Artax kniete nieder und tastete über das Fell. Der Hund war kalt. Keine Fliegen umschwirrten ihn. Wahrscheinlich lag es an der großen Höhe. Artax bemerkte, wie schnell sein Atem ging. Viel zu schnell. Verfluchte Angst! Sie schnürte ihm die Kehle zu! Er fühlte sich auch ein wenig schwindelig.
Woran war der Hund gestorben? Es waren keine Verletzungen zu sehen. Artax schnupperte am Maul des Kadavers. Da war Verwesungsgeruch, aber nichts, was darauf hinwies, dass der Hund vergiftet worden wäre. Er dachte an die geheimnisvollen Grünen Geister, die in den Wäldern Nangogs lebten. Ihre Opfer starben vor Angst, hieß es. Auch bei ihnen fand man keinerlei Verletzungen. Waren die Geister auf das Wolkenschiff gekommen? Beklommen sah er sich um. Er würde wieder an Deck gehen. Es war besser, dort zu sein als im stickigen Bauch des Schiffes. Dort würde er auch besser Luft bekommen!
Er stand auf und taumelte erneut. War vielleicht Gift in der Luft? Ob das am Ende der Grund dafür war, weshalb es auf diesem Schiff kein Leben mehr zu geben schien? Er musste hinaus. In seinem Kopf drehte sich alles und ihm wurde übel. Kopflos stürmte er den Korridor entlang und ließ jede Vorsicht fahren. Er bog ab, rannte, bog wieder ab, gelangte an ein totes Ende der Korridore. Er hechelte wie ein Hund in der Sommerhitze. Artax lief zurück. Bog an einer Kreuzung in eine neue Richtung und gelangte schließlich zu einer Treppe, die tiefer in das unheimliche Schiff hinein führte. Egal – weiter! Er hetzte die Treppenstufen hinab. Überall waren hier Bilder an den Wänden. Sie wirkten so erschreckend echt, als seien durch einen dunklen Zauber Menschen und Tiere auf die Wände gebannt worden. Die Treppe mündete in eine Kammer, von der drei Gänge in die Tiefen des Schiffsrumpfs führten. In der Mitte der Kammer war ein Pferdeschädel auf einen hohen Holzpfahl gespießt. Überall entlang der Wände waren Bilder. Es waren jene besseren Bilder, die so beklemmend, so lebensecht wirkten! Sie zeigten die Wälder Nangogs. Und die Geister! Vielleicht hatten diese Bilder die Waldgeister hinauf in die Wolken gerufen! Manche der Abbildungen zeigten irgendwelche Kreaturen, die tief im Inneren der Wolken lebten oder aus dem Dunkel zwischen den Sternen kamen.
Artax wählte den breitesten der drei Flure und hoffte, dass er einen Weg zurück zum Oberdeck finden würde. Hier waren die Wände anders. Sie bestanden aus massivem Holz und es gab hier keine Bilder. Weiter! Noch ein Gang, eine weitere Abzweigung, jetzt nach rechts, dann nach links. Seine Orientierung hatte er längst verloren und auch mit seinen Kräften ging es zur Neige. Schließlich ließ er sich gegen einen massiven Stützbalken sinken, rang um Atem und starrte stumm zur Decke des Schiffes. Dort verliefen dicke hölzerne Adern. Nein … Es waren Wurzeln. Auch auf dem Schiff der Ischkuzaia musste es einen dieser verwunschenen Bäume geben, die angeblich eins mit dem Schiff waren. Ein Teil der Wurzeln durchdrang das Gebälk, ja, wurde eins mit ihm.
Das Holz knarrte und Artax hatte das Gefühl, dass sich das ganze Schiff leicht nach Steuerbord neigte. Irgendwo auf einem über ihm gelegenen Deck rutschte etwas Schweres über den Boden und prallte dann mit dumpfem Schlag gegen eine Wand.
Artax konzentrierte sich darauf, tief und regelmäßig zu atmen. Du musst deine Angst beherrschen, Dummkopf, schalt er sich selbst. Für alles, was du gesehen hast, gibt es gewiss eine plausible Erklärung. Es hilft nichts, wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Korridore zu rennen.
Juba hatte gesehen, wohin der Wolkensammler ihn entführt hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sein eigenes Palastschiff längsseits ging und er gerettet wurde.
Wieder knarrte das Holz und ein Stück voraus schwang eine Tür auf. Artax stockte der Atem und er presste sich instinktiv gegen die Wand, aber hinter der Tür regte sich nichts. Das ganze Schiff war von dem Wurzelgeflecht durchdrungen. Es war lebendig! Diese klappernde Tür … Er blickte auf den dunklen Spalt. Wollte ihn das Schiff dorthin locken? Würde er dort Antworten finden? Erneut sah er zu den Wurzeln an der hölzernen Decke. Der Baum beseelte das ganze Schiff. Rief ihn der Baum? Hatte er ihn auf magische Weise an diesen Ort geführt?
Das war Unsinn, dachte er sich und doch ging er hin zur Tür und öffnete sie weit, damit Licht in den Raum fallen konnte. Er blickte in eine lange, schmale Kammer, in der lange Reihen großer Vorratsamphoren halb in den Boden eingelassen waren. Ein wohlvertrauter süßlicher Geruch stieg ihm in die Nase. Es roch nach Weizen. Es gab hier nichts Besonderes zu sehen. Das beseelte Schiff, das ihn hierhergeführt hatte, dachte er. So ein Unsinn! Er lachte über seine Wahnvorstellungen. Ein Laut, der inmitten der Stille fast obszön klang. Das Lachen erstickte ihm in der Kehle. War es Aaron, der da gelacht hatte? Die Stimme in seinem Kopf schwieg nun schon ungewöhnlich lange. Und das war ihm nur recht. Das Letzte, was er nun brauchte, wäre das bösartige Geschwätz seines Quälgeistes. Artax schob den Gedanken beiseite. Diese ganzen Spekulationen brachten ihn nicht weiter. Noch immer fahrig, aber entschlossen, sich nicht kampflos in sein Schicksal zu ergeben, drehte er sich um, als sein Blick auf etwas Kleines, Pelziges fiel. Mäuse! Sie lagen neben einer der Amphoren. Auch ihre Mäuler klafften weit offen. Sie waren genauso gestorben wie der Hund. Panisch blickte er sich um. Was war das? Wie war der Tod zu ihnen gekommen? Lauerte er noch hier?
Eilig verließ Artax die Vorratskammer. Etwas hatte alles auf dem Schiff getötet. Wahrscheinlich war selbst das Ungeziefer im Getreide tot. Waren das die Waldgeister gewesen? Und falls ja, wer hatte sie gerufen? Der Schiffsbaum?
Artax folgte dem langen Gang, auf dem er sich befand, bis zu einem breiten, zweiflügeligen Tor. Die Türangeln quietschten leise, als er sie aufstieß. Endlich! Er hatte den Treppenturm gefunden. Einen Schacht, in dem eine weite Wendeltreppe zu allen Decks des Schiffes führte. Aus jedem der Decks streckte sich eine breite hölzerne Zunge ins weite Rund des Turms. Hier konnten Frachten aufgenommen werden. Eine gläserne Kuppel schloss den Treppenschacht ab, und darüber entdeckte er die blassen Schatten von Kranarmen.
Er wollte gerade die Treppenstufen hinaufeilen, als er auf der anderen Seite des weiten Runds auf einem Treppenabsatz zusammengekrümmte Gestalten bemerkte. Menschen. Sie hatten das Wolkenschiff also nicht verlassen!
Artax rang mit sich, doch dann siegte die Vernunft. Er war der Herrscher Arams. Der Behüter eines riesigen Volkes. Er musste wissen, was hier vor sich ging, um die Seinen davor schützen zu können. Als Bauer hätte er davonlaufen dürfen. Als Unsterblicher hatte er diese Wahl nicht mehr. Was immer den Tod auf das Schiff gebracht hatte — ihn hatte es noch nicht berührt. Vielleicht war es auch schon wieder fort.
Langsam folgte er dem weiten Treppenrund in die Tiefe. Die Stufen waren mit bunten Mustern bemalt, doch an vielen Stellen schimmerte graues Holz durch den Lack. Eine fingerdicke Wurzel folgte dem Handlauf des Geländers. Er hatte das Gefühl, dass der Schiffsbaum diesen Himmelspalast stärker durchdrungen hatte, als es auf seinem Palastschiff der Fall war. Dort gab es nur einige Deckenbalken, die deutlich sichtbar vom Wurzelwerk des Schiffsbaums gezeichnet waren.
Instinktiv scheute Artax davor zurück, den Handlauf zu berühren, während er der Treppe hinab zu den Toten folgte. Es waren drei Männer und eine junge Frau, alle vier gekleidet wie Wolkenschiffer und mit weit aufgerissenen Mündern und Augen. Die Augäpfel waren leicht hervorgetreten, und die Frau hatte die Hände um ihren Hals gelegt, als habe sie versucht, sich gegen einen Würgegriff zu wehren.
Ein wenig tiefer am weiten Treppenrund entdeckte Artax ein auffällig geschmücktes Portal, das sich deutlich von allen anderen Toren im Treppenturm unterschied. In den Rahmen aus rötlichem Holz war eine stilisierte springende Raubkatze geschnitten. Auch hier hatte Wurzelwerk das Holz durchdrungen. Mehrere Reihen Perlschnüre hintereinander versperrten den Blick und bildeten ein buntes Durcheinander aus Walbein, Jade, Koralle und Onyx. Kleine Figuren waren in manche der Perlen geschnitzt. Springende Pferde, Bisons, menschliche Gesichter. Der Geruch von Räucherwerk drang durch den Vorhang in den Treppenturm.