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»Was bezweckst du, Unsterblicher?«, fragte sie in seiner Sprache. »Mir scheint, du hast alles vorausgeplant. Es ist auch kein Geheimnis, wie viele Wachen mit Wolkenseglern den Palast meines Vaters schützen. Wozu das alles? Willst du einen Krieg mit den Ischkuzaia? Die Devanthar gestatten keine Kriege zwischen den großen Reichen. Was kannst du gewinnen?«

»Ich will gar nichts gewinnen. Ich habe euer Schiff hoch in den Wolken gefunden, und es schien, als wolle sich der Wolkensammler vor allen Blicken verbergen. Niemand an Bord lebte mehr. Ich hätte es weiter als ein Grab im Himmel treiben lassen können. Oder es zu euch bringen. Dann stellte ich mir die Frage, was ihr wohl tun würdet, wenn ich mit einem eurer Schiffe im Schlepp hierherkomme. Ich habe meine Ankunft in der Goldenen Stadt geplant, nicht mehr und nicht weniger.«

Sie sah zu dem Schiff. »Alle dort oben sind tot?« Ihre Maske der kalten Kriegerin zerbrach. »Alle?«, wiederholte sie ungläubig. »Wie konnte das geschehen?«

»Ich weiß es nicht. Ich war nur mit einer kleinen Eskorte an Bord. Wir haben nichts angerührt. Ich habe meiner Mannschaft verboten, das Schiff zu betreten und den Frieden eurer Toten zu stören. Du wirst alles unverändert vorfinden. Die meisten liegen in dem großen Saal unter dem Schiffsbaum. Es scheint, als hätten sie ein Ritual abgehalten …«

Ihre Wangenmuskeln spannten sich. Rang sie um Selbstbeherrschung? Oder war sie verärgert, weil Fremde eine der heiligen Stätten ihres Volkes betreten hatten?

»Du hast freiwillig in Kauf genommen, dass ich dich demütige? « Abrupt kniete sie nieder und hob sein Schwert auf. Den Griff voran reichte sie ihm die Waffe. Noch immer arbeitete es in ihrem Gesicht. Sie sah zum Flaggenmast auf und rief etwas in der derben Sprache ihres Volkes. Sie musste den Befehl ein zweites Mal rufen, bevor die beiden Krieger auf dem Flaggenmast gehorchten. Sie holten das Banner der Ischkuzaia ein.

»Wir haben unser Gesicht vor dir verloren, Aaron, Herrscher der Schwarzköpfe. Wir waren es, die gefrevelt haben.« Demütig neigte sie ihr Haupt. Ihre Stimme zitterte leicht.

Artax betrachtete die Toten. Sechs ihrer Krieger hatten sinnlos ihr Leben gegeben. Er straffte sich. Nein, so zu denken war falsch. Hunderte waren gerettet. Das Verderben war abgewendet. Allein das zählte.

Shaya rief weitere Befehle. Ihre Krieger versammelten sich um sie. Sie hoben die Toten vom Deck. Dann schob die Tochter des Großkönigs die Dornaxt in ihren Gürtel und verneigte sich. »Du bist ein weiser Mann, Aaron.« Mit diesen Worten zog sie sich zur Reling zurück.

Im Westen sah Artax die goldschimmernden Ankertürme seines Palastes aufragen. Sie waren noch etwas mehr als eine halbe Meile entfernt. Die Ischkuzaia begannen die Schleppseile zu ihrem Wolkenschiff zu erklimmen. Artax bewunderte ihren Mut und ihr Geschick. Die stärksten von ihnen hatten die Toten auf ihren Rücken gebunden. Hand über Hand zogen sie sich die Seile hinauf. Mitten zwischen Himmel und Erde. Shaya war die Letzte, die das Deck verließ. Noch einmal verbeugte sie sich, dann folgte sie ihren Kriegern. Sie verschwanden wie ein Spuk. Nur die Blutflecke auf dem Deck erinnerten noch an sie.

Der verborgene Schlüssel

Drei Tage waren vergangen, seit Nandalee die Versammlung der Regenbogenschlangen verlassen hatte. Der Schwebende Meister hatte sie seitdem immer wieder bedrängt, ihr alles über ihre Begegnung mit den alten Drachen zu erzählen. Er war freundlicher geworden, was ihren Umgang mit den anderen Schülern nicht einfacher machte. Als sie erfuhren, wo sie gewesen war, hielt selbst Bidayn wieder Abstand zu ihr. Nandalee war allein, obwohl der nächste Elf nur eine Armlänge entfernt saß. Auf all den langen, einsamen Jagden in der Vergangenheit hatte sie sich nie so verloren gefühlt wie hier in diesem Felsennest. Und die Magie widersetzte sich ihr nach wie vor. Ihr Verborgenes Auge wollte sich nicht öffnen, ganz gleich, wie sehr sie sich auch anstrengte.

Sie verließ ihren Platz und ging zum Rand der Klippe, wo der weiße Drache kauerte und mit ausgeweiteten Flügeln ein Sonnenbad nahm.

»Glaubst du, ich werde jemals eine Zauberweberin werden?« Sie flüsterte, um die übrigen Elfen nicht in ihrer Meditation zu stören. Bidayn schwebte wieder. Sie beneidete ihre Mitschülerin. Wahrscheinlich würde sie bald von den Drachenelfen geholt werden und dieses elende Felsloch für immer verlassen.

Euch fehlt es an innerer Ausgeglichenheit, Dame Nandalee. Ihr könnt bereits Zauber weben. Ihr vermögt einen Pfeil allein kraft Eurer Gedanken in ein Ziel zu lenken. Ihr müsst nur lernen, Eure Kräfte zu beherrschen. Sie bewusst einzusetzen.

»Das ist etwas anderes!«, zischte sie verärgert. Was wusste der Meister schon vom Bogenschießen? Das war, als würde man Steine und Äpfel miteinander vergleichen, nur weil sie etwa gleich groß waren.

Magie ist in allem, was wir tun, Dame Nandalee. Ihr müsst das Wesen der Magie nicht verstanden haben, um ihrer teilhaftig zu werden. Vollkommenheit ist ein Synonym für etwas, in dem Magie lebendig ist.

»Ein was? Ein Syh no nühm?«

Zwei Worte mit gleichem Sinn oder Inhalt. In allem, was vollkommen ist, wohnt Magie. Selbst wenn Ihr Euch gar nicht bewusst wart, dass Ihr einen Zauber gewoben habt. Der vollkommene Schuss, der gegen jede Wahrscheinlichkeit sein Ziel trifft. Oder nur eine einfache Bewegung … Seht!

Der Meister fächerte seine Flügel auf. Es war eine Freude, ihm dabei zuzusehen. Sprühendes Licht brach sich auf den Schuppen, die Bewegung war voller Anmut. Sie berührte den Betrachter in seinem Innersten und ließ Frieden in ihn einkehren.

Es geht natürlich auch so.

Der Drache faltete die Flügel und öffnete sie erneut. Jetzt waren es nur riesige Lederlappen, die sich ausfalteten. Der Bewegung fehlte jegliche Grazie, obwohl Nandalee nicht benennen konnte, was der Drache anders gemacht hatte.

Ihr solltet Euer Gesicht sehen, Elfentochter. Überrascht? Ich bin mir sicher, wenn Ihr mit dem Bogen schießt, ist es ganz ähnlich wie bei meinem Beispiel. Ihr seid eins mit allem, was Euch umgibt, ohne noch darüber nachdenken zu müssen. Das ist Magie, Dame Nandalee. Ihr teilt Eure Kraft mit allem, und alles teilt seine Kraft mit Euch. Ein Stoß mit Eurem kleinen Finger vermag mich von dieser Klippe zu stürzen, wenn Ihr eins seid mit allem um Euch herum.

»Und wie werde ich eins?«

Wie macht Ihr es beim Bogenschießen? Beschreitet diesen Weg! Er ist Euch vertraut. Es mag sein, dass er Euch an Euer Ziel führt. Und lasst Euch nicht ablenken. Es ist ohne Belang für Euch, wer noch an diesem Ort zugegen ist. Es ist ohne Belang, was sie von Euch denken. Ihr müsst eins mit Euch selbst sein. Dann werdet Ihr Respekt erfahren. Versucht Ihr aber, ihnen zu gefallen, dann verschließt Ihr Euch die Türen vor Eurem Innersten. Den Weg dorthin könnt Ihr nur allein finden.

Nandalee seufzte. Sie hatte das Gefühl, nicht einmal die Hälfte von dem verstanden zu haben, was der Schwebende Meister sagte. Ja, es erschien ihr widersprüchlich. Sie sollte eins mit allem sein, aber sie sollte zugleich auch alle um sich herum ignorieren.

Alles ist in Euch, Elfentochter, aber Ihr müsst den Schlüssel zu diesem verborgenen Schatz finden. Dabei vermag Euch niemand zu helfen. Und verzweifelt nicht zu schnell. Niederlagen sind keine Schande. Entscheidend ist, ob Ihr Euch geschlagen gebt oder ob Ihr Euch erneut erhebt und weitermacht. Großes bekommt Ihr niemals geschenkt. Ihr müsst es Euch verdienen.

Na wunderbar, dachte sie. Sie würde bis ans Ende ihrer Tage hier auf dem kalten Felsboden kauern und Löcher in den Himmel starren. Wütend und verzweifelt zog sie sich zurück. Sie wollte allein sein und stieg in die Steilwand jenseits der Höhle. Niemand hielt sie auf. Wie nah Freiheit und Gleichgültigkeit doch beieinanderlagen! Was hätte sie dafür gegeben, wenn jetzt jemand sie zurückgehalten hätte. Aber, erinnerte sie sich an die Worte des Drachen, sie sollte ja frei sein von der Meinung anderer.