Sie atmete schwer ein. Philosophische Gedanken waren nicht ihre Welt. Allerdings ahnte sie, dass ihr Leben von ihrer Antwort abhing – und dass sie nicht zu plump ausfallen sollte. »Ich bin eine einfache Jägerin. Ich habe in den Wäldern und auf den Eisebenen Carandamons gelebt. Dort ändert sich die Welt an jedem Tag. Die Jahreszeiten folgen einander. Bäume wachsen und stürzen. Ein Sturm vermag einen Wald in einer Nacht zugrunde zu richten. In meiner Welt gab es keinen Stillstand.«
Und doch folgt auf den Frühling unabänderlich immer der Sommer. Jedes Leben strebt dem Tode entgegen. Alles unterliegt eisernen Gesetzen. Selbst die Winde. Niemals reicht die Kraft des warmen Blumenwindes, der manchmal von Süden her über das Waldmeer zieht, bis hinauf nach Carandamon. Alles unterliegt eisernen Gesetzen! Und was sich diesen Gesetzen nicht fügt, vermag keinen Bestand zu haben.
Nandalee zuckte zusammen. Kurz fragte sie sich, was geschehen würde, wenn mehrere Drachen gleichzeitig in ihrem Kopf sprächen. Ob sie dann von der Hitze ihrer Stimmen verbrennen würde? Sie wusste nicht, welche Regenbogenschlange soeben in ihre Gedanken gedrungen war. Sie hatte den smaragdgrünen Drachen im Verdacht. Wer auch immer es war, er schien auch in den Gedanken des Dunklen gesprochen zu haben, denn der Elf nickte beifällig.
»Ich werde mich in euer Urteil fügen. Aber ich bitte euch, eines zu bedenken: Ich stehe heute hier, weil ich einem stolzen Sechzehnender über eine Lichtung folgte. Sie war tief verschneit. Der Schnee unberührt. Bis auf den Wildwechsel, der die Lichtung querte. Mit seinen starken, schlanken Beinen hätte er ohne besondere Mühe durch den Schnee brechen können, aber er folgte dem vorgegebenen Weg. Und an ebendiesem Wildwechsel lauerte ein Troll im Schnee, der den Hirsch tötete. Ein paar Schritt rechts oder links vom Wildpfad wäre der Sechzehnender diesem Schicksal entgangen. Ich glaube, nicht alle Wege sind uns in unserem Leben fest vorgegeben, auch wenn es so scheinen mag. Es ist die Abwechslung, die das Leben bereichert und manchmal sogar verlängert.«
Der Dunkle lachte. Es war ein warmes, ansteckendes Lachen, das Angst und Zweifel auslöschte. »Wohl gesprochen, Elfentochter. Klug und ohne Furcht. Ihr sollt Euer Leben behalten! Es ist meine Stimme, die hier den Ausschlag gibt.« Bei diesen Worten blickte er herausfordernd zu den Regenbogenschlangen.
Der smaragdgrüne Drache stieß einen zischenden Laut aus. Auch der Rote wirkte aufgebracht. Der Nachtblaue zeigte keinerlei Regung. Die übrigen verhielten sich ruhig oder vielleicht auch abwartend. Der Goldene aber verließ seinen Platz und kam auf Nandalee zu.
Sie wich einen Schritt zurück. Doch der Dunkle griff sie am Handgelenk. »Fürchtet Euch nicht. Er ist Euch geneigt.«
Darf ich Euch berühren?
Nandalee blickte zu dem Drachen auf, der noch ein deutliches Stück größer als ihr Lehrmeister war. Es erschien ihr unwahrscheinlich, dass sie eine Berührung durch ihn ohne Schaden überstehen würde, aber er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab. Schnell wie ein herabstoßender Falke war er über ihr und strich mit einer einzelnen vorgestreckten Kralle vorsichtig über ihre Stirn. Sie war kühl. Von der Krallenhand ging Verwesungsgeruch aus. Braune Sprenkel auf den Schuppen mochten getrocknetes Blut sein. Unter einer der Krallen haftete etwas, das an zerfasertes Fleisch erinnerte.
Nandalee hatte den Eindruck, dass der Goldene und der Dunkle sich in Gedanken austauschten.
»Ihr bleibt ein Rätsel«, sagte der Elf schließlich freundlich und ließ ihr Handgelenk los.
Erst in diesem Augenblich wurde sich Nandalee bewusst, dass er dasselbe getan hatte wie der goldene Drache. Nur dass er nicht um Erlaubnis gefragt hatte, sie zu berühren.
»Ein Hauch von Untergang umgibt Euch, Elfentochter. Wir werden Euch beobachten, denn mit Euch ist etwas Neues in die Welt gekommen. Ich sollte die Gazala nach Eurem Schicksal befragen. Ihr seid …«
Der Goldene ließ seinen Schwanz über den Steinboden peitschen. Überrascht blickte der Elf zu dem Drachen auf. Eine kleine Falte erschien zwischen seinen Brauen. Nandalee fragte sich, worüber die beiden sich wohl austauschten. Und wer waren die Gazala?
Das stumme Zwiegespräch währte eine Weile. Schließlich schien es, als füge sich der Goldene. Er neigte das Haupt und sah sie an. Nandalee glaubte, Kummer in seinem Blick zu erkennen.
»Mein Freund hat keine sehr hohe Meinung von den Gazala«, erklärte der geheimnisvolle Elf. »Und er glaubt, dass ein Schatten auf jedem Leben liegt, dessen Schicksal man im Voraus zu ergründen versucht. Aber ich wüsste zu gern, ob es Eurem Lehrmeister gelingen wird, Euer Verborgenes Auge zu öffnen. Ihr habt einen künftigen König getötet, als Ihr nur eine einfache Jägerin wart. Was werdet Ihr wohl tun, wenn Ihr eine Zauberweberin und Drachenelfe werdet?«
Flügelsonne und Pferdekopf
»Wer ist euer Hauptmann?«, schrie Artax aus Leibeskräften und blockte einen Pfeil ab, der auf seinen Hals zielte. Sie hatten ihn eingekreist. Immer mehr Ischkuzaia tauschten Schwerter und Dornäxte gegen kurze Steppenbögen. Sie knieten nieder und zogen die Sehnen auf.
Überall um ihn herum waren nun Steppenkrieger in schimmernden Bronzerüstungen und roten Hosen. Die Wolkensammler mit den Fluggeschirren schwebten davon.
Unter die wilden Kriegsrufe der Ischkuzaia mischte sich das durchdringende Klacken des hölzernen Räderwerks der Geschütztürme. Alle zugleich schwenkten sie nach Steuerbord, so wie er es Juba befohlen hatte. Artax’ Atem ging keuchend, als er nun erneut seine Stimme erhob. »Wenn ich sterbe, dann wird euer Wolkenschiff brennend aus dem Himmel stürzen.«
Ein schroffer Befehl erklang hinter Artax und die Steppenkrieger senkten die Bögen. Endlich kommen sie zur Vernunft, dachte er erleichtert und drehte sich um.
Zwischen den Kämpfern kam ein Jüngling über das Deck geschritten. Er war wie die übrigen Ischkuzaia bewaffnet, doch spross ihm noch kein Bart.
»Wer bist du?« Der junge Krieger sprach fast ohne Akzent.
Artax ließ sein Schwert sinken und straffte sich. »Wer könnte ich wohl sein?«
»Der Mann, der sich gegen das erste Gesetz Nangogs vergangen hat und den die Devanthar richten werden, wenn ich es nicht schon vorher tue.« Der Jüngling zog eine Dornaxt aus seinem Gürtel und trat noch einen Schritt näher. Wie die übrigen Steppenkrieger hatte er seine Augen mit Ruß umrandet, so dass sie groß und bedrohlich aussahen.
Artax brauchte einen Moment, um sich Aarons Erinnerungen über die Gesetze Nangogs ins Gedächtnis zu rufen. Die Unsterblichen sollten in dieser Welt keine Kriege führen. Es war eines der wenigen Vergehen, die sie ihre Macht kosten konnten.
»Und du fühlst dich nun zum Scharfrichter der Devanthar berufen? «, entgegnete er spöttisch. »Wer bist du, dass du ihrem Urteil vorzugreifen wagst, Jüngling? Du stehst mit der Waffe in der Hand auf meinem Schiff.« Er deutete mit der Hand zum Palastschiff hinauf, das sie in Schlepp hatten. »Und du weißt nicht, was dort geschehen ist. Der Einzige hier, der Gefahr läuft, seinen Kopf zu verlieren, bist du.«
»Ich bin Shaya, die siebenunddreißigste Tochter des Unsterblichen Madyas, des Großkönigs von Ischkuzaia.«
Artax erstarrte, einen Augenblick lang schien die Welt innezuhalten und ein Bild, das so lange seine Tagträume beherrscht hatte, verschmolz mit der Wirklichkeit. Gut, Almitra hatte in seiner Vorstellung noch nie Helm und Rüstung getragen, aber die Art wie sie ihn herausfordernd ansah! So hatte er Almitra vor sich gesehen, wenn sie stritten. Die funkelnden Augen, die keinen Widerspruch duldeten, die kleine Falte zwischen den Brauen. Das war sie!
»Du bist mein Gefangener. Und dieses Schiff gehört nun mir«, sagte Shaya. Artax musste lächeln, so sehr entsprach die junge Prinzessin jener erträumten Liebsten, mit der er im Geiste so viele gemeinsame Stunden verbracht hatte und zugleich auch all den Klischees, die er über die Ischkuzaia kannte. Sie war geradeheraus. Ihr Denken war einfach und trotzdem war es unmöglich, ein vernünftiges Wort mit ihr zu wechseln. Vielleicht verstand sie die Göttersprache nicht so gut? Vielleicht hatte er zu schnell gesprochen? Also erklärte er ihr erneut, diesmal langsam und in einfachen Worten, dass er sich keinesfalls als Gefangener betrachtete.