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Sie musterte ihn einige Zeit lang schweigend. Dann zwinkerte sie ihm zu – oder hatte er sich das Zwinkern nur eingebildet? – und antwortete fast akzentfrei in seiner Sprache. »Ich bin keine dumme Hirtin. Und doch bin ich den Gesetzen der Ehre unterworfen. Bist du ein geschickter Händler und Täuscher, so wie die meisten aus deinem Volk, die sich in die Steppen des Nordens wagen? Ich werde es nicht mehr herausfinden. Ich bin mit Kriegern auf dein Schiff gekommen, um eine Schmach zu sühnen. Die Ehre gebietet mir, zu kämpfen und zu siegen oder zu sterben.«

Artax ließ sein Schwert fallen. »Du hast gesiegt, niemand muss sterben.« Dann deutete er auf das Banner, das inzwischen von Shayas Kriegern geborgen worden war. »Hisst es über meinem Königsbanner. Dann können alle in der Goldenen Stadt sehen, dass du ohne Zweifel gesiegt hast.«

Shaya sah ihn verblüfft an und schüttelte den Kopf. »Du verschenkst den Sieg?«

»Ich verschenke nichts. Ich versuche dein Gesicht zu wahren. Aber auch ich darf meine Ehre nicht verlieren. Deshalb werden beide Wolkenschiffe an einem der Ankertürme meines Palastes anlegen. Danach kannst du dein Schiff nehmen.«

»Das geht nicht. Als Siegerin würde ich niemals deinen Palast ansteuern!«

»Aber wie könntest du dein Banner über dem meinen hissen, wenn du nicht gesiegt hättest? Es geht doch nur um das, was die dort unten denken, nicht wahr? Sie werden nicht verstehen, was sie sehen. Es ist ein Widerspruch in sich. Und deshalb werden sie künftig dem glauben, dem sie schon immer geglaubt haben. Ich werde behaupten, einige deiner Männer hätten es geschafft, meinen Flaggenmast zu besetzen. Und der Beweis für meinen Sieg wird die Tatsache sein, dass die Schiffe vor meinem Palast ankerten. Du aber kannst vorgeben, es sei dir mit deinen wenigen Kriegern gelungen, mich auf meinem Schiff zu überraschen und das Oberdeck zu erobern. Allerdings konntest du nicht bis zur Lotsenkanzel vordringen, weil unsere Übermacht zu groß war. So schaffte es mein Lotse, die Schiffe zum Ankerplatz meines Palastes zu bringen. Dennoch glückte dein kühner Handstreich alles in allem, denn dein Banner wehte über dem meinem und es gelang dir, noch nachdem wir vor Anker gegangen waren und meine Palastgarden das Schiff stürmten, mit deinem Wolkenschiff zu entkommen. Du wirst eine Heldin sein. Und keiner von uns beiden verliert sein Gesicht.«

Zweifel und Hoffnung hielten sich die Waage, als er forschend in ihr Antlitz blickte, hoffte, darin Zustimmung zu finden. Seine erträumte Gefährtin Almitra würde diesen Vorschlag nicht nur verstehen, sie würde ihn auch schätzen. Vielleicht wäre sie sogar ein ganz klein wenig ungehalten darüber, dass es nicht der ihrige gewesen war. Aber im Grunde war ihm das auch nicht so wichtig. Almitra gab es nur in seinen Gedanken. Shaya hingegen war real, und sie hielt eine Dornaxt in Händen, keine Schale dampfender Kohlsuppe.

Shaya blickte zweifelnd zum Wolkenschiff ihres Volkes auf. »Was du vorschlägst, ist Betrug.«

»Wir können uns natürlich auch ganz ehrenhaft verhalten. Dann wird das Schiff deines Volkes brennend aus dem Himmel fallen und dieses Deck wird rot sein vom Blut unserer Krieger. Ich werde diesen Kampf gewinnen, Shaya. Ich bin ein Unsterblicher und außer meiner Arroganz verfüge ich auch noch über mehr Truppen. Wenn du besiegt bist, werde ich deinen Vater anklagen, sich gegen die Gesetze Nangogs vergangen zu haben, denn wir brachten friedlich hierher, was wir herrenlos treibend in den Wolken fanden, woraufhin seine Tochter uns angriff. Der Löwenhäuptige, der Devanthar, der über mich wacht, wird mein Zeuge sein.«

Ihr Lächeln wurde kühl. »Das wird dir niemand glauben.«

»Es sind die Sieger, die entscheiden, was die Wahrheit ist. Du bist die Tochter eines Unsterblichen. Du weißt, dass es so ist. Und nun zeig den Mut, der deiner hohen Geburt entspricht.« Artax hoffte, dass sie sich entschieden hatte, mit ihm in seiner Sprache zu sprechen, damit ihre Krieger sie nicht verstanden. Sonst hätte er mit seiner Offenheit jede Aussicht auf ein Einlenken von ihr verspielt. Ihre Krieger durften nicht wissen, auf was für einen Pakt sie sich eingelassen hatte. Die Steppenreiter würden auch dieses Abkommen als ehrlos betrachten. Wahrscheinlich, weil es durch und durch vernünftig war. Die Reisenden, die Ischkuza besucht und an seinem Hof vom Steppenreich berichtet hatten, waren sich alle einig darin gewesen, dass Ehre und Vernunft so gut wie nie auf einen Nenner zu bringen waren. Wenn man das akzeptierte, dann wurde der Umgang mit den Nomaden sehr einfach.

Shaya setzte den Fuß auf sein Schwert. »Nimm den Helm ab, Aaron, König aller Schwarzköpfe!«, befahl sie nun in ihrer Muttersprache.

Artax zögerte kurz. Sie hatte ihre Dornaxt erhoben. Nahm er den Helm ab, wäre es ein Leichtes, ihn zu töten. Machte er sich gerade zum Narren und legte nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern auch das seiner Männer in die Hände einer Frau, die ihm nur deshalb so vertraut erschien, weil er viele Abende mit einem imaginären Spiegelbild ihrer selbst in einer imaginären Bauernkate zugebracht hatte? Er suchte in ihren Augen nach einem Zeichen, das ihm verriet, ob sie sich auf den Pakt mit ihm einlassen würde. Es waren dunkelbraune, fast schwarze Augen, voller Leidenschaft. Aber eine Antwort fand er nicht in ihnen.

Er atmete schwer aus. Almitra. Shaya. Almitra. Shaya. Sie wartete und sah ihn aufmerksam an. Sie strich sich eine Strähne ihres Haars aus der Stirn. Ganz so, wie es Almitra oft in seinen Träumen getan hatte. Das war ein Zeichen! Plötzlich war Artax sich sicher, dass er ihr vertrauen konnte. Er tastete nach seinem Kinnriemen und malte sich aus, wie Juba, der ihn gewiss beobachtete, nun fluchte.

Artax wusste, dass er eine Grenze erreicht hatte. Er hatte sein Schwert gestreckt und ihr Banner würde über seinem wehen. Der Aaron, der zu sein er sich bemühte, konnte ihr jetzt keinen Zoll mehr entgegenkommen, ohne in aller Augen als Verlierer dazustehen.

Shayas Krieger verteilten sich auf dem Deck und besetzten die Eingänge zu den Geschütztürmen und den tiefer gelegenen Decks. So verteilt, wurde überdeutlich, wie wenige sie waren. Einem entschiedenen Gegenangriff würden sie nicht standhalten. Zwei ihrer Männer erklommen mit dem Banner, das auf dem Deck gelegen hatte, den Flaggenmast des Palastschiffes. Unter allgemeinem Johlen wurde sein Banner mit der geflügelten Sonne eingeholt und das Pferdekopfbanner der Ischkuzaia gehisst.

Shaya ließ ihre Dornaxt sinken, und wer es nicht besser wusste, hätte sie für befreundete Hauptleute halten können.

»Warum schickt ein Vater seine Tochter in die Schlacht?«

Die Steppenkriegerin bedachte ihn mit einem spöttischen Lächeln. »Jeder Mann, der auf einem Schlachtfeld steht, wurde von einer blutenden Frau in die Welt gesetzt. Wie kommst du darauf, dass Frauen, die unter solchen Umständen Leben schenken, nicht auch im Stande wären, auf blutige Art Leben zu nehmen? Ist das Töten in der Schlacht ein Privileg der Männer? Mein Volk wurde groß, weil es sich solchen Unsinn nicht geleistet hat. Ich glaube auch, dass Frauen mehr Schmerz und Leid ertragen können als Männer.« Ihr Grinsen wurde noch etwas breiter. »Wahrscheinlich würde kaum ein Mann das Kindbett überleben, wenn ihr es wäret, die Kinder gebären müsstet.«

Er mochte ihre nassforsche Art. Sie war anders als alle Frauen, die ihm bisher begegnet waren. Anders als alle Frauen aus Fleisch und Blut, die ihm jemals begegnet waren, korrigierte er sich. »Du hättest Wolkenschiffer mitbringen sollen. Das Schiff hält weiterhin Kurs auf die Ankertürme meines Palastes. Du kannst die Lotsenkanzel nicht erobern und wenn du deine Männer in die Takelage schickst, werden sie die Aufgänge zum Oberdeck nicht mehr bewachen können.«

Ihr Antlitz verhärtete sich. Die dunkel umrandeten Augen ließen sie ohnehin schon düster erscheinen. Artax hätte sie gerne ohne diese Schminke gesehen.