Die Balken der Ankertürme waren erst der Anfang dieses Wahns gewesen. Bald schon hatte man ganze Dächer mit Gold verkleidet. Erst waren es die Paläste und Stadthäuser der Adeligen gewesen, die ihren Reichtum auf ihren Dächern zeigten. Doch bald schon folgten ihnen die reichsten Handelsherren und auch die Haupthäuser der verschiedenen Zünfte kleideten ihre Dächer in Gold. Wer es sich nicht leisten konnte, an diesem wahnwitzigen Wettbewerb teilzuhaben, ließ sein Dach mit vergoldeten Blechen adeln oder schmückte es zumindest mit Bronzeblechen, die regelmäßig poliert wurden.
So war die Stadt, in der angeblich Angehörige aller Völker Daias zu finden waren, zur Goldenen Stadt geworden. Ein Name, der bald in allen Sprachen Verbreitung gefunden hatte.
So vielfältig wie seine Bewohner war auch die Architektur der immer weiter wuchernden Stadt. Es gab alles, von primitiven Zelten bis hin zu marmornen Palästen. Parks lagen neben himmelragenden Wohntürmen, über deren künstliche Schluchten sich bunt beflaggte Wäscheleinen ebenso wie improvisierte hölzerne Brücken spannten. Die Stadt quoll über vor Leben und ein guter Teil des Getreides, das auf Nangog gewonnen wurde, gelangte gar nicht erst in die Kontore, die den Handel mit Daia organisierten.
Außer an windigen Tagen lag beständig ein Schleier von Ruß und anderen Ausdünstungen über der steilen Bergflanke, an die sich die Stadt klammerte. Nur die höchsten Hanglagen blieben davon halbwegs verschont. Und so spiegelte sich der Rang, den man in der Gesellschaft bekleidete, auch darin, wie hoch das eigene Quartier an der Bergflanke lag.
Aus einem der Bambusrohre hallte ein Ruf. Nabor presste sein Ohr an die Öffnung. Der Lotse runzelte die Stirn und nickte knapp, dann wandte er sich an Artax. »Herr, zwei Palastschiffe der Ischkuzaia haben abgelegt und nehmen Kurs auf uns. Hunderte ihrer Krieger legen gerade Fluggeschirre an. Sie werden versuchen uns zu entern.«
Artax räusperte sich. Damit war zu rechnen gewesen. Die Ischkuzaia waren nicht gerade für ihre Langmut oder gar diplomatisches Geschick bekannt, und zudem musste es in ihren Augen aussehen, als habe man einen ihrer Wolkenpaläste gekapert, um ihn nun im Triumph zur Goldenen Stadt zu bringen. In ihrem durch verworrenes Ehrgefühl geprägten Denken war ihr Schiff zurückzuholen, bevor es an einem der Ankertürme anlegte, die einzige Möglichkeit, nicht das Gesicht zu verlieren.
Artax seufzte. Auf Jubas Drängen hin war sein Schiff ohnehin bereits gefechtsbereit, und auch Artax selbst trug seine kostbare Rüstung. Nur den schweren Maskenhelm hatte er nicht mit sich herumschleppen mögen. Er hatte Befehle erteilt, die Juba nicht gefallen hatten. Ja, Juba hatte sie für so gefährlich gehalten, dass er seinen Unmut offen geäußert hatte. Artax lächelte. Er vertraute auf sein Glück.
Er wandte sich an den Lotsen. »Sag Juba, das ich komme.«
Auch Nabor war die Anspannung anzumerken. Selbst das kleine Äffchen auf seiner Schulter wirkte nervös. Die Krieger der Ischkuzaia hatten einen schrecklichen Ruf.
»Sie sind ein Reitervolk«, sagte Artax selbstbewusst. »Würde ich ihnen in der Steppe begegnen, würde ich mir die Hosen einnässen, aber hier oben am Himmel sind sie so gefährlich wie Haie am Angelhaken. Ich werde dafür sorgen, dass sie unseren Haken tief schlucken!«
Nabor quälte sich ein Lächeln ab. Artax hatte gehofft, dass seine Worte mehr Eindruck machen würden. Seit er im Morgengrauen seine Entscheidungen getroffen hatte, hatte er immer wieder darüber nachgedacht, was er sagen würde. Vielleicht wäre es klüger, auf dem Oberdeck zu schweigen, statt sein Gefolge mit missglückten und vermeintlich schneidigen Sprüchen zu verunsichern. Er räusperte sich erneut. »Ich werde jetzt oben gebraucht.« Mit diesen Worten erklomm er die schmale Leiter, die aus der Glaskuppel führte. Direkt darüber lag eine Kammer mit etlichen Türen und einer engen Stiege. Wollte er über die Treppen bis zum Oberdeck gelangen, würde er mindestens ein Viertel von einer Stunde benötigen. Bis dahin wäre das Entergefecht gegen die Ischkuzaia wahrscheinlich vorüber und das Oberdeck würde voller Toter liegen.
Mit gemischten Gefühlen trat er an den Käfig. Es gab fast zwei Dutzend von ihnen im Schiff. Sie waren die einzige Möglichkeit, schnell viele Decks zu überspringen. Der Zwerg öffnete ihm die Tür aus Bambusrohr und achtete unterwürfig darauf, dass sich ihre Blicke nicht kreuzten. Der gedrungene Mann mit den viel zu langen Armen reichte Artax kaum über die Hüften und sein Bart war voller kahler Stellen, als habe man abgeschnittenes Haar über sein Gesicht gestreut. Aus den Augenwinkeln musterte der Zwerg ihn abschätzend, wie es seine Aufgabe war. Zwerg, so nannte man die Bootsmänner, die die Käfige führten. Sie alle waren schlank und kleinwüchsig und sollten wenig Gewicht in die Käfige bringen. Kinder konnte man mit dieser Aufgabe nicht betrauen, weil ihnen die Erfahrung zum Schätzen fehlte.
»Auf das Oberdeck«, sagte Artax leise. Er hasste die Käfige. Die Schrammen auf dem gepolsterten Lederhelm des Zwergs erinnerten ihn überdeutlich an die Mängel dieser schnellen Transportmittel.
Der Zwerg rief etwas in das Bambusrohr, das durch den Schacht verlief, durch den gleich der Käfig schnellen würde.
»Du hast an die Rüstung gedacht?«
»Natürlich, Herr«, entgegnete der Zwerg demütig.
»Sie ist nicht so schwer, wie sie aussieht.«
»Ich weiß«, sagte der Käfigführer und klappte die Gittertür aus Bambus zu.
Mit beiden Händen packte Artax je einen Haltegriff und sah auf seine Füße. Durch das Endstück des Schachtes konnte er hinab auf die terrassierten Hügel blicken, die die Goldene Stadt umgaben. Ein Kanal wand sich silbern zwischen den Terrassen. Einige Zöllner in Fluggeschirren schwebten einem Kornschiff entgegen.
»Flug!«, hallte es so laut aus dem Bambusrohr, dass auch Artax es deutlich hören konnte. Er umklammerte die mit Leder aufgepolsterten Haltegriffe noch etwas fester. Im selben Augenblick wurde der Bambuskäfig mit einem Ruck nach oben gerissen. Er beschleunigte so schnell, dass Artax das Gefühl hatte, sein Magen würde nach unten gepresst.
Er biss die Zähne zusammen. Die mit Pergament ausgekleideten Schachtwände glitten an ihnen vorbei, unterbrochen von den Türöffnungen der Decks, die sie passierten. Artax wusste, dass weiter oben Wechselgewichte an eine Kette gehängt worden waren, die nun durch einen Parallelschacht in die Tiefe glitt. Diese Gewichte richtig auszubalancieren entschied darüber, wie die Fahrt im Käfig endete.
Erleichtert nahm Artax zur Kenntnis, dass sich der rasende Aufstieg ein wenig verlangsamte. Im nächsten Moment gab es einen harten Schlag. Der Käfig prallte gegen die mit Leintüchern gepolsterte Haltestange, die auf ihrem Zieldeck in den Schacht geschoben worden war. Der Zwerg wurde gegen die Wand aus Bambusrohr geschleudert. Artax hatte das Gefühl, dass er sein Frühstück nicht bei sich behalten würde.
Die Tür des Käfigs wurde aufgerissen. Juba erwartete ihn bereits. Leicht schwankend verließ Artax den Bambuskäfig und trat in einen kleinen Saal, in dem der Kriegsherr und einige Himmelshüter in ihren blütenweißen Umhängen ihn erwarteten. Sie alle wirkten angespannt.
»Sind alle auf ihrem Posten?«, brachte Artax stockend hervor und rieb sich die von dem Aufprall schmerzenden Glieder.
»Ja«, blaffte Juba. »Und es ist die blanke Unvernunft, Erhabener! «
»Meinen Helm!«
Der Kriegsmeister reichte ihm den prächtigen Maskenhelm. Artax setzte ihn auf. Er wusste, dass er in dieser Rüstung fast unverwundbar war. Aber sie könnten ihn in die Tiefe stürzen … Seine Hände zitterten leicht vor Aufregung. Er kämpfte kurz mit dem Kinnriemen des Helms und gab auf.
»Zieh den Riemen straff, Juba.«
Sein Kriegsmeister gehorchte. Er zog das Lederband sogar so straff, dass es in die weiche Haut unter dem Kinn schnitt. »Lass mich wenigstens mitkommen.«
»Du wirst sterben. Ich muss es allein tun.« Artax prüfte den Sitz des Schwertgurtes und versicherte sich, dass die Klinge leicht aus der geölten Scheide glitt.