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Er drückte den Stahl durch die Fuge, doch da wurde sein Arm zurückgerissen. Mit solcher Kraft, dass er auf den Rücken stürzte.

Ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er blinzelnd wieder zu sich kam, fühlte er warmes Blut über seinen Hals laufen. Seine Hand lag in einer Pfütze. Auch Blut? Verschwommen sah er eine geflügelte Gestalt über sich. Eine Frau mit scharf geschnittenem schönen Antlitz, gerahmt von langen, schwarzen Locken. Eine Frau, zu schön, um ein Mensch zu sein. Die mächtigen schwarzen Schwingen erhoben sich hoch über ihren Kopf.

Ich weiß, wer du bist, Bauer. Und ich werde dich zermalmen!, dröhnte es in Artax Kopf. »Du hast gegen die Gesetze von Göttern und Menschen verstoßen, Aaron, Herrscher aller Schwarzköpfe«, sprach sie nun für alle vernehmbar. »Du hast das Schwert gegen einen Unsterblichen erhoben. Die Klinge, mit der du gefrevelt hast, wird die Klinge sein, mit der du gerichtet wirst.«

Aus den Augenwinkeln sah Artax Muwatta am Boden liegen. Einige seiner Leibwächter kauerten neben ihm. Sie hatten Streifen von ihren Umhängen gerissen und versuchten seine Blutung zu stillen. Der ganze Boden war voller Blut.

Artax sah sein Schwert ein Stück entfernt in einer roten Pfütze liegen. Die Waffe des Luwiers steckte ihm noch immer in der Brust. Vielleicht eine Handbreit über seinem Herzen.

Die Geflügelte streckte die Hand aus und wie von Geistern bewegt erhob sich Artax’ Schwert. Es schwebte zur Devanthar. Selbst im Zorn sah sie überwältigend schön aus. War das ihre wahre Gestalt? Warum wählten so viele von ihnen Tierköpfe, wenn sie auch so wundervoll aussehen konnten?

Die Geflügelte griff nach der schwebenden Waffe. Sie trat vor Artax und setzte ihm einen Fuß auf die Brust. Der steife Leinenpanzer knirschte auf dem Steinboden unter dem Gewicht der Devanthar. Mit anmutiger Bewegung hob sie die Klinge.

Artax war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Selbst wenn er es gekonnt hätte, wäre er liegen geblieben. Verzückt blickte er in das Gesicht der Devanthar. Er konnte nicht mehr klar denken. Er empfand es als eine Ehre, von dieser geflügelten Göttin hingerichtet zu werden.

»Halt!«, rief eine Stimme wie ein Donnerschlag, und plötzlich war der Löwenhäuptige da. Artax wusste nicht, woher er gekommen war. Dicht hinter dem Platz, an dem er stand, lag die Mauer der Terrasse.

»Du wirst nicht verhindern, dass hier Recht gesprochen wird, Bruder«, entgegnete die Geflügelte mit befehlsgewohnter Stimme.

»Wir beide sind der Wahrheit verpflichtet. Deshalb wird heute gar kein Urteil gefällt.« Der Löwenhäuptige warf seiner Schwester etwas vor die Füße. Kleine graue Metallstücke, die mit dumpfem Ton auf den Steinboden prallten. »Blei. Es war in die Bambusrohre des Flugrahmens gefüllt und in die Kleider der Toten eingenäht. Es gab kein Gottesurteil. Noch bevor die Elfe über den Terrassenrand gestoßen wurde, stand fest, dass sie keinen Platz unter den toten Helden einnehmen würde. Wie mir scheint, wäre das ganz im Sinne Muwattas gewesen.«

»Oder jedes anderen, den der Hochmut Aarons erzürnt hat!«, entgegnete die Geflügelte scharf.

»Das werden wir nicht heute entscheiden«, sagte der Löwenhäuptige etwas versöhnlicher. Die beiden Devanthar maßen einander stumm mit Blicken. Artax war sich sicher, dass sie miteinander in Gedanken sprachen. Doch worum immer es gehen mochte, man vermochte auf dem ebenmäßigen Gesicht der Geflügelten keine Regung abzulesen.

Schließlich traten beide im selben Augenblick einen Schritt zurück. Der Löwenhäuptige kniete neben Artax nieder. Du bist ein noch größerer Narr, als ich gedacht hatte, erklang dessen Stimme in Artax’ Kopf. Zugegeben, ein mutiger Narr. Aber du solltest es dir nicht zur Angewohnheit machen zu siegen, indem du das Schwert des Gegners mit deinem Fleisch bindest.

Artax lächelte schwach. Ihm war sehr kalt. Immer wieder verschwamm ihm das mächtige Löwenhaupt vor Augen. Die Raubtieraugen hielten ihn gefangen.

Schlaf nicht ein, wenn du noch einmal erwachen willst.

Der Devanthar legte ihm die Hand auf die Brust. Wärme durchfloss seine Glieder, aber er fühlte sich noch immer unendlich schwach. Seine Augenlider flatterten.

Der Göttliche zog das Schwert aus der Wunde und der Schmerz raubte Artax die Sinne. Dunkelheit umfing ihn. Ein neuer Schmerz holte ihn zurück. Kleine Rubine funkelten in der Mähne des Löwen. Es war kein Geschmeide – es war Blut. Sein Blut.

Artax spürte seinen Leib nicht mehr. Etwas im Blick des Löwenhäuptigen beunruhigte ihn. Der Devanthar machte sich Sorgen um ihn. Um ihn, den Sohn eines Bauern!

Du bist dem Tod näher als dem Leben.

Artax wollte fragen, wie es Muwatta ging, aber er hatte weder die Kraft zu sprechen, noch gelang es ihm, den Kopf zu drehen. Er war gefangen vom Blick der bernsteinfarbenen Augen des Löwenhäuptigen.

Der Luwier ist nicht so schwer verwundet wie du. Allerdings hast du ihn entmannt und das wird ihn den Kopf kosten. Meine Schwester wird einen anderen finden, der im Verborgenen an Muwattas Stelle tritt, so wie du Aaron ersetzt hast. Ein Unsterblicher, der die Heilige Hochzeit nicht vollziehen kann und mit einer Weiberstimme spricht, wäre in Luwien untragbar.

»Wer …« Blut floss ihm aus dem Mundwinkel. Zu sprechen war unmöglich.

Wer das Blei in die Bambusrohre gefüllt hat? Der alte Priester. Er wollte dich bloßstellen. Er glaubte, so könne er dich für die Zukunft gefügiger machen. Allerdings hat er es nicht allein getan. Alle Priester hier auf der Terrasse waren daran beteiligt. Sogar die Novizen. Sie sind eine korrupte, machtgierige Bande. Du kannst nicht ohne sie regieren. Das einfache Volk braucht einen Götterkult. Etwas, woran sie glauben, wozu sie aufschauen. Etwas, wovor sie niederknien können. Selbst im kleinsten Dorf gibt es Schreine und Altäre, und es braucht die Priesterschaft, die ihnen vorgaukelt, sie seien die Brücke zu uns. Du brauchst diese Priester, damit dein Volk zufrieden ist. Aber du solltest ihnen Zügel anlegen. Sonst werden sie dir Zügel anlegen, Artax. Falls du überlebst.

Artax dachte an Muwatta. Wenn sein Schicksal wirklich besiegelt war, dann würde es wenigstens Frieden geben. Vielleicht war der nächste Muwatta weniger heißblütig und unbedacht.

Du bist ein Träumer. Der nächste Erzkönig hat gar keine andere Wahl, als diese Fehde wieder aufzugreifen. Du hast ihn gedemütigt. Das Duell muss erneut ausgetragen werden. Doch nun nach den Regeln, die für Unsterbliche gelten. Es wird eine Feldschlacht geben. Jeder von euch bietet fünfzigtausend seiner besten Krieger auf. In drei Jahren werden sich die Heere Luwiens und Arams auf der Ebene Kush begegnen, und dann wird der Streit entschieden. Der Verlierer wird eine bedeutende Provinz an den Sieger abtreten. Damit erst endet der Streit. Es wird keine Belagerungen geben. Kein endloses Hin und Her, bei dem beide Reiche immer weiter ausbluten. Nur eine einzige Schlacht wird die Entscheidung bringen.

Artax wurde übel. In seinem Geiste sah er ein endloses Feld voller Leichen. Das war es nicht wert. Das war völlig verrückt! Das…

Du bist ein Unsterblicher! Wenn du einen Streit mit deinesgleichen beginnst, dann ist das nicht mit einem Duell wie diesem hier entschieden. Dann werden sich Großreiche duellieren. Und das geschieht auf dem Schlachtfeld. War die Elfe das wert? Oder deine Vorstellung von Ehre?

Er musste überleben, dachte Artax verzweifelt. Er musste dieses Unheil abwenden!

Das liegt nicht mehr in deiner Macht. Meine Schwester und ich haben es soeben beschlossen. Der Streit zwischen Luwien und Aram wird auf dem Feld von Kush beigelegt werden. Nichts kann dies mehr abwenden. Dir bleiben drei Jahre, dein Heer vorzubereiten. Du hast mehr Krieger, doch in dieser Schlacht wird die Überzahl dir keinen Vorteil bringen. Muwattas Männer sind besser ausgebildet und ausgerüstet. Viele von ihnen besitzen eiserne Waffen. Deine stärkste Waffe sind deine Streitwagengeschwader. Doch deine Streiter kämpfen noch mit Bronzewaffen. Die Luwier werden sie zu Tausenden dahinschlachten. Wer immer dir diese Elfe geschickt hat, wäre sicherlich verblüfft, in welchem Ausmaß sie die Geschicke zweier Großreiche beeinflusst hat.