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Artax seufzte. Er wünschte, er hätte sich besser unter Kontrolle gehabt. Es würde wohl noch lange dauern, bis Nabor wieder Vertrauen zu ihm fasste.

»Nur zu! Sprich.«

»Es gibt Orte am Himmel, da kann man kaum atmen. Vielleicht sind sie an einem solchen Ort gewesen? Vielleicht waren es auch die Sturmgeister. Ich selbst habe schon erlebt, dass mir der Wind so scharf ins Antlitz blies, dass ich nicht mehr einzuatmen vermochte. Was immer es war — sie haben ihr Geheimnis mit sich in die Welt der Toten genommen.«

»Und warum hat der Wolkensammler überlebt?«

Nabor nahm den Korkverschluss aus einem der Bambusrohre, die vor ihm aus der Decke ragten, und rief einen knappen Befehl hinein. Wenig später schwenkte das Palastschiff einige Grad nach Steuerbord ab.

»Die Wolkensammler, Herr, sind Geschöpfe des hohen Himmels. Alle, die starben, waren es nicht. Vielleicht ist es eine Warnung an uns alle. Vielleicht sollten wir nicht in den Himmeln reisen. Das ist ein Platz für Götter.«

Artax schwieg einige Zeit und dachte über die Worte des Lotsen nach. »Würdest du es aufgeben, Nabor?«

Der Lotse wandte sich um und sah zu ihm auf. »Niemals. Wer einmal hier oben war, der kann sich, wenn er mit den Füßen im Staub steht, nur noch klein fühlen. Auch dort unten werde ich eines Tages sterben. Wenn ich hier oben bin, dann kann ich zumindest sagen, ich habe erhaben gelebt.«

Nabor hatte mit einem Ernst gesprochen, der Artax Respekt abnötigte. Er war sich sicher, dass der Lotse nicht nur hochtrabende Reden schwang, sondern aufrichtig fühlte, was er sagte. »Du bist jetzt seit drei Jahren Lotse des Palastschiffes, nicht wahr? Du könntest in deiner alten Heimat ein reicher Mann sein.«

»Wenn es Euch gefällt, mich aus Euren Dienst zu entlassen, Herr, dann werde ich wieder als Lotse auf Kornschiffen dienen, so wie ich es früher getan habe. Es ist so, wie ich es Euch gesagt habe, Herr. Ich werde am Himmel von Nangog sterben und nicht irgendwo im Staub.«

Artax lächelte ihn an. »Wohl gesprochen, Nabor. Ich mag manchmal launisch sein, aber ich bin kein Narr. Und der müsste ich sein, wenn ich einen so erfahrenen Lotsen davonjagte.«

Nabor musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Dabei begann er wieder leise vor sich hin zu summen. »Darf ich noch einmal frei zu Euch sprechen, Herrscher aller Schwarzköpfe?«

Artax machte eine einladende Geste. »Nur zu.«

»Ihr habt Euch sehr verändert. Früher wart Ihr kühl und unnahbar. Nun sind Eure Launen wechselhaft wie das Wetter unter den Wolken. Ihr müsst wie ein Lotse sein, Herr. Ihr müsst ein Ziel vor Augen haben und einen klaren Kurs steuern. Wie Ihr Juba gerettet habt, hat tiefen Eindruck auf alle hier an Bord gemacht. Auch der Mut, mit dem Ihr allein das Totenschiff erkundet habt. Vielen erscheint es, als seiet Ihr nach dem Sturz aus dem Himmel neugeboren worden. Haltet diesen Kurs bei! Stellt Euch schützend vor jene, die Euch dienen, und Ihr werdet wahrhaft einzigartig sein.«

Artax lächelte, und sein Lächeln kam von Herzen. »Kühne Worte, Nabor! Du wagst es also noch einmal, mir zu sagen, was ich tun soll.« Er sah Zweifel in den Augen des Lotsen aufleuchten und zwinkerte dem Lotsen zu. »Du sprichst wie ein Philosoph und nicht wie ein einfacher Mann.«

»Ich spreche wie ein Mann, der die Welt von oben sieht«, entgegnete er vorsichtig.

»Ich brauche Männer wie dich, die den Mut haben, frei zu reden. Meine Größe, das sind Gefährten, wie du einer bist.« Nabor war offensichtlich geschmeichelt. Er lächelte verlegen. Dann begann er erneut vor sich hin zu summen und heftete den Blick auf den Horizont.

Ein heller Lichtreflex erweckte Artax’ Aufmerksamkeit.

»Das ist sie«, raunte Nabor ehrfürchtig. »Die Goldene Stadt.«

Die Stadt erstreckte sich entlang der Flanke des steinernen Walls. Sie war zu weit entfernt, um Einzelheiten erkennen zu können. Doch mit jedem Herzschlag strahlten neue gleißende Lichtblitze von ihren Kuppeln und Dächern.

Artax hielt den Atem an und staunte. Ihr Himmelsschiff kämpfte noch immer mit den widrigen Winden und sie kamen nur langsam näher. Doch das Auge fand in jedem Augenblick neue Dinge zu schauen.

Immer dichter wurde das Netz aus Straßen und Kanälen. Schwer beladene Boote wurden entlang von Treidelpfaden der Stadt entgegengezogen. Überall auf den Straßen sah man Karren und der Himmel war voller Wolkensammler in allen Größen. In einiger Entfernung schwebte ein zweites Palastschiff der Stadt entgegen. Es gab auch klobige Kornschiffe, die kleiner waren und ein wenig an Bienennester erinnerten. Ihr plumper, unförmiger Rumpf erfüllte allein den Zweck, so viel Korn wie möglich in den entfernten Waldsiedlungen in sich aufzunehmen. Sie hatten nur eine kleine Besatzung aus Wolkenschiffern. Große dreieckige Segel ragten über den Masten in ihren Flanken auf. Keines von ihnen führte mehr als zwei Masten je Seite. Vom Heck hing stets ein viele Schritt langes Banner, das anzeigte, zu welchem großen Handelshaus der Kornfrachter gehörte.

Eine weite Kette von Zolltürmen lag mehrere Meilen vor der Stadt. Wie steinerne Wächter erhoben sie sich im Abstand von etwa fünfhundert Schritt. An den weit vorkragenden Dachbalken hingen ganze Trauben junger Wolkensammler. Wann immer sich eines der Frachtschiffe näherte, stieg eine Gruppe von Zöllnern in Fluggeschirren auf, um die Ladung eines jeden Wolkenschiffes, das die Goldene Stadt anlief, zu überprüfen. Jeglicher Handel mit den Königreichen Daias erfolgte über die Goldene Stadt, und die Unsterblichen, die auf jede Ware, die Nangog verließ, einen Zoll erhoben, sorgten dafür, dass kein Kornsack ohne ihr Wissen in die Stadt gelangte. Artax wusste, dass nur die Palastschiffe von diesen Kontrollen ausgenommen waren.

Bald entdeckte er auch die ersten der berühmten Wasserräder. Die Stadt, die sich hoch hinauf in die Hänge erstreckte, verfügte nur über wenig Quellwasser aus den Bergen. So waren große Aquädukte angelegt worden, aus deren Staubecken bis zu siebzig Schritt hohe hölzerne Wasserräder das kostbare Nass auf die nächste Höhenstufe schöpften. Von dort rann es bei sanftem Gefälle durch einen gemauerten Kanal zum nächsten Staubecken. Die Goldene Stadt war berühmt für ihr Lied der Wasserräder, das Tag wie Nacht zu keiner Stunde verstummte. Manche der Räder wurden durch Windkraft bewegt. Doch das erforderte ein aufwendiges und anfälliges Konstrukt aus Stangen und steinernen Zahnrädern. Die meisten Wasserräder wurden deshalb auf alte Art durch die Kraft von Ochsen betrieben.

Aus der Glaskuppel des Palastschiffes betrachtet, sahen die Kanäle auf den Brückenbögen der Aquädukte wie silberne Spinnwebfäden aus. Abgesehen von der steilen Bergflanke näherten sie sich aus allen Himmelsrichtungen der Stadt. Dort fügten sich konzentrische Kreise in das Netzwerk, um das Wasser in alle Viertel abzuleiten. Die Staubecken waren dabei die Tautropfen, die sich im Netz verfangen hatten.

Und wo war die Spinne?, dachte Artax. Waren es die Unsterblichen, die sich eifersüchtig am Reichtum einer ganzen Welt labten? Er lächelte grimmig. Metaphern waren etwas für Dichter! Er sollte sich das Herz nicht mit solchem Unsinn schwer machen.

Aus der Ferne war es vor allem der Anblick der Ankertürme, der das Bild der Goldenen Stadt prägte. Einige von ihnen überragten gar den Grat der Bergwand, an deren steiler Flanke sich die Stadt auf unzähligen, dem Gestein abgerungenen Terrassen erstreckte. War die Höhe der Ankertürme für die Handelshäuser noch auf hundert Schritt beschränkt, so kannte der Ehrgeiz der Baumeister der Unsterblichen keine Schranken. Sie lagen in unablässigem Wettstreit darum, wer den höchsten Turm zu errichten vermochte.

Die Ankertürme waren die Liegeplätze der Wolkenschiffe. Schwere, mit Goldblechen beschlagene Balken sprossen aus ihren Flanken. Um sie schlangen sich die Tentakel der Wolkensammler, ähnlich wie um das Astwerk der Mammutbäume, die im Dschungel ihre natürlichen Zufluchtsorte waren, wenn sie einen festen Ankerplatz suchten, um einem Sturm zu trotzen. Das Holz war zum Schutz vor dem Schleim der Tentakel mit Goldblechen beschlagen, aber auch, um mit dem Reichtum der Stadt zu prunken.