»Und was geschah mit ihr?«, fragte Barnaba mit großen Augen.
Neugierig wie ein Kind, dachte Abir. Vielleicht hatte er den Jungen überschätzt. »Was soll geschehen sein? Sie hat uns verhöhnt. Wir versuchten von ihr mehr über ihre Welt zu erfahren, und warum die Kinder der Daimonen immer wieder hierherkommen und uns heimsuchen. Das Einzige, was sie verraten hat, war, dass sie in unserer Welt das Böse sehen. Es sei eine Strafe, hierher verbannt zu werden. Natürlich haben wir ihr das nicht geglaubt. Sie war auf einer Mission, ebenso wie die Meuchlerin, die man dem unsterblichen Aaron geschickt hat.« Abir schnaubte und ärgerte sich noch immer, wenn er an die fruchtlose Befragung der Elfe dachte. »Wir haben alles getan, um sie dazu zu bringen, noch mehr zu sagen. Wir haben ihr die Ohren abgeschnitten und die Nase. Sie wurde geprügelt, bis sie Blut pisste. Aber das hat nicht geholfen. Zuletzt haben wir sie mit Lampenöl übergossen und dort, wo sie an die Mauer gekettet war, verbrannt. Es hat lange gedauert, bis sie tot war.« Abir schüttelte sich. Er hatte die Schreie und die Flüche der Elfe nie vergessen. Auch ihn hatte sie verflucht. Aber im Tempel hatte sie keine Macht gehabt, da war er sich sicher. Sonst wäre er wohl kaum so alt geworden und zum Hohepriester aufgestiegen!
»Und was habt ihr dann getan?«
»Was wohl? Ihre Asche in den Fluss gestreut und all ihre Besitztümer im Meer versenkt.«
»Und der Satrap hat sich um ihretwillen das Herz herausgerissen? «
»Sie sind böse, diese Elfen, und auch alle anderen Kreaturen, die von den Drachen hierhergesandt werden. Sie wollen uns Übles. Du kennst die Geschichte von Išta und der Geflügelten Schlange? Seit jenen Tagen kann es keinen Frieden mehr geben zwischen Menschen und Daimonenkindern!«
»Ich habe einmal einen Mann getroffen, der einem Weib aus der Anderswelt begegnet ist.« Barnaba hatte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern gesenkt.
»Die Welt ist voller Aufschneider und Narren«, entgegnete Abir gelangweilt. In seinem Leben war er schon Dutzenden Männern und Frauen gegenübergestanden, die behaupteten, Daimonenkindern begegnet zu sein. Eine seiner Pflichten als Priester war es, gewissenhaft dafür zu sorgen, dass jeder dieser Geschichten nachgegangen wurde. Außer der Elfe im Kerker war er aber nie einem Daimonenkind begegnet. Zum Glück!
»Der Mann hat nicht gelogen! Er war ein Steuermann aus der Zinnflotte des unsterblichen Aaron. Er hat mir seine Geschichte erzählt, als ich noch ein Kind war. Es ereignete sich auf der Heimreise von der Zinnküste, an einem heißen Sommertag. Seine Galeere war leckgeschlagen, und sie mussten sie an einer fremden Küste auf den Strand ziehen, um den Rumpf wieder abzudichten. Es war eine felsige Küste, und er stieg in die Berge hinauf, um nach einer Quelle zu suchen, um den Wasservorrat an Bord zu erneuern. Und da traf er sie … Genau wie die Elfe, deren Körper nicht verfallen will, war es eine Frau, zu schön, um von dieser Welt zu sein. Ihr Gesang hatte ihn angelockt. Sie saß an einem kristallklaren Teich. Ganz in sich versunken kämmte sie ihr langes goldenes Haar. So wie er es erzählte, schien sie nicht überrascht zu sein, ihm zu begegnen. Im Gegenteil, sie beglückwünschte ihn, weil er am einzigen Tag des Jahres den Weg zu ihr gefunden habe, an dem sie für Menschen sichtbar sei. Sie behauptete, eine verbannte Xana zu sein. Eine Wassernymphe aus der anderen Welt. Und sie lud ihn ein, einen Faden von einer Spindel abzurollen. Wenn ihm dies gelänge, ohne den Faden zu zerreißen, würde sie die Seine sein, und ein Schatz, den er deutlich am Grund des Teichs sehen konnte, sollte ihm gehören.«
Abir nickte gelangweilt. Ein Leben lang war er solchen Geschichten im Kampf gegen die Daimonenkinder nachgejagt. Immer wieder war er enttäuscht worden und nur auf Lug und Trug gestoßen. Die Elfen gab es tatsächlich. Sie hatten sich gegen die Devanthar und die Herrschaft der Unsterblichen verschworen. Aber all die anderen Geschichten … Sie verliefen und endeten immer gleich. Er beschloss, Barnabas Märchenstunde abzukürzen. »Und, wie geht es weiter? Wie hat sie ihn betrogen?«
»Gar nicht! Er wagte es nicht, den Faden abzuspulen. Er hat mir erzählt, er sei so fein wie aus Mondlicht gesponnen gewesen. Den ganzen Mittag ist er bei der Xana geblieben. Sie hat für ihn gesungen, ja, er hat bei ihr gelegen, das Haupt auf ihren Schoß gebettet. Als er am Abend zu seinem Schiff zurückmusste, beglückwünschte sie ihn, ein Mann von reiner Seele und ohne Gier im Herzen zu sein. Und sie weinte. Dann prophezeite sie ihm, am letzten Tag seines Lebens, in siebzehn Jahren, werde er auf Männer treffen, die das genaue Gegenteil von ihm seien. Gierig und seelenlos. Sie sagte, er werde an einem windstillen Spätsommertag auf offener See ertrinken und dass sie einander an diesem Tag wiedersehen würden.«
Abir lächelte. »Ja, ja. Romantisches Seemannsgarn.«
»Er ist kein Lügner«, empörte sich Barnaba. »Er genießt das Vertrauen des Unsterblichen! Heute ist er Befehlshaber einer der Zinnflotten des Königreiches und mehr als tausend Ruderer und Seeleute stehen unter seinem Kommando. In jedem Jahr, wenn er von der Zinnküste zurückkehrt, lässt er die Flotte dort ankern, wo er die Xana traf. Soweit ich weiß, hat er sie nie wiedergesehen. Und er hat nie ein Weib genommen.«
»Er sollte sich hüten, eine Verbindung mit einem Daimonenkind einzugehen. Wie ist sein Name?«
Barnaba wirkte verärgert. »Er ist ein treuer Diener Arams. Er hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen!«
»Das sage ich ja nicht. Aber du weißt, es ist meine Pflicht, solchen Dingen nachzugehen. Selbst wenn sie nicht auf dem Reichsgebiet Arams geschehen. Ich habe gute Verbindungen zu den Priesterschaften Luwiens und Valesias. Im Kampf gegen die Daimonenkinder unterstützen wir einander, ganz gleich, wie unsere Herrscher zueinander stehen.«
»Das Ganze ist doch harmlos«, sagte Barnaba nun merklich kleinlauter. »Es ist nichts geschehen.«
»Diese Xana hat den Tod eines Flottenbefehlshabers Arams vorhergesagt. Es würde ganz dem Charakter von Daimonenkindern entsprechen, wenn sie Hand anlegen würde, um ihre Weissagung wahr werden zu lassen. Und nichts ist geschehen, sagst du?« Er lächelte zynisch. »In der Tat, so kann man das auch sehen. Ein herausragender Diener des Reiches hat sich nie ein Weib genommen und eine eigene Familie begründet, weil ihm diese Hexe den Kopf verdreht hat. Ich bin sicher, ohne diese Begegnung wäre er ein glücklicherer Mann geworden.«
»Das wird man wohl nie wissen …«
Abir schnaubte. »So ist es mit den Daimonenkindern. Sie säen Zweifel in unsere Herzen. Sie verführen uns. Sie …« Der Hohepriester verstummte abrupt. Der Haussklave stand plötzlich neben ihnen. Wie eine Katze hatte er sich angeschlichen!
»Die Sänfte ist nun bereit, Erhabener.«
Abir streckte Barnaba die Hand entgegen, damit dieser ihm aufhalf. Es war ein Fluch mit dem Älterwerden! Was nutzten Weisheit und Macht, wenn sie in einem Leib behaust waren, der nur noch wenig mehr als eine Ruine war.
»Ich werde mich an dich erinnern, Obalit«, sagte er vieldeutig zu dem Sklaven, als er durch die Haustür trat. Kleine Gehässigkeiten wie diese waren ihm das Salz des Lebens geworden.