Ihre smaragdgrünen Augen waren trüb. Das geschminkte Gesicht wirkte puppenhaft. »Du warst tapfer«, sagte er leise und strich ihr über das Haar. Prüfend musterte er die Lederverschnürung. Sie war unter einen Flugrahmen aus Leinen und Bambusrohr geschnallt. »Sie hat kein Recht, hier zu sein«, zischte der Hohepriester erneut. »Sie ist eine Meuchlerin. Ehrlos. Eine Drachensklavin. Eine …«
Ein Blick von Artax brachte den Alten zum Schweigen. Doch das Gift seiner Worte hatte gewirkt. Deutlich konnte der Unsterbliche in den Gesichtern der übrigen Priester lesen, dass sie ebenfalls dachten, was nur der Alte auszusprechen wagte.
»Ja, sie ist eine Elfe«, sagte Artax mit volltönender Stimme, sodass er in weitem Umkreis deutlich zu vernehmen war. »Sie kam, um mich zu töten. Allein hat sie mein Palastschiff angegriffen und ihr Leben gewagt. Ich verneige mich vor so viel Tapferkeit, auch wenn sie ein Feind ist.« Artax verbeugte sich tief und war sich deutlich bewusst, dass dies auch jene, die weit hinten auf der Treppe standen, sehen konnten. All die, die seine Worte nicht hören würden. »Sie hat den höchsten Preis für ihre Tollkühnheit bezahlt. Wir sind die Arami, die Kinder der geflügelten Sonne. Unser Reich ist groß. So groß wie der Ruhm unser Kriegstaten. Es waren Götter, nicht Menschen, die uns letztlich Grenzen gesteckt haben. Aber wie groß sind unsere Herzen? Wie ist es um unseren Ruhm bestellt, wenn wir den Mut unserer Feinde nicht loben können? Sind wir dann letztlich nicht nur die Bezwinger von Feiglingen und Mördern? Selbst unter den tapfersten unserer Krieger hätten es nur wenige dieser Elfe gleichgetan. Und auch ich wage von mir nicht zu behaupten, dass ich den Mut gehabt hätte, ganz allein ein Wolkenschiff anzugreifen. Deshalb gebührt ihr mein Respekt. Und damit hat sie sich ihren Platz an der Seite all jener Helden verdient, die wir hier den Lüften übergeben haben. « Artax wandte sich an die Priester. »Und nun – ehrt sie! Lasst sie fliegen!«
Eine Gruppe jüngerer Priester trat unter die Schwingen des Flugrahmens und hob ihn an den Bambusstangen behutsam an. Dann liefen sie auf den Rand der Terrasse zu. Dumpfer Trommelschlag begleitete ihre Schritte, bis sie am Abgrund abrupt stehen blieben und mit gemeinsamem Schwung den Segler dem Himmel übergaben.
Der Flugrahmen stürzte. Beklommen verfolgte Artax, wie die Elfe in steiler Abwärtskurve einem Felsgrat im Krater entgegenraste. Dort konnte man im Geröll ausgeblichene, mumifizierte Körper erkennen und zersplitterte Flugrahmen, von denen noch Leinenfetzen flatterten. Die Reste anderer Helden, die im Tod gescheitert waren. Wer dort abstürzte, dem hatten die Götter alle Gunst abgesprochen. Ganz gleich, was er im Leben geleistet hatte, aller Ruhm wurde zu Asche, wenn man dort unten an den Felsen zerschellte.
Artax war sich im Klaren darüber, dass auch er als von den Göttern verdammt erscheinen würde, wenn die Elfe dort auf den Felsen ihr Grab fand und nicht wie die übrigen, wahren Helden in den Lüften. Kurz blickte er auf zu den Flugrahmen, die träge im warmen Aufwind des Kraters segelten. Manche flogen für Jahre, hieß es. Es gab eine eigene Priesterschaft in der Goldenen Stadt, die nichts weiter tat, als den Flug der Helden zu beobachten. Je länger sie sich in der Luft hielten, desto größer wurde ihr Ruhm.
Der Flugrahmen der Elfe streifte eine Felsnase. Ein Flügel brach. Bis zur Terrasse, auf der es totenstill war, konnte Artax das Bersten hören. Der Flugrahmen kippte seitlich weg, überschlug sich in rasendem Sturz und zerschellte schließlich mit lautem Getöse. Der Leichnam aber stürzte weiter, bis er ganz aus dem Blickfeld verschwand.
»Die Götter dulden keinen Frevel!«, rief der alte Hohepriester, und Zorn und Triumph rangen in seiner Stimme um die Oberhand. »Auch nicht von einem Unsterblichen!«
Ein goldenes Licht flackerte im Abgrund, dort wo die Elfe in den Schatten der Felsen verschwunden war. Im gleichen Augenblick ertönte oben auf der Treppe, die zur Terrasse hinabführte, Lärm. Artax wandte sich um. Krieger mit hohen Bronzehelmen, auf denen rote Federnester wehten, stiegen die Treppe hinab. Manche von ihnen drängten mit ihren Speeren grob sein Gefolge zur Seite. Die beiden Leoparden, die von seinen Tierwärtern mitgeführt wurden, fauchten. Auf Festzügen wie diesem führte er immer einen halben Zoo hinter sich her.
Sein Besucher hingegen hatte nur Krieger mitgebracht. Der Anführer der Störenfriede war unverwechselbar, ein hochgewachsener Mann mit Maskenhelm, der statt eines Umhangs ein Löwenfell über seinen Schultern trug. Der Kopf des Löwen ruhte auf dem Helm. Die stählerne Gesichtsmaske war von gelblichen Fängen umrahmt. Muwatta, der Erzkönig, der Herrscher der Luwier, stieg die Stufen hinab.
»In den Staub mit dir, Frevler«, brüllte er. Der geschlossene Helm ließ seine Stimme blechern erklingen.
Die Himmelshüter scharten sich schützend um Artax. Juba drängte sich an seine Seite. »Ich gäbe meine rechte Hand, wenn ich diesen Mistkerl über dem Abgrund segeln sehen könnte. Er nutzt jede Gelegenheit zum Streit. Ihr wusstet das, Erhabener.«
»Du spuckst auf die Ehre der Helden Luwiens. Du forderst mich heraus, immer wieder«, brüllte Muwatta von der Treppe hinab und seine Stimme überschlug sich dabei vor Zorn.
»Du bist es, der den Frieden der Toten durch sein kriegerisches Gehabe stört, Muwatta«, entgegnete Artax mit lauter, aber ruhiger Stimme, aber Muwatta ließ sich nicht beschwichtigen. »Hattest du gehofft, dass ich so wie andere deine Unbotmäßigkeit stillschweigend hinnehmen würde? Dass ich vor dem Herrn aller Schwarzköpfe kusche? Deinen Kopf will ich, Aaron! Deinen Kopf. Ich werde dir in deine durchtrennte Kehle pissen und dich hinab in den Krater schleudern, wo dein Fleisch zwischen dem der anderen falschen Helden vertrocknen wird. Kein Kind wird je mehr deinen Namen der Schande tragen. Du wirst …«
Einer der Leoparden aus Artax’ Gefolge zerrte fauchend an seiner Kette.
Muwatta legte die Hand auf sein Schwert. Seine Wachen senkten drohend die Speere.
Artax zog blank und streckte dem Erzkönig sein Schwert entgegen. »Komm herunter und lass dein Schwert für dich sprechen, wenn du der Held bist, für den du dich ausgibst.«
»Tut das nicht, Erhabener!«, zischte Juba. »Es heißt, er habe mehr als tausend Männer in Zweikämpfen erschlagen.«
»Und du glaubst, dabei ging es mit rechten Dingen zu? Dem werde ich den Kopf vor die Füße legen!« Entschlossen ging Artax dem Unsterblichen entgegen. Muwatta hatte den Vorteil, die Sonne in seinem Rücken zu haben. Artax war leicht geblendet. Aber er vertraute auf das Kampfgeschick Aarons und seinen eigenen Mut. Ein halbe Drehung im Kampf und dieses Problem hätte sich erledigt.
Auch der Luwier hatte sein Schwert gezogen, und Leibwächter und Höflinge wichen erschrocken zurück. Niemand war je Zeuge eines Duells zwischen zwei Unsterblichen geworden, denn die Devanthar hatten ihre Schützlinge strengen Regeln unterworfen. Einander mit gezogenem Schwert zu begegnen war ein Verstoß gegen die Gebote der Götter. Artax war sich dessen bewusst, aber Muwatta hatte ihm keine Wahl gelassen. Wenn er jetzt nicht entschlossen gegen den Erzkönig vorging, dann würde er sein Gesicht verlieren. Und vielleicht auch sehr bald seine Herrschaft. Er würde sich von diesem Großmaul nicht alles entreißen lassen. Er, Artax, der Bauernsohn, der zum Unsterblichen geworden war, würde die Welt verändern – oder an diesem Mittag am Rand des Weltenmundes verbluten.
Muwatta war groß und trug eine ganz ähnliche Rüstung wie er. Nur das Löwenfell gab ihr eine persönliche Note. Mit wildem Kampfschrei stürmte der Luwier die Treppe hinab und Artax hatte das Gefühl, dass ihm das Blut in den Adern zu Wasser wurde. Er hob sein Schwert, um den ersten Hieb zu parieren. Seine eigene Bewegung kam ihm unglaublich langsam vor. Kreischend fuhren die Klingen übereinander und Funken stoben von dem mit bläulichen Wellenmustern überzogenen Stahl. So heftig war der Hieb, dass Artax in die Knie brach. Schmerz stach durch seine Gelenke. Er musste lockerer sein, musste auf das Wissen Aarons vertrauen, das er in sich aufgenommen hatte, statt sich blindlings seiner Angst auszuliefern.