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2. So verschieden all diese Völker in ihrem Streben und Denken sind, fügten sie sich doch alle, als die Devanthar ihnen durch die Münder der Unsterblichen befahlen, Tausende Menschen nach Nangog zu schicken, um sich die Welt, die von alters her den Kindern der Alben und der Devanthar verboten war, untertan zu machen. Und so begann jener Krieg, der heute der erste Krieg der Drachen genannt wird und in dem die Völker Albenmarks und Daias so unendliches Leid erfahren sollten.«

Über den Krieg der Drachen, Buch I, Seite I, ff. verfasst von: Talawain, Meister der Blauen Halle, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem Hüter der Geheimnisse, bekannt ist

Vorbereitung

ER folgte den drei wandernden Kolossen schon eine Weile. Drei dunkle Schemen mitten im Weiß, kaum eine halbe Meile entfernt. Der größte von ihnen bildete den Abschluss der kleinen Gruppe. Er war der Bulle. Der Vater. Er wusste, dass ER hier war. Und er ahnte, dass seiner Familie Gefahr drohte.

Die drei Mammuts verfielen in einen leichten Trott. IHN konnten sie so nicht abschütteln. ER lächelte über diesen verzweifelten Versuch, IHM zu entkommen, und stapfte unermüdlich weiter durch den Schnee. ER hatte die drei ausgewählt, weil sie die vollkommenen Opfer waren. Mondelang hatte ER darüber gebrütet, wie es gelingen mochte, was zu tun SEINE Pflicht war.

Der Bulle hatte plötzlich genug. Er drehte sich IHM zu und kehrte seiner Familie damit den Rücken. Das Mammut ahnte nicht, in welcher Gefahr sie schwebten. Es sah in IHM nur einen Elfen. Zornig hob es den Rüssel und trompetete seine Wut heraus. Die kleinen schwarzen Augen funkelten. Wild entschlossen stürmte das Mammut IHM entgegen. Schnee spritzte unter seinen gewaltigen Füßen auf. Es hatte die gebogenen Stoßzähne drohend gesenkt. In der ganzen Snaiwamark gab es keinen Gegner, den ein ausgewachsener Mammutbulle zu fürchten hatte. Selbst die Trolle rotteten sich zu Rudeln zusammen, wenn sie Jagd auf solch einen Bullen machten.

ER aber war allein. ER lächelte dem anstürmenden Fleischberg entgegen. Einen Augenblick lang war er versucht, SEINE Gestalt zu wandeln. SEIN wahres Äußeres anzunehmen.

Das Mammut war nun weniger als zwanzig Schritt entfernt und der gefrorene Boden erzitterte unter seinem Gewicht.

Gebieterisch hob ER den Arm, griff im Geiste nach der Magie und schleuderte dem Mammut nichts als ein einzelnes Wort entgegen. ER spürte, wie sich das Gewebe des Weltenzaubers rings herum veränderte. Wie die Fäden der Macht zu einem Bündel gesammelt wurden, das den Bullen traf und mitten im Lauf verharren ließ. ER hatte die Lebenskraft des Mammuts in den gefrorenen Boden abgeleitet. Nicht zu viel natürlich. Es sollte nicht sterben. Es sollte stehen und sehen!

Das Mammut vermochte keinen einzigen Muskel mehr zu bewegen. Jede bewusste Bewegung war ihm unmöglich. Nur sein Herz schlug noch. Seine Lungen füllten sich mit Luft und gaben sie wieder frei. All jene Dinge, die sein Körper unbewusst tat, waren von dem Zauber unberührt geblieben. Doch alles, wozu man Willen aufbringen musste, war dem großen Bullen unmöglich geworden. Dabei war sein Wille keineswegs gelähmt. ER konnte den starren dunklen Augen des Tiers ansehen, dass es sich seiner Hilflosigkeit völlig bewusst war. Wie klar so eine Kreatur wohl zu denken vermochte? Das war nebensächlich, rief ER sich zur Ordnung.

ER sprach ein weiteres Wort der Macht und zwang die Kuh und das Junge zu sich. Gemächlich trotteten die beiden zu IHM herüber und ER konnte ihre Angst riechen. Sobald ER sie aus SEINEM Bann entließe, würden sie in blinder Panik davonstieben.

ER berührte die Kuh. Ihr dichtes braunes Fell war von Eis verkrustet. Sie gab einen jämmerlichen Laut von sich, fast wie ein Wimmern.

So viel Fleisch, dachte ER, und sammelte SEINE Kraft. ER würde alles Unwesentliche lösen und wieder eins mit den Elementen werden lassen.

Das Wort, das ER rief, fühlte sich fremd an auf SEINER Zunge. Ebenso wie die Kräfte, nach denen ER nun griff. ER hatte die Magie der Devanthar studiert. Die Silberschale. Die Kräfte, die sie in Nangog und Daia nutzen. Diese Zauber waren erschreckend fremd. Ganz anders als jede Magie, die in Albenmark gewoben wurde. ER zog einen Teil SEINER Macht aus der Lebenskraft der Kuh. Sie stieß erneut diesen erbärmlichen klagenden Laut aus. Zauberweber, die ihr Ziel weniger klar vor Augen gehabt hätten, hätten sich davon vielleicht das Herz erweichen lassen. ER aber versetzte ihr einen Schlag mit der flachen Hand und entfesselte die geballte Kraft. Nebel schien sie einzuhüllen. Aber er war nicht weiß. Schmutzig-rote Dunstschlieren umspielten die Kuh. Sie zitterte am ganzen Leib. ER vermochte ihre Schmerzen nur zu ahnen. Sie löste sich auf. In die kleinstmöglichen Bestandteile. Feiner als jener Staub, den man an einem hellen Tag im Sonnenlicht tanzen sah. Alles Unwesentliche fiel von ihr ab. Fast alle Materie wogte davon über die vereiste Einöde. Das Wasser ihres Leibes verwandelte sich in Eiskristalle. Schwefel, Eisen, Kalk. All das kehrte zurück zu seinem Ursprung. Fuhr tief in die Erde hinab.

Der wimmernde Laut war längst verstummt. Als die letzten Schlieren von einer sanften Brise davongetragen wurden, war fast nichts geblieben. Das Fell des Bullen und des Kalbs waren mit feinem Raureif überzogen. Ein Stein, so klein, dass ER ihn in SEINER Hand verbergen könnte, lag im zerwühlten Schnee.

Neugierig bückte sich der Zauberweber. ER war überrascht, wie leicht der Stein in SEINER Hand wog. Keine magische Aura umgab ihn. Er sah aus wie ein gewöhnlicher graubrauner Felssplitter. Und doch wohnte in ihm große Macht. Die Essenz der Mammutkuh war in ihm gebunden. Alles, was sie ausgemacht hatte – ihre Lebenskraft, ihre Seele. All das war befreit vom beliebigen fleischlichen Beiwerk. Sie war in diesen Stein gebannt. Herausgerissen aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Sie war ganz SEIN. Oder verloren für alle Zeit, wenn ER den Stein fortwarf. Niemand würde ihn wiederfinden können. Wenn man nicht um sein Geheimnis wusste, dann unterschied er sich in nichts von unzähligen anderen Felssplittern.

ER ballte seine Faust um den Stein und war unschlüssig, was ER damit tun sollte. Ihn behalten und erforschen? Versuchen, sich seine Macht zu erschließen?

ER sah zu dem Bullen und war überrascht, wie viel Gefühl sich in den Augen eines Tieres spiegeln konnte. Trauer und maßloser Zorn. Sollte ER den Mammutbullen aus seinem Bann entlassen, der Koloss würde IHN in den Boden stampfen. Zermalmen.

In den Augen des Kalbs sah ER nichts als blanke Angst.

»Kann ein Tier lieben?« ER trat jetzt dicht vor den Bullen hin und spürte seinen warmen Atem im Gesicht. »Sie ist für eine große Sache gegangen, weißt du? Auf ihre Art hat sie geholfen, unsere Welt zu retten.« ER zwang den Bullen, vor IHM niederzuknien.

Das Mammut kämpfte gegen SEINEN Willen an. Die großen Augen waren so weit aufgerissen, dass man einen von blutigen Adern durchzogenen weißen Kranz rings um die Iris sehen konnte.

»Poeten haben sich den blumigen Satz ausgedacht, dass man seine Geliebte stets im Herzen trägt.« ER hatte das Mammut nun ganz auf den Boden gezwungen. ER befahl ihm, sich auf die Seite zu legen. Dabei strich ER über die hohe Stirn des Tieres. Deutlich spürte er den starken Schädelknochen. ER schloss die Augen. Konzentrierte sich auf das warme Fleisch unter dem Fell. Auf das Blut, das in den dünnen Adern pulsierte. Auf den Knochen. Sah die wabenartige Struktur mit der glatten Kalkoberfläche vor sich und spürte die Höhlung unter der Stirn. Gutartige Knochentumore wucherten dort. Die Höhlung war groß genug.

ER konzentrierte sich und berührte die Stirn ganz leicht mit den Fingern. Fell, Haut und Fleisch wichen vor der Berührung zurück. Selbst der Knochen öffnete sich unter seiner Hand. ER legte den kleinen Stein, die Essenz des Lebens der Mammutkuh, in die Stirnhöhle. SEINE Gedanken ließen die Knochentumore wachsen. Wie ein Schmuckstück fassten sie den Stein ein und hielten ihn an seinem Ort.