»Wie lange werden wir brauchen, um die Goldene Stadt zu erreichen? «
»Der Wind steht ungünstig, Herrscher aller Schwarzköpfe. Wir werden höhersteigen müssen, in der Hoffnung, eine günstigere Luftströmung zu finden. Auch behindert uns das Schiff im Schlepp. Ich denke, es wird noch drei oder vier Stunden dauern, selbst wenn wir einen günstigen Wind finden. Es wird Euch ermüden, so lange hier in der Lotsenkuppel zu verweilen, Herr.«
Artax bedachte den Mann mit einem verärgerten Blick. Wollte der Kerl ihm sagen, was er zu tun hatte? Was bildete der sich ein! Nabor war fast zwei Köpfe kleiner als er und von fülliger Gestalt. Graue Strähnen durchzogen sein Haar. Er trug einen mit langen, bunten Fransen geschmückten Wickelrock und ein ledernes Wams, auf das eine Sichelschwalbe, das Wappen der Zunft der Himmelslotsen, gestickt war. Auf Nabors Schulter kauerte ein kleiner Affe mit weißer Brust, der Artax frech angriente und sich dabei an einem der großen Ohrringe des Lotsen festhielt. Nabor summte vor sich hin, als sei nichts geschehen. War er sich der Beleidigung, die in seinen Worten gelegen hatte, vielleicht gar nicht bewusst? Oder hielt er sich für unberührbar?
Das rührt daher, wie du mit ihnen umgehst. Sie sollten alle im Staub vor dir kriechen. Aber du bist nicht respekteinflößend, Bauer. Nimm den Lotsen. Dein Stand liegt weit unter dem seinigen. Er spürt das, auch wenn du den Ornat eines Unsterblichen trägst. Rebellion ist das Einzige, das dich erwartet, wenn du dich den niederen Ständen anbiederst. Dankbarkeit kennen die nicht. Wenn sie nicht die Peitsche fürchten, dann tanzen sie dir auf der Nase herum. Das dritte Bambusrohr dort trägt deine Stimme zum Wachhabenden des Oberdecks. Lass diesen Lotsen von den Himmelshütern ergreifen, nach oben bringen und vor versammelter Mannschaft über Bord werfen. Das würde deine Stellung wieder festigen.
Artax bedachte die Einwände Aarons und wurde darüber immer zorniger. Vielleicht war es wirklich nicht klug, seine innere Stimme immer zu ignorieren? Auf der anderen Seite … Wenn er Nabor bestrafte, würde er den Anflug auf die Goldene Stadt nicht genießen können, und er war neugierig, sie endlich zu sehen. Sein Kopf war voller Bilder aus Aarons Erinnerungen. Sie waren so unglaublich, dass er es nicht abwarten konnte, die größte Stadt Nangogs mit eigenen Augen zu sehen. Deshalb würde er in der Lotsenkuppel bleiben. Er wollte sie wachsen sehen, bis sie schließlich über ihr schwebten. Allerdings hatte Nabor es geschafft, ihn in eine gereizte Stimmung zu versetzen. Er war tatsächlich geneigt, dieses eine Mal auf den Rat Aarons zu hören. Zum Glück war die Glaskuppel zu klein und es war niemand zugegen, der mitgehört hatte, wie Nabor sich herausnahm, ihm Ratschläge zu erteilen. Vielleicht reichte zunächst auch eine deutliche Zurechtweisung.
»Du glaubst also, es steht dir zu, mir ungefragt Empfehlungen zu geben?« Die Worte waren über seine Lippen, ehe er sich recht besann – barsch, herrisch, kalt. Artax erschrak vor dem Klang seiner eigenen Stimme. Wie viel Macht hatte Aaron bereits über ihn? Der Artax, der er früher einmal gewesen war, wäre über so eine Kleinigkeit einfach hinweggegangen.
Nabor wandte sich um und schien eine Spur blasser geworden zu sein. Sein Summen war verstummt. Er kniete nieder und senkte ehrerbietig sein Haupt. »Herr, ich wollte Euch nicht beleidigen. Ich dachte nur, Ihr könntet Eure Zeit vielleicht sinnvoller nutzen …«
»Du triffst erneut ungefragt Entscheidungen! Vielleicht gefällt es mir, hier an diesem Ort zu sein? Vielleicht nutze ich meine Zeit gerade in diesem Augenblick sinnvoll? Glaubst du, dies besser ermessen zu können als ich?«
»Natürlich nicht, Herrscher aller Schwarzköpfe. Bitte verzeiht mir, Eurem unwissendsten und dümmsten Diener.«
Artax’ gallige Laune verflog augenblicklich. Was tat er hier? Aaron hatte sich gerne einen Spaß daraus gemacht, Untergebene zu schikanieren. Er hatte das bis zu Hinrichtungen getrieben! Noch am Tag vor seinem Tod hatte er einen Leibdiener in die Wolken stürzen lassen, nur weil er in dessen Anwesenheit gefurzt hatte. Aaron war der Ansicht gewesen, dass es keinem Sterblichen zustand, solche Geräusche von einem Unsterblichen zu vernehmen. Vielleicht war die Tatsache, dass Aaron am Tag danach auf nämliche Weise verstarb, so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gewesen. Aber er war nicht Aaron! Er war Artax! Und Artax hatte weder ein Problem mit Ratschlägen noch mit Fürzen und noch nicht einmal mit Jauchegruben oder Schweinekot. Das einzige Problem, das er hatte, hieß Aaron. Und mit diesem machtverliebten, tyrannischen Mistkerl würde er schon noch fertig werden. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er sich, dass Aaron tot war, weil er ein Drecksack war. Und wahrscheinlich hatte selbst der Löwenhäuptige seinen Tod gewollt.
Was für ein erbärmlicher Unsinn!
Glaubst du? Ist ein Gott nicht allmächtig? Könnte etwas geschehen, das er nicht will? Zum ersten Mal richtete Artax seine Gedanken ganz bewusst an sein zweites Selbst. Du warst jämmerlich. Und so etwas wie eben, dass ich dir meine Stimme leihe, um mich so aufzuführen wie du, wird nicht mehr geschehen. Ein nächstes Mal bekommst du mich nicht. Dieses Stück Weidezaun ist geflickt.
Mit diesen Gedanken wandte er sich erneut dem Lotsen zu.
»Steh auf, Nabor. Verzeih mir meine Launenhaftigkeit. Ich möchte zusehen, wie du den fliegenden Palast zur Goldenen Stadt manövrierst. Erklär mir, was du tust, welche Widrigkeiten zu beachten sind und warum du welche Befehle gibst. Ich möchte lernen, was du tust.«
Er sah Nabor deutlich an, dass dieser jetzt auf der Hut war. Der Lotse nickte ergeben, sagte aber sicherheitshalber kein Wort. Mit dem Auftrag, einen Unsterblichen zu belehren, stand er wieder auf sehr dünnem Eis. Dessen war er sich augenscheinlich voll und ganz bewusst.
»Fürchte mich nicht.« Artax klopfte ihm jovial auf die freie Schulter, was den Affen zu einem leisen Protestlaut veranlasste. »Behandele mich ganz wie einen Schüler.«
»Wie du befiehlst, Herrscher aller Schwarzköpfe«, brachte der Lotse beklommen hervor und erläuterte die Landmarken, die sich im Sichtfeld befanden und dass man aus der Stellung des Schiffes zu ihnen ablesen konnte, dass sie sich dem Weltenmund von Westen her näherten.
Artax hörte ihm eine Zeit lang zu und versuchte sich einzuprägen, welche Befehle Nabor an die Wolkenschiffer in der Takelage gab, um Kursänderungen vorzunehmen. Langsam wuchs der mächtige steinerne Wall am Horizont. Unter ihnen hatte sich der Dschungel in einzelne große Waldinseln aufgelöst. Felder zerteilten die Landschaft in ein Mosaik kleiner Rechtecke, durch das sich silberne Bewässerungskanäle und schmale, staubige Straßen zogen. Hier und dort gab es kleine Ortschaften. Manchmal duckten sie sich unter das Geäst eines Mammutbaums, der seine Krone wie einen weiten Schutzschirm über den Häusern aufspannte.
Das Land stieg langsam an. Die Flanken der Hügel waren in Terrassen zergliedert, eingerahmt von hellen Mauern aus Bruchstein. Artax konnte Arbeiter auf den Feldern sehen. Es waren winzige, kaum ameisengroße Gestalten. Gestalten, wie er eine gewesen war, dachte er mit einem Anflug von Wehmut.
Hier, nahe der Goldenen Stadt, fürchtete man die Grünen Geister der Wälder besonders. Bauern waren verschleppt worden. Ganze Hofgemeinschaften spurlos verschwunden.
»Was, glaubst du, ist mit dem Schiff der Ischkuzaia geschehen? «, fragte er den Lotsen.
»Ist es mir erlaubt, offen zu reden, Herr?«