Vorsichtig trat Artax zwischen den Schnüren hindurch, die mit aufdringlichem Klicken seine Ankunft verkündeten, und sah hinab auf einen kreisrunden Saal, der sich in Terrassen um einen zentralen Kultplatz gliederte. Vom Ort, an dem er stand, lief eine Treppe geradewegs auf den mit prächtigen kupfernen Räucherschalen umstandenen Platz der Priesterschaft zu. Überall auf den Terrassen lagen Menschen. Übereinander. Nebeneinander. Ineinander verschlungen. Ein Flickenteppich von Leibern. Mütter, die ihre Kinder an sich pressten. Väter, die ihre erwachsenen Söhne bei der Hand hielten. Einfache Wolkenschiffer, Seite an Seite mit Würdenträgern in golddurchwirkten Wickelröcken.
Artax stockte der Atem – all diese Menschen schienen etwa zur selben Zeit gestorben zu sein. Er sah einen Mann, der sich die Kehle durchgeschnitten hatte. Doch bei den meisten war keinerlei Wunde zu entdecken. Ihre Münder klafften offen. Die Augen waren hervorgequollen und im Todeskampf verdreht. Hundertfach. Nein, mehr noch. Artax schätzte, dass über zweitausend Ischkuzaia in diesem Kuppelsaal lagen.
Die Decke des weiten Saals war vollständig von dichtem Wurzelwerk überzogen. Viele dünne Wurzeln hingen wie Girlanden von der hohen Kuppel hinab. Sie endeten in feinen, weißen Wurzelhärchen, die an einigen Stellen bis zu den Toten reichten, tasteten nach Gesichtern, drangen in Nasen ein und drängten in den schmalen Spalt zwischen Auge und Lid. Einige der feinen Wurzelhärchen bewegten sich, obwohl kein Lufthauch durch die Totenhalle ging. Artax schien es, er könne sie wachsen sehen. Nährte sich der Schiffsbaum von den Leichen? Hatte er etwas mit dem zu tun, was hier geschehen war? Hart schluckte er gegen die aufsteigende Übelkeit an. Die feinen Wurzeln, die nach den Toten griffen und in sie eindrangen, setzten ihm noch mehr zu als der Anblick der Leichen selbst. Er hatte noch nie so viele Tote gesehen. Hatte der Baum sie getötet? Nährte er sich von ihnen? Oder war da noch etwas anderes an Bord? Er brauchte eine Waffe. Den Toten hatten ihre Waffen zwar offensichtlich nicht viel genutzt, aber er wollte hier nicht mit bloßen Händen stehen, auch wenn er sich lediglich die Illusion verschaffte, sich wehren zu können.
Artax holte tief Luft, stieg zwei Stufen hinab und griff nach dem Schwert eines toten Kriegers — eine schmucklose, kopflastige Waffe mit breiter Klinge. Der Schweiß seines Besitzers hatte den lederumwickelten Griff dunkel gefärbt. Als Artax sich aufrichtete, berührte ihn einer der Wurzelstränge. Mit einem Schrei zuckte er zurück, stolperte über einen Toten und fiel rücklings zu Boden. Die Wurzel pendelte nun dicht über seinem Gesicht. Neue, feine weiße Haare trieben aus dem Strang und wurden binnen weniger Herzschläge so lang wie Finger. Sie wuchsen ihm entgegen! Wie eine Maus die Schlange starrte er die Wurzel an. Schon strich sie ihm über die Wange. Ein zweiter Trieb drang in sein Ohr.
Mach, dass du hier wegkommst, du verdammter Idiot. Das Ding will unser Hirn als Dünger!
Das allererste Mal war Artax dankbar, die Stimme seines Quälgeistes zu hören. Der Bann war gebrochen. Er schüttelte sich, richtete sich auf und strauchelte schon nach wenigen Schritten. Es war unmöglich, zu gehen, ohne auf Leichen zu treten, so dicht lagen die toten Steppenreiter. Und überall über ihm wogte das Wurzelwerk.
Halt dich dicht am Boden. Sieh zu, dass du den Wurzeln nicht zu nahe kommst. Der Baum weiß, dass du hier bist. Er will uns zu sich holen, so wie all die anderen. Der Baum ist verzaubert. Bestimmt ist er ein Seelenfresser. Sieh dir nur die klaffenden Münder an. Sie alle hier haben ihre Seelen ausgeatmet, hoch zur Decke, zum Schiffsbaum.
Artax nickte und kroch über die Toten davon. Ihre Leiber fühlten sich noch ganz fest an. Es gab keine Anzeichen für Fäulnis. Das war widernatürlich! Die Wurzelstränge schienen ihm nicht zu folgen. Einen Augenblick lang war er versucht, mit dem Schwert auf die Wurzeln einzuhacken.
Tu das nicht, du Trottel! Weißt du, über welche Mächte dieser Seelen trinkende Baum gebietet? Mach dich einfach davon. Und zwar schnell!
Artax richtete sich wieder auf. Er versuchte, auf keinen der Ischkuzaia zu treten, gleichzeitig aber auch das unheimliche Wurzelwerk im Blick zu behalten. In der Mitte des großen Kultsaals zwischen Feuerschalen und allerlei Tierschädeln gab es einen besonders dicken Wurzelstrunk, der mit Stoffstreifen und Perlenkettchen umwunden war. Es sah aus, als hätten die Ischkuzaia den Baum wie einen Gott verehrt!
Was interessiert dich die Religion von diesen ungewaschenen Pferdeschändern? Du gehst jetzt sofort zurück zum Oberdeck!
In einem Anfall von Trotz blieb Artax stehen. Natürlich, Aaron hatte recht, er musste so schnell wie möglich weg von hier. Aber wenn er sich Aaron einmal unterwarf, würde er es vielleicht wieder tun. Und irgendwann würde er die Kraft nicht mehr aufbringen, all die anderen Unsterblichen, die sich zu einer einzigen Aaron-Geiststimme vereint hatten, zu beherrschen. Vielleicht würde der Übergang fließend sein, vielleicht würde es schnell gehen, und mit großer Sicherheit wäre am Ende nichts mehr von dem übrig, was er war. Von Artax, dem Bauern aus Belbek. Er warf erneut einen Blick auf die Toten und die Baumwurzeln, die sich, wie Aaron behauptete, von ihren Hirnen nährten. Der Baum war ein Schmarotzer. Aaron war ein Schmarotzer. Wenn er sich ihm unterwarf, konnte er sich ebenso gut gleich hier auf der Stelle hinlegen und sein Gehirn dem Baum zum Fraß vorwerfen – und bei Licht betrachtet war das vielleicht sogar die bessere Wahl. Sein Weg aber war ein anderer. Er war im Dorf dafür berüchtigt gewesen, stur wie ein Esel zu sein, und dank dieser Sturheit würde er am Ende den Sieg davontragen. Über Aaron, über Bäume und über alle anderen, die ihn von seinem Weg abbringen wollten. Kurz dachte er an seinen Vater und lächelte. Ja, es war wichtig, Ziele zu haben. Er hatte ein neues Ziel gefunden. Voller Trotz zu triumphieren! Vielleicht würde er in diesem riesigen Schiff verrecken, aber geschlagen geben würde er sich nicht. Er würde kämpfen, bis zum letzten Atemzug.
Von neuer Kraft erfüllt, ließ er den Blick über die Toten schweifen und fragte sich, ob die Ischkuzaia vielleicht einem der Geheimnisse dieser Welt auf die Spur gekommen waren. Hatten sie etwas – irgendetwas – entdeckt, das verborgen bleiben sollte, und waren deshalb gerichtet worden? Aber wer hatte es getan? Und auf welche Weise? Auch wenn ihn das lebendige Wurzelwerk ängstigte, hatte er das Gefühl, dass die Wolkenschiffer mit ihren Frauen und Kindern hierhergekommen waren, weil sie sich von dem Baum Schutz versprochen hatten. Vielleicht hatte das, was der Baum mit ihnen getan hatte, sie ja vor etwas bewahrt, das noch schlimmer gewesen wäre? War so etwas vorstellbar? Er mochte Bäume. Sie standen für Leben und Wachstum, spendeten Schatten und Nahrung. Sie sich als mordende Ungeheuer vorzustellen widerstrebte ihm zutiefst.
Den Blick zur Decke gerichtet, ging er langsam weiter. Etwas knirschte unter seinem Tritt. Hastig zog er den Fuß zurück und hätte fast die Balance verloren. Er war auf ein Tonpferd getreten. Eine kleine Spielfigur. Dem Jungen, dem es einst gehört haben musste, war es aus der Hand gefallen. Er hatte kurz geschorenes Haar und ein rundes Gesicht. Zwei Schneidezähne fehlten in dem weit klaffenden Mund. Der Kleine war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen. Die hellbraunen Augen blickten auf das bärtige Antlitz des Mannes, der ihn in seinen Armen hielt. Artax hatte das Gefühl, dass der Junge zu seinen Füßen bis zuletzt daran geglaubt hatte, sein Vater könne ihn beschützen.
Jetzt ist nicht die Zeit für sentimentale Grübeleien, du Tropf! Nimm die Beine in die Hand und bring uns hier raus. Hurtig, Kerl!
Artax seufzte. Er wusste genau, warum er Aaron nicht mochte. Sentimentale Grübeleien waren das, was den Menschen vom Tier unterschied. Ein Schwan mochte den Mörder seiner Gefährtin an Ort und Stelle richten, wenn er seiner habhaft wurde – aber er würde nicht nach ihm suchen. Artax aber war ein Mensch und er schwor sich, den Mörder zu finden. Was für eine Kreatur mochte das sein, die diesen hundertfachen Tod verursacht, die Frauen und Kinder gemordet hatte? Und was war ein solches Massaker wert? Oder war es aus reiner Willkür begangen worden?