Langsam zog ER die Hand zurück. Knochen, Fleisch, Haut und Fell kehrten an ihren Platz zurück. Nicht ein Tropfen Blut war geflossen.
»Ich fürchte, sie wird dir für den Rest deines Lebens nicht mehr aus dem Kopf gehen«, sagte ER mit einem süffisanten Lächeln.
Dann trat ER von dem Bullen zurück und betrachtete SEIN Werk mit etwas Abstand. Der Eingriff hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Jetzt kam es noch darauf an, wie sehr sich das magische Gefüge verändert hatte. ER atmete langsam aus, ließ alle Anspannung von sich fließen und öffnete SEIN Verborgenes Auge. Es war gelungen! Die magische Aura des Bullen war zwar leicht gestört, würde sich aber wieder fügen. Der Stein aber blieb SEINEM Blick verborgen.
Dort, wo die Mammutkuh gestorben war, war die Symmetrie im Fluss der magischen Kräfte stark verändert. Selbst ein Schüler, der zum ersten Mal sein Verborgenes Auge öffnete, hätte die Veränderung bemerkt. Auch das war ganz in SEINEM Sinne.
Überaus zufrieden zog ER sich von den beiden Tieren zurück.
Bei den Flamingos
Mit der Dämmerung sank weißer Nebel aus den Wäldern um den See und es wurde stiller über dem dunklen Wasser. Lyvianne ließ den Blick über die verwunschene Landschaft gleiten. Tausende Flamingos standen im seichten Wasser bei den Sandbänken. Weiß und rosa, auf langen Stelzenbeinen. Ihr Geschnatter erstarb. Mit dem Nebel und der Dämmerung senkte sich Frieden über die Vogelkolonie. Es war ein guter Ort zum Sterben.
Die Elfe drückte den kleinen Jungen an ihre Brust. Achtzehn Monde hatte sie sich ihm geschenkt. Achtzehn Monde voller Freude und Hoffnung. Und Sorge. Nur ein einziges Mal hatte sie ihn in dieser Zeit verlassen, als ihr Meister sie zu sich rief. Sie war schweren Herzens gegangen, hatte von der Welt abgeschieden sein wollen. Ganz ihrem Sohn gehören wollen. Sie hatte einen Zauber um ihn gewoben, um ihn vor den Tieren des Dschungels zu verbergen und einen magischen Schlaf auf ihn gelegt. Er hatte sie nicht vermisst. War eingeschlummert, als sie ging, und erst erwacht, als sie zurückkehrte. Und dennoch hatte sie es als einen Verrat empfunden. Sie hatte doch ganz ihm gehören wollen.
Er gluckste vergnügt und merkte nicht, wie schwer ihr das Herz war. Lyvianne hatte ihm keinen Namen gegeben. Diesen Fehler hatte sie nur beim ersten Mal begangen.
Sie strich ihm über den Kopf. Es war ein Kopf wie ihrer. Der Schädel war nach hinten ein weniger länger als normal. Nichts, was auf den ersten Blick auffiel, aber sie hatte es gleich bei der Geburt bemerkt. Lyvianne wusste, dass es eine Folge der Geburt sein konnte. Er war schwer auf die Welt gekommen. Nicht weit von hier in einer Hütte, die sie für sie beide gebaut hatte. Sie war dort allein gewesen.
Lyvianne dachte an all das Blut auf dem gestampften Lehmboden. An ihr Glück, als sie ihn sich auf die nackte Brust gelegt hatte und seine besondere Schädelform sah.
»Mingo …«, sagte er leise. Er mochte die großen Vögel. Einige von ihnen blieben das ganze Jahr über hier. Aber so viele wie jetzt versammelten sich nur am See, wenn die Zeit der Wanderung gekommen war.
»Mingo«, sagte auch sie und kämpfte gegen den Kloß in ihrem Hals. Sie drückte den Jungen fest an sich und ihre Rechte lag jetzt auf seiner Brust. Sie spürte den schwachen, unregelmäßigen Herzschlag. Lyvianne hielt ihr Verborgenes Auge geschlossen. Sie wusste nur zu gut um seine Aura. Und um ihre Hilflosigkeit. Sie hatte die Kunst der Drachen erlernt und war auf den dunklen Pfaden Matha Nahts gewandelt. Sie war eine Zauberweberin, aber ihrem Sohn konnte sie nicht helfen. All ihre Macht würde ihn nicht retten. Er war schwach. Er genügte in keinster Weise ihren Ansprüchen. Nicht körperlich und noch weniger in seiner Veranlagung zur Magie. Er würde niemals einen Zauber weben können.
Sie würde es wieder versuchen, in zwei oder drei Jahren vielleicht, wenn die Wunden auf ihrer Seele zu Narben geworden waren. Er war ihr elftes Kind. Drei waren Zauberweber geworden und einer obendrein ein talentierter Mörder. Ihr Volk brauchte noch viele Zauberweber! Jede Elfe schuldete der Zukunft Kinder.
»Mingos schlafen«, stellte ihr Sohn zufrieden fest und gähnte. Dabei umklammerte er mit der Linken eine ihrer Haarsträhnen. Er hatte recht. Die meisten Vögel hatten den Kopf ins Gefieder gesteckt.
Nebel wogte nun über dem See. Er zog die Vögel ins Ungewisse. Löschte das Rosa und verschmolz mit dem Weiß. Lyvianne schloss die Augen. Sie spürte die Wärme des Kindes. Es war ein gutes Gefühl. Er vertraute ihr unendlich. Morgens, wenn sie sich über sein Bettchen beugte und er schon wach war, lächelte er sie so unbeschreiblich glücklich an … Niemand sonst lächelte so. Nicht einmal ihre Liebhaber, wenn sie nach der ersten Nacht auf gemeinsamem Lager erwachten.
»Möchtest du bei den Flamingos schlafen?«
Er nickte, ein wenig überrascht. Er hatte sie oft danach gefragt. Jedenfalls hatte sie es so verstanden. Plötzlich war sie unsicher. In allem … Er war so klein. Sie verstand ihn so wenig. Kaum eine Handvoll Worte sprach er. Meistens musste sie erraten, was er meinte. Aber sie war überzeugt, dass ihr das meistens ganz gut glückte.
»Sie werden gut auf dich aufpassen.« Lyviannes Stimme stockte nur leicht, als sie sprach. Sie durfte jetzt nicht schwach werden.
Lautlos trat sie zum Ufer hinab. Sie hatte ihre Kindheit in den Wäldern des Südens verbracht. Sie brauchte keinen Zauber, um mit den Schatten zu verschmelzen und sich unbemerkt den Vögeln zu nähern.
Sie suchte den Magnolienbaum, dessen Wurzeln vom Wasser unterspült waren. Hier war der See hüfttief und das letzte Abendlicht verlieh dem Nebel einen rosafarbenen Schimmer. Der Ruf eines Marabus erklang ganz nah. Lyvianne mochte die großen, kahlköpfigen Aasfresser nicht. Sie lebten in einer kleinen Kolonie in einem der Bäume am anderen Ufer. Nestplünderer waren sie. Allein ihr Anblick widerte die Elfe an.
Sie strich ihrem Sohn über das seidenglatte Haar. Sein Atem ging regelmäßig. Er war an ihrer Brust eingeschlafen. Lautlos stieg Lyvianne in das lauwarme Wasser. Schwarzer Schlamm schmiegte sich an ihre Füße. Ihr Verborgenes Auge öffnete sich. Gegen ihren Willen! Sie sah das feine Netzwerk leuchtender Fäden, das alles durchdrang, die Auren, die jedes Lebewesen umfingen. Auch die Aura ihres Sohnes. Sie blinzelte unwillig. Das unerwünschte Bild verschwand.
Die Elfe setzte ihre Füße mit Bedacht – ganz sacht, sodass kein verräterisches Plätschern die Flamingos aufschreckte. Sie wirbelte den Schlamm auf. Nicht schlimm! Im schwindenden Licht war das Wasser ohnehin schon dunkel.
Sanft küsste sie ihren Jungen auf die Stirn. Er regte sich im Schlaf, gab einen unwilligen Laut von sich, öffnete aber nicht die Augen. Lyvianne ging langsam in die Knie. Das Wasser kroch an ihr empor. Es durchnässte ihr Kleid. Als seine Füße nass wurden, murrte ihr Sohn. Dann öffnete er die Augen. Diese wunderschönen grauen Augen mit den kleinen braunen Sprenkeln darin. Er sah sie überrascht an und lallte schlaftrunken. Er hatte keine Angst. Ein Speichelfaden hing ihm aus dem Mundwinkel und troff auf ihre Brust.
Sie ging tiefer in die Knie. Er schüttelte sich ein wenig unbehaglich, obwohl das Wasser angenehm warm war. Als er versuchte, höher zu rutschen, streichelte Lyvianne ihm über den Kopf und drückte ihn ein wenig zurück. Sie schloss die Augen und kniete ganz nieder.
Zwei oder drei Herzschläge lang geschah nichts. Dann bäumte er sich in ihren Armen auf. Sie hielt ihn fest an sich gepresst, die Augen noch immer geschlossen. Er drückte seine kleinen Hände gegen ihre Brust und bog den Rücken durch. Luftblasen zerplatzten neben ihrem Hals auf dem dunklen Wasser. Er zerrte an ihrem Kleid. Griff nach ihren Schultern. Sie öffnete die Augen. Sah die zarten, mit schlammigem Wasser benetzten Hände, die sich ihr verzweifelt entgegenstreckten.
Die Finger zuckten. Der kleine Körper in ihren Armen erschlaffte. Der Herzschlag wurde langsamer … Und setzte aus. Sie hielt ihn immer noch fest umschlungen. Tränen traten ihr in die Augen. Es war notwendig gewesen. Der Junge war schwach gewesen. Er hätte ohnehin nur ein paar Jahre gelebt. So war seine Seele frei. Sie konnte wiedergeboren werden, einen besseren Leib als fleischliche Hülle finden und eine bessere Mutter, als sie es war.