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Sie wusste, dass Bidayn hier viele Stunden verbrachte. Nandalee selbst ging lieber hinaus in den Wald. In ihr Versteck. Doch Gonvalon kam immer seltener. Sie wusste, dass er sie liebte. Und doch mied er sie. Sobald sie in Gesellschaft anderer waren, wurde er so kühl und distanziert, dass niemand je darauf gekommen wäre, dass sie ein Liebespaar waren.

Nandalee glaubte nicht an den Fluch, der ihrem Meister so viel Kopfzerbrechen machte. Sie hielt ihr Schicksal in Händen. Und es war nicht vorherbestimmt.

Sie trat in die Bücherkammer, von der Bidayn ihr vor zwei Nächten erzählt hatte. Als sie das Fenster sah, wusste sie gleich, was Bidayn gemeint hatte. Nandalee spürte die Macht, mit der es sie einfing und ihren Blick gefangen hielt.

Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie wollte. Sie wollte nicht an einen bestimmten Ort. Sie wollte zu … einer Person? Nein, das traf es nicht wirklich. Der, zu dem sie wollte, war ihr noch nicht in seiner wirklichen Gestalt erschienen. Nandalee kannte das Wort der Macht nicht, mit dem sie sich der Zauberkraft des Fensters bedienen konnte. Trotzdem war sie hierhergekommen, in der verzweifelten Hoffnung, dass der Dunkle ihre Anwesenheit spüren und von sich aus eine Verbindung herstellen würde. Sie würde hier stehen und warten. Sie würde lange warten. Sie war eine Jägerin und zu warten fiel ihr leicht.

Aber sie wartete nicht — sie starrte. Das Fenster zog sie an. Gegen ihren Willen machte sie einen Schritt darauf zu. Nandalee dachte an die Schreckensgeschichten, die Bidayn ihr erzählt hatte. Dass dieses Fenster sie verschlingen konnte, um sie zu einem Teil von sich zu machen. Sie spürte, wie sich etwas im Raum veränderte. Es wurde kälter. Deutlich kälter.

Nandalee machte noch einen Schritt. Gegen ihren Willen. Und noch einen. Ein leises, knirschendes Geräusch erklang, etwas in dem Fenster hatte sich verzogen! Einzelne Buntglasscherben dehnten sich und kämpften gegen die Enge ihrer goldenen Fassungen. Die winzigen Runen verzogen sich und zerliefen, als würde das Gold schmelzen.

Nandalee stand vor Kälte der Atem vor dem Mund. Die feinen Haare an ihren Armen richteten sich auf. Etwas in diesem Fenster war erwacht. Es war plötzlich mehr als nur Glas und Gold. Das Fenster sah sie an! Es berührte ihr Verborgenes Auge, wollte es aufreißen und ihr Dinge zeigen, die sie um den Verstand bringen würden – das wusste Nandalee plötzlich mit tödlicher Gewissheit. Sie hätte niemals hierherkommen dürfen!

Nandalee kniff die Augen zusammen, aber es nutzte nichts. Sie sah immer noch das Fenster. Sein Bild hatte sich fest in ihrem Verstand eingenistet – und die Glasscherben begannen sich zu bewegen. Ein grässliches Knirschen, das vom Ohr bis ins Mark der Knochen drang, begleitete das Gedankenbild.

Die Elfe presste sich die Hände auf die Ohren. Vergebens! Dieser Laut ließ sich nicht ausschließen. Voller Zorn schrie Nandalee auf. Sie wollte das Geräusch übertönen. Sie würde kämpfen, sich nicht einfach ergeben. Sie würde das Fenster zerstören! Sie hatte Trolle besiegt – da würde sie sich doch nicht von einem verfluchten Fenster in die Knie zwingen lassen! Gleißendes Licht schlug ihr entgegen, so hell, dass es wie glühende Nadeln in ihre Augen stach.

Zurück!, dachte sie, doch stattdessen machte sie nur einen weiteren Schritt auf das Fenster zu. Sie war völlig gefangen von seinem Zauber.

Sie wollte nach ihrem Dolch greifen. Die Klinge mitten hineintreiben in die Flut aus Licht, aber sie schaffte es nicht einmal, die Hand zum Gürtel zu bewegen. Stattdessen ging sie noch einen Schritt vorwärts. Und noch einen. Ihr Körper, diese gut trainierte Waffe, auf die stets Verlass gewesen war, gehorchte ihr nicht mehr! Nandalee hatte sich noch nie in ihrem Leben so sehr gefürchtet.

Nandalee wagte es immer noch nicht, ihr Verborgenes Auge zu öffnen. Sie befürchtete, dann von der Macht des Fensters endgültig überwältigt zu werden. Noch vermochte sie sich zumindest gegen das zu widersetzen, was das Fenster ihr zeigen wollte. Dunkle Bilder. Abgründe voller Schrecken. Wenn sie im Geiste dieser Macht auch nur einen Schritt entgegenkam, würde sie in den Wahnsinn gezerrt.

Das Fenster hatte sich in einen Mahlstrom aus wirbelndem Licht verwandelt. Die blasse Atemwolke vor ihrem Mund wurde in das Licht hineingezogen.

Verzweifelt versuchte Nandalee, sich an die Lehren des Schwebenden Meisters zu erinnern. Wie konnte man einen Zauberbann brechen? Sie musste ihren Geist lösen. Das war der erste Schritt. Sich alldem entziehen auf einer Insel der Erinnerung unangreifbar durch die Gegenwart werden. Sie dachte an Gonvalon. Ein wohliges, warmes Gefühl nistete sich in ihrem Bauch ein, als es ihr gelang, sich sein Gesicht zu vergegenwärtigen, seine Lippen auf den ihrigen zu spüren.

Eine Bewegung riss sie zurück in die Gegenwart. Ihr Arm zuckte hoch! Sie streckte die Hand nach dem Fenster aus. »Nein!«

Niemand hörte ihren Schrei. Sie hätte nicht hierherkommen dürfen. Zumindest nicht allein. Ihre Finger waren jetzt nur noch wenige Zoll von dem wirbelnden Licht entfernt, und das Geräusch übereinanderschleifenden Glases schnitt in ihren Verstand. Sie stellte sich schnell rotierende Glasscherben mit messerscharfen Kanten vor.

Das Bild Gonvalons verblasste, und nur noch die Angst blieb zurück. Das Fenster hatte gewonnen. »Nein«, flüsterte sie – und berührte das Fenster. Blut spritzte auf, als ihre Fingerkuppen Stück für Stück abgehobelt zu Boden fielen. Dann verschlang sie das Fenster.

Blutspur

Bidayn war müde. So wie jeden Morgen. Sie hasste es, sich zum Laufen hinauszuschleppen. Obwohl sie jetzt schon so viele Monde lang übte, wurde ihr immer noch schlecht. Es dauerte nur länger, bis es geschah. Sie klammerte sich an die vage Hoffnung, dass sie irgendwann einmal in ein paar Monden vielleicht so weit wäre, dass sie die Weiße Halle wieder erreichte, bevor der Zeitpunkt der Übelkeit kam. Allerdings hatte sie den Verdacht, dass die Meister dann ihre Laufstrecke verlängern würden. Wenigstens, so dachte Bidayn mit einem Anflug von Stolz, musste Nandalee sie nicht mehr tragen. Sie schaffte es jetzt auf ihren eigenen Beinen zurück! Obgleich … Sie lächelte zynisch. Es war ganz schön kümmerlich, stolz darauf zu sein, dass sie nicht mehr zusammenbrach, sondern sich nur noch die Seele aus dem Leib kotzte.

Verdammte Läufe! Jeden Tag ausgerechnet damit beginnen, dass ihr vor Augen geführt wurde, was sie am schlechtesten konnte? Übellaunig trat sie durch das Portal und ging zu der Wiese, auf der sie sich jeden Morgen trafen. Sie kam an einigen anderen Schülern vorbei, hielt den Blick gesenkt und grüßte niemanden. Manche von ihnen hatten gute Laune! Wie konnte man nur vor Sonnenaufgang gute Laune haben?

Es war nasskalt. Der Rasen gab unter jedem ihrer Schritte ein leises, schmatzendes Geräusch von sich. Der Weg, auf dem sie liefen, würde völlig verschlammt sein, jeder Schritt die doppelte Kraft kosten. Nandalee schaffte es irgendwie, leichtfüßig zu bleiben, ganz gleich, auf was für einem Untergrund sie lief. Bidayn hatte noch nicht ergründen können, ob das irgendein intuitiver Zauber war oder einfach nur Geschicklichkeit.

Gonvalon erwartete sie bereits, und Lyvianne stand an seiner Seite. Ihre Meisterin kam seit zwei Wochen mit zu den morgendlichen Läufen, und obwohl sie stets betonte, körperlich kaum mit den übrigen Drachenelfen mithalten zu können, absolvierte auch sie die zu laufende Strecke mit Leichtigkeit.

»Wo ist Nandalee?«, fragte Gonvalon beiläufig.

Bidayn zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht.« Sie ertappte sich bei dem gehässigen Gedanken, erleichtert darüber zu sein, dass ihre Freundin auch einmal verschlafen hatte. Wer wusste, wo sie in der Nacht wieder gewesen war! Sie trieb sich zu viel in den nahen Wäldern herum! Bidayn wusste, dass sie immer noch Bogenschießen übte, obwohl sie erst wenige Tage zuvor verkündet hatte, sie würde sich als Bildhauerin versuchen.