»Wie haben sie dich ausgewählt?« Nandalees Stimme war rau, und sie hielt ihren Blick weiterhin gesenkt.
»Ich mag Rosen auch«, sagte Bidayn.
»Es reicht«, zischte Nandalee. »Wenn du nicht vernünftig mit mir reden willst, dann solltest du lieber gehen, bevor ich dich hinauswerfe. «
»Fass dich mal an deine eigene Nase, Barbarin. Du bist schon seit Tagen hier und hast noch niemandem deinen Namen genannt. Geht man so vielleicht miteinander um? Du bekommst von mir Antworten, wenn ich deinen Namen kenne.« Bidayn erhob sich, soweit das in der niedrigen Höhle ging. Sie schien tatsächlich gehen zu wollen.
Soll sie nur, dachte Nandalee. Weder diese dahergelaufene Elfe noch sonst jemand würde ihr aufzwingen, wann sie was zu sagen hatte. Zornig blitzte Nandalee ihre Besucherin an. Die zierliche Elfe hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Das wirkte eher lächerlich als bedrohlich. Trotzdem – Bidayn und die anderen würden zukünftig ihre Sippe sein. Nandalee seufzte, riss sich zusammen und versuchte, an den abgerissenen Faden ihres Gespräches anzuknüpfen. »Die Kunst, Zauber zu weben … Sag mir, ist es ein Ersatz? Ist es das wert, alles verloren zu haben? Findest du Trost darin?«
»Manchmal. Aber du wirst hier keinen Trost finden, wenn du dich nicht an die Regeln hältst. Hüte dich vor den anderen! Stör sie nicht mit deinen Reden. Sie werden es dich büßen lassen.«
Nandalee lächelte. Sie hatte sich jeden der Schüler lange angesehen. Abgewägt, wozu sie wohl fähig sein würden. Sie fürchtete sich vor niemandem hier. Sollten sie nur kommen, wenn sie Streit mit ihr wollten. Das würde ihnen sehr bald leidtun. Ob die anderen Bidayn geschickt hatten, um sie auszuhorchen? Sollte sich die Kleine am Ende bei ihr einschmeicheln? »Dieser Schönling, das ist euer Anführer, nicht wahr?«
»Du meinst Sayn?« Bidayn seufzte. »Er sieht wirklich gut aus, nicht wahr? Wir alle hier sind ein wenig in ihn verliebt. Und er ist so talentiert! Wahrscheinlich wird er schon bald in eine der beiden Hallen abberufen werden. Er wird gewiss einmal sehr berühmt sein und seine Auserwählte wird sicherlich sehr glücklich werden.«
»Bist du in ihn verliebt?«
Bidayn errötete leicht. »Das sind wir alle hier.«
»Sag ihm, wenn er mir Ärger macht, dann wird die Wilde aus den Eisebenen von Carandamon ihn ausweiden und seine Leber fressen, ganz so, wie sie es von den Trollen gelernt hat. Bestimmt hat er eine sehr hübsche Leber.«
Bidayn starrte sie mit weiten Augen an. »Das ist ein Scherz, nicht wahr? Das ist es doch, oder?«
Nandalee antwortete nicht.
»Lass uns Frieden miteinander halten. Wir teilen hier alle dasselbe Los, und es wird nicht leichter, wenn Misstrauen und Zwietracht zwischen uns stehen.«
»Ich habe mich noch nicht darein gefügt, eine Dienerin zu sein!«, entgegnete Nandalee entschieden. »Und ich werde mich weder dem Drachen noch diesem Schönling Sayn unterwerfen. Ich trage meine Freiheit hier.« Sie legte ihre Hand auf ihr Herz. »Solange es schlägt, vermag sie mir niemand zu nehmen.«
Bidayn schüttelte sacht den Kopf. »Stolze Worte, Schwester. Sie werden sich mit dem unerbittlichsten aller Gegner messen müssen: der Zeit.«
Die Silberschale
ER blickte nachdenklich auf das Wasser. Das Bild in der Silberschale verblasste. SEINE treueste Dienerin hatte das kostbare Kleinod aus der Königshalle einer Zwergenstadt gestohlen. Sie war dort als Späherin gewesen und sie hatte erkannt, wie bedeutend und fremd diese Schale aus gehämmertem Silber war. Wie sie es geschafft hatte, mit diesem unvergleichlichen Kleinod lebend zu entkommen, hatte sie IHM nicht verraten wollen. ER hatte es ihren Erinnerungen entreißen müssen.
Sie war ein seltsames Geschöpf. Voller Dunkelheit. Und sie war IHM treu ergeben. Trotz allem, was ER getan hatte. Sie glaubte an SEINE Ziele. Was ihr die Silberschale wohl offenbart hatte? ER wusste, dass sie hineingeblickt hatte, aber ihre Erinnerung an das, was sie gesehen hatte, blieb IHM verborgen. War auch das einer der Zauber, die in diese unvergleichliche Schale gewoben waren?
Nachdenklich betrachtete ER seinen schmucklosen Schatz. Sie war schlicht. Spuren von Hammerschlägen waren ihr einziger Schmuck. Dabei hielt er SEIN Verborgenes Auge geschlossen. Sonst würde ER geblendet werden.
Man musste sie sehr lange ansehen, bevor sich aus schierem durchdringenden Licht all die verschlungenen magischen Wirbel enthüllten – die Matrix jener Zauber, die um die unscheinbare Schale gewoben worden waren. Der Preis dafür waren lang anhaltende Kopfschmerzen und das klamme Gefühl, dass etwas nach SEINEM Verstand griff. Nein, das war eine absurde Angst! ER beherrschte dieses Zauberding!
Schon als ER die Schale das erste Mal gesehen hatte, war IHM klar gewesen, wie bedeutsam dieser Schatz war — er war der Beweis dafür, dass die Zwerge den größtmöglichen Verrat begangen hatten. Die verruchten Getwerg hatten sich mit den Devanthar eingelassen!
Die Magie der Silberschale war durch und durch fremd. ER vermochte das komplexe Muster der Zauber, die in das Metall eingewoben waren, nicht zu deuten. Es war ganz anders als alle Magie, die IHM vertraut war. Diese Schale konnte kein Werk der Alben sein! ER spürte die Finsternis, die in das gehämmerte Silber geflossen war. Eine Bosheit, aus der nichts Gutes erwachsen konnte.
Hunderte Stunden hatte ER mit der Silberschale verbracht. Unzählige Male hatte ER durch sie in die Zukunft geblickt. ER wünschte, ER hätte es nicht getan.
Traute ER dem, was ER sah, dann war SEIN Volk zum Untergang verdammt. Und die Alben würden untätig dabei zusehen. Sie ließen sich von den Devanthar das Zepter aus der Hand nehmen. Widerstandslos! Zuerst auf Nangog, der Welt, die den Kindern der Devanthar ebenso verboten war wie den Albenkindern. Aber die Devanthar scherten sich einen Dreck darum. Die Regeln waren gebrochen! Ja, die Devanthar mussten jetzt sogar unbemerkt bis nach Albenmark vorgestoßen sein. Wie sonst war diese verfluchte Schale hierhergelangt?
Versonnen betrachtete ER die Schüssel. Man musste sie mit Wasser füllen, damit sie ihren unheilvollen Zauber entfalten konnte. Blickte man dann in das Wasser, so erschienen bald verschwommene Bilder. Mögliche Zukünfte.
ER hatte bitter erlernen müssen, dass das, was man erblickte, nicht unbedingt Wirklichkeit werden musste. Die Zukunft wandelte sich in jedem Augenblick. Sie war wie ein uralter Baum. Wer vor der Schale stand, der stand vor dem Stamm. Und so, wie ein Stamm sich bis in die Spitzen der Baumkrone hundertfach in immer feinere Äste verzweigte, so verhielt es sich auch mit der Zukunft. Jeder Schritt fort von der Gegenwart brachte Veränderung. Die Zukunft war nicht festgeschrieben. Sie war wandelbar. Das war Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil es unmöglich war, genaue Vorhersagen zu machen. Ein Segen, weil es bedeutete, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen konnte. Nichts war festgeschrieben.
Unzählige Nächte hatte ER über die Schale nachgedacht. Seit ER sie besaß, hatte ER seinen Frieden verloren. ER war sich bewusst, wie sehr ER sich verändert hatte … Nein, es war die Silberschale, die IHN verändert hatte. Hatten die Devanthar sie erschaffen, weil sie wussten, dass sie eines Tages zu IHM gelangen würde? Wenn sie Zauber weben konnten, die den Schleier der Zukunft zu zerreißen vermochten, dann musste ER davon ausgehen, dass sie letztlich gewusst haben mussten, dass die Silberschale zu IHM gelangen würde. Oder war ihre Macht nicht so groß?
Zu den Merkwürdigkeiten der Schale gehörte, dass ER nie sich selbst darin erblickte oder einen SEINER Nestgefährten. Sollten sie alle so bald sterben? Oder war es eine Gnade, sein eigenes Schicksal und das jener, die einem am nächsten standen, nicht vorauszusehen? Oder machte ER etwa einen Fehler? Nein! Man musste die Schale nur mit Wasser füllen und dann in sie hineinschauen. Was konnte man da falsch machen? Wahrscheinlich konnten sogar jene, deren Verborgenes Auge sich nicht geöffnet hatte, mithilfe dieses heimtückischen Geschenks an die Zwerge in die Zukunft blicken. War es vielleicht diese Schale gewesen, die die Getwerg auf ihren verräterischen Weg gebracht hatte? War sie der Grund, dass die Völker unter den Bergen begannen, sich gegen die Drachen zu verschwören? Was hatten sie gesehen? War die Schale am Ende nur erschaffen worden, um ihnen allen Trugbilder vorzugaukeln?