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Sie haben das Beste aus ihrem Leben gemacht. Lernt von ihnen. Wenn Ihr den Mist in Eurem Leben schon nicht loslassen könnt, packt ihn wenigstens hinter Euch, dass er Euch nicht andauernd den Blick auf die Zukunft versperrt.

Nandalee sah ihn an. Fassungslos, zornig, nachdenklich, erstaunt. Lange Zeit schwieg sie, stand einfach nur da und hielt seinem Blick stand.

Dann lachte sie.

Verbotenes Wissen

»Ich weiß nicht, wie viele Tage mir noch bleiben, noch weiß ich, ob ich angelogen worden bin, doch die Geschichte, die mir die Getwerg erzählten, klang sehr überzeugend. Zumindest sie glauben daran und handeln danach. Man findet sie allerdings nicht auf den Stelen ihrer Herrscherhallen niedergeschrieben. Sie wird geflüstert, kommt ihr Inhalt doch einer Verschwörung gegen die Alben nahe.

Sie haben mir Obhut gewährt, weil die Feinde ihrer Feinde bei ihnen willkommen sind. Sie wissen, was ich getan habe. Deshalb haben sie mich ins Vertrauen gezogen.

Es war Nangog, die Erdriesin, die von den Devanthar und den Alben gemeinsam erschaffen worden war, die Albenmark formte und auch Daia. Ihr letztes Werk war jene Welt, die ihren Namen trug. Nangog war über die ungezählten Jahre ihrer Arbeit weise geworden. Während sie Gebirge formte, blieb ihr viel Zeit zu denken. Und Devanthar wie Alben begriffen, dass ihnen in der Riesin, die anfangs nur ihr Geschöpf gewesen war, vielleicht eines Tages eine ebenbürtige Gegnerin erwachsen könnte.

Und so verschworen sie sich gegen Nangog, deren Haupt bis in die Wolken reichte, wenn sie aufrecht stand. Sie versetzten die Riesin in einen magischen Schlaf, der bis in alle Ewigkeit währen sollte. Weil sie aber fürchteten, das könne nicht genug sein, trennten die Devanthar ihr das linke Bein unterhalb des Knies ab, auf dass sie sich niemals gegen sie erheben könne. Und die Alben besiegelten ihren finsteren Pakt mit den Devanthar, indem sie Nangog das rechte Bein unterhalb des Knies nahmen. Sie schälten das Fleisch vom Gebein und brachten die Knochen in ihre Heimatwelten. Was die Devanthar damit taten, weiß kein Albenkind. Die Alben jedoch nutzten das Schienbein Nangogs als eine Brücke über eine tiefe Schlucht an der Grenze zwischen dem Herzland und Arkadien. Die Getwerg halten dies für einen verfluchten Ort, an dem das Blut Tausender fließen wird und an dem sich einst das Schicksal Albenmarks entscheiden mag.

Nangog aber ahnte den Verrat, den ihre Schöpfer an ihr begehen wollten, und mit ihrem letzten Atemzug vor dem großen Schlaf erschuf sie die Grünen Geister, die ihre Welt beschützen sollten vor den Kindern der Devanthar, ebenso wie vor jenen der Alben. Es heißt, wenn die Kinder der Verräter zurückkehren, dann wird ihr Schlummer nur noch leicht sein. Kommen jedoch Alben und Devanthar zur gleichen Zeit in jene Welt, die ihnen nicht gehören sollte, dann wird Nangog erwachen und ihr Zorn so gewaltig sein, dass auch ihre Schöpfer ihr nicht mehr gewachsen sein werden.

Die Getwerg, die von allen Völkern Albenmarks die aufrichtigsten sind, wahren ihr Wissen um diesen Verrat. Und deshalb verbergen sie sich vor den Alben und ihren Dienern, den Drachen – denn von ihnen ist keine Gerechtigkeit zu erwarten.«

Randnotiz: Zur besseren Einordnung des Textes sei hier seine Überlieferungsgeschichte benannt: Die vorliegende Quelle ist eine Abschrift eines jener Dokumente, die Meliander von Arkadien vor seinem Freitod zu verbrennen versuchte. Der Papyrus, auf dem der Text niedergeschrieben wurde, war bereits stark verkohlt, sodass die Schrift, die mit einer Eisengallustinte ausgeführt worden war, nur noch als Schatten auf schwarzem Grund zu erkennen war. Laut Aufzeichnungen an einem anderen Ort handelt es sich bei diesem Text lediglich um eine Abschrift Melianders von einem Dokument, das er auf einem Pergament nicht tierischen Ursprungs vorfand. Meliander scheint aufgrund moralischer Bedenken die ursprüngliche Quelle vernichtet zu haben, nachdem er sie kopierte. Ein Vorgehen, das nach heutigem quellenkritischen Ansatz vollkommen unverantwortlich erscheint. Die Quelle gehörte zu einem Corpus nicht zusammenhängender Texte, der, in einer versiegelten Amphore vergraben, in den Bergen Ischemons gefunden wurde. Meliander vermutete, dass die Amphore zur Zeit der Drachenkriege vergraben wurde. Woher er um die vergrabene Amphore wusste, oder ob sie ihm nur zufällig in die Hände fiel, ist ebenso unbekannt wie die Person des Verfassers oder der Verfasserin.

Galawayn, Hüter der Geheimnisse
Variante aus dem Schöpfungsmythos der Kinder der Dunkelalben, kopiert von einer Abschrift Melianders von Arkadien, Blatt XII der Sammlung Nangog, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem Hüter der Geheimnisse, bekannt ist.

Freiheit

ER betrat den verborgenen Hain in den Mondbergen. Wenn man nicht fliegen konnte, erreichte man diesen abgeschiedenen Ort nur über einen Albenstern. ER war sich sicher, dass sie gespürt hatte, wie ER durch die magische Pforte getreten war. Sie war eine Albe.

ER hatte einen sehr umständlichen Weg hierher gewählt, war über die Welt der Menschen und Nangog gereist und würde auf noch verschlungeneren Pfaden zurückkehren.

Vorsichtig ging er zwischen kahlen Bäumen den vereisten Hang hinab. Eiszapfen funkelten an den Ästen. Es waren zu viele. Nichts hier war zufällig. Weder die Zahl der Äste noch die Winkel, in denen sie sich dem Himmel entgegenstreckten, noch der zarte Blauton in den Schatten des verschneiten Waldes. Alles hier hatte ihr Wille geformt. Alles war … schön.

Die Schneedecke wurde dünner. Knospen brachen aus den Ästen der Bäume. Hundert Schritt weiter war der Winter dem Frühling gewichen. Alle Bäume kleideten sich in frisches Grün und üppigen Blütenschmuck. Der Frühlingsduft war so intensiv, dass er in der Nase kitzelte.

Etwas Kleines bewegte sich zwischen den Ästen. Kein Vogel! ER wurde beobachtet.

Die Kreatur verbarg sich zwischen Blütenblättern, nur ein winziger Kopf lugte über eine Kirschblüte. Ein Kopf, kleiner als ein Daumennagel!

Die Gestalt schwebte zu IHM hinab. Schmetterlingsflügel wuchsen aus ihrem Rücken. Sie war nackt und erinnerte an eine winzige Elfe. Neugierig flatterte sie um SEINEN Kopf. Schließlich ließ sie sich auf SEINER Schulter nieder und hielt sich an einer Haarsträhne fest.

»Die Herrin erwartet dich.« Die Stimme der Kleinen war in Anbetracht der Körpergröße erstaunlich gut verständlich. »Du siehst seltsam aus.«

»Wartet Ihr schon lange auf mich?« Ein klammes Gefühl stieg in IHM auf. Wusste sie um SEINE Pläne?

»Ich warte schon, so lange ein Apfel reift.«

Was für eine Antwort! Das konnte in einem Wald, in dem ein Apfel binnen eines Augenblicks von der Blüte zur vollen Frucht zu reifen vermochte, so ziemlich alles heißen. ER entschied, keine weiteren Fragen mehr zu stellen. Die Kleine umflatterte IHN keck, plapperte allerlei lyrischen Unsinn und ER konzentrierte sich ganz darauf, ihr zuzuhören. So würde ER andere, dunklere Gedanken besser verbergen können.