Bei dem strahlenden Sonnenschein waren überall am Himmel diese seltsamen Kreaturen zu sehen. Friedlich trieben sie mit dem Wind und zogen den Schweif ihrer schlangengleichen Fangarme hinter sich her. Ihre aufgeblähten Leiber konnten alle nur erdenklichen Farben haben. Manche schmückten sich gar mit verschlungenen Mustern. Nur in einem waren sie sich alle gleich – die obere Hälfte ihres Leibes war von einem satten, dunklen Grün, das der Farbe von Moos glich. So war es schwer, sie zu entdecken, wenn man aus großer Höhe auf sie hinabblickte. Die grünen Leiber verschwammen mit den unregelmäßigen Umrissen der Baumkronen, die sich wie ein sanft wogender Ozean von Horizont zu Horizont streckten.
Artax überlegte, ob die Wolkensammler wohl einst Feinde gehabt hatten. Die kleineren der Kreaturen waren Raubvögeln und sogar geschickten Affen ausgeliefert, die Jagd auf sie machten, wenn sie sich an Bäume klammerten. Aber die ganz Großen hatten doch nichts zu fürchten? Warum behielten sie das Grün bei, statt mit den Farben zu prunken, die ihre unteren Flanken schmückten? Und wenn es Kreaturen gab, die Jagd auf ausgewachsene Wolkensammler machten – wie mochten sie aussehen? Kein Mensch hatte je ein Geschöpf gesehen, das ihnen die Herrschaft über den Himmel hätte streitig machen können.
Artax blickte zur Sonne empor. Über ihm trieb ein Schwarm junger, kaum menschenkopfgroßer Wolkensammler.
Die Fangarme der Kreatur, die ihn trug, wanden sich. Klebriger Schleim tropfte auf seinen Lederhelm und rann an den Wangenklappen hinab. Das Geschöpf hatte einige der haarfeinen Tentakel ausgefahren, die in seltsamer Harmonie im Gleichtakt hin und her schwangen. Dann löste sich ein langer Fangarm, der die Farbe rohen Fleisches hatte, aus dem Gespinst. Er endete in einem dolchlangen, bedrohlich gekrümmten Zahn.
Artax hörte Juba etwas rufen. Das Halteseil, das sie mit dem Schiff verband, spannte sich, und sie wurden gegen die Windrichtung zum Palastschiff zurückgezogen. Der Fangarm mit dem Zahn tanzte im Rhythmus der feineren Tentakelstränge.
Dann, ohne Vorwarnung, stieß er hinab und durchtrennte das Seil.
Artax konnte sehen, wie der Körper des Wolkensammlers ein wenig anschwoll und einen Satz nach oben machte, dann stieg er steil in den Himmel hinauf.
Zwischen den Füßen hindurch konnte Artax auf das Vordeck des Palastschiffes blicken. Juba griff sich einen der Wolkensammler, die dort bereitgehalten wurden, und schlüpfte in das Tragegeschirr aus Ledergurten. Einige Krieger aus der Garde der Himmelshüter taten es ihm gleich. Auf dem Vordeck herrschte helle Aufregung! Überall zeigten Wolkenschiffer mit ausgestreckten Armen auf ihn. Niemand flog ohne eine Sicherungsleine — und noch nie hatte ein Wolkensammler von sich aus eine der Leinen gekappt.
Artax beobachtete das Tier. Er suchte nach Veränderungen. Hatte es seine Farbe gewechselt? Zuckten die Tentakel unruhig? Sonderte es mehr von dem durchscheinenden, klebrigen Schleim ab? Er konnte nichts Auffälliges entdecken.
Auf dem Palastschiff wurde der Rufer geblasen. Juba und seine Kampfgefährten waren bereits in der Luft und folgten ihm, doch sie stiegen nur sehr langsam auf. Es war offensichtlich, dass sie ihn so nicht einholen würden.
Artax war sich bewusst, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich zu fügen. Es gab keine Möglichkeit, den Wolkensammler zu steuern. Oder doch? Er dachte daran, auf dem weiten Vordeck zu landen, und verdrängte alle anderen Gedanken. Zwischen den großen Seilrollen wollte er abgesetzt werden. Unbedingt. Jetzt sofort.
Nichts geschah.
Artax blickte hinab. Sie waren jetzt schon so hoch, dass der riesige Leib des Wolkensammlers, der das Schiff trug, den Blick auf das Deck versperrte. Und sie stiegen immer noch höher! Jetzt jedoch langsamer.
Der Unsterbliche beobachtete, wie Juba und dessen Kampfgefährten trotz aller Bemühungen weiter hinter ihn zurückfielen. Das Palastschiff hatte den Kurs gewechselt und alle Segel wurden gesetzt. Die Kraft des Windes und das Geschick der Wolkenschiffer in der Takelage machten es möglich, die gewaltigen fliegenden Paläste durch das Firmament zu lenken. Ein einzelner Mann in einem Fluggeschirr hatte solche Möglichkeiten nicht. Dennoch war Artax zuversichtlich, dass der Devanthar ihn im Zweifelsfall retten würde. Er hatte den Löwenhäuptigen zwar seit einigen Tagen nicht gesehen, doch vertraute er darauf, dass sein Gönner ihn beobachtete. Obschon er den Devanthar in jener Sturmnacht verwünscht und allerlei – rückblickend – reichlich lästerliche Gedanken gehabt hatte, war er sich später doch sicher gewesen, dass es der Devanthar gewesen sein musste, der den Wolkensammler dazu gebracht hatte, ihn zu retten. Sein Herz wurde ruhiger. Was sollte ihm schon geschehen? Er öffnete sich der Schönheit der unvergleichlichen Aussicht und betrachtete den breiten, silbern glänzenden Fluss, der sich tief unter seinen Füßen durch das Waldland wand, und die Bergkette, die sich weit entfernt im Norden in blassem Blau gegen den Horizont abzeichnete. Einige der Gipfel schienen schneebedeckt zu sein.
Nach einer Weile überkam Artax ein Gefühl, als würde ihm die Brust zusammengedrückt. Er atmete jetzt schneller. Angst, dachte er. Er vermochte sie doch nicht gänzlich zu beherrschen. Zugleich mit dieser Erkenntnis keimten neue Zweifel in ihm auf. Was würde mit ihm geschehen, wenn der Devanthar gar nicht an Bord war und Juba ihn nicht einholte? Wenn der Wolkensammler nicht irgendwo landete, würde er in seinem Fluggeschirr verdursten.
Er tat einen Atemzug, so schwer, wie man ihn tut, wenn man gegen Tränen ankämpfte. Er durfte nicht in Panik geraten. Er musste sich ablenken. Ein Stück voraus sah er eine lange Wolkenbank, auf die sein Entführer zuzutreiben schien. Ob er dort weiden wollte? Fasziniert beobachtete Artax, wie der Wind den Rand der Wolke veränderte und allerlei Figuren formte. Mal glaubte Artax einen Katzenkopf zu erkennen, dann eine bucklige Frau, und einmal war es ihm, als verberge sich tief in der Wolke ein großer Schatten.
Ganz wie er vermutet hatte, stieg sein Wolkensammler weiter und hinauf in die dichten Dunstschleier. Hier war es kühler, und Feuchtigkeit perlte von Artax’ Wangen. Plötzlich packte sie etwas. Sie wurden nach oben gerissen. Artax stieß mit der Schulter gegen eine hölzerne Wand!
Er sah Schattenrisse von Reitern, die über eine weite Ebene ritten. Ein Bild auf einer Holzwand! Nein, eine Bordwand!
Artax griff nach den Schnallen seines Fluggeschirrs. In der Wolke verborgen befand sich ein Palastschiff!
»Hallo, ist da jemand!« Artax rief aus Leibeskräften. Als sei er eine Meile gelaufen, musste er nach dem Schrei keuchend um Atem ringen. Der kalte Dunst dämpfte seine Stimme. Niemand antwortete. Egal. Die Bordwand!
Er packte zu und hielt sich am hölzernen Handlauf fest, der die Reling abschloss.
»Hilfe!« Hier musste doch jemand sein. Sie sollten ihn an Bord ziehen. Er rief erneut.
Totenstille. Nirgends brannte ein Licht im Nebel. Nichts regte sich, als schliefen alle.
Während er sich mit der Linken festhielt, versuchte er mit der Rechten die Schnallen des Fluggeschirrs zu lösen. Tentakel strichen über sein Gesicht. Er konnte nicht unterscheiden, ob sie von dem Wolkensammler stammten, der ihn hierhergebracht hatte, oder von der riesigen Kreatur, die das Palastschiff trug.
Die Tentakel unter seinem Arm und um seine Taille lösten sich. Endlich öffnete sich die letzte Schnalle. Er streifte das Ledergeschirr ab, zog sich über die Reling und sprang auf das Deck. Dort ging er in die Knie und stieß ein inbrünstiges Dankgebet hervor. Endlich hatte er wieder festen Boden unter den Füßen!
Als er wieder aufblickte, war sein Wolkenfänger davongeschwebt. Ein Stück vor sich im Nebel sah er unförmige Schatten. Mehrere Halbkugeln wuchsen vor ihm aus dem Deck. Zelte? War er auf einem Schiff der Ischkuzaia? Die Ischkuzaia lebten jenseits der schwarzen Wüste. Sie waren ein Reitervolk ohne jede Kultur. Blutdürstige Eroberer. Schon als Kind hatte Artax schaurige Geschichten über sie gehört. Angeblich fraßen sie die Leber und auch andere Innereien erschlagener Feinde. Auch Aarons Wissen über die Ischkuzaia war nicht beruhigender. Im Gegenteil. Er hatte Berichte über die Rituale gelesen, die mit besiegten Feinden abgehalten wurden. Das waren keine Schauergeschichten wie die Erzählungen aus Artax’ Kindheit, sondern die präzisen Aufzeichnungen von Gesandten, die den Siegesfeiern der Ischkuzaia beigewohnt hatten! Artax wünschte sich, er könne diese Erinnerungen einfach aus seinen Gedanken löschen.