Unschlüssig sah Hornbori sich um und entdeckte dem Eingang gegenüber ein Gefäß aus verbogenem Kupferblech. Jemand mit Riesenkräften schien es von innen heraus zerfetzt zu haben. Was der Irre da wohl wieder versucht hatte? Hornbori hatte davon gehört, dass es vor drei Tagen in diesem Teil der Höhlensiedlung einen Donnerschlag gegeben hatte, als sei ein Blitz direkt ins Herz des Berges niedergefahren. Ja, niemand wohnte gerne in Galars Nähe. Der Gestank und die unberechenbaren Katastrophen, die sich hier immer wieder ereigneten, hatten den ganzen Höhlenkomplex in Verruf gebracht. Tatsächlich genügte ein kurzer Blick in die weiträumige, aber mit Tischen, Werkbänken und Plunder zugestellte Höhle und man wusste, wie es in Galars Kopf aussehen musste. Überall stapelten sich ungewaschene Holzteller mit Essensresten, schmutzige Kleidungsstücke hingen über Stuhllehnen. Gerüchteweise gab es in Galars Höhle sogar einen eigenen Brunnen. Aber dessen Wasser schien Galar nicht dafür zu verschwenden, irgendetwas zu säubern. Und dieses Durcheinander! Man konnte sich ja kaum bewegen! Außer der Esse gab es noch zwei weitere Feuerstellen, auf denen etwas in Töpfen köchelte. Von der Decke hingen Kräuterbündel und allerlei obskure Pflanzen, aber auch Obskuritäten wie Schlangenhäute, Katzenschädel oder ein vertrockneter Krokodilkadaver. Andenken von den zahllosen Reisen des Schmiedes. Merkwürdige Gerätschaften mit ineinandergreifenden Zahnrädern, übergroße Waffen, womöglich gar von Trollen oder Minotauren, aber auch Schmiedearbeiten, deren Sinn und Zweck Hornbori auch bei längerer Betrachtung verborgen blieb. Vielleicht war es Kunst? Oder Dinge, die man zur Zauberweberei benötigte?
Hornbori hatte genug gesehen und schritt zur Tat. »Schmied!«, rief er zur Decke hinauf, unter der Galar baumelte.
»Stör mich nicht, Schisser!«, entgegnete dieser, ohne sich die Mühe zu machen, auch nur kurz in seine Richtung zu blicken.
Der Mistkerl hatte ihn also doch bemerkt, dachte Hornbori und schluckte seinen Ärger herunter. Egal – weiter. Dass dieser stinkende Bastard mit seinem kümmerlichen Bärtchen an einer Kette von der Decke hing, würde ihm, Hornbori, die ganze Sache erheblich erleichtern.
»Ich wollte dir nur sagen, dass mir der Alte in der Tiefe morgen in Anwesenheit mehrerer Bergfürsten die Goldenen Schwingen verleihen wird. Und ich habe mit Sviur geredet. Er wird dir einige Kupferbleche aus seiner Werft bringen lassen, damit du das Ding dahinten wieder instand setzen kannst.« Hornbori deutete zu dem geborstenen Metallzylinder am Ende der Höhle.
Ein schriller Pfiff erklang. Beißender, schneeweißer Rauch quoll aus einem Rohr, das mitten aus einem Haufen von Altmetall und Gerümpel aufragte. Galar hob die Eisenstange an, mit der er im Kessel gerührt hatte. An ihrem Ende befand sich ein Köcher aus Drahtgeflecht, in dem ein zwiebelähnlich aussehendes Tongefäß steckte. Der Schmied hievte das bauchige Gefäß zu einem Tisch hinüber, auf dem ein halbes Dutzend Brotkästen nebeneinander aufgereiht standen.
»Ich geh dann mal wieder«, sagte Hornbori. Ob Galar ihn nicht verstanden hatte oder es ihm egal war, was geschah, war letzten Endes unerheblich. Er, Hornbori, hatte getan, wessentwegen er hergekommen war. Vielleicht konnte er den Alten in der Tiefe morgen davon überzeugen, dass man Galars Stollen vermauern lassen sollte, um die Siedlung vor dessen Eskapaden zu schützen.
Die Kette über ihm klirrte. Der Schmied schwang an einem Kranarm unter der Höhlendecke herum und hing nun unmittelbar über dem Eingang zum Tunnel. Immer noch hielt er die Eisenstange mit dem Drahtköcher in Händen.
Hornbori perlte Schweiß den Rücken hinab.
Galar hatte also doch verstanden.
»Man verleiht dir die Goldenen Schwingen? Warum ausgerechnet dir?«
Hornbori wurde die Kehle eng. Es musste heraus. Er wich ein Stück zurück und stieß gegen einen der Tische. Ganz nahe fauchte etwas, Krallen kratzten auf Holz, seine Beine schlotterten. »Weil … weil ich die Silberschwinge getötet und dich gerettet habe.«
»Du hast was?« Galar lachte laut auf. »Du? Das ist verrückt! Jeder weiß, dass das nicht stimmt.«
»Ich habe ihnen erzählt, dass Nyrs Geschoss nicht tödlich war. Dass er noch lebte, als er abstürzte. Dass er dich zerfetzen wollte … Wir waren allein. Niemand kann das Gegenteil beweisen.«
Galar hing reglos an seiner Kette. »Nichts als Worte. Das allein wird den Alten nicht …«
»Ich habe dir den Drachenzahn gestohlen. Ich habe gesagt, ich habe meine Axt tief in den Schädel des Ungeheuers gegraben. Bis hinab in sein Maul. Der Zahn war mein Beweis. Ich habe gesagt, er sei durch den Hieb aus dem Kiefer gebrochen.«
»Und die Sägespuren?« Galars Stimme war bedrohlich leise. »An dem Zahn waren doch Sägespuren.«
»Ich habe ihn mit der Axt bearbeitet. Da gibt es jetzt keine Sägespuren mehr.«
Die Kette klirrte. Galar sank langsam tiefer, wie eine Spinne, die sich an einem silbernen Faden abseilte. Der Schmied hatte blutunterlaufene Augen. Und er stank, als hätte er sich mit dem verdammten Koboldkäse eingerieben.
Hornbori wich weiter zurück. Er streckte die Rechte tastend nach hinten. Seine Finger glitten über einen Tisch mit zerfurchter Platte. Etwas Krümeliges, Weiches streifte seine Hand. Hornbori wagte es nicht, Galar aus den Augen zu lassen. Der Schmied öffnete einen Haken und streifte das Ledergeschirr ab, das ihn mit der Kette verband. Immer noch hatte er die Eisenstange mit dem Köcher in der Hand.
Hornbori tastete weiter über den Tisch. Hektischer nun. Er musste irgendetwas zu packen bekommen. Eine Feile, eine Zange … Etwas, womit er sich gegen den Wahnsinnigen wehren konnte.
Er stieß gegen etwas. Es klirrte.
»Pass auf!«, schrie Galar.
Nein, dachte Hornbori. Darauf würde er nicht hereinfallen! Er würde jetzt nicht den Blick vom Schmied abwenden. Nicht … Seine Hand fuhr durch eine klebrige Masse. Er zog sie zurück. Schüttelte sie. Zäher, von roten Schlieren durchzogener Brei haftete daran.
»Du Idiot!«, stieß Galar wütend hervor. »Das war der Rest vom Drachenblut. Du …« Der Schmied packte die Stange und stieß nach ihm.
Hornbori wich aus, aber er kam nicht am Tisch vorbei.
»Du nichtsnutziger Lügner! Aufschneider! Tatendieb!« Jeder Fluch des Schmieds wurde von einem Stoß mit der Eisenstange begleitet.
»Lass mich doch erklären …«
»Ich will nicht wissen, wie es ist, wenn man sich mit fremden Federn schmückt, du Heuchler!«
Das Ende der Stange stieß nach seiner Brust. Hornbori konnte nicht weiter zurück. Der Treffer warf ihn halb auf die Tischplatte und raubte ihm den Atem. Der Schmied hatte ihm mindestens eine Rippe gebrochen. In seinem Brustkorb pochte dumpfer Schmerz.
»Du wirst dir keine Goldenen Schwingen an deinen Helm heften, du …!« Galar ließ die Stange fallen und zog einen Metalldorn aus einer Lederschlaufe seines Gürtels.
»Nicht!« Hornbori riss schützend die Hand hoch. Der Dorn fuhr unerbittlich nieder. Das dunkle Eisen traf ihn mitten in den Handteller und die Wucht des Stoßes presste ihm die Hand gegen die Stirn. In Gedanken malte er sich aus, wie der Metalldorn die Hand auf seine Stirn nagelte und tief in seinen Schädel eindrang. Er kniff die Augen zusammen.
Zehn rasende Herzschläge später lebte er immer noch.
Argwöhnisch spreizte er die Finger, um zu sehen, was der verrückte Schmied nun tun würde. Galar stand nur vor ihm und gaffte ihn mit offenem Mund an.
Hornbori wusste nicht, welches Wunder ihn gerettet hatte, aber er war sich sicher, dass Galar gleich wieder lostoben würde. Diesen Augenblick der Stille musste er nutzen! »Es wird auch dein Nutzen sein, wenn man mir die Goldenen Schwingen anheftet. Du legst doch gar keinen Wert auf solchen Tand. Und ich … Ich kann dir besser helfen, wenn ich Einfluss habe. Ich sagte doch, schon morgen wirst du Kupferbleche bekommen, damit du dieses Ding da hinten an der Wand wieder reparieren kannst. Erstklassige Kupferplatten, dafür verbürge ich mich. Und das ist erst der Anfang! Was immer du hier unten brauchst – ich kann es dir verschaffen. Ist das nicht großartig? Was sagst du dazu?«