Die Sänftenträger sahen ordentlich aus. Die Sänfte selbst war von schlichter Eleganz wie alles, was sich im Besitz dieses Emporkömmlings Datames befand. Das Gestell war aus dunklem Holz. Vorhänge aus durchscheinendem Stoff verbargen die Insassen der Sänfte vor den Blicken Neugieriger, ohne sie in stickiger Hitze umkommen zu lassen.
Barnaba musste ihm beim Einsteigen behilflich sein. Der junge Priester war erstaunlich geschickt in diesen Dingen. Er schaffte es, behilflich zu sein, ohne einem das Gefühl zu vermitteln, ein greiser Tollpatsch geworden zu sein. Nur an der Gesinnung des Jungen musste sich noch etwas tun. Dass er diese Geschichte für harmlos gehalten hatte … Abir schüttelte den Kopf. Er brauchte die Hilfe des Jungen nicht, um herauszufinden, wer der Mann war, der sich mit dieser – wie hieß sie auch gleich? Sana? Jedenfalls würde er den Kerl aufspüren und verhören! Es gab nur drei Zinnflotten.
Die Kissen der Sänfte waren angenehm weich, Vorhänge und Holz mit erfrischendem Zitrusduft durchtränkt. Das sollte wohl den Gestank der Gosse fernhalten.
Die Träger wuchteten die schwere Sänfte mit einem Ruck auf ihre Schultern. »Zum Tempel der Einigkeit!«, rief Abir und sah dem Jungen seine Neugier an. Erfreulicherweise war Barnaba beherrscht genug, keine Fragen zu stellen. »Ist dir inzwischen klar, warum wir diese Sänfte benutzen und keine des Tempels?«
»Ich schätze, weil du verschleiern möchtest, dass wir uns mit gewissen Personen getroffen haben. Aber ist es nicht leichtfertig, ausgerechnet diese Sänfte zu nehmen? Datames steht dem unsterblichen Aaron sehr nahe … Ist da die Gefahr nicht zu groß, dass der Unsterbliche erfahren wird …«
»Unsinn! Datames sitzt im Palast zu Akšu. Bis der erfährt, dass wir uns seine Sänfte geliehen haben, werden sich einige Dinge grundsätzlich geändert haben.«
Derweil war die Sänfte in das Gedränge auf den Straßen der Inneren Stadt eingetaucht. Eine Lastkarawane auf dem Weg zur Goldenen Pforte zog an ihnen vorüber. Aufseher feuerten ihre erschöpften Träger an, noch eine letzte Meile durchzuhalten.
Abir versuchte sich vorzustellen, wie es war, mit einem Sack voller Getreide auf der Schulter die unzähligen Treppen des Stadtberges zu erklimmen. Allein beim Gedanken daran brach ihm der Schweiß aus und er wandte sich lieber wieder seinem Gegenüber zu. »Weißt du, Junge, die schwierigste Aufgabe von uns Priestern besteht darin, unseren Herrschern auf den rechten Weg zurückzuhelfen, wenn sie fehlen. Seit Jahren versuche ich Aaron davon zu überzeugen, dass die Verwaltung des Reiches anders organisiert sein sollte. Sie ist zu unzuverlässig! All diese Satrapen, die in Familienbande verstrickt sind, die sich untereinander nicht ausstehen können und befehden. Ich möchte gar nicht wissen, was für Summen an Abgaben für den Unsterblichen in diesem Sumpf verlorengehen! Der Tempel aber hat auch im kleinsten Dorf Diener. Es gibt keine nennenswerten Machtkämpfe, keine Korruption. Wenn die Verwaltung des Reiches, oder zumindest die Eintreibung der Abgaben, dem Tempel übertragen würde, dann würde Aram aufblühen – das verspreche ich dir, Barnaba.«
Der Junge nickte. »Aber warum widersetzt er sich solchen Änderungen? Sie würden dem Reich doch großen Nutzen bringen! Sind es vielleicht die Satrapen, die ihren Einfluss nutzen, um …«
»Verdammte Satrapen, Junge! Natürlich nutzen sie ihren Einfluss. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, Priester ermorden zu lassen. Dabei sind sie die Schwachstelle des Reiches! Sie sind es, bei denen sich die Daimonenkinder einschleichen. So wie damals …« Er dachte an die Elfe im Kerker. Er würde zu gerne noch einmal eine solche Kreatur in seine Gewalt bekommen! Schade, dass die Meuchlerin tot war. Einen Moment lang gab er sich der Erinnerung an jene Gefühle hin, die die Elfe damals in ihm geweckt hatte. Deren Glut er mit kalten Bädern hatte löschen müssen. Jene Weiber, die er ab und an bestellte, um die Last seines Amtes für einige Stunden vergessen zu können, mussten stets all ihre Kunstfertigkeit aufbieten und erreichten selbst dann oft nur ein halb so befriedigendes Ergebnis wie jenes, das er damals wieder und wieder im Zuber ertränkt hatte. Aber nein, dachte er und verwarf den Gedanken. Es war müßig, sich derlei Tagträumen hinzugeben. Er sollte sich lieber des Jungen annehmen. Barnaba hatte noch viel zu lernen! »Es bereitet mir Sorge, dass sich die Daimonenkinder nun schon bis nach Nangog wagen. Noch nie haben sie uns hier angegriffen. Sie wagen immer mehr! Der Versuch, einen Unsterblichen zu ermorden … Auch so etwas hat es früher noch nicht gegeben und …« Abir zögerte. Durfte er dem Jungen seine geheimsten Ängste enthüllen? Barnaba wich fast nie von seiner Seite. Und sein Vater war ein vertrauenswürdiger Mann. Manchmal war der Junge überraschend weise. Wie er wohl urteilen würde?
»Weißt du, was ich befürchte?« Abirs Stimme war zu einem Flüstern gesunken, das vom Lärm der Straße fast verschluckt wurde. Barnaba beugte sich zu ihm vor, um keines seiner Worte zu verpassen. »Du hast doch auch bemerkt, wie sehr der Unsterbliche sich verändert hat, Junge?«
Der junge Priester nickte.
»Ein richtiger Held ist er geworden. Ein Herrscher der Herzen.« Und das war die Aufgabe von Priestern, dachte Abir erzürnt. »Plötzlich ist er in jeder Hinsicht vorbildlich! Ich glaube …« Er machte eine kurze Pause, damit die nächsten Worte noch stärker auf den Jungen wirkten. »Ich glaube, der Aaron, den wir kennen, ist tot.«
Barnaba riss die Augen auf, starrte ihn entsetzt an und schüttelte dann energisch den Kopf. »Aber der Devanthar hat ihn doch … Nein, das kann nicht sein.«
»Vergiss nicht, Junge — die schärfste Waffe der Elfen ist die Heimtücke. Ich sage dir, dieser Angriff, das war eine wohldurchdachte Täuschung. Es ging nicht darum, Aaron zu töten. Der Unsterbliche ist besessen vom Geist einer Elfe! Sie musste ihn berühren, damit dieser heimtückische Zauber seine Wirkung entfalten konnte.«
Barnaba kicherte. »Ich bitte dich … Auch du weißt, dass er nach dem Himmelssturz erst einmal in seinen Harem gegangen ist. Aaron ist ganz bestimmt nicht vom Geist eines Weibes besessen.«
Ungehalten stieß Abir dem Jungen mit seinem Stab vor die Brust. »Dummkopf! Benutze deinen Kopf! Ich sagte dir doch, Elfen sind die Meister der Täuschung. Was wäre klüger, als zuallererst in den Harem zu laufen? Wer denkt wie du, der wird allen Argwohn verlieren. Nach dieser ersten Nacht ist sein Interesse am Harem merklich abgekühlt. In den letzten vier Nächten ist er gar nicht mehr dort gewesen! Ist das nicht verdächtig für einen Mann, dessen größte Beständigkeit in der Tändelei mit Weibern lag?«
»Aber hätte der Löwenhäuptige nicht bemerken müssen …«
»Auch Götter können fehlen, Junge. Die Elfen sind die reine Essenz des Bösen! Ihre Durchtriebenheit kennt keine Grenzen! Vielleicht haben sie den Löwenhäuptigen durch irgendeinen Blendzauber getäuscht? Bestimmt wissen sie auch, dass ich einst bei der Befragung einer Elfe zugegen war. Sie wissen, dass ich es merken würde, wenn einer ihrer Brut in meine Nähe käme! Sie verströmen einen Wohlgeruch … Ganz anders als wir Menschen. Wenn man das einmal gerochen hat, vergisst man es nie wieder. Ich sage dir, ich könnte ein beliebiges Haus betreten und wüsste sofort, ob dort ein Elf in den letzten Tagen seinen Fuß über die Schwelle gesetzt hat. Deshalb ja die Sache mit der Besessenheit — einen Elfen im Leib eines Menschen kann man natürlich nicht am Geruch erkennen!«
Nun sah der Junge ihn an, als fürchte er um seinen Verstand. Abir war klar, wie verworren das alles klingen musste, und dass der Junge ihm und seinem Urteilsvermögen nicht traute, ärgerte ihn. Trotzdem entschloss er sich, einzulenken. »Vielleicht hast du recht, Junge, und Aaron ist durch dieses schreckliche Erlebnis auch nur ein noch größerer Narr geworden, als er es schon zuvor war.«
»Aber wie er Juba gerettet hat oder ganz allein das Wolkenschiff der Ischkuzaia enterte. Das war doch großartig! Es sind die Taten eines Helden! Die Mannschaft des Palastschiffes liebt ihn dafür. Die Stimmung an Bord ist merklich umgeschlagen. Es war …«