Выбрать главу

Sie legte ihre Hand aufs Herz und senkte den Blick. Seine Gedanken hatten etwas in ihr zum Klingen gebracht, das sie nicht benennen konnte, und ihr Zorn war verraucht. »Ich schwöre, dass ich aus edlen Motiven gehandelt habe und nicht aus Eitelkeit und Eigennutz. Trotzdem bin ich bestraft worden.« Erneut hielt sie ihm ihre Fingerkuppen entgegen. »Ich bin eine Jägerin. Meine Hände sind mein Werkzeug. Ich habe das Fenster nicht beherrscht. Es hat mir mein Leben gelassen, aber es hat mir meine Bestimmung genommen. Und du willst sagen, ich hätte mir das selbst angetan? Unsinn!« Erneut hob sie den Blick und sah ihn herausfordernd an. Der Zorn kehrte zurück und trotzig spannte sie ihre Schultern.

Zorn glomm in den Augen des Drachen. Ja, das habt Ihr Euch selbst angetan. Ihr seid hier, ohne dass das Fenster Euch herbringen wollte, und Ihr seid hier, ohne dass ich Euch gerufen habe. Und wäre ich nicht bereit, Euch hier zu dulden, wäret Ihr längst in den Hort der Seelen eingegangen, bereit, Euch auf ein Neues in Fleisch zu kleiden und wiedergeboren zu werden. Seine Antwort durchfuhr sie wie eine Feuersturm. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. War sie wahnsinnig geworden? Wie konnte sie es wagen, den Erstgeschlüpften zu reizen?

Was also führt Euch zu mir?, fragte er, nun wieder sanfter.

Kurz rang sie mit sich, doch dann erzählte sie ihm von Gonvalon und dem Fluch, der auf ihm lastete. Dass er glaubte, dass jeder sterben müsse, den er liebte. »Ich möchte dich bitten, den Fluch von Gonvalon zu nehmen. Ich bitte nicht um meiner selbst willen. Ich fürchte den Tod nicht. Es zerstört Gonvalons Seele. Er könnte es nicht ertragen, wenn ich …«

Erneut durchdrangen sie die hüpfenden Flammengeister, heftiger jetzt, intensiver als zuvor. Der Spott in diesem Lachen spülte über sie hinweg wie eine Woge. Sie musste lächeln, obwohl sie es nicht wollte und sich des zynischen Untertons in seinem Gelächter bewusst war. Es war beängstigend, in seiner Nähe zu sein. Seine Gefühle waren größer als er selbst. Jede seiner Regung drang über ihn hinaus und riss jeden in seiner Nähe mit sich. Seine Gefühle waren so groß und übermächtig, dass sie alles andere um ihn herum auslöschten. War es ein Zauber, der sie so stark an seinen Gefühlen teilhaben ließ?

Dieser vermeintliche Fluch bedroht Euer Leben, aber Ihr bittet nicht für Euch, sondern für Gonvalon, der in Schwermut verfallen könnte, wenn Euch etwas zustößt. Habe ich das so richtig verstanden? Seine wunderbar blauen Augen hielten ihren Blick gefangen. Ist es das, was ihr Elfen Liebe nennt, meine Holde?

Was war denn das für eine Frage? Erstaunt sah sie ihn an und verlor sich in seinem Blick, der keine Distanz zu kennen und bis in ihr Innerstes einzudringen schien. Sie fühlte sich nackt vor diesen tiefblauen Seen, getragen von der Hitze seiner Gedanken. Beides war ein fremdes und angenehmes Gefühl. Verwundert schüttelte sie den Kopf und räusperte sich.

»Ja … kennst du die Liebe denn nicht?« Ihre Stimme klang in ihren Ohren ungewohnt sanft, fast mädchenhaft. In ihr war ein großes Staunen, das nicht ihr eigenes war. Mit einem Mal war sie traurig, und auch diese Trauer war ihr fremd.

Mir ist dieses Gefühl unvertraut. Wir Himmelsschlangen paaren uns nicht. Wir sind einzigartig. Das schließt jede Fortpflanzung aus. Vielleicht fehlt uns deshalb dieses Gefühl, ein anderes Geschöpf bis zur Selbstaufgabe zu lieben.

Sie trat von ihm zurück. Einen Schritt. Noch einen. Er war zu groß, um ihn ganz zu sehen, wenn sie so nahe stand. Der Rauch, der aus seinen Nüstern stieg, wogte über dem Wasser. Sie machte eine fahrige Bewegung, um den Rauch zu vertreiben. Es war, als betäube er ihre Sinne und triebe sie immer weiter fort von sich selbst.

Der Odem eines Drachen. Nur wenigen ist es beschieden, ihn zu atmen. Und Ihr flieht ihn. Es klang nicht zornig oder verletzt, stellte Nandalee fest. Nur erstaunt.

»Wirst du mir helfen?«

Ich vermag es nicht, Dame Nandalee. Es gibt keinen Fluch. Warum sollten wir einen der Unseren verfluchen? Gonvalon ist sein eigener Fluch, meine Holde..

»Das … Aber … Du kannst ihn nicht erlösen? Aber es gibt diesen Fluch wirklich. Die Schülerinnen, in die er sich verliebt — sie sterben. Alle … Das ist nicht eingebildet. Und es ist ganz gewiss nicht Gonvalons Werk. Er zerbricht an dem, was geschieht. Ich muss ihm helfen. Ich muss …« Sie sah sich hilfesuchend um. Der Sprechgesang der Gazala war verstummt. Konnten die Seherinnen die Antworten des Drachen auch hören? Oder wussten sie nicht ohnehin um alles … Eine Hilfe wären sie ihr jedenfalls nicht. Sie wirkten völlig teilnahmslos. Nandalee hätte ebenso gut mit dem Drachen allein sein können. »Wird Gonvalon frei sein, wenn ich ihm sage, dass es keinen Fluch gibt? Wird er dann wagen, mich ohne Vorbehalte zu lieben?«

Ihr fragt mich, der ich Euch sagte, dass ich die Liebe nicht kenne! Der Rauch wich zurück. Sie konnte seine Gefühle nicht mehr spüren. Er beugte sich vor, bis sein Kopf dicht über dem Wasser war. Sein Antlitz war zu fremd, um darin lesen zu können. Sah sie Schmerz darin? Sie wusste es nicht.

»Aber du bist weise!«, beharrte sie. Es musste doch etwas geben, das helfen konnte! Ihr Weg hierher konnte doch nicht vergebens gewesen sein!

Der Dunkle schwieg, und die Zeit verging. Nandalee wartete, doch nichts geschah. Dann gab sie auf. Sie würde selbst einen Weg finden müssen. Und vielleicht, so dachte sie, war das auch besser so. Sie und Gonvalon, sie würden diesen Weg finden. Sie brauchten dazu keinen Drachen, der alles über die Welt wusste und doch das Gefühl nicht kannte, das sie mit dem Schwertmeister verband!

»Dann werde ich jetzt gehen«, sagte sie. »Leb wohl.«

Mit einem Ruck peitschte der Schweif des Dunklen das Wasser und der Drache richtete sich turmhoch auf. Wie ein sengender Blitz durchdrang seine Stimme ihren Körper.

Seid Ihr Euch der Kraft nicht bewusst, die Euch innewohnt, Dame Nandalee?

Sie musste all ihre Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht Hals über Kopf fortzulaufen.

Ihr seid keine Elfe, wie die Alben sie erschaffen haben. Ihr seid über ihre Schöpfung hinausgewachsen. Eure Wünsche vermögen Gestalt anzunehmen. Ihr webt Zauber, ohne Euch dessen bewusst zu sein. Ihr habt auch dem Fenster Euren Willen aufgezwungen. Vielleicht sollte sogar ich mich vor Euch fürchten? Seid Ihr zornig auf mich? Jetzt, in diesem Augenblick? So wie Ihr zornig auf Sayn gewesen seid, als er starb?

Die Worte hallten wie Donner in ihr nach. Er hatte sie erschreckt. Fast schien es ihr, als umkreisten sie einander wie Jäger und Beute. Was tat er mit ihr? Sie hatte ihm doch gesagt, dass sie jetzt gehen würde! Nandalee ballte die Fäuste. Hatte der Dunkle recht? War sie aus eigener Kraft hierhergekommen?

Der Kopf des Drachen ragte hoch über ihr, wie ein Raubvogel, der jederzeit bereit war, herabzustoßen. Alle Muskeln in Nandalees Körper waren jetzt angespannt. Alles in ihr schrie nach Flucht. Sie stemmte sich gegen diesen Impuls – und wich keine Handbreit zurück. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen! Auch nicht von einem Drachen. Sie wusste, wer vor einem Raubtier floh, war tot. Man musste ihnen die Stirn bieten.

Eure Macht ist eindrucksvoll, Dame Nandalee. Sie reicht weit über das hinaus, was Eure Schöpfer Eurem Volk einmal zugedacht hatten. Mir bereitet es immer wieder aufs Neue Freude, Euch zu studieren.

Nandalee schluckte. Gerade noch hatte der Kampfgeist in ihr gelodert wie ein helles Feuer, jetzt fühlte sie sich klein und unbedeutend unter seinem Blick. Sie sah sich um. Versuchte, einen Blick auf die blinden Seherinnen zu erhaschen. Warum waren sie alle Frauen? Was wollte der Drache von ihr?