Vorsichtig ging er weiter und wünschte sich, er würde seine Rüstung und seinen Löwenhelm tragen. Seine Hand tastete nach dem Gürtel. Er war unbewaffnet. Auch das noch. Zum ersten Mal wünschte er sich, die Stimme des Quälgeistes in seinem Kopf zu hören. Es war zu still auf dem Schiff. Etwas stimmte hier nicht. Jetzt hätte er gerne Aarons Rat gehört. Der Unsterbliche mochte ein selbstverliebter Drecksack sein, aber er war auch Stratege und Feldherr gewesen. So jemanden hätte Artax jetzt gern an seiner Seite gehabt. Mit seinem Wissen um Viehzucht, Ackerbau, einer gehörigen Portion Bauernschläue und der Vision von einer besseren Welt kam er hier sicherlich nicht weit. Er hätte sein Fluggeschirr nicht ablegen sollen, kam es ihm in den Sinn. Es war nicht nur so, dass er hier nicht sein wollte – er hatte hier auch nichts verloren. Was seine Himmelshüter mit einem Eindringling auf seinem Palastschiff machen würden, konnte er sich jedenfalls lebhaft vorstellen. Vor allem nach dem Mordanschlag.
Artax verharrte und sah sich um. Die Ischkuzaia waren Barbaren. Ihre Wachen würden sich gewiss nicht mit irgendwelchen Fragen aufhalten, wenn sie ihn entdeckten. Die Devanthar verhinderten zwar, dass es zu regelrechten Kriegen zwischen den großen Reichen kam, doch Grenzscharmützel gab es immer noch.
Würden sie ihn umbringen, weil er uneingeladen auf das Palastschiff gekommen war? Er würde nicht mehr rufen, entschied Artax. Die Ischkuzaia waren ein seltsames Volk. In ihrem Land herrschte kein Hunger. Es gab auch nur wenige große Städte. Sie brachten keine Bauern nach Nangog. Dennoch waren sie hier und bauten ebenfalls fliegende Paläste. Die meisten Weisen waren der Auffassung, dass die Ischkuzaia nur gekommen waren, um ihr Gesicht nicht zu verlieren. Wenn alle großen Reiche nach Nangog aufbrachen und fliegende Schiffe bauten, dann mussten auch sie es tun. Einige munkelten aber auch, dass sie hier etwas suchten. Dass sie einem Geheimnis auf der Spur waren. Die Ischkuzaia erlaubten niemandem, ihre Palastschiffe zu betreten. Das musste allerdings nichts heißen, denn auch ihr Reich durfte niemand bereisen, ohne von einer Eskorte begleitet zu werden und ein Dokument vorweisen zu können, das ihm den Aufenthalt erlaubte und das das Siegel des Großkönigs Madyas, des Unsterblichen von Ischkuza, trug.
Artax erreichte eine der Halbkugeln auf dem Deck des Schiffes. Sie war aus Leder gefertigt. Ein Zelt. Er verharrte, lauschte. Jeder seiner Schritte auf dem Deck war von einem leisen Knarren begleitet gewesen. Aufmerksame Wächter hätten ihn gewiss gehört, aber noch immer regte sich nichts und auch aus dem Zelt drang kein Laut.
Nach einer Weile fasste er sich ein Herz, umrundete den ledernen Kokon und hob das schwere Tuch, das vor dem Eingang hing. Es war klamm, von Feuchtigkeit durchdrungen und kalt. Ein durchdringender Geruch schlug ihm entgegen. Der Gestank feuchter Wolle, ungewaschener Kleider und ranzigen Fetts. Und noch etwas Würziges, das er nicht einzuordnen vermochte. Mattes rotes Licht von der Glut in einer tönernen Feuerschale erfüllte das Zelt. Artax erkannte in dem Gefäß angebrannte Knochenreste und die Stängel getrockneter Pflanzen, die man verbrannt hatte. Dunkle Teppiche und bunte Decken bezeichneten drei Lagerstellen. Einige Kochutensilien lagen ordentlich aufgereiht neben der Feuerschale. Ein Becher war umgestürzt und hatte einen dunklen Fleck auf dem Holz des Decks hinterlassen. Das Zelt machte auf Artax den Eindruck, als sei es eben erst verlassen worden.
Er ließ das Tuch vor den Eingang zurücksinken und ging vorsichtig weiter. Jeden Schritt setzte er mit Bedacht und bemühte sich, so leise wie möglich zu sein. Nach wie vor war der Dunst so dicht, dass er kaum fünf Schritt weit sehen konnte. Das Holz des großen Schiffes arbeitete unter seinen Füßen, die Takelage knarrte.
Artax strich sich über die Arme. Es fröstelte ihn. Die Kälte der Furcht sickerte ihm bis ins Herz. Auf einem so großen Schiff konnte es nicht so still sein! Wo war die Besatzung?
An einem engen Abstieg zu den unteren Decks – einer schmalen Treppe, die sich ins Dunkel wand – hielt Artax inne, doch dann fasste er sich ein Herz. Falls er beobachtet wurde, wollte er nicht wie ein Feigling erscheinen.
Die Wendeltreppe brachte ihn hinab auf einen Korridor, wo vereinzelte Öllampen hinter dicken Hornscheiben brannten. Es roch nach Rauch, Tee und saurer Milch. Die Wände erregten Artax’ Aufmerksamkeit. Neugierig tastete er darüber. Sie waren aus dünn geschabter Tierhaut gefertigt, die man auf Holzrahmen gespannt hatte. Statt Türen gab es Durchlässe, die mit Decken oder Vorhängen aus Perlschnüren verhängt waren. Die sanften Bewegungen des Schiffes ließen die Perlen sacht aneinanderklicken. Ein Geräusch, das nie ganz verstummte.
Artax schob eine der Decken zur Seite und blickte auf zwei übereinanderliegende, weniger als einen Schritt durchmessende runde Öffnungen. Als seine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, erkannte er hinter dem unteren Durchschlupf eine enge Kammer, die ebenso wie die Zelte an Deck mehrere Schlafstellen beherbergte. Nur einen Feuerplatz gab es hier nicht. Es roch nach altem Schweiß, Lampenöl und Leder. Dicht neben dem Eingang lag eine Puppe aus Stoffresten. Verwundert nahm er sie auf, um sie im Licht des Korridors besser betrachten zu können. Wirre Haarsträhnen aus Wollfäden hingen ihr von dem Kopf, ein kleiner Perlknopf diente als Auge, das zweite Auge fehlte. Die Puppe wirkte alt und abgeliebt. Sie war ohne Zweifel ein Spielzeug. Hatten die Ischkuzaia Kinder an Bord ihrer Wolkenschiffe? Oder hatte ein sentimentaler Wolkenschiffer die Puppe als Erinnerung an seine Tochter mitgenommen?
Behutsam legte Artax das Spielzeug an seinen Platz zurück. Kinder hatten an Bord eines Wolkenschiffes nichts verloren! Ja, es gab kaum ein Kind auf dieser Welt, auf der die Frauen unfruchtbar blieben. Bestimmt war es nur ein Andenken!
Er reckte sich und blickte durch den oberen Durchschlupf. Auch hier fand er eine enge Kammer, auf deren Boden Decken und gefaltete ärmliche Kleider lagen. Wie viele Menschen hatten auf diesem Schiff gelebt?
Artax ging weiter den Korridor entlang. Manche der Wände aus Tierhaut waren bemalt — einfache schwarze Zeichnungen, offensichtlich mit verkohlten Stockenden ausgeführt. Meist zeigten die Bilder Reiter oder irgendwelche Berglandschaften. Eines jedoch war ganz anders als die übrigen. So sehr unterschied es sich, dass Artax innehielt, um es genauer zu betrachten. Ein Netz aus goldenen Linien erstreckte sich über die Wand, und über die Linien hinweg flogen zwei merkwürdige Kreaturen. Geschöpfe, wie sie Artax nie zuvor gesehen hatte. Sie ähnelten Schlangen, auch wenn die Köpfe anders waren und ihre Kiefer mit kräftigen Reißzähnen bestückt schienen. Große, federlose Schwingen trugen sie durch die Luft. Geflügelte Schlangen?
Die beiden Kreaturen waren so detailliert gezeichnet, als habe der Künstler sie wirklich vor Augen gehabt. Artax schauderte. Hatten solche Schlangen einst den Himmel Nangogs bevölkert? Hatten sie Jagd auf die Wolkensammler gemacht? Nein, widersprach er sich selbst. Wahrscheinlich waren die Kreaturen nur dem verdrehten Verstand eines Künstlers entsprungen. Eines reichen Künstlers, der sich teure Farben leisten konnte, wo alle anderen nur mit Holzkohle zeichneten. Artax wandte sich ab und ging eilig weiter, doch die beiden geflügelten Schlangen ließen ihn nicht los. Wenn er zurück auf sein Schiff gelangen sollte, dann würde er den Devanthar danach befragen.
Er war so tief in Gedanken, dass er, als er um eine Ecke bog, den Kadaver übersah und fast strauchelte. Ein großer Hund lag zusammengerollt an der Wand, das Maul weit aufgerissen. Die dunklen Augen starrten ins Leere.