Nandalee fand ein Sims. Tief unter sich sah sie einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen auf dem Wind gleiten. Sie beobachtete seinen Flug. Langsam ließ ihr Zorn nach. Wenn sie doch nur mit ihm Seite an Seite fliegen könnte … Er war ein leicht zu treffendes Ziel, flog langsam und ohne die Richtung zu ändern. Vielleicht siebenhundert Schritt entfernt. Selbst wenn sie ihren Bogen bei sich hätte, würde sie niemals auf ihn schießen. Wenn er in die Tiefe stürzte, würde man ihn zwischen den Felsklüften nicht wiederfinden können. Wenn sie ein Tier tötete, dann um das Fell, die Federn oder das Fleisch zu nutzen. Nie hatte sie etwas erlegt, nur um zu erproben, ob sie es treffen könnte.
Beim Gedanken an die Jagd fiel ihr Zorn gänzlich von ihr ab. Sie atmete tiefer, wurde sich allem, was sie umgab, bewusster. Sie wusste, wie stark der Wind einen Pfeil auf siebenhundert Schritt abdriften lassen würde. Fühlte den kühlen Atem des Schnees, der auf den Wipfeln lag. Roch eine einzelne Bergkiefer, die irgendwo außerhalb ihres Gesichtsfelds stehen musste. Sie hörte die leisen Geräusche des sich erwärmenden Steins. All dies nahm sie in sich auf, ohne sich wirklich darauf zu konzentrieren. Ganz so wie auf der Jagd.
Nandalee schloss die Augen und stellte sich die Flugbahn des Adlers vor. Den Wind, der an den langen äußeren Federn seiner Schwingen zerrte. Die Turbulenzen nahe der Felsnadel, die er bald passieren würde. Sie hob ihre Rechte und streckte den Zeigefinger vor.
Sie wusste, wo der Vogel war. Sie konnte ihn spüren. Alles nahm sie in sich auf. Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. Langsam wanderte er mit dem Flug. Sie wollte die Augen öffnen, als sie plötzlich ein Licht durchdrang. Flammende Linien, die alle in ihrer Stirn zusammenzulaufen schienen. Sie sah, obwohl ihre Lider geschlossen waren. Sah die Welt so, wie der Drache sie ihr gezeigt hatte, durchdrungen von einem magischen Gewebe. Verzaubert schlug sie die Augen auf. Der Bann war gebrochen. Sie sah den Adler und die Berge. Und sonst nichts.
Erneut schloss Nandalee ihre Augen und war nicht überrascht, dass sie sich in Dunkelheit wiederfand.
Immerhin, es war ein erster Schritt. War das ihr Schlüssel, an die Jagd zu denken? Vermochte sie so eins mit der Welt zu werden und die Geheimnisse zu erspüren, die sich all jenen verschlossen, die nur sehen konnten?
Elfenfluch
Abir Ataš fühlte sich so stark und unternehmungslustig wie schon lange nicht mehr. Geradezu von Kraft durchdrungen. Es war ein Geschenk der Götter, davon war er überzeugt. Nicht des Löwenhäuptigen. Dieser Devanthar war der Hauptgott Arams, der Meister des Unsterblichen Aaron. Ihm galten unzählige Gebete. Aber es gab noch die Gebete an die geflügelte Sonne, die ein Symbol für alle Devanthar war, und Schreine für die übrigen Götter, wie die Geflügelte Išta aus Luwien oder den Ebermann, den man manchmal in den Bergen sah. Ein rastloser Wanderer, der alle großen Menschenvölker besuchte.
»Los, klopf schon an!« Abir stützte sich auf den Stab, der Zeichen seines Ranges als Hohepriester Arams war. »Worauf wartest du, Barnaba?« Der junge Priester war der Sohn des Hohepriesters von Nari, eines alten Weggefährten, mit dem er all seine Geheimnisse und Sorgen teilte. Der Junge hatte eine schnelle Auffassungsgabe und, was noch wichtiger war, ihm war klar, dass die Interessen des Tempels es manchmal notwendig machten, ungewöhnliche Wege zu beschreiten.
Die Tür, vor der sie standen, war rot lackiert und mit breiten Bronzebändern beschlagen. Ein wenig großspurig für einen erfolgreichen Sklaven, dachte Abir Ataš. Er war sich ziemlich sicher, dass Datames zurzeit nicht in der Goldenen Stadt weilte. Er hatte sich bei Hof nicht sehen lassen. Er wäre ganz gewiss dort gewesen …
Die Tür öffnete sich und ein kahl rasierter Haussklave sah sie erschrocken an. Ein überraschender Besuch von Priestern mochte auf drohendes Unheil hinweisen – oder auf einen Versuch, Spenden einzusammeln.
»Dein Herr hat versprochen, mir seine Sänfte samt der Träger zu leihen«, sagte Abir Ataš in Befehlston. »Ich bin hier, um die Sänfte zu holen. Jetzt!«
»Ich weiß gar nichts davon …« Dem Sklaven war seine Verlegenheit anzusehen.
»Du weißt, wer ich bin?«
»Ja, ehrenwerter Abir Ataš. Ich …«
»Möchtest du mich zurück in den Palast von Akšu schicken, damit ich einen schriftlichen Befehl deines Herrn bringe? Du weißt, dass ich mit dem Hofmeister Datames befreundet bin!«
»Ich bitte dich, Allerehrenwertester … Bitte, tritt ein. Natürlich misstraue ich nicht deinem Wort. Ich muss nur die Träger rufen lassen. Sie weilen nicht im Haus.« Er deutete auf eine weite Nische nahe der Tür, wo farbenfrohe Teppiche und Seidenkissen zum Verweilen einluden. Ein kleiner Brunnen spendete Kühle an diesem stickigen Tag. Die Wand schmückte ein Relief, das Gabenbringer zeigte, die vor dem unsterblichen Aaron niederknieten. Ein nicht sehr dezenter Hinweis darauf, dass der Besitzer des Palastes dem Unsterblichen nahestand. Abir schnaubte. Was wollte man von einem aufgestiegenen Sklaven schon erwarten? Datames liebte bunte Gewänder. Er hatte goldenes Haar und keinen Bart, was ihm ein weibisches Aussehen verlieh. Vielleicht hatte man ihn kastriert? Bei solchen Männern kam es oft vor, dass der Bartwuchs aussetzte.
»Ich wäre erfreut, wenn du dich beeilen könntest. Wie war auch gleich dein Name?«
»Obalit, Ehrenwerter. Ich stehe diesem Haus in der Abwesenheit meines Herrn Datames vor.«
Abir ließ sich auf einem der Kissen nieder. »Schön, Obalit. Dann erfreue mich und beeile dich.«
Der Sklave presste die Lippen zusammen. Man konnte den Zorn in seinem Blick lesen. Wortlos eilte er davon.
»War das nicht ein wenig zu schroff?«, fragte Barnaba.
Er sah den jungen Priester überrascht an. »Das ist Pöbel. Wenn man etwas von ihnen will, dann sollte man sehr deutlich werden. Sein Herr ist nicht hier; er hätte uns die Sänfte durchaus verweigern können. So wird er es nicht wagen.«
Der Junge kratzte sich seinen kurz geschorenen Kinnbart. Keine sehr priesterliche Geste. Das passte eher zu einem Schreiber, aber nicht zu einem Mann, der über Macht verfügte. Das würde er ihm abgewöhnen müssen, dachte Abir, und lehnte sich in die Kissen zurück. Ein angenehmer Duft nach Vanille stieg aus dem Stoff auf. Datames wusste, wie man Häusern eine besondere Note verlieh.
Der Hohepriester sah sich in der Empfangshalle um. Die Szenen der Wandreliefs waren – einmal abgesehen von den Gabenbringern — mit Bedacht gewählt. Die Figuren gut bemalt und wohlgestaltet. Der kleine Hof, auf den man von der Halle aus blicken konnte, war gut gepflegt.
»Ich verstehe immer noch nicht ganz«, setzte Barnaba an, aber Abir schnitt ihm das Wort ab und winkte den Jungen dicht an sich heran. »Hier könnten die Wände Ohren haben«, flüsterte er ärgerlich. »Rede niemals über wichtige Dinge in einem fremden Haus! Und verstumme jetzt gefälligst nicht, sondern lenke das Gespräch auf etwas Unverfängliches!«
»Ich habe mir heute Morgen diese Meuchlerin angesehen. Die Leiche. Sie ist unheimlich. Sie verwest nicht. Sie … Sie sieht immer noch gut aus.«
Abir schloss kurz die Augen. Dieses Thema war auch nicht die beste Wahl. Aber es würde sich nicht verhindern lassen, dass schon bald in der Stadt Geschichten über die Meuchlerin die Runde machen würden. Also konnten sie ebenso gut jetzt darüber reden. »Was weißt du über Elfen, Junge?«
»Sie sind durch und durch böse. Sie sind verflucht alle miteinander. Sie wurden erschaffen, um uns ins Unglück zu stürzen. Aber manchmal, sehr selten, kann man sie überlisten und reich und glücklich werden.«
Der Hohepriester lachte leise. »Ist es das, wovon du nachts träumst, Barnaba? Eine Elfe zu besitzen, sie zu überlisten und ungeahnte Freuden zu erleben? Ich bin einmal einer begegnet, das war vor mehr als zwanzig Jahren. Sie hatte sich in einen Satrapenpalast eingeschlichen. In den Harem! Und eines Nachts hat sie dem verliebten Trottel das Herz herausgerissen.« Er schmückte die Geschichte aus, um Barnaba von seinen törichten Schwärmereien abzubringen. »Ich habe den Satrapen gesehen. Er lächelte noch immer, selbst im Tod. Er lag auf seinem Bett und hielt sein eigenes Herz in den Händen. Das vergisst man nicht, Junge! Die Elfe konnte gefasst werden. Sie hat neun Palastwachen getötet, bevor sie überwältigt wurde. Man hat sie in Eisen geschlagen, denn das Eisen unserer Welt bekommt Elfen nicht gut. Sie wurde in den Tempel gebracht. Heilige Orte schwächen sie! Dort wurde sie verhört. Neun Tage lang. Ich war Zeuge. Meine Aufgabe war es, einen Bericht über die Befragung für das Tempelarchiv zu schreiben. Sie haben etwas überaus Aufreizendes an sich, diese Elfenweiber, obwohl sie so dürr sind, als hätten sie ihr Leben lang Hunger gelitten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich ein Bad in kaltem Wasser nehmen musste, um das Feuer zu löschen, das sie in mir entfachte – und so ging es allen Männern, die an der Befragung teilnahmen. Selbst Greisen!«