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»Kannst du sie holen?« Gonvalon klang leicht verärgert.

Bidayn seufzte. Nandalee hatte die Angewohnheit, nackt zu schlafen. Also konnte sie Gonvalon schlecht darum bitten, selbst nachzusehen. Andererseits … Wenn sie sich nicht zu sehr beeilte, würde es zu spät sein, um an diesem Morgen noch den vollen Lauf zu absolvieren. Mit einem freundlichen Lächeln machte sie sich auf den Weg und verfiel, sobald sie außer Sicht war, in einen gemütlichen Schlendergang. Ihre schlechte Laune war verflogen. Endlich ein Morgen, an dem sie nicht gequält wurde! Und Nandalee allein würde den Ärger dafür abbekommen, dass der Lauf ausgefallen war.

Bidayn erklomm die Stufen zur oberen Etage und betrachtete einmal mehr die umfangreiche Schwertsammlung. Vor allem merkte sie sich, welche Waffen fehlten. Sieben der Meister waren unterwegs, und die meisten von ihnen hatte sie noch nie in der Weißen Halle gesehen. Was sie wohl gerade taten? Lyvianne hüllte sich über die Aufgaben der Drachenelfen in Schweigen, und auch Gonvalon hatte Nandalee nichts über die konkreten Ziele ihrer Ausbildung erzählt. Sie wussten nur, dass sie eines Tages die Feinde der Himmelsschlangen töten würden. Aber wer waren diese Feinde?

Bidayn schlenderte den Flur entlang. Sie dachte daran, wie oft Nandalee sie mit einem hämischen Spruch aus dem Bett geholt hatte. Was würde sie jetzt sagen? Guten Morgen, Schlafmütze, war viel zu harmlos. Vielleicht in düsterem Bass: Der Tag fängt schlecht für dich an, Bogenschützin!

Sie blickte auf die Schutzzeichen gegen Kobolde, die in Nandalees Türschwelle geschnitten waren, und musste grinsen. Sie mochte ihre rebellische Freundin. Nandalee tat die Dinge, über die andere nur zu flüstern wagten.

»Aufstehen!« Bidayn schob die Tür auf und blickte auf ein leeres Bett. Bogen und Köcher lehnten an der Wand. Nandalee war also nicht auf einem Jagdausflug verloren gegangen.

Sie ging zum Bett und streckte die Hand zwischen die Laken. Kalt. Also war sie auch nicht gerade erst aufgestanden. Piep hockte, den Kopf ins Gefieder gesteckt, im Fenster.

Ein ungutes Gefühl überkam Bidayn. Es passte so gar nicht zu Nandalee, am Morgen nicht zum Laufen zu erscheinen. Bidayn dachte an das geflüsterte Gespräch vor drei Tagen. Wie sie in ihrem Zimmer zusammengehockt hatten. Nandalee hatte gruselige Geschichten über Trolle erzählt. Dinge, die sie angeblich mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie hatte vor ihrer Freundin nicht zurückstecken wollen. Nicht wieder einmal. Und so hatte sie ihr von dem verborgenen Fenster in der Bibliothek berichtet. Von ihrem Treffen mit Lyvianne, und dass sie versuchte, das geheime Wort der Macht zu erlernen, das es einem erlaubte, durch das Fenster jeden beliebigen Ort betrachten zu können, an dem man selbst einmal gewesen war. Natürlich hatte sie Nandalee das Wort der Macht nicht verraten! War Nandalee etwa hinab in die Bibliothek gegangen? Bidayn blickte noch einmal auf den Bogen. Ihre Freundin nahm ihn auf ihre nächtlichen Streifzüge immer mit. Sie hatte die Weiße Halle also nicht verlassen.

Wahrscheinlich gibt es für alles eine ganz banale Erklärung, sagte sich Bidayn. Doch das ungute Gefühl wurde stärker und nistete sich wie eine Stachelkugel in ihrem Magen ein.

Sie schloss die Tür zu Nandalees Zimmer und ging zurück zur großen Halle. Auf der Treppe kam ihr bereits Lyvianne entgegen. »Und? Was ist mit ihr?«

»Sie ist nicht da«, flüsterte Bidayn. »Vielleicht … ist sie bei dem verborgenen Fenster …«

Ihre Meisterin runzelte die Stirn, drehte sich um und eilte wortlos die Stufen hinab. Bidayn folgte ihr.

In der Bibliothek war alles wie immer. Der Geruch nach Staub und Pergament, das warme, bernsteinfarbene Licht der Barinsteine, ihre Schritte in der Stille. Doch als sie die Kammer betraten, in der das heimtückische Fenster einem Auge gleich in der Wand lauerte, wusste Bidayn, dass sie sich geirrt hatte. Überall war Blut. Blutstropfen auf dem Boden. Blut auf dem goldenen Rahmen des Fensters. Blut an der Decke des Raumes!

»Sie war hier«, stellte Lyvianne nüchtern fest.

Bidayn wollte zum Fenster, doch ihre Meisterin hielt sie zurück. »Nicht! Etwas hat sich verändert! Kannst du es nicht spüren? Halte dich fern von hier. Komm nie mehr hierher zurück.«

Unsicher blickte Bidayn das Fenster an. Sie wagte es nicht, das Artefakt durch ihr Verborgenes Auge zu betrachten. »Gibt es … ein neues Stück … Glas?« Ihre Stimme war leise und brüchig. Ohne Kraft. Es war allein ihre Schuld, dass Nandalee zu dem Fenster gegangen war. Hätte sie der Freundin doch nie davon erzählt!

Lyvianne wurde unruhig. »Ob es ein neues Stück Glas gibt? Ich weiß es nicht. Aber ich kann fühlen, dass sich das Fenster verändert hat. Und es ist unübersehbar, dass es von Nandalees Blut getrunken hat.«

Ein leises Knirschen erklang.

»Hinaus!«, befahl Lyvianne. »Es erwacht! Jetzt will es dich haben. Zwischen dir und dem, was hier geschah, gibt es eine Verbindung, nicht wahr?«

»Ja«, flüsterte Bidayn. Mit einem lauten Schluchzen riss sie sich los und rannte – fort aus der Bibliothek, fort von dem schrecklichen Fenster und fort von dem Blut ihrer Freundin. Sie lief die ganze Morgenstrecke, ohne auch nur ein einziges Mal innezuhalten. Sie ist tot, dachte sie bei jedem Schritt. Nandalee ist tot. Und ich habe sie umgebracht.

Zweites Buch

Das grüne Licht

Ein zweifelhaftes Geschäft

Nandalee blutete. Jede Faser ihres Leibes schmerzte und sie wusste nicht, wo sie war. Es war dunkel. Sie stand im Wasser und kämpfte gegen die Panik, die sie in ein orientierungsloses, schluchzendes Häufchen Elend verwandelte. Vor wenigen Augenblicken noch hatte sie in der Bibliothek gestanden und dann hatte sie das Gefühl gehabt, durch eine Wand aus Messern zu stürzen. Gepackt von etwas Fremdem, Körperlosem.

Die Elfe schloss die Augen. Öffnete all ihre anderen Sinne. Es war schwül hier. Das Wasser, in dem sie stand, war nicht kalt und roch faulig. Es reichte ihr bis knapp über die Knie.

Da war ein Tropfgeräusch. Blut aus ihren Wunden!

Sie streckte beide Arme aus und tastete ins Dunkel. Ihre Linke berührte etwas. Nandalee zuckte zurück. Ihre Handfläche war ein einziger flammender Schmerz. Und die Hand war verändert! Sie hielt sie sich dicht vor das Gesicht, konnte aber noch immer nichts erkennen. Näher und näher führte sie die Hand an ihr Antlitz, bis sie mit den Fingerspitzen ihre Stirn berührte. Sie stöhnte auf vor Schmerz – und dann kam die Erinnerung an das Letzte, was sie gesehen hatte, bevor sie durch das Fenster gezogen wurde. Die abgehobelten Fingerkuppen!

Nandalee wurde übel. Sie taumelte, rammte mit der Schulter gegen eine Wand und hielt inne. Sie durfte nicht aufgeben. Durfte sich nicht von Schmerz und Verzweiflung übermannen lassen!

Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang. Das hier war keine Höhle. Einmal glaubte sie Mauerfugen durch den Stoff ihres Ärmels zu spüren. Auch war der Boden, obwohl überflutet, sehr eben. Blut rann in ihr linkes Auge. Sie musste es immer wieder fortblinzeln. Nandalee fühlte sich schwach. Verblutete sie langsam? Sie wusste um den langsamen, schleichenden Tod durch Blutverlust. Als Jägerin hatte sie oft genug erlebt, wie sich ein Keiler oder Hirsch noch meilenweit schleppte, ehe er zusammenbrach. War es nun an ihr, diesen Tod zu sterben? Ein neuer Geruch mischte sich unter den Gestank nach fauligem Wasser. Sie konnte ihn nicht zuordnen. Er war angenehm. Wie Weihrauch … Und doch anders.

Nandalee lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und sank langsam in die Knie. Ihr war entsetzlich schwindelig. Wo war sie bloß gelandet? Das Wasser war angenehm warm und ein wenig schmierig, als sei es voller Algen. Wie ein Tümpel in der Sommerhitze.

Mit letzter Kraft kämpfte sie sich hoch und zwang sich dazu, weiterzugehen. Da war ein neues Geräusch. Ein Wispern. Jemand war hier. Ganz in der Nähe. Ein Lichtpunkt tanzte in weiter Ferne. Orangefarben. Zitternd.

Nandalee begann zu laufen. Da waren noch mehr Stimmen. Durcheinander. Melodische, klare Stimmen, wie ein Chor. Nur dass jede der Stimmen ein anderes Lied sang. Der Weg ins Licht schien endlos. Zweimal stürzte sie der Länge nach in das faulige Wasser. Ihre Kräfte schwanden. Was als Lauf begonnen hatte, wurde zu einem schwächlichen Torkeln, mit immer längeren Pausen. Sie schmeckte ihr eigenes Blut im Mund. Schwäche senkte sich betäubend auf all ihre Glieder. Sie wollte sich in das warme Wasser gleiten lassen. Die Augen schließen. Nur einen Moment lang, um dann mit neuer Kraft das letzte Stück des Weges zu schaffen. Das orange Licht war nun zum Greifen nah und der Chor aus fremden Stimmen lullte sie ein. Sie verstand kein Wort. Keine Sprache, die sie je gehört hatte, hatte geklungen wie dieser hundertstimmige Sprechgesang.