er sagen würde – gut so, Bauer.
Artax seufzte. Die Piraten kamen aus aller Herren Länder. Sie waren ein Haufen ohne Zucht und Ordnung. Ohne Moral. Konnte er ihnen vertrauen? Oder würden sie bei der ersten Gelegenheit davonlaufen? Oder schlimmer noch, erneut auf die Seite seines Feindes Muwatta wechseln? Er wusste, wozu Aaron ihm raten würde. Wusste, was vernünftig war. Er sollte diesen Bastarden Versprechen machen, sie an sich binden und, sobald seine Flotte eintraf, sie alle hinrichten lassen. Das wäre klug. Es wäre ein abschreckendes Beispiel. Und es würde die Witwen, Väter, Mütter und Kinder der hingemetzelten Ruderer und Seeleute der Zinnflotte zufriedenstellen. Nach seinem Massaker an den Priestern würde nach diesem Strafgericht sicherlich Ruhe im Reich Aram einkehren. Grabesruhe. Aber er wollte nicht sein wie Aaron, selbst wenn der Preis dafür die Vernunft war. Zornig, dass sie ihn zu solchen ungewünschten Entscheidungen zwangen, wandte er sich an die Piraten.
»Ihr seid der Abschaum der See. Männer, über die man mit Wut, Abscheu oder Trauer redet. Männer, deren Taten ihre Ehre zerstört haben! Folgt mir und ihr werdet eure Ehre zurückerlangen. Kämpft für mich und eines Tages wird man zu euch aufsehen, weil ihr die Tapfersten der Tapferen geworden seid. Männer, deren Namen man voller Ehrfurcht nennt. Beim ersten Morgengrauen werden wir Kyrna verlassen. Doch seid gewarnt!« Artax reckte sein Schwert empor, sodass alle die schreckliche Waffe sehen konnten. »Diese Klinge wurde von den Devanthar geschmiedet. Es ist ein Schwert der Götter. Und es trinkt die Seelen meiner Feinde. Ich gebe euch Gelegenheit, für eure Taten zu büßen und Männer von Ehre zu werden. Aber wer mich betrügt, dem werde ich kein zweites Mal vergeben. Ich werde ihn jagen und ihm diese Klinge in den Leib stoßen, auf dass seine Seele in ewige Verdammnis gerate! Und nun bereitet euch auf die Abreise vor!« Er wandte sich ab. »Juba, Volodi! Folgt mir! Ich habe mit euch zu reden.«
Artax wandte sich ab und atmete tief aus. Das ist das erste Mal, dass ich ganz bewusst mit Todesurteilen gedroht habe, dass ich meine Macht nutze, um Furcht zu verbreiten. Noch sind es nur Worte.. Noch ist niemandem etwas geschehen, versuchte er sich zu beschwichtigen. Es liegt ganz bei ihnen.
Kurz erschien das Gesicht Almitras vor seinem inneren Auge, ihre Lippen formten stumme Worte und die Augen, die ihn so eindringlich musterten, waren Shayas Augen. Verkauf nicht deine Seele, schienen ihre Lippen zu flüstern. Gib auf dich acht.
Das werde ich, wollte er antworten, aber er schwieg. Wie sollte er etwas versprechen, von dem er nicht wusste, wie er es halten sollte?
Er führte Juba und Volodi ein Stück vom Lager fort zu der Klippe, auf der der verfallene Tempel lag. Juba drehte sich auf dem Weg immer wieder misstrauisch um, doch niemand folgte ihnen. Auch machten die Piraten keine Anstalten zu fliehen.
Artax ließ sich auf einer gestürzten Säule nieder und blickte hinab auf die Bucht. Viele der Männer dort unten waren wie angewurzelt stehen geblieben und starrten zu ihnen empor, als könnten sie immer noch nicht fassen, was geschehen war.
»Werden sie meinem Befehl gehorchen, Volodi?«
Der blonde Krieger zuckte mit den Schultern. »Das ich weiß nicht. Aber weiß ich, ich werde Schädel einschlagen denen, die dir sich widersetzen, Unsterblicher. Sind viele nicht schlechte Männer dort unten.«
»Ein Mörder, der über Mörder urteilt«, sagte Juba ironisch.
»Und was du bist? Ein Krieger ohne Blut an Händen? Ich nur kämpfen gegen Männer mit Waffe in Hand. Nie nix Weiber und Kinder töten. Auch nix Alte und Wehrlose. Ich habe Ehre nie verkauft. Was mit dir ist?«
Jubas Hand lag am Schwertgriff. »Willst du andeuten, ich sei ein Mörder und Plünderer wie du? Nimm dich in acht, du …«
»Lass ihn, Juba! Oder willst du die Flotte an seiner Stelle befehligen? «
»Kann er machen, Kampf.« Volodi lächelte herausfordernd. »Ich nix in Gefahr. Nie nicht Kampf verloren. Ihr gesehen habt!«
Artax hob die Hand, um Juba aufzuhalten. »Lass ihn. Er ist jetzt ein Heerführer wie du.«
Jubas Augen schossen Blitze. Er hatte ihn beleidigt, erkannte Artax. »Er mag ein Heerführer sein, aber das ist das Einzige, was wir gemeinsam haben!«, sagte Juba, ruhig und gefährlich leise. Dann lehnte er sich zurück und sah gleichfalls auf die Bucht hinab, als wäre damit alles gesagt.
Der Unsterbliche seufzte. Es war sinnlos weiterzureden. Vielleicht würden Volodis Taten Juba irgendwann versöhnlicher stimmen. Oder ihm mit seinem Misstrauen recht geben …
»Woher kommst du, Volodi?«
»Von Herzen von Wäldern ich komme.« Er klang plötzlich melancholisch. Seine Streitlust war verflogen. »Sind sich so weit wie das Meer, Wälder. Jetzt ist Zeit, wo fallen sich erste Blätter. Ist sich ganzer Wald bald wie Gold. Ich komme von Drus. Muss gehen hinaus, weil kann man teilen Herrschaft nicht, wenn Vater tot. Ich bin jüngerer Sohn. Mein Bruder Bozidar wird sich neuer Fürst sein. Hat sich immer Glück mein Bruder. Wird in Kampf nicht verletzt. Gewinnt immer beim Würfeln. Und genügt sich ein Lächeln von Bozidar, zu nehmen Herz von Frau. Hat sich immer Glück, mein Bruder.«
»Wie ist ein Mann wie du zu diesen Halsabschneidern gekommen? «, fragte Juba.
Volodi machte eine entschuldigende Geste. »Hieß es, gute Krieger können sich gewinnen Schwert von Eisen.« Seine Augen glänzten. »Schwert von Eisen ist größte Schatz! Nur Fürsten können haben!«
»Und wer hat dir das Eisenschwert versprochen?«, drängte Artax. »Ein Luwier?«
»Nein. Habe ich gehört Geschichten von Söldnern. War in Krieg mit Valesia. Wir kämpfen mit Arcumenna, der ist Laris von Truria. Ist ein großer Krieger und Feldherr, Arcumenna. Besiegt uns hat Arcumenna und zwei fruchtbare Täler von Drus genommen als Preis von Sieg. Als vorbei waren Kämpfe, sind viele Krieger zur Weißen Küste gewandert. Hat uns Arcumenna Geld gegeben, damit wir auf Schiffen Truria schnell verlassen. Waren wir Söldner von beiden Heeren. Junge Männer mit Stolz in Blut und nix in Kopf. Wollte uns schnell forthaben aus Truria. Sind wir alle zu Aegilen gekommen. Hatte ich schon in Krieg mit Truria gehört, dass Piratenfürsten Krieger suchen und sind sich sehr reich.«
»Sind Männer aus Luwien in der Flotte?«
»Weiß nicht genau. Sind Männer von überall … Wer macht sein Geld mit Schwert in der Hand, ist richtig bei Aegilen. Anfangs war mein Blut heiß, wenn ich habe gesehen Paläste von Piratenfürsten. « Er spuckte aus. »Paläste! Hatte sich keiner ein Dach von Gold, wie sie haben erzählt. Gab es sich nicht jeden Tag Fleisch von gebratenen Stieren. Haben sie uns nicht einmal gegeben ein Handgeld. Nur Essen und Quartier. Wer nehmen wollte Frau mit gelbes Kleid, musste sein eigenes Silber bringen. War groß viel Ärger unter Kriegern! Aber dann kam erste Kaperfahrt. Haben Fürsten nicht gesagt, was Ziel.« Volodi lachte. »Sonst Männer wären gegangen nicht! Haben wir überfallen Kriegshafen von Luwien. Waren sich völlig überrascht die Kerle. Konnten ihnen Schiffe stehlen, Rüstungen und drei Truhen voller Silber. Mussten eigene Schiffe schlagen leck, weil sich nicht hatten genug Männer für Ruder. Dann wir sind auf Kriegsgaleeren von Luwiern wieder hinaus aus Hafen.«