Das würde nicht geschehen, schwor sich Artax. Und ihm war schrecklich klar, dass er zuerst eine Göttin besiegen musste, wenn er es verhindern wollte.
Ein ganz besonderer Käfer
Nandalee blickte zu dem Drachen, der mit dem Kopf nach unten von der Decke hing. Ihr Meister sah albern aus! Und ihn schien das nicht im Mindesten zu stören! Die übrigen Schüler waren ganz in ihre Meditation versenkt, nur sie selbst schaffte es wieder einmal einfach nicht, in Harmonie mit sich und der Welt zu sein. Sie hatte wieder versucht, sich auf die Jagd zu konzentrieren, das Gefühl in sich zu erwecken, das sie gehabt hatte, wenn sie in den verschneiten Wäldern Carandamons auf die Pirsch gegangen war. Manchmal gelang es ihr. Meistens jedoch nicht. Wie schon so oft musste sie auch jetzt wieder an den Troll denken, der ihr Leben verändert hatte. Sie wusste, dass diese Gedanken ihr inneres Gleichgewicht störten, doch je mehr sie versuchte, sich gegen diese Gedanken zu sperren, desto sicherer kamen sie.
Nandalee wusste nicht, wie sie sich helfen sollte. Und ihr verdammter Meister half ihr auch nicht! Wenn er ein Lehrer war, dann musste er doch sehen, was in ihr vorging. Warum unternahm er nichts?
Sie erhob sich und streifte zwischen den anderen Schülern durch die Felsnische. Sie bewegte sich lautlos und versuchte die anderen nicht zu stören. Natürlich wäre es besser gewesen, einfach sitzen zu bleiben. Aber sie konnte nicht. Sie musste sich bewegen. Dieses ewige Sitzen machte sie noch wahnsinnig. Sie hatte kein Talent! Was musste sie tun, damit der Drache das einsah und sie endlich ziehen ließ?
Eine Bewegung auf dem Boden weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein dicker schwarzer Käfer kämpfte sich über das Spiralmuster, das in den Boden geschnitten war. Statt den eingeschnittenen Linien zu folgen, kletterte er quer über die Erhebungen zwischen den Rillen, was ihn viel Kraft zu kosten schien. Neugierig kauerte sich Nandalee neben den Käfer und sah ihm auf seinem Weg zu. Sein Hinterleib schimmerte metallisch grün. Der Halsschild war schwarz. Die kleinen Fühler, die aus seinem Kopf wuchsen, verdickten sich nach vorne, sodass sie wie kleine Keulen aussahen. Er machte einen robusten Eindruck. Er war ein Dickkopf, und sie mochte ihn dafür.
Wieder und wieder erklomm er die steinernen Rillen des Reliefs und arbeitete sich dem Abgrund entgegen. Konnte er ihn sehen? Und wie war er hierhergekommen?
Nandalee verstellte ihm mit einem Finger den Weg. Der Käfer wich aus und schwenkte wieder auf seine alte Richtung ein. Was er wohl dachte? Konnten Käfer denken?
Sie beobachtete den Rhythmus, in dem seine gegliederten Beine gegen die Rillen ankämpften. Er war ausdauernd. Ihn zu beobachten stimmte sie friedlicher. Der Käfer schien mit sich und seiner Welt völlig im Einklang zu sein, obwohl er so einen schweren Weg zu gehen hatte. Einige Schwünge der Spiralmuster führten direkt zum Abgrund. Wahrscheinlich wollte er von dort fliegen. Er erschien Nandalee zu gedrungen, als dass er sich leicht in die Lüfte erheben konnte. Er brauchte einen Absprungpunkt.
Plötzlich, ohne dass sie es gewollt hätte, veränderte sich ihre Sicht. Ihr Verborgenes Auge hatte sich geöffnet und die Magie der Welt breitete sich vor ihr aus. Der Käfer verströmte Harmonie. Sie konzentrierte sich auf ihn. Er könnte es so viel einfacher haben, wenn er einen anderen Weg einschlug. Sie sollte ihm helfen. Sie könnte ihn auf die Hand nehmen. Oder …
»Du solltest deinen Weg ändern«, flüsterte sie. Der Käfer müsste nur bei der übernächsten Rille in die Bahn einschwenken, statt weiterzuklettern. »Vertrau mir«, sagte sie eindringlich. »Du musst einen anderen Weg einschlagen.«
Gebannt beobachtete sie ihn, dabei dachte sie an den Weg, den er gehen sollte. Deutlich erkannte sie einen spinnwebdünnen Lichtfaden, der sie nun mit dem Käfer verband. Der Faden wurde ein wenig heller und begann zu vibrieren.
Der Käfer schwenkte ein! Er hatte sie gehört! Nein, natürlich nicht … Es war ihre Magie, mit der sie ihn beeinflusst hatte. Nicht die Worte. Hatte sie es wirklich geschafft? Oder war es nur ein Zufall?
»Geh in die benachbarte Rille!«, wisperte sie, eindringlich jetzt. Immer noch sah Nandalee das magische Netz, das die Welt durchdrang. Und besonders deutlich sah sie das Band aus Licht, das sich zwischen ihr und dem dicken Käfer spannte.
Als habe er ihre Worte verstanden, wechselte er in die benachbarte Rille. Die Farbe seiner Aura veränderte sich. Ein Rotton schlich sich in das satte Gelbgold. Offenbar regte sich der Kleine auf. Es tat ihr leid. Zurück, dachte sie. Geh zurück auf den einfachen Weg in der Rille!
Das Rot in der Aura wurde stärker, als der Käfer gehorchte.
Ihr könnt also einen Mistkäfer von seinem Weg abbringen. Ich gratuliere zu diesem Triumph des Willens, Dame Nandalee!
Ertappt zuckte Nandalee zusammen. Sie war so sehr in dieses Spiel vertieft gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sich der Drache näherte.
Ist das die Art von Zaubern, die Ihr künftig weben wollt? So könnt Ihr viel Macht erlangen.
»Ich wollte ihm nicht schaden.«
Auf mich macht er den Eindruck, nicht sehr glücklich zu sein.
»Aber ich habe ihm doch einen besseren Weg gewiesen. Er wird es viel leichter haben, so zum Abgrund zu gelangen und davonzufliegen. «
Ihr habt ihm seine Freiheit genommen. Und obwohl er nur ein Käfer ist, hat er das deutlich gespürt.
»Das sagt der Richtige! Ich bin auch nicht freiwillig hier.«
Habe ich Euch etwa hierhergebracht? Der Drache legte seinen Kopf schief und bleckte die Zähne zu einem Raubechsenlächeln. Es steht Euch frei zu gehen, Dame Nandalee.
»Dazu müsste ich fliegen können!«
Es steht Euch frei, es zu erlernen.
Noch ehe sie sich bewusst wurde, was sie tat, ballte sie die Faust und reckte sie dem Meister entgegen. Ihr Verborgenes Auge hatte sich geschlossen. Deutlich sah sie die feinen Schuppenringe um die Augen des Drachen. Da waren Falten. Er wirkte melancholisch.
Ihr könntet viel von dem Käfer lernen, Dame Nandalee.
Seine Worte waren wie Öl auf Feuer. »Du findest, ich bin dem Käfer ähnlich!«, schnaubte sie.
Bedauerlicherweise nicht. Wäret Ihr ihm ähnlich, wäre Euer Leben in der Balance und Ihr könntet leichter jenen Weg finden, der Euch eine Zauberweberin werden ließe.
»Der Käfer steht in deinen Augen also über mir! Was bin ich für dich? Ein Stück Dreck?«
Ein zerrüttetes Herz, das seid Ihr, mein Kind.
Ihre Wut verrauchte so plötzlich, dass sie einen Augenblick lang argwöhnte, der Drache habe einen Zauber gesponnen. Ein zerrüttetes Herz, das seid Ihr. Die Worte des Meisters hallten in ihren Gedanken wider, obwohl der Drache nicht mehr zu ihr sprach. Ihr traten Tränen in die Augen. Sie schämte sich. Und dann wurde sie erneut wütend, sich vor dem Drachen so schwach zu zeigen. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wangen und wischte die Tränen fort.
Wisst Ihr, was das Wunderbare an diesem Käfer ist, Dame Nandalee?
»Nein«, entgegnete sie übellaunig.
Wisst Ihr überhaupt, was für ein Käfer das ist?
Sie antwortete nicht. Ihre Unwissenheit war offensichtlich. Was interessierten sie schillernde Käfer! Käfer wie diesen gab es in Carandamon gar nicht. Wie sollte sie ihn kennen!
Ihr müsst entschuldigen, wenn ich in meiner Wortwahl nun etwas drastischer werde, meine Liebe, aber manchmal versteht man die Wahrheit besser, wenn sie sich nicht hinter schönen Phrasen verbirgt. Dieser Käfer ist ein Mistkäfer. Manche nennen ihn auch etwas vornehmer Pillendreher. Natürlich ist er nicht freiwillig hier. Ich habe ihn von einem Besuch bei einem meiner Brüder mitgebracht. Für Euch, Nandalee. Hier auf nacktem Fels zu leben, wo man keine Exkremente findet, ist für ihn wahrscheinlich eine arge Qual. Er frisst Exkremente, wisst Ihr. Und er kommt bestens damit klar. Er sammelt sie auch für seinen Nachwuchs. Er dreht sie zu Kugeln, die ein Vielfaches seines eigenen Gewichtes betragen. Darin legen die Weibchen ihre Eier ab und die Jungen werden in eine Welt geboren, in der sie vor lauter Exkrementen das Tageslicht nicht sehen. Ihr ganzes Leben dreht sich um Scheiße! Hört sich ein bisschen an wie Euer Leben im Moment, nicht wahr? Aber wisst Ihr, was wirklich faszinierend ist? Die Männchen rollen die Kugeln aus Mist, die von so erdrückendem Gewicht sind, mit ihren Hinterbeinen. Sie blicken dabei nach vorn in die Sonne.