Er tastete über ihren Rücken. Etwas Hölzernes ragte aus ihrer Wunde! Das konnte nicht sein! Niemals hätte er einen so großen Splitter vom Pfeilschaft übersehen! Vorsichtig brachte er sie in eine sitzende Position, um sich Bidayns Rücken ansehen zu können.
Etwas Kugeliges ragte aus der Wunde, das aussah, wie ein knorriges Stück Wurzelholz! Eine helle Bruchstelle entsprach einem hellen Fleck auf den Planken des Schiffes.
Gonvalon spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Bidayns Albtraum, der sie verfolgt hatte, seit sie die Toten im Holzfällerlager entdeckt hatten, war Wirklichkeit geworden! Wurzeln waren in sie hineingewachsen!
Ungläubig tastete Gonvalon über die Wunde. Er konnte das Wurzelwerk unter der Haut der Elfe spüren! Er strich über die Stelle über der Hüfte, wo die Eintrittswunde lag. Auch dort Wurzeln! Hier lagen sie sogar auf der Haut Bidayns!
»Sie wäre längst tot, wenn ich ihr nicht geholfen hätte«, sprach die fremde Stimme aus Nandalees Mund. »Die Wurzeln haben alle feinen Gefäße abgeschnürt und so die Blutungen gestillt. Sie haben ihr das Leben gerettet.«
Das mochte stimmen, dennoch war Gonvalon entsetzt. »Warum hast du nichts …«
»Gesagt? Und dann? Was hätte es genutzt? Du hättest protestiert, ohne zu wissen, wogegen du dich empörst, Elf. Was weißt du schon von dieser Welt!«
»Ich habe Menschenkinder gesehen, die von Baumwurzeln getötet worden sind.« Er dachte an Matha Naht. Nie wieder würde er Bäume für harmlos halten!
Sie lächelte. »Wenn du der großen Mutter begegnest, wirst du verstehen.« Ein Tentakelarm schwang über die Reling und legte sich um ihre Hüften. »Komm! Der in den Sternen liest wird uns auf den Waldboden hinabsetzen.«
»Der in den Sternen liest?«
»Eine ziemlich kümmerliche Übersetzung in deine Sprache, ich weiß. Jetzt komm, wir müssen uns beeilen! Menschenkinder und ein Devanthar verfolgen uns. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.« Sie wurde vom Deck gehoben und ein zweiter Tentakel streckte sich in Gonvalons Richtung. Der Fangarm mündete in ein breites, abgeflachtes Ende. Er verharrte ein Stück vor ihm. Schleim troff von der zähen, rötlichen Haut.
Der Elf blickte zu dem riesigen, aufgedunsenen Leib, der über ihm den Blick auf den Nachthimmel versperrte. Der in den Sternen liest? Wer hatte sich wohl solch einen Namen für diese Kreatur ausgedacht?
Vorsichtig hob er Bidayn auf und machte einen Schritt auf den Tentakel zu. Der Fangarm des Himmelsgeschöpfes schlang sich um seine Hüften. Die Kreatur hielt ihn fest gepackt. Es wäre ihr sicherlich ein Leichtes, ihn zu zerquetschen! Doch der Wolkensammler setzte seine Kraft behutsam ein und hielt ihn gerade so fest, dass er nicht rutschte. Mit einem kraftvollen Schwung wurden er und Bidayn über die Reling gehoben. In atemberaubendem Tempo schossen sie zwischen mächtigen Ästen hinab, ohne dabei einen einzigen zu berühren. Regen prasselte auf das dichte Blätterdach. Nach wie vor konnte Gonvalon kaum einen Schritt weit sehen.
Er wurde auf schlammigem Waldboden abgesetzt. Nandalee kauerte auf einer Wurzel, die dick wie ein Pferdeleib war. Wieder hielt sie ihre beiden Hände gegen das Holz gepresst.
Der nasse Boden atmete dichten Nebel aus. Gonvalon spürte den Wald ringsherum mehr, als dass er ihn sah. Einen Wald aus uralten Bäumen. Ein Stück entfernt glitt ein geisterhaftes grünes Licht durch den Nebel, wie eine Forelle, die dicht unter der Oberfläche eines Teichs dahineilte.
Es wurde kälter. In seinen Armen seufzte Bidayn im Schlaf.
Nandalee wirkte alarmiert. »Schnell«, sagte sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme. »Er ist wieder wach. Er wird nicht lange brauchen, um hierherzugelangen!«
Schmerzen
Der Devanthar erwachte und sogleich flutete der erlesene Schmerz, der ihm zuvor das Bewusstsein geraubt haben musste, seine Sinne. Noch immer steckte er in dem Körper des kleinwüchsigen Händlers. Dieser verdammte Pirat hatte ihn wirklich überrascht. Ihn einfach über Bord zu werfen!
Er versuchte sich aufzurichten, gab aber sofort wieder auf. Der Schmerz war zu übermächtig. Ein Ast hatte seine rechte Achselhöhle durchstoßen, war unter seinem Schulterblatt entlanggeschrammt und dann irgendwo aus seinem Rücken ausgetreten. Ob er hätte sterben können?
Eigentlich war ein solcher Sturz kein Problem, wenn er vorbereitet war. Er hätte sich in einen Vogel verwandeln oder einfach wie eine Feder schweben können. Es hätte tausend Möglichkeiten gegeben – und genau das war ihm zum Verhängnis geworden. Man musste einen Plan haben. Er war überrascht worden. Einige kostbare Augenblicke waren verstrichen, weil er nicht hatte fassen können, was geschehen war. Und dann hatte ihn Panik erfasst. Es war ein neues, überraschendes Gefühl gewesen. Zum allerersten Mal in seinem Leben hatte er dem Tod ins Antlitz geblickt. Er war sich nicht sicher gewesen, ob er sterben würde, wenn der Körper, den er sich erwählt hatte, völlig zerstört würde. Mit aller Deutlichkeit erinnerte er sich an seine beschämend konfusen Gedanken. Er hatte sich in einen Vogel verwandeln wollen, den Zauber aber nach nur einem Atemzug wieder abgebrochen, als ihm klar wurde, dass ihm nicht genug Zeit bleiben würde, ihn zu vollenden. Eine Transformation dauerte, aber das Wolkenschiff war nicht viel mehr als tausend Schritt über dem Wald geflogen. Er hätte die Verwandlung nicht rechtzeitig abschließen können. Das Grün des Laubdachs war rasend schnell näher gekommen. Zu viele Gedanken gleichzeitig hatten ihn daran gehindert, eine klare Entscheidung zu treffen. Dann endlich hatte er ein Wort der Macht gesprochen. Es hatte die Luft um sich zusammengezogen, sie dichter gemacht und so seinen Fall gebremst. Dann war er durch das Laubdach des Waldes gebrochen, Äste hatten den zerbrechlichen Menschenleib gepeitscht. Er hatte versuchte, den Fall zu kontrollieren, mit den Füßen voran aufzukommen … Dann war ihm der Ast durch die Achsel gestoßen.
Verschwommen erinnerte er sich noch an den Aufschlag auf den Waldboden. Daran, wie die Knochen seiner Beine wie trockenes Reisig gesplittert waren.
Wieder versuchte er sich zu bewegen. Unmöglich. Die kleinste Bewegung büßte er mit flammendem Schmerz. Er musste diesen geschundenen Leib heilen, bevor er von hier fortkonnte.
Regen prasselte ihm ins Gesicht. Der Himmel hatte sich zugezogen. Die Zwillingsmonde waren hinter Wolken verschwunden. Wie viel Zeit mochte verstrichen sein, seit er gestürzt war? Soweit er das durch das dichte Laubdach erkennen konnte, waren die Wolkenschiffe verschwunden und mit dem Wind weitergezogen.
Er konzentrierte sich auf das rechte Bein. Kraft seines Willens bewegte er die Knochensplitter im geschundenen Fleisch. Der Schmerz brachte ihn erneut an den Rand einer Ohnmacht. Splitter fügten sich wieder zusammen, verwuchsen zu einem Ganzen. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Dann heilte er sein linkes Bein. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf den zerbrechlichen Menschenkörper, suchte nach weiteren Verletzungen, renkte ausgekugelte Gelenke ein. Dann zog er den Ast aus der Achsel.
Er machte seinem Schmerz mit einem Schrei Luft. Ließ ihn aus sich herausfließen. Endlich konnte er sich aufrichten! Ein machtvoller Gedanke setzte eine weitere Verwandlung in Gang – er würde den schwächlichen Menschenleib abstreifen. Wieder zum Ebermann werden. Und dann würde er jagen! Er hatte die drei Elfen lange genug beobachtet. Jetzt würde er sie sich holen. Und zumindest eines der Albenkinder würde er an den Schmerzen teilhaben lassen, die er erlitten hatte. Vielleicht den Mann. Wenn die beiden Weiber sahen, was seine Krallenhände vollbringen konnten, dann würden sie reden! Sie würden ihm alles erzählen!
Ruhm
Galar saß mit dem Rücken gegen ein Fass voller Drachenblut gelehnt und war zufrieden. Er war völlig zerschlagen, konnte aus eigener Kraft kein Glied mehr rühren. Auch hatte er viel Blut verloren und so, wie es sich anfühlte, hatte er mindestens eine Rippe gebrochen. Aber er hatte gesiegt! Seine Vision, einen wahrlich großen Drachen zu erlegen, war Wirklichkeit geworden. Er hatte seinem ganzen Volk bewiesen, dass Zwerge sich nicht tief unter den Bergen verkriechen mussten, um der Tyrannei der Drachen zu entfliehen. Sie konnten sich erheben und die selbstherrlichen Himmelswächter stürzen.