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»Hat er dich auch schon eingewickelt, Jüngelchen? Es ist nicht die Aufgabe eines Unsterblichen, sich bei seinen Untertanen anzubiedern. Er ist ein Gott unter Menschen. Er hat so etwas nicht nötig!«

Die Sänfte hatte angehalten und durch den zarten Stoff der Vorhänge konnte Abir die breiten Marmorstufen des Tempels der Einheit sehen. »Es gehört zu unserer Verantwortung als Priester, jeden Zweifel auszuräumen. Deshalb werden wir nun dafür sorgen, dass die Kunde über den Frevel, den Aaron an den Helden der Vergangenheit begehen will, beim rechten Mann Gehör findet. Es heißt, Kurunta, der Hüter der Goldenen Gewölbe, der Schatzmeister Luwiens, käme jeden Tag zum Gebet in den Tempel der Einigkeit. Wir sollten mit ihm zusammen beten. Vielleicht werden wir so erreichen, dass ein anderer Devanthar einen Blick auf Aaron wirft.«

»Und wenn er nicht besessen ist?«

»Dann wird ihn diese Narretei, der Elfe ein Grab im Himmel verschaffen zu wollen, dennoch in unsere Hände spielen. Warum sollten wir unsere Zukunft dem Schicksal überlassen, wenn wir Gelegenheit haben, sie selbst zu formen? In den nächsten Tagen werde ich Priester durch das Goldene Tor nach Akšu senden, die eine Veränderung der Verwaltung im Palast vorbereiten. Die Entmachtung der Satrapen und anderer Günstlinge und Schmarotzer. Dabei kommt dir eine entscheidende Rolle zu, Barnaba. Du wirst dafür sorgen, dass Aaron noch tiefer stürzt und er gar keine andere Wahl mehr hat, als dem Begehren des Tempels nachzugeben. Und jetzt hör gut zu, mein Junge, denn nun erkläre ich dir, was du zu tun hast.« Abir lächelte den Jungen an und ignorierte den Zweifel in dessen Blick. Barnaba vertraute ihm und würde im rechten Augenblick wissen, dass seine Schwärmerei für Aaron den Helden nichts wog im Vergleich zu seinem Stand und den Anweisungen seines väterlichen Freundes Abir. Sein Plan war gut — und er würde gelingen.

Über den Krieg der Drachen

»1. Daia ist in ihrer Gesamtheit in sieben Teile gegliedert. Diese alle sind nach Sprache, Einrichtungen und Gebräuchen voneinander verschieden. Gemein ist ihnen nur, dass jedes dieser Reiche von einem Unsterblichen regiert wird, einem Menschen, den die Devanthar wegen seiner Begabungen erwählten und ihm das ewige Leben schenkten.

Von allen Bewohnern der sieben Reiche sind jene auf den Schwimmenden Inseln die friedliebendsten. Sie haben nur wenig Umgang mit den übrigen Völkern. Man erzählt sich unter den Menschenkindern, dass diese Inseln wie große Flöße auf dem Meer treiben und man keine von ihnen zweimal am selben Orte antreffen wird. Diese Einschätzung mag darauf beruhen, dass die Seefahrer der Menschenkinder das offene Meer fürchten, denn sie haben noch nicht gelernt, sich vom Stand der Gestirne lenken zu lassen.

Das kriegerischste der sieben Reiche ist jenes, das Luwien genannt wird. Dort herrscht der unsterbliche Muwatta, dessen Schmiede entdeckt haben, wie das Eisen zu formen ist, was dem Königreiche zu großer Macht auf den Schlachtfeldern verhilft, kämpfen seine Nachbarn doch noch mit Waffen aus Bronze, die gegen das Eisen nicht bestehen können. Die Luwier nennen ihr Reich das große Haus und sie haben es in Kammern unterteilt, womit jedoch nicht Provinzen gemeint sind, sondern die verschiedenen Stände, denen es bei Todesstrafe verboten ist, sich miteinander zu vermischen.

Die tapfersten der Menschenkinder sind ohne Zweifel jene, die dem Waldreich Drus entstammen. Sie lieben den Krieg und leben für ihn. Fast ohne Rüstung, manchmal sogar ganz nackt, nur von ihren bunt bemalten Schilden geschützt, stürmen sie in die Schlacht, wo sie sich einen Gegner suchen, der ihnen an Mut und Tapferkeit gleichkommt. So sterben viele von ihnen an Schwerthieben in den Rücken, da sie an den Geringen unter ihren Feinden einfach vorbeilaufen. Obwohl auch sie einen Unsterblichen haben, ist ihr Königreich nicht nach strengen Gesetzen organisiert, wie etwa Luwien. Oft schließen sich Banden aus verschiedenen Stämmen zusammen, um Nachbarn zu überfallen, Vieh zu stehlen und Schlachtenruhm zu sammeln, denn ein guter Name als Krieger wiegt in ihrem Reich schwerer als Gold. In seltsamem Gegensatz zu ihrer Kriegsliebe stehen die Rituale, die ein jeder, der Blut vergossen hat, vollziehen muss, wenn er in seine Heimat zurückkehrt. So wandern die Recken zunächst zu den Heiligen Hainen in den Geisterwäldern, um vor ihre Ahnen zu treten und die Geister jener, die sie im Felde erschlugen, um Verzeihung zu bitten. Erst danach ist es den Kriegern erlaubt, zu den Ihren zurückzukehren oder bei einer Frau zu liegen.

Der wohl weiseste Unsterbliche ist jener, der über das Königreich Aram herrscht. Und doch war es ausgerechnet an seinem Hofe, dass ein Späher der Albenkinder bis zu höchsten Würden aufstieg. Der Beherrscher aller Schwarzköpfe, wie er von seinen Untertanen genannt wurde, tat sich auch durch seinen Mut auf dem Schlachtfeld hervor; so soll er einst, ganz allein nur durch das Feuer in seinem Blick und sein erhobenes Götterschwert, eine ganze Piratenflotte dazu gezwungen haben, vor ihm die Segel zu streichen. So grundlegend war ihr Sinneswandel, dass aus Mördern und Brandstiftern Priester und ehrenvolle Krieger in der Leibwache des Unsterblichen wurden.

Das geheimnisvollste der sieben Großreiche der Menschenkinder ist sicherlich jenes, das Zapote geheißen wird. Fernab liegt es, von allen Seiten vom Meer umspült und ohne Nachbarn, die seinen Einwohnern Übles wollen. Hier ist der Unsterbliche kein König, wie in den anderen Reichen, sondern ein Priester und sein Thron steht im Gefiederten Haus, wo die Devanthar so häufig zu Gast weilen wie bei anderen Herrschern Provinzfürsten. Wie Berge erheben sich ihre Tempel über die Wälder und es heißt, sie würden noch tiefer als die tiefsten Wurzeln in den Weltengrund greifen. Nur wenige Reisende kommen in das Land Zapote und seine Bewohner geben ihre Geheimnisse nicht preis. So kennt man nur Gerüchte von einem Wurm oder einer Schlange tief unter den Tempeln. Eine Kreatur, göttergleich, der durch das Blut unzähliger Opfer ewiges Leben geschenkt wird. Es heißt, dass die bedeutendsten der Krieger aus den Wäldern vom Blute der Schlange trinken und von ihrem Fleische gespeist werden, und dass sie sich danach verändern und mit der Macht des heiligen Jaguars kämpfen.

Die wildesten unter den Menschenkindern aber sind die Steppenreiter Ischkuzas. Viele kleine Königreiche haben sie sich untertan gemacht, sie haben Schätze ohne Zahl erbeutet und doch kaum etwas davon mit sich genommen. Für Güter, die sich nicht aus eigener Kraft bewegen, hegen sie nur geringes Interesse. Sie sind der Freiheit verschrieben, unstete Wanderer auf den weiten Steppen. Selbst ihr Unsterblicher residiert nicht in einem Palast oder Tempel. Er regiert am Wandernden Hof und sein Thronsaal ist eine Jurte auf Rädern. Seine Schätze sind die Herden, die ihn begleiten, seine Weiber und Kinder. Da sie nie stillstehen, sind sie unbesiegbar für ihre Feinde, deren Heere sich in der Weite der Steppe verlieren.

Valesia ist vielleicht das schwächste der sieben Reiche, wenngleich sein Kriegsmeister, Arcumenna von Truria, die Grenze nach Drus wohl behütet. Doch dem Unsterblichen von Valesia steht nicht der Sinn nach Kriegen und danach, seine Nachbarn durch mächtige Heerscharen zu schrecken. Er hat sich ganz der Kunst und Schönheit verschrieben und wenn man betrachtet, was er zu erschaffen versuchte, so kann man nicht umhin, einzugestehen, dass auch den Menschenkindern die Gabe zu wahrer Größe geschenkt wurde. Sie offenbarte sich in Selinunt, der Weißen, einer Stadt tief in den Bergen Valesias, die ganz und gar von Marmor und Gold erbaut wurde. Statt Eisenschwertern stellt der Großkönig Künstlern nach und öffnet bereitwillig die Tore seiner Schatzkammern, um sie in allen sieben Reichen werben so lassen. Die kühnsten Baumeister, die besten Bildhauer und Goldschmiede hatte er versammelt, auf dass Selinunt ein Königssitz werde, neben dem selbst die Pracht der Goldenen Stadt auf Nangog verblassen sollte. Ebendieses Selinunt sollte zu jenem Ort werden, an dem die Kinder Albenmarks unauslöschliche Schuld auf sich luden.