Artax musste plötzlich lächeln. Das Schicksal scherzte mit ihm. Irgendwo oben am Himmel gab es gewiss einen Gott, der sich vor Lachen den Bauch hielt, wenn er zu ihm herabblickte. Vielleicht war es sogar der Löwenhäuptige. Es war sicherlich amüsant, Zeuge seines unablässigen Gejammers zu sein. Früher war all sein Denken darauf ausgerichtet gewesen, eine gute Frau gewinnen zu können. Jetzt hatte er zu viele Frauen! Und sie durchschauten ihn – nicht bis ins Letzte vielleicht, aber sie durchschauten, was er vor den Augen aller anderen zu verbergen suchte. Tiefer als irgendjemand sonst hatten sie verstanden, dass sich bei ihm mehr verändert hatte als nur sein Auftreten. Sie kannten ihn und Aaron besser als irgendjemand sonst. Sie wussten um all jene Merkmale, die sich nicht durch einen Sturz verändert haben konnten und nun doch verschieden waren. Auch wenn der Devanthar es geschafft hatte, dass sein Antlitz, seine Körpergröße und die Proportionen völlig mit denen Aarons übereinstimmten, war die Anpassung doch nicht vollkommen geworden. Seine Konkubinen hatten bemerkt, dass seine Muttermale verändert waren. Dass ihm jetzt plötzlich Haare in den Ohren sprossen, seine Zehen dafür aber unbehaart waren. Und auch pikantere Aspekte seiner Anatomie waren einer Verwandlung unterworfen gewesen. Es gab wohl kaum einen Ort, an dem Gerüchte so schnell die Runde machten wie in einem Harem. Und auch wenn die Gemächer seiner Frauen für Höflinge nicht ohne Weiteres zu betreten waren, bedeutete das nicht, dass Geheimnisse dort gut verwahrt waren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Geschichten sich ausbreiten würden. Artax wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte. Artax wusste, welche Lösung Aaron für dieses Problem gewählt hätte. Er hätte all seine Weiber dem Wolkentod übergeben und sich neue Gespielinnen zugelegt.
Stimmt. Und ob du es glaubst oder nicht, es wäre eine menschenfreundliche Lösung. Aus Haremsgeschwätz dieser Art könnte ein Bürgerkrieg erwachsen, wenn irgendein machtgieriger Satrap oder Priester den Eindruck gewinnt, dass du ein Betrüger bist. Das würde zu Zehntausenden Toten führen. Du kannst die Mädchen auch jetzt noch umbringen lassen. Noch ist es nicht zu spät.
Artax hob das Haupt und schaute zum Himmel hinauf. Ob der Löwenhäuptige ihn eines Tages von der Stimme befreien würde? Er seufzte. Jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Nun galt es, Aarons Mörderin die letzte Ehre zu erweisen. Hörst du mich, mein Plagegeist? Ich werde deine Mörderin durch dieses Begräbnis zur Heldin machen und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst!
Bist du da sicher?
Artax entschied sich, Aaron zu ignorieren. Er blickte voraus und konzentrierte sich auf das, was er sah. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Aaron sich schwerer zu Wort melden konnte, wenn er es schaffte, seine eigenen Gedanken zu bündeln und sich nicht ablenken zu lassen. Er würde sich die Landschaft ansehen und sich gleich ganz auf die Feierlichkeiten des Totenrituals konzentrieren.
Das Ende der Prachtstraße war fast erreicht. Zu beiden Seiten erhoben sich jetzt mächtige Statuen der Devanthar. Manche erinnerten mehr an Ungeheuer als an Götter. Insbesondere jener mit dem Keilerkopf und den Krallenhänden, der leicht gebückt stand. Artax war überzeugt, dass jeder der Devanthar sich jede Gestalt, die ihm beliebte, zu geben vermochte. Warum traten dann einige von ihnen als Ungeheuer auf? Manche Weisen behaupteten, diese Körper seien schon ein großes Zugeständnis an die Menschen, denn die eigentlichen Gestalten der Devanthar seien ebenso fremd wie die Wolkensammler oder die geheimnisumwobenen Grünen Geister Nangogs.
Artax blickte zu dem Ebermann auf. Was verbarg sich hinter ihm, wenn diese Erscheinung dazu angetan war, ein angenehmer Anblick zu sein? Oder hinter der Erscheinung der Sturmruferin mit dem Haar aus lebenden Schlangen? Dem gedrungenen Götterschmied, behaart wie ein Affe und mit Armen, die ihm bis zu den Knien hinabhingen? Im Vergleich zu ihnen wirkte der Löwenhäuptige edel und majestätisch. Es hieß, sie seien einander alle gleichgestellt. Keiner von ihnen erhebe sich über den anderen. So wie die Unsterblichen.
Erst am Ende der steil ansteigenden Prachtstraße, die geradewegs in den Himmel hinein zu führen schien, bot sich Artax ein Blick auf den Weltenmund, jenen gewaltigen Krater, dessen gegenüberliegendes Ende mit dem Blau des Himmels verschwamm. Ein Abgrund, der hinab in die tiefsten Tiefen Nangogs führte. Niemand hatte je den Grund des Kraters erreicht. Er war eine klaffende Wunde in der Welt, und zahllose Geschichten rankten sich um ihn. Eine besagte gar, es sei der weit geöffnete Mund einer schlafenden Riesin.
Aus dem Dunkel des Kraters erhoben sich vereinzelt Berge und schroffe Zinnen. Säulen wie versteinerte Baumstämme lagen durcheinander. An manchen Stellen vermochte man auch verwitterte Treppen auszumachen. Bogengänge brachen durch Felswände und verschwanden im Nichts. Und all dies verlor sich schließlich im Dunkel des Abgrunds.
Vom Grund des Kraters stieg ein beständiger warmer Wind auf. Blickte man über den weiten Krater, so sah man Dutzende großer Vögel. Zumindest erschienen sie einem Betrachter, der es nicht besser wusste, auf den ersten Blick so. Es waren Helden und Fürsten der sieben Großreiche; Gefährten der Unsterblichen, die auf Nangog den Tod gefunden hatten. Und welcher Ort wäre passender für Recken gewesen, die jahrelang auf den Palastschiffen gereist waren, als im Himmel beigesetzt zu werden?
Eine weite Treppe führte vom Ende der Prachtstraße über den Kraterrand hinab zu einer steinernen Zunge, die etwa hundert Schritt tiefer lag. Es war der einzige Felsvorsprung an der steil abfallenden Kraterwand. Sieben goldene Masten, von denen die Banner der Unsterblichen im warmen Aufwind wehten, waren der einzige Schmuck der ansonsten nüchtern gehaltenen Terrasse. Eine kleine Gruppe von Priestern stand um ein Fluggerüst versammelt. Der Leichnam der Elfe war unter den vier Schritt langen, fast dreieckigen Himmelssegler geschnallt, ihre Arme waren weit vom Körper gestreckt. Sie war bereit für ihre letzte Reise.
Ein Fanfarenstoß erklang, als Artax den ersten Schritt auf die Treppe tat. Der Wind spielte mit seinem Umhang. Er trug die Rüstung, die die Devanthar für ihn erschaffen hatten, den schimmernden Maskenhelm unter den linken Arm geklemmt. Feierlich schritt er die Treppe hinab, gefolgt von seinem vielhundertköpfigen Hofstaat. Der Hohepriester des Palastschiffes führte die Priesterschar an, welche die Elfe auf ihre letzte Reise vorbereitet hatte. Er erwartete Artax mit steinerner Miene. Der Alte gehörte zu denen, die sich lautstark gegen dieses Spektakel ausgesprochen hatten.
»Sie gehört nicht an diesen Ort, Erhabener«, sagte der Priester mit mühsam beherrschter Stimme. »Sie wollte Euren Tod und bei allem Respekt, Erhabener, einiges, was ich früher an Euch schätzte, scheint tatsächlich gestorben zu sein.«
Artax entschied, ihn für den Augenblick zu ignorieren. Dieser Narr! Aaron hätte ihn für solche Worte ermorden lassen. Er aber würde es dabei bewenden lassen, ihn zu verbannen und sich eine besonders abgelegene und besonders aufsässige Provinz für den Alten auszusuchen.
Die Elfe war in ein sauberes Leinengewand mit gelber Stickerei an Kragen und Ärmeln gekleidet. Ihre Wunden hatte man vernäht und die Narben unter Wachs und dicken Schichten aus Schminkpuder verborgen. Das Haar der Toten war zu Zöpfen geflochten und nach hinten gesteckt. Artax beugte sich so weit vor, dass er den Branntwein riechen konnte. Sie war zwar gewaschen worden, doch musste der Branntwein während der Zeit, die man sie in einer großen Amphore an Bord des Wolkenschiffes gelagert hatte, tief in ihren Leib eingezogen sein.