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»Es sind alle unter Deck?«

»Ja!«, zischte Juba.

»Das Banner.«

Sein Befehlshaber winkte einem der Himmelshüter, die zu seiner Eskorte gehörten. Der Krieger überreichte Artax ein gefaltetes Seidenbanner.

Zufrieden nickte der Unsterbliche. »Es sind auch alle Wolkenschiffer aus der Takelage in Sicherheit?«

»Ja, Herr. Es sind alle unter Deck und die Türen sind von innen verschlossen.«

»Die Geschütztürme sind gefechtsklar?«

»Die Feuerschalen sind entzündet, die Brandkugeln bereit. Alles wartet auf dein Zeichen.«

Artax lächelte und seine Wangen spannten sich unter dem eng anliegenden Maskenhelm. »Ich denke, dann bleibt nur noch eins zu tun. Bete für mich.«

Mit festem Schritt trat er hinaus auf das Oberdeck, während hinter ihm die schwere Holztür verriegelt wurde. Der Himmel voraus war voll von Kriegern in Fluggeschirren. Mindestens zweihundert von ihnen trieben an Sicherungsleinen dem Palastschiff entgegen. Einige der Leinen hatten sich bereits verheddert, obwohl die Wolkensammler instinktiv versuchten, Abstand zueinander zu halten.

Die Krieger der Ischkuzaia waren ein prächtiger Anblick. Die meisten von ihnen trugen bronzene Schuppenpanzer, die nur bis zu den Hüften reichten. Breite Schulterklappen waren mit Lederschnüren festgezurrt. Die Arme blieben ungerüstet. Manche der Krieger hatten Beinlinge aus Bronzeschuppen umgeschnallt. Die meisten jedoch trugen karmesinrote Hosen, die vereinzelt goldene Amulette zierten. Kurze, weiche Stiefel erinnerten daran, dass diese Männer eigentlich auf Pferderücken und nicht am Himmel zu Hause waren. Helme schienen verpönt zu sein, und so bändigten sie ihr langes, offenes Haar mit Stirnbändern oder Lederriemen. Lanzen, kurze Schwerter und Äxte, die statt in einem Blatt in einem spitzen Dorn endeten, waren ihre bevorzugten Waffen.

Hoch erhobenen Hauptes schritt Artax über das verwaiste Deck, dem Schwarm der Angreifer entgegen. Von etlichen der Fluggeschirre flatterten kurze Seidenbanner, die mit stilisierten Tieren geschmückt waren, wie er sie auf Wandmalereien des Wolkenschiffes gesehen hatte.

Übermut kommt vor dem Fall, Bauer. Glaub ja nicht, dass deine Rüstung dich noch schützen wird, wenn sie dich übermannen, zu Boden werfen und dir einen Dolch durch den Augenschlitz stoßen. Allerdings sind wir dir dankbar dafür, dass du keine Gelegenheit auslässt, dich umzubringen. Es wird eine große Erleichterung sein, bald in einem Leib zu stecken, in dem es auch Verstand gibt.

Artax’ Hände begannen zu zittern. Er vertraute darauf, dass die Ischkuzaia erkannten, wer er war, und gar nicht wagten, ihn anzugreifen.

Der erste der Krieger landete auf einem Geschützturm. Er zerrte an seinem Fluggeschirr, wurde aber hart gegen die Brustwehr geschlagen, bevor er alle Riemen lösen konnte. Der Wolkensammler, der ihn getragen hatte, schnellte von seiner Last befreit in die Höhe, bis sich die Sicherungsleine straff wie eine Harfensaite spannte.

Die meisten Ischkuzaia lösten ihr Fluggeschirr noch in der Luft. Mit der Eleganz von Katzen, die von einer Mauer springen, landeten sie auf dem Oberdeck. Ihre Rüstungen klirrten, während sie in die Knie federten, um die Wucht des Aufpralls abzumildern. Einer blieb liegen und hielt sich fluchend das Bein.

Artax ließ das Seidenbanner fallen. Der sanfte Wind schob die Stoffbahnen auseinander. Der Unsterbliche stellte einen Fuß auf die Flagge, damit sie nicht davongetrieben wurde.

Einer der Ischkuzaia schrie wutentbrannt auf, und da erst erkannte Artax, welchen Fehler er gemacht hatte. Sie hatten es als Schmähung ihres eigenen Banners aufgefasst. Beschwichtigend hob er die Hände.

»… Bastard!«

Artax verstand den Zornesruf nicht ganz. Er beherrschte nur wenige Worte aus der Sprache der Steppenreiter. Aber die Art, wie der Rufer seine Dornaxt schwenkte, ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, was gemeint war. Der Axtkämpfer war ein wenig kleiner als er. Schreiend kam er auf ihn zugelaufen. Wie gebannt blickte Artax auf die funkelnde Spitze des Bronzedorns. Die Worte seines Quälgeists Aarons fielen ihm wieder ein – dass ihn selbst diese vollkommene Rüstung nicht würde retten können, wenn die Waffe durch einen der beiden Augenschlitze seines Maskenhelms drang.

»Steh oder stirb!«, herrschte er den fremden Krieger in der Göttersprache an. »Siehst du nicht, wen du vor dir hast?«

Aber der Steppenreiter rannte einfach weiter. Es schien kein Hauptmann oder Adliger in der Nähe zu sein, der ihn verstand. Oder sie alle waren blind vor Zorn! Sie hätten den Maskenhelm erkennen müssen!

Artax zog sein Schwert. Im Gegensatz zu Aaron hatte er noch nie zuvor einen Mann getötet.

Dem ersten Hieb der Dornaxt konnte er ausweichen. Er trat dicht an den Krieger heran und rammte ihm mit einem harten Stoß den Schwertknauf gegen die Schläfe. Der Axtkämpfer fiel wie vom Blitz getroffen, doch schon umringten Artax weitere Krieger. Eine Klinge traf ihn im Rücken und glitt vom gehärteten Leinen seiner Rüstung ab. Aus den Augenwinkeln sah er bereits, wie einer der Ischkuzaia zu einem Stich ansetzte, der auf einer seiner ungepanzerten Kniekehlen zielte.

Lass uns deinen Körper führen. Gegen die Übermacht werden wir nicht siegen, aber wir sind in der Stimmung, ein paar Leben auszulöschen. Und du hast wenigstens einen würdigen Abgang, wenn du inmitten eines Haufens erschlagener Feinde verreckst.

Artax fluchte. Einen Dreck würde er tun! Wenn er sich einfach aufgab und Aaron gewähren ließ, würde er vielleicht niemals mehr Herr in seinem Körper sein. Mit grimmiger Entschlossenheit fuhr er herum, und die Wucht seines Schwerthiebes ließ die Waffe seines Gegners zerbrechen.

Wieder traf ihn ein Schlag in den Rücken. Er war jetzt von Steppenreitern umringt. Sie schrien; Mordlust stand in ihren Augen.

Ja, Juba, dachte er reumütig, jetzt erkenne ich, wie gründlich ich mich verschätzt habe.

»Ich werde nicht allein zu den Göttern gehen!«, rief er ihnen in der Göttersprache entgegen. Er schlug einen Speerschaft mit seinem gepanzerten linken Arm zur Seite und drang auf den Krieger ein, der ihm am nächsten stand. Ihm war jetzt alles egal. Nur eines zählte noch. Er wollte möglichst viele der Steppenreiter mit sich nehmen, wenn er denn gehen musste.

Für einen ehrenvollen Abgang brauchte er Aarons Hilfe nicht. Seine Waffen waren von Göttern geschmiedet, seine Sinne in endlosen Fechtstunden geschärft. Der Kampf glich einem Tanz. Dieses Wissen war tief in seinem Körper verankert, und um es abzurufen, musste er sich nicht Aaron überlassen. Er wirbelte herum, ließ seine Klinge niederfahren. Nie brauchte er einen zweiten Hieb, um den Tod zu bringen. Die Ischkuzaia wichen zurück. Sie bildeten nun einen weiten Kreis und zogen die kurzen Steppenbögen aus den Köchern an ihren Hüften.

Die haben ja sogar Verstand, diese Pferdeschänder. Sie werden dich mit Pfeilen spicken, statt im Nahkampf gegen dich zu verrecken. Jetzt, Bauer. Jetzt bist du tot.

Ein Makel in der Schöpfung

Etwas hatte sich verändert. Nicht bei ihr. Sie saß immer noch auf dem kalten Felsboden und versuchte, eins zu werden mit der Magie in der Welt. Aber er war anders. Ahnte er etwas von ihrem Gespräch mit Bidayn? Hatte er es doch geschafft, in ihren Gedanken zu lesen?

Verstohlen beobachtete Nandalee den weißen Drachen aus den Augenwinkeln und dieser blinzelte sie an. Er hatte es gemerkt. Unruhig schabte sein Schwanz über den Felsen und seine Krallen klickten auf dem Stein.

So hatte sie ihn noch nicht erlebt.

Seine Unruhe griff auf die Schüler über. Niemand schaffte es heute Morgen, sich in seine Meditation zu versenken und zu schweben, aber niemand wagte etwas zu sagen. Wie immer herrschte völliges Schweigen unter den Schülern.

Nandalee wusste nicht, ob der Drache in Gedanken zu den anderen sprach. In ihren Gedanken jedenfalls war seine Stimme heute noch nicht erklungen. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie es war, die ihn so sehr beschäftigte, dass er keine Ruhe fand.

Die Elfe blickte hinaus auf die Berge. Sie vermisste ihre Heimat. Die langen Streifzüge als Jägerin. Sie war nicht dazu geschaffen, den ganzen Tag am Boden zu hocken und in sich hineinzuhorchen! Nandalee hatte den Verdacht, dass sie keinerlei Talent besaß. Sie brachte es ja nicht einmal fertig, sich gegen die Kälte zu schützen. Und war das überhaupt notwendig? Sie besaß die Fähigkeit zu jagen und konnte sich aus Fellen einen warmen Mantel machen. Wozu also Zauber weben! Man kam auch ohne diese gefährliche Gabe ganz hervorragend durchs Leben.