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Vorsichtig stieg Artax zwischen den Leichen hindurch zurück zum Portal. Stets hielt er dabei ein Auge auf die Wurzeln an der Decke gerichtet. Sie wiegten sich. Und das, obwohl das Schiff völlig bewegungslos lag. Fast schien es, als führten sie für die Toten einen Tanz auf, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen.

Kannst du dir deine verrückten Bauerngedanken aufheben, bis du wieder faul in unserem Harem liegst und dich deinen Tagträumen hingibst? Jetzt benutze gefälligst deine Beine und bring uns fort von diesem Seelentrinkerbaum!

Je länger Artax darüber nachdachte und in sich hineinhorchte, desto sicherer war er sich, dass Aaron irrte. Trotzdem – hier unten konnte er niemandem mehr helfen. Tief in Gedanken erklomm er die weite Spirale des Treppenturms und erreichte schließlich nahe des Schiffsbaums das Oberdeck. Der Boden hier war dicht bedeckt mit den Kadavern von Vögeln und vereinzelten Affen. Artax blickte zu den weit ausladenden Ästen hinauf, doch der Wolkendunst erlaubte es ihm kaum, weiter als bis zu den niedrigsten Ästen zu sehen. Auch sie waren mit Stoffstreifen geschmückt, so wie der dicke Wurzelstrunk unten im Tempel. Auf jeden einzelnen der Streifen waren mit dunkler Tinte Buchstaben und Bannzeichen gemalt. Pferdeschädel ragten auf Pfählen aus dem dunklen Erdreich, in das der Baum gebettet war.

Ein leiser Wind ließ die Blätter flüstern.

Hier an Deck fiel Artax das Atmen ein wenig leichter. Er schob mit dem Fuß Vogelkadaver zur Seite und überlegte, ob Abir Ataš, der Hohepriester seines Himmelspalastes, eine Erklärung dafür haben mochte, was hier vorgefallen war. Oder der Löwenhäuptige. Aber würde er das Geheimnis preisgeben?

Plötzlich hielt Artax inne. Da war ein Geräusch, das nicht zum Blätterrascheln passte. Er trat ein Stück zurück, sodass er den glaskuppelgekrönten Ausgang des Treppenturms im Rücken hatte, hielt den Atem an und lauschte. Gab es etwa doch Überlebende? War der geheimnisvolle Feind noch an Bord? – Da war es wieder. Ein leises Tuscheln! Und Schritte, die klangen, als ginge dort jemand, der versuchte, jedes Geräusch zu vermeiden. Der dichte Dunst verfremdete und dämpfte jeden Laut. Artax war sich nicht sicher, ob die Schritte sich in seine Richtung bewegten oder von ihm fort. Fast sehnte er sich herbei, dass die Bedrohung endlich Gestalt annehmen möge, dass etwas aus Fleisch und Blut vor ihm stand, das man bekämpfen konnte. Seine Hand schloss sich fester um den Schwertgriff. Er wusste aus einigen Übungskämpfen, wie gut er war. Ja, Aaron war nicht nur Lüstling gewesen, er hatte sich auch täglich im Umgang mit den Waffen geübt, mit Schwert, Bogen und Speer. Und er war gut gewesen.

Artax verließ seine Deckung. Die Leiber der toten Vögel dämpften seine Schritte. Sie fühlten sich erstaunlich fest unter seinen Füßen an. Wie Klumpen aus getrocknetem Lehm. Das Knacken ihrer zierlichen Knochen begleitete ihn. Wieder verharrte er, lauschte, war sich nicht ganz sicher, aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Er schlich an einem Zelt vorbei. Eine Planke knarrte. Sehr nah! Artax hob sein Schwert. Da war ein Schatten im treibenden Wolkendunst! Der Unsterbliche machte einen Satz nach vorn. Seine Klinge stieß hinab. Stahl prallte auf Stahl. Die Wucht des Treffers ließ ihn aufstöhnen. Er schnellte zurück, bereit, erneut zuzustoßen, und erstarrte mitten in der Bewegung. Vor ihm stand Juba!

Der Kriegsmeister erkannte ihn im gleichen Augenblick, warf erschrocken die Waffe zur Seite und fiel auf die Knie. »Bitte, verzeiht mir …« Er beugte das Haupt, bis er mit der Stirn das Deck berührte. »Bitte, verzeiht, ich habe Euch nicht erkannt, Erhabener. «

Artax mochte diese unterwürfige Art nicht und bedeutete Juba, aufzustehen. Freunde sollten einander ins Gesicht sehen! Er vertraute keinem an Bord des Himmelsschiffes so sehr wie ihm. »Ich habe dich genauso wenig erkannt wie du mich. Und ich bin froh, dass du ein so guter Fechter bist und meine Klinge dich nicht getroffen hat. Ich wünsche, dass wir dieses Schiff schnell verlassen.«

Weitere Schatten tauchten im Nebel auf. Jubas Eskorte schloss zu ihm auf. In den sonst so harten Gesichtern der Himmelshüter spiegelten sich Angst und Erleichterung zugleich.

»Was ist hier geschehen?« Juba machte eine weit ausholende Geste. »Warum verstecken die Ischkuzaia ihr Schiff in den Wolken. Und wo ist die Besatzung?«

»Ich fürchte, hier an Bord werden wir darauf keine Antwort mehr erhalten.« Kurz kam Artax der Gedanke, das Wolkenschiff verbrennen zu lassen, aber er verwarf ihn wieder. Mit den Flammen würde auch das Geheimnis, das es umgab, zu Asche werden. »Wir werden das Schiff in Schlepp nehmen und es am Weltenmund den Ischkuzaia übergeben. Sie sollen entscheiden, was mit ihm geschieht.«

Artax konnte sehen, dass Juba die Entscheidung nicht gefiel, auch wenn sein Gefährte nicht widersprach. War es klug, so zu handeln? Brachte er die Gefahr damit mitten unter die Luftflotte der Unsterblichen, die bei den Ankertürmen der Goldenen Stadt vertäut lag? Wenn doch nur der Löwenhäuptige zurückkehrte! Während des Sturms hatte er den Devanthar verflucht, weil er nicht bei ihm war. Und wenn der Gott Arams an seiner Seite stand, dann fürchtete er sich die halbe Zeit vor ihm. Aber der Devanthar war der Einzige, der wirklich wusste, wer er war. Der Einzige, mit dem er frei reden konnte. Na ja … fast frei. Wenn er allzu dumm daherschwätzte, mochte ihn das um Kopf und Kragen bringen. Ganz sicher wusste der Löwenhäuptige, was hier geschehen war. Er war ein Gott, er wusste alles! Wenn er ihn nur rufen könnte!

Juba räusperte sich leise. »Bei allem Respekt, Erhabener, ist es klug, ein Wolkenschiff voller Leichen hinter sich herzuziehen? «

Artax atmete tief durch. Für einen Unsterblichen ziemte es sich nicht, eine einmal getroffene Entscheidung schon im nächsten Augenblick wieder zurückzunehmen.

»Sucht Schleppleinen!«, befahl er, und versuchte seiner Stimme einen entschlossenen Klang zu geben. »Nachdem wir das Schiff verlassen haben, soll es niemand mehr betreten. Wir werden es den Ischkuzaia übergeben, so, wie es ist. Sollen sie entscheiden, was damit geschieht.«

Juba sah ihn lange zweifelnd an. Dann endlich nickte er.

Das zweite Gesicht

Nandalee lag in der Höhle, die man ihr zugewiesen hatte. Obwohl sie sich fest in ihre Decke gerollt hatte, fror sie noch immer. Zwei Tage lang hatte sie nicht den geringsten Fortschritt gemacht. Sich selbst kennenlernen sollte sie … Sie kannte sich! Hatte sich schon gekannt, bevor sie hierhergekommen war. Aber das half ihr nichts. Ihr Verborgenes Auge, das kannte sie nicht, und es wollte sich einfach nicht öffnen! Sich hinsetzen und in sich gehen … Das tat sie. Ununterbrochen. Nur was sie dabei falsch machte, das wusste sie nicht. Der Drache half ihr nicht und niemand sonst redete mit ihr – und so war das Einzige, was sie spürte, wenn sie in sich ging, die Abneigung der anderen Schüler.

Ihre Höhle war so niedrig, dass man darin nicht einmal aufrecht stehen konnte, und wenn sie sich hinlegte, musste sie die Beine anziehen, sonst reichte der Platz nicht. Außer der Decke, ein paar Kerzenstummeln und einem Eimer, auf dem sie ihre Notdurft verrichten konnte, gab es hier nichts.

Der Drache war in der Dämmerung davongeflogen, und seitdem belagerten sie ihre Höhle, als wolle man ihr noch nicht einmal diese winzige Ecke kalten Felsens gönnen. Es war das erste Mal, dass der Drache fort war, seit Gonvalon sie hierhergebracht hatte, und vermutlich hatte seine Abwesenheit die anderen mutiger werden lassen. Sollten sie nur kommen! Sie war ganz in der Stimmung, sich zu schlagen. Das konnte sie wenigstens.

Nandalee streifte die Decke zur Seite und richtete sich auf. Lautlos trat sie an den Durchgang.

Obwohl sie niemanden sehen konnte, spürte sie, dass dort draußen jemand lauerte. Nandalee fackelte nicht lange, schnellte geduckt durch den Eingang, packte zu und zerrte den Spitzel in ihre Höhle. Grob warf sie die Gestalt auf ihr Lager und war sofort über ihr.