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Ihr Sturz endete mit einem Ruck, der seine Gelenke krachen ließ. Artax stöhnte auf. Etwas hatte sein Bein gepackt und hob ihn empor, dicht vorbei an der verwüsteten Schiffswand, aus der zwischen lodernden Flammen zerfetzte Stoffbahnen und zerschlagene Möbel hingen. Kurz sah er eine Frau, die sich an einen Türrahmen klammerte. Wie ein Plünderer fuhr der Sturmwind in das aufgebrochene Schiff.

Artax wurde über die Reling gehoben. Er wand sich und blickte hinauf. Ein roter Tentakel hatte sich um sein Bein gewunden, einer jener dünneren Stränge mit dem blattähnlichen Ende. Ein zweiter Fangarm hatte Juba gepackt. Sie wurden durch die offene Tür des Geschützturms geschoben und etliche Hände griffen nach ihnen. Die Tentakel lösten sich. Artax lag in den Armen des bärtigen Wolkenschiffers. Der Mann küsste den Saum seines Gewandes.

»Ihr seid wahrlich ein Unsterblicher!«, rief er. »Ein Gott unter Menschen!«

Von den Elfen

…Sie kommen in der Nacht, obwohl Tageslicht ihnen nicht zu schaden scheint. Von sinnenverwirrender Schönheit sind zu schaden scheint. Von sinnenverwirrender Schönheit sind sie. Und grausam! Sie lieben es, die Menschen zu quälen. Allein dazu wurden sie erschaffen, von Daimonen, von verfluchten Göttern, die ihren Brüdern, den Devanthar, ihre Schöpfung neiden.

Hüte dich vor einsam stehenden Felsen oder vor Pilzkreisen im Mondenlicht. Dort treten sie in unsere Welt. Sie sehen uns ähnlich genug, dass es ihnen leichtfällt, die Arglosen zu umgarnen. Nur ihre Ohren verraten sie. Widernatürlich spitz. Dazu geschaffen, in die Finsternis zu lauschen. Daimonenohren!

Meist verbergen sie sie unter ihrem langen Haar, Kapuzen oder Mützen. Schafft man es, einem Elfen eines seiner Ohren abzuschneiden, so ist er dazu verdammt, seinem Peiniger auf ewig zu dienen. Doch sucht nicht ihre Nähe. Sie sind voller List und Heimtücke. Und auf einen Glücklichen, der einen Elfen übertölpelt, kommen hundert, die ins Unglück stürzen.

Vielfältig ist die Art, auf die sie das Leben der Menschen vergiften. Da sind die Klingenelfen. Sie stürmen herbei in wildem Zorn, ihre Schwerter wie Dreschflegel schwingend. Kein Krieger ist ihnen gewachsen, so schnell schlagen sie zu. Sie kommen, um grausames Gemetzel anzurichten.

Heimtückischer aber sind jene, die sich einschleichen. Die Kinder austauschen und uns ihre Wechselbälger unterschieben. Sie verstehen es, uns blind zu machen für die wahre Natur der Kreaturen, die sie uns Menschen in die Wiege legen. Trägt aber ein Kind ein Amulett der Tempel, so können sie es nicht berühren. Und sind alle Fenster und Türen bei Mondenschein verschlossen, können die Elfen nicht über die Schwelle treten, es sei denn, sie würden hereingebeten.

So versuchen sie die Menschen zu täuschen und dies sind wohl jene, die am gefährlichsten werden. Jene, die unerkannt in unserer Mitte leben und mit Geduld und wohldurchdachtem Plan den Menschen schaden.

Der Philosoph mag sich fragen, warum sie so sind. Vergeudete Gedanken! Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd. Sie sind zum Bösen geboren. Es bereitet ihnen Freude, den Menschen zu schaden. Deshalb seid fest im Glauben und hütet euch vor allem Fremden!«

Text eines unbekannten Autors, aus dem Tontafelarchiv des Tempels zu Nari, heute verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Sammlung für obskure Schriften, Saal III, Regal XXVI, Brett IX.

Das Geständnis

Hornbori stand unschlüssig am Eingang des Tunnels, der hinab in Galars Reich führte. Der Zwerg drehte an einem Ende seines gewichsten Schnauzbartes, dessen nach oben weisende Spitzen ihm über die Wangen bis dicht unter die Augenlider reichten. Er hatte keine Lust, dort hinabzugehen. Genau jetzt wurde ein Fass Winterpilz bei Sviur angestochen. Sviur war wichtig! Er ließ die Aale bauen, jene wunderbaren Höhlenschiffe, mit denen man Drachen und Elfen entkommen konnte. Hornbori liebte diese Schiffe, auch wenn sie stickig und eng waren.

Wieder blickte der Zwerg den Tunnel hinab. Eine vielfach gegabelte Ader aus schmutzig weißem Quarz lief über die Wand des Stollens und verschwand nach einigen Schritt im Felsen. Jeder Zwerg, der etwas auf sich hielt, hätte etwas daraus gemacht. Dieser Stolleneingang war unverwechselbar. Man hätte die Wand glätten können und die Quarzader leicht erhaben aus dem sie umgebenden Felsgestein hervortreten lassen können. Oder man hätte einen Künstler damit beauftragen können, ein Relief zu erschaffen, bei dem die Quarzader in das Steinbild harmonisch eingebunden war. Aber Galar hatte keinen Blick für die Schönheit der Felswände, die ihn umgaben.

Es machte Hornbori wütend, auf diesen Banausen angewiesen zu sein. Galar war eine Schande für ihr ganzes Volk! Fast nie nahm er an irgendwelchen Versammlungen teil. Nie sah man ihn in geselliger Runde zechen. Stattdessen interessierte er sich für die Geheimnisse der Zauberweber. Aale, wie Sviur sie bauen ließ, waren die Antwort auf die verfluchte Zauberei ihrer Erzfeinde. Magie sollte man Elfen und Drachen überlassen! Ein Zwerg, der etwas auf sich hielt, sollte damit nichts zu schaffen haben!

Versonnen blickte Hornbori den Tunnel hinab, dann ballte er die Hände zu Fäusten und atmete tief ein. Nein, er konnte nicht zulassen, dass Galar es von anderen erfuhr. Der Kerl war unberechenbar. Es mochte sein, dass er gewalttätig wurde, wenn er erfuhr, was geschehen war. Hornbori betrachtete den Boden unter sich und dann seine Stiefel. Das waren seine besten Laufschuhe und er war ein guter Läufer. Wenn er Galar beim Überbringen der Nachricht nicht zu nahe kam, würde er es gewiss schaffen, ihm davonzulaufen. Und deshalb würde er das jetzt hinter sich bringen.

Schon bei der dritten Grubenlampe hämmerte sein Herz, als sei er eine Meile weit gelaufen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er dachte an all die schweren Werkzeuge, die in der riesigen Höhle des Irren herumlagen. Warum nur war er nicht mit Helm und Kettenhemd hierhergekommen? Auf der anderen Seite könnte er derart gerüstet nicht so gut davonlaufen. Ach was, beruhigte er sich selbst. Geh einfach weiter. Du schaffst das schon!

Im Tunnel war es jetzt so dunkel, dass Hornbori kaum mehr seine Stiefel sehen konnte. Das passte zu Galar. Er sparte am Lampentran, obwohl es ein Gesetz gab, das regelte, in welchem Abstand Lampen in Haupttunneln stehen mussten und wie hell sie zu brennen hatten. Kurz überlegte Hornbori, wie viel Ärger Galar wohl bekäme, wenn er diese Sache vor den Alten in der Tiefe brachte, entschied dann aber, dass die Angelegenheit zu geringfügig war und Galar nicht mehr als einen Rüffel einbringen würde. Außerdem wäre es klüger, all seine Beredsamkeit aufzubieten, um Galar auf seine Seite zu ziehen. Dieser verlauste Schmied mit seinem verdrehten Verstand mochte ihn noch weit bringen, wenn er es nur richtig mit ihm anstellte.

Zischende Geräusche, begleitet von einem leisen Blubbern, drangen den Tunnel hinauf. Es stank nach halb verwestem Fisch und dem grässlichen Käse, mit dem die Kobolde von Drashnapur handelten. Unstet flackerndes Licht wies nun den Weg hinab zu Galars Werkstatt, und der Gestank wurde mit jedem Schritt unerträglicher. Hornbori zupfte das eigens für diesen Besuch vorbereitete in Anisschnaps getränkte Tuch aus seinem breiten Gürtel und hielt es sich unter die Nase. So würde er es durchstehen.

Der Tunnel machte eine Kehre, und er trat in die berüchtigte Höhle des Schmiedes. Die Glut der Esse tauchte alles ringsherum in warmes, rötliches Licht. Doch darin lagen nicht etwa glühende Eisen, sondern es stand ein zwei Mann hoher Kessel auf dem Feuer. Und Galar hing an einer Kette von der Decke!

Der Schmied blickte konzentriert in den blubbernden Kessel, rührte mit einer langen Eisenstange darin herum und schien seinen Besucher nicht bemerkt zu haben. Sein Oberkörper war nackt und glänzte vor Schweiß, der in dicken, silbrigen Tropfen in den Kessel fiel. War das irgendeines der obskuren Rituale der Zauberweber oder versuchte Galar am Ende, sich selbst zu dünsten? Ihm war alles zuzutrauen!