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Das Grauen

»Ihr seid wahrlich ein anderer Mann geworden, Erhabener.«

Artax hörte das mit Sorge. Misstrauisch sah er Juba an. »Und, stört es dich?«

»Wenn Ihr noch der Alte wäret, würde ich nicht mehr leben«, entgegnete der Kriegsmeister ein wenig steif. »Die Geschichte, wie Ihr mich gerettet habt, macht auf dem ganzen Schiff die Runde. Und sie wird mit jeden Tag phantastischer.« Jubas Miene verfinsterte sich. »Dass der Wolkensammler uns gerettet hat … Alle haben immer geglaubt, diese Viecher seien ohne Verstand. Es hieß, sie merken kaum, dass sie ein Schiff tragen. Sie seien dumm wie Steine. Das kann wohl nicht sein …« Er blickte zu den Tentakeln hinauf. Die langen Fangarme bewegten sich kaum. Das Tier war ganz ruhig.

Artax folgte seinem Blick. »Ob sie wohl schlafen?«

»Wer weiß? Was sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie reden könnten?«

Juba zog den Brustgurt des Fluggeschirrs straff. »Dieser hier würde von einem Unsterblichen erzählen, der es liebt, zwischen Himmel und Erde zu schweben.«

»Lasst ihn los!« Artax winkte den Wolkenschiffern. Sie lösten die Halteleinen, mit denen der kleine Wolkensammler gehalten wurde. Klein war relativ. Er war so groß wie ein Elefant. Doch neben der Kreatur, die das Palastschiff trug, wirkte er winzig.

Eine rote Sicherungsleine verband den jungen Wolkensammler mit dem Schiff, als er sanft abhob. Artax blickte auf seine Füße und spürte ein angenehmes Kribbeln im Bauch.

Die Kreatur, die ihn trug, gab einen zischenden Laut von sich. Ein Tentakel schlang sich unter seiner linken Achsel hindurch, ein anderer Fangarm wand sich um seine Taille. Artax wurde klar, wie ausgeliefert er dem Wolkensammler war. Diese große, aufgeblähte Kreatur könnte ihn vermutlich ohne Mühe zerquetschen. Aber in der Geschichte der Himmelsfahrer war kein einziger Fall bekannt, in dem ein Wolkensammler einen Menschen angegriffen hatte. Niemand wusste, was sie fraßen, doch war die Mehrheit der Gelehrten der Überzeugung, sie lebten allein von der Luft und den Wolken. Man stritt sogar über die Art, wie sie sich bewegten. Unzweifelhaft war, dass sie sich meist einfach mit dem Wind treiben ließen. Manchmal gaben sie ein langes, leises Pfeifen von sich. Meist sanken sie dann tiefer. Sie ließen dabei wohl warme Luft aus ihrem aufgeblähten Leib ab. Artax wusste durch die Erinnerungen des Unsterblichen, dass man einige tote Wolkensammler gründlich untersucht hatte. Ihr Leib war in viele verschiedene Kammern unterteilt, fast wie ein Palast. Luft, so heiß, dass sie einen verbrennen konnte, war in diese Kammern gesperrt. So würde auch ein verletzter Wolkensammler nicht einfach aus dem Himmel stürzen, denn selbst wenn ein Dutzend dieser Kammern aufplatzten, blieben noch weit über hundert, um ihn zu tragen.

Die heiße Luft in ihrem Leib konnten sie verringern oder auch vermehren. Damit regulierten sie, ob sie tiefer sanken oder höher in den Himmel stiegen. Und da der Wind in verschiedenen Höhen durchaus auch in verschiedene Richtungen blies, war dies für die Kreaturen eine Möglichkeit, zu bestimmen, in welcher Richtung sie über den Himmel zogen. Allerdings war auch bezeugt, dass sie sich bei völliger Windstille bewegten und sehr selten sogar gegen den Strom des Windes. Geschah dies durch Magie? Oder durch die Bewegung der Tentakel? Einige Gelehrte verfochten sogar die These, dass die Wolkensammler Windgeister rufen konnten, um sich von ihnen tragen zu lassen. Die Mehrheit der weisen Männer hielt sie jedoch für träge und keines Gedankens fähig. Dem konnte Artax nach seiner Rettung nicht mehr zustimmen.

Die riesigen Himmelswanderer waren ein Geheimnis. Genauso wie die Lotsen, die in ihrer Glaskanzel unter dem Rumpf des Schiffes den Kurs bestimmten. Zwischen ihnen und den Wolkensammlern musste es ein empathisches Band geben. Artax hatte lange in Aarons Erinnerungen geforscht, aber selbst der Unsterbliche hatte nicht gewusst, wie die Himmelsschiffe gesteuert wurden. Allerdings hatte er sich dafür auch nie interessiert.

Die Lotsen der sieben großen Reiche – ein Bund, in den nur Auserwählte aufgenommen wurden.

Artax blickte zu dem Wolkensammler auf, an dem er festgegurtet hing, und eines wurde ihm in diesem Augenblick in aller Deutlichkeit bewusst – er konnte ihn nicht steuern! Das Tier sackte am Schiffsrumpf vorbei, statt ihn in den Himmel hinauf zu tragen, so wie er es sich eigentlich gewünscht hatte.

Der Wolkensammler glitt am Rumpf des Palastschiffes vorüber. Mit Schrecken betrachtete Artax die Wunden, die der Sturm dem Schiff geschlagen hatte. Der gesplitterte Mast hatte die Bordwand auf einer Länge von siebzehn Schritt zertrümmert. Das Feuer, das dort ausgebrochen war, war zum Glück schnell gelöscht worden. Dunkle Rußzungen leckten aus der Wunde im Schiffsrumpf. Es sah aus, als sei der Palast in einen Kampf geraten, dachte Artax. Und dabei war es doch nur ein Sturm gewesen.

Der Wolkensammler, der ihn trug, sank weiter hinab, und die Schiffszimmerleute, die an den Schäden arbeiteten, winkten Artax zu. Sie ließen ihn hochleben. Ihn oder richtiger, so korrigierte Artax sich, Aaron. Sie ließen Aaron hochleben. Und das wurmte ihn, denn er wusste nur zu gut, dass Aaron sich ins Herz des Schiffes verkrochen hätte, um zu beten, dass der Sturm schnell vorüberzieht. Keinen Gedanken hätte er daran verschwendet Juba zu retten!

Der Jubel war Artax unangenehm, und als spüre der Wolkensammler das, stieg er langsam höher. Konnte er die Kreatur etwa durch seine Gedanken beeinflussen? Er lächelte. Es wäre schön, wenn dies auch für den Quälgeist in seinem Kopf gelten würde, aber was das anging, sollte er sich wohl besser keine Hoffnungen machen. Erfreulicherweise meldete sich Aarons Stimme seit dem Sturm weniger häufig. Allerdings hatte Artax das mulmige Gefühl, dass Aaron einen Plan schmiedete, um ihn loszuwerden.

Der Wind ließ den jungen Wolkensammler an der Bordwand entlangdriften. Er bewegte sich ein wenig schneller als das große Schiff.

Artax sah, wie Juba neben der Winde mit dem Halteseil stand. Der Kriegsmeister ließ ihn keinen Moment lang aus den Augen. Juba hatte ihm davon abgeraten, diesen Flug zu unternehmen. Aber Artax war entschlossen, die Gefahren, denen sich seine Männer aussetzten, ebenfalls einzugehen. Er wollte ein anderer Herrscher sein, als Aaron es gewesen war. In ihm reifte ein Plan, das riesige Königreich zu verändern. Mit jedem Tag wurde er sich seiner fast unermesslichen Macht bewusster. Sie war ein Geschenk des Schicksals und nicht verdient. Er war nur ein Bauer. Obschon … Nein. Auch das stimmte nicht mehr. Artax und Aaron verschmolzen mit jeder Stunde mehr ineinander und eine neue Person entstand. Ob die Stimme in seinem Kopf vielleicht deshalb schwieg?

Artax jedenfalls war entschlossen, seine Macht dafür einzusetzen, dass es seinen Untertanen besser erging. Er blickte auf das riesige Schiff und genoss es, schwerelos mit dem Wind zu treiben. Der Himmel war makellos blau. Es gab nur wenige Wolken am Firmament. Ein angenehm lauer Wind wehte und die Schrecken des Sturms erschienen in diesem Augenblick unvorstellbar. Alles war friedlich.

Weit unter ihm erstreckte sich der Wald. Aus der großen Höhe verschwamm er zu einer undeutlichen grünen Masse. Nur vereinzelt ragten majestätische Mammutbäume aus dem Dickicht empor. Sie waren die Herren des Waldes. Bäume, so alt wie die Welt, so erzählte man. Weit über hundert Schritt hoch überragten sie die Kronen der anderen Bäume, die vor ihnen und dem Schatten, den sie warfen, zurückwichen. Lichtungen umgaben die Mammutbäume wie kleine Inseln inmitten des Waldes. Zwischen diesen Baumriesen und den Wolkensammlern schien es eine Verbindung zu geben. Vielleicht lag es daran, dass beide so unglaublich groß waren. Die Himmelsgeschöpfe schlangen ihre Tentakel gern um die mächtigen Äste der Könige des Waldes und ankerten dort. Vor allem die kleineren von ihnen, die den Winden hilflos ausgeliefert waren, suchten bei den Mammutbäumen Schutz, wenn keiner der großen Wolkensammler für sie zu erreichen war.