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»Bitte, schlag mich nicht«, wimmerte eine helle Stimme. Eine Frau! Nandalee war überrascht. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, den aufgeblasenen Kerl zu erwischen, der sie immer anstierte, als wolle er sie am liebsten von der Klippe stürzen. Sie packte die Arme der Elfe und zwang sie auseinander, sodass sie ihr ins Gesicht sehen konnte. Es war eine der beiden, die schweben konnten. Sie war von kleiner, zarter Gestalt und hatte schwarzes Haar.

»Was willst du da draußen?«, blaffte Nandalee.

»Ich bin gekommen, um mit dir zu reden. Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest.«

»Warum kommst du dann nicht herein? Was belauerst du mich?«

Die Elfe lächelte scheu. »Wundert es dich bei diesem Empfang wirklich, dass ich gezögert habe einzutreten? Alle halten dich für eine Barbarin.«

Nandalee ließ die Arme ihrer Gefangenen los. »Was redet ihr sonst noch über mich? Habt ihr Angst, dass ich eine von euch fressen könnte, wenn ich hungrig bin?« Die Worte hatten eine seltsame Wirkung auf ihr Gegenüber. Nandalee konnte spüren, wie sie sich anspannte.

»Wir alle wundern uns, warum du eine bevorzugte Schülerin des Schwebenden Meisters bist, obwohl du nicht einmal Zauber weben kannst.«

Nandalee lachte auf. »Seine bevorzugte Schülerin? Ich friere mich hier zu Tode. Er hilft mir nicht. Ich weiß nicht, wie ich mein Verborgenes Auge öffnen kann, und jede Nacht überlege ich, wie ich von hier fliehen kann.«

»Er hat dir die erste Höhle gegeben. Hier sind immer nur seine Lieblinge untergebracht. Bevor du kamst, war dies hier mein Lager«, fügte sie kleinlaut hinzu.

»Dieses Dreckloch hier ist eine Auszeichnung? Wenn das ein Scherz sein soll, bin ich zu sehr Barbarin, um ihn zu verstehen.«

»Es geht darum, ihm nahe zu sein … In den Höhlen hier gibt es eine klare Hierarchie. Wer in der letzten Höhle hausen muss, ist in Gefahr.«

Nandalee entschied, dass ihr die kleine Elfe nicht gefährlich werden konnte. Sie stieg von ihr herab und kauerte sich neben das Lager. »Was ist eine Hier Arschie? Und von was für einer Gefahr redest du da?«

»Ich heiße Bidayn.«

Diese Art konnte Nandalee gar nicht leiden. Etwas völlig anderes zu antworten, als man gefragt wurde. Im Übrigen würde sie ihren Namen nicht einfach so preisgeben. »Welche Gefahren meinst du?«

Bidayn setzte sich auf. »Du stammst aus dem Volk der Normirga, nicht wahr?«

Da tat sie es schon wieder! Auf Dinge antworten, die sie gar nicht gefragt hatte. Sie sollte sich bloß vorsehen. Wenn sie dachte, sie könnte sich Späße mit ihr erlauben, würde sie bald eine böse Überraschung erleben. »Spielt das eine Rolle, ob ich eine Normirga bin?«, entgegnete sie gereizt.

»Ich komme aus Arkadien. Es ist ein wunderschönes Land. Vollkommen. Ich bin in einem Palast am Meer aufgewachsen.«

Was schert mich das, dachte Nandalee. Und warum weicht sie mir ständig aus? Wollte Bidayn ihr klarmachen, dass sie alles andere als eine Wilde war? »Und warum sitzt du dann auf diesem Felsen, wenn es in deiner Heimat so schön ist? Bist in deiner Sippe wohl nicht sonderlich beliebt.«

Bidayn ignorierte diese Unterstellung. »Zur Wintersonnenwende kommen die Drachen von Ischemon und fordern drei junge Frauen. Ich gehörte zu den Auserwählten.«

Nandalee sah sie ungläubig an. »Das ist ein Märchen, nicht wahr. Du erzählst Geschichten …«

»Nein«, entgegnete Bidayn, und ihre Stimme klang brüchig, so als könne sie nur gerade eben noch die Tränen zurückhalten. »Ich bin gekommen, damit du um das zweite Gesicht der Drachen weißt. Sie sind Raubtiere. Sie sind unberechenbar. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie unser Meister eine junge Schülerin mit seinen Krallen zerrissen hat. Sei auf der Hut vor ihm. Er ist jähzornig. Mal zahm wie ein Lamm und dann im nächsten Augenblick eine reißende Bestie. Manche sagen auch, er sei verrückt. Seine Art zu schlafen … So wie eine Fledermaus. Kein anderer Drache, von dem ich je gehört hätte, tut das.«

»Und du hast schon von so vielen Drachen gehört?«, entgegnete Nandalee schroff. Sie traute dem Drachen mehr als den anderen Elfen. Ihr war jetzt klar, dass sie die Ordnung unter den Schülern durcheinandergebracht hatte. Vielleicht war Bidayns Besuch allein mit dem Zweck erfolgt, sie einzuschüchtern. Diese Geschichte konnte einfach nicht stimmen! Drachen waren doch keine Elfenfresser.

»Nein, ich kenne nicht viele Drachen. Genau genommen kenne ich nur ihn gut. Er ist ein sehr begabter Zauberweber. Aber gerade deshalb ist er auch so schnell von uns enttäuscht. Umso mehr ist es ein Rätsel, warum er dich bevorzugt. Er beobachtet dich ununterbrochen. Und noch etwas. Du solltest nicht laut reden. Das stört uns in unserer Selbstversenkung. Einige sind sehr wütend auf dich. Und nicht alle hier sind so nett wie ich.« Sie lächelte breit. »Ich meine … Ich will keinen Streit mit dir. Auch wenn du schroff und abweisend bleibst.«

Gegen ihren Willen musste jetzt auch Nandalee lächeln. »Ich bin eben eine Barbarin. Und sag den anderen, sie sollen nur kommen. Ich bin in der Nachbarschaft von Trollen aufgewachsen. Ich liebe es, die Leber meiner erschlagenen Feinde zu essen.«

Bidayn kicherte leise, doch als Nandalee nicht einfiel, verstummte sie schnell. »Das war ein Scherz?«

»Natürlich. Im Gegensatz zu Trollen brate ich die Leber meiner Feinde, bevor ich sie verspeise. Ganz so barbarisch sind wir Normirga dann doch nicht.«

Die Elfe sah sie so entsetzt an, dass Nandalee es nicht länger schaffte, ernst zu bleiben. Prustend begann sie zu lachen. Doch diesmal war es Bidayn, die ernst blieb.

»Komm, ganz so schlimm sind wir Normirga nicht. Es war nur ein Scherz.«

Bidayn nickte, lächelte jedoch immer noch nicht. »Hier wird wenig gelacht. Er … Die Drachen sind keine gnädigen Herren. Ihre Art … Sie sind zu verschieden. Wir sind geboren, um ihnen zu dienen. Und das lassen sie uns spüren.«

Nandalee schüttelte energisch den Kopf. »Zum Diener wird man nicht geboren, Bidayn. Zum Diener wird man gemacht. Und das auch nur, wenn man den halben Weg selbst geht.«

»So wirst du nicht mehr reden, wenn dein erstes Jahr hier vorüber ist. Auch du kannst nicht mehr frei sein. Oder könntest du zu deiner Familie zurück?«

»Nein.« Nandalee senkte den Blick. Sie wollte nicht, das Bidayn in ihr Gesicht sehen konnte. Der Schmerz um ihren Verlust saß tief. Vor allen anderen vermisste sie Duadan, der sie nach dem Tod ihrer Eltern in einem schrecklichen Schneesturm an Kindes statt aufgenommen hatte. Kein anderer in ihrer Sippe hatte sie so tief verstanden wie er. Mit ihm hatte man gut schweigen können. Er mochte einsame Jagden so sehr wie sie. Fast jede Nacht dachte sie an ihn. Zu wissen, dass sie ihn nie mehr sehen würde, verursachte manchmal einen dumpfen Schmerz. Es fühlte sich ein wenig so an, wie wenn man einen zu großen Bissen nahm und der im Halse stecken blieb und nicht zurückwollte. Bislang hatte ihr Einsamkeit nie etwas ausgemacht. Doch hatte sie auch immer einen Ort gehabt, an den sie zurückkehren konnte. Ob die Trolle wohl herausgefunden hatten, zu welcher Sippe sie gehörte? Waren sie vielleicht einfach weiter gen Osten gezogen, um an jedem Elfen Rache zu nehmen, den sie stellen konnten? Wie viele Opfer hatte ihr, Nandalees, Jähzorn gefordert? Der eine unbedacht verschossene Pfeil?

Mindestens eines.

Ailyn.

Die Drachenelfe, die gekommen war, um sie vor den Trollen zu retten, und dafür mit ihrem Leben bezahlt hatte.

War sie Ailyns Opfer wert gewesen?

Nandalee dachte daran, wie sich die Kriegerin unbewaffnet den hünenhaften Trollen entgegengestellt hatte. An die todesverachtende Ruhe, mit der Ailyn im Schnee gesessen hatte. Sie schuldete den Drachenelfen ein Leben. Sie sollte sich zusammenreißen und härter darum ringen, sich die Magie zu erschließen. Sie hatte eine Schuld abzutragen!

»Hallo?« Bidayn wedelte mit den Händen vor ihrem Gesicht umher. »Noch da? Du bist nicht allein, hörst du? Alle, die an diesen Ort kommen, haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkönnen. Es ist nicht allein unsere Begabung, die uns hierherbringt. «