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ER verließ den Frühling und trat in ein sommerliches Waldstück. Die Farben hier waren satter. Wärmer. Alle Bäume hatten ihre Blütenpracht abgelegt. Das schwere Brummen von Hummeln lag in der Luft. Im hohen Gras war bereits ein Stich von herbstlichem Gelb zu sehen. Mohnblüten säumten einen Wildwechsel. Oder wuchsen die Blumen dort, um Gäste zu ihr zu führen? Ein Blumenpfad?

Sie erwartete IHN auf einer Lichtung, bei einer klaren Quelle. Rotkehlchen turnten in den Ästen über ihr. ER vermochte sie kaum anzusehen. Sie war wie Licht und doch auch Fleisch. Wenn man einem Alben begegnete, war man gut beraten, ihn nur aus den Augenwinkeln zu betrachten. Sie waren überwältigend. Neben ihnen fühlte man sich klein. Sogar ER konnte sich nicht dagegen wehren.

Es war noch etwas hier auf der Lichtung. Etwas Fremdes. Magie, die nicht dieser Welt entsprungen war. Sie lockte, so wie Blütenkelche mit grellen Farben und Honigduft Bienen lockten. Nein, der Vergleich war nicht passend. Es war subtiler, wenngleich es ähnlich unwiderstehlich war.

ER entdeckte ein unstetes blass silbernes Licht im Schatten einer Eiche. »Ihr habt eines der Tore geöffnet? Wollt auch Ihr gehen? « Die Alben nannten es das Mondlicht. Wer in dieses Licht trat, der verschwand auf immer aus Albenmark. ER wusste nicht, welche Zauber man wirken musste, um es zu rufen. Es war Jahrhunderte her, dass die Alben es entdeckt hatten, und seitdem rangen sie mit seiner Verlockung. Sie versuchten es zu ergründen. Aber es widersetzte sich jeder Erklärbarkeit.

»Ich mag das Licht. Wenn man ihm nahe ist, erscheint alles verändert.« Ihre Stimme war sanft. Es hieß, wenn sie sang, fanden selbst die Seelen wilder Bestien Frieden. »Ich liebe unsere Welt. Aus ihr gerissen zu werden ist keine Verlockung für mich.« Sie stutzte. ER spürte ihren Blick wie eine Berührung. »Du siehst seltsam aus.«

ER wusste das. Es hatte einen Grund. Nicht daran denken! ER schwieg.

Als sie verstand, dass ER nicht darauf eingehen würde, lachte sie leise. Sie konnte keine Konflikte ertragen. Sie überspielte sie. So war sie schon immer gewesen. »Wie gefallen dir die Blütenfeen? «

»Blütenfeen?«

»Deine Führerin, Silberzunge. Sie ist eine Blütenfee.«

»Welchen Zweck erfüllen sie, Eure Blütenfeen?«

Sie kam IHM näher. Ein sinnenverwirrender Duft ging von ihr aus. »Ihre einzige Aufgabe besteht darin, diese Welt zu bereichern. Sie lieben Poesie und den Sommer. Ich habe dreiundsiebzig von ihnen erschaffen und sie ins Herzland gebracht. Ich glaube, das Klima dort ist verträglich für sie.«

»Diese Blütenfeen sehen nicht aus, als könnten sie sich wehren. Was ist mit den Elstern im Herzland?«

»Jedes Leben birgt gewisse Gefahren. So ist das nun einmal.«

War das eine Anspielung? Ahnte sie etwas? »Auch uns erwächst eine neue Gefahr. Die Devanthar bringen immer mehr Menschenkinder nach Nangog. Sie brechen damit den alten Vertrag. Wir können nicht einfach zusehen …«

»Ich kann das schon«, sagte sie unangemessen amüsiert. Ihr Tonfall ärgerte IHN.

»Du bist immer so mürrisch. So voller Sorge. Was willst du denn tun? Sollen auch wir den alten Pakt brechen? Ist das die Antwort? Ich glaube nicht.«

»Sie haben keinen Respekt. Vor gar nichts! Sie kennen keine Grenzen mehr. Mindestens ein Devanthar war hier in Albenmark. Ich kann es beweisen. Sie haben den Getwerg Geschenke gebracht.«

»Ich weiß, dass sie hier waren.«

Sie sagte das in so beiläufigem Tonfall, dass IHM heiß und kalt wurde. Wusste sie etwas? ER trat einen Schritt näher. ER sollte es schnell hinter sich bringen!

»Du wirkst unruhig. Und warum erscheinst du nicht in deiner natürlichen Gestalt? Gefällt dir der Körper nicht, den wir dir gegeben haben?«

»Ich bin zu groß.« SEIN Mund war ganz trocken. »Ich hatte Sorge, dass ich etwas in Eurem Hain beschädigen könnte, wenn ich so komme, wie ihr mich erschaffen habt.«

»Du gibst auch einen ganz hübschen Elf ab. Ich weiß, dass die Deinen gerne Elfengestalt annehmen, um zu … Aber das …« Sie lachte herzlich. »Das ist wirklich spektakulär.«

Sie musste etwas wissen! Das war eine recht deutliche Anspielung. Wusste sie, was für einen verschlungenen Weg ER hierher genommen hatte? Dabei gab sie sich immer so freundlich und naiv. Hatte ER sich in ihr getäuscht? Sie war eine Albe, nicht weniger als die übrigen. ER sah zu ihr auf und senkte sofort wieder den Blick. Mildes Licht umgab sie, aber sie war nicht zum Anschauen gemacht. Etwas an ihr blendete. Nicht das Licht … Nichts, was ER in Worte zu fassen vermochte. Sie war einfach nicht von dieser Welt und mit sterblichen Augen nicht zu erfassen. War ehrfurchtgebietend, obwohl sie sich in ganz banalem Plauderton mit IHM unterhielt.

»Was sollen wir deiner Meinung nach gegen die Eindringlinge auf Nangog tun?«

»Kämpfen! Das ist die einzige Sprache, die die Devanthar verstehen. Sie verfolgen klare Ziele. Sie führen die Menschenkinder in neue Welten. Sie mehren ihre Macht. Und wir …« ER blickte auf diese neueste Schöpfung, diese Blütenfee Silberzunge. »Wir haben Dichter, so groß, dass sie von einer Krähe gefressen werden können.«

Die Blütenfee zupfte IHN an den Haaren. »Banause!« Ihre winzige Gestalt zitterte vor Wut.

»Und natürlich sind Krieger mehr wert als Dichter«, sagte die Albe freundlich.

IHM war bewusst, dass ER sich auf sehr dünnem Eis bewegte. »Manche vermissen, dass die Alben uns so führen, wie die Devanthar es mit den Menschen tun.«

»Und ich dachte, ihr wüsstet das Geschenk der Freiheit zu schätzen«, entgegnete sie ironisch. »Du kennst die Welt der Menschen. Hast du ihre Heere gesehen? Sie zählen nach Zehntausenden. Wie willst du gegen sie kämpfen?«

»Mit Magie und Drachenfeuer!«, entgegnete ER entschieden.

Sie schwieg eine Weile. Silberzunge flog von ihm fort und suchte Schutz bei ihrer Schöpferin.

»Ich sehe, du hast diesen Krieg bereits ernsthaft erwogen. Denken viele so wie du?«

»Die Mehrheit der Meinen. Ist euch Alben eigentlich klar, dass die meisten eurer Kinder das Geschenk der Freiheit gar nicht begreifen? Sie sehnen sich danach, von euch geführt zu werden. Sie wollen ihre Götter unter sich wandeln sehen. Sie wollen teilhaben an den Wundern, die ihr zu wirken vermögt. Die Freiheit, die ihr ihnen lasst, deuten sie als Desinteresse. Und Ihr sagtet ja selbst, dass bereits einige von euch durch dieses silberne Licht gegangen sind. Flieht ihr nicht in Wirklichkeit vor der Welt, die ihr erschaffen habt?«

»Götter?« Sie lachte. Das Gefühl, das von ihr ausging, war so intensiv und ehrlich, dass es sich wie ein warmer Mantel um IHN zu legen schien. ER konnte nicht anders, als auch zu lächeln, obwohl IHM gar nicht danach zumute war.

»Wir sind doch keine Götter! Die Devanthar auch nicht, auch wenn sie sich als solche verehren lassen. Die Menschenkinder sind nicht mehr als ihre Spielzeuge. Und ihr wünscht euch, dass wir unsere Kinder genauso behandeln?« Sie lachte erneut, doch ihr Gelächter fühlte sich jetzt anders an. Es verletzte IHN. Es klang wie Spott, auch wenn sie es vielleicht nicht so meinte. »Und die Getwerg hältst du für Verräter?«

»Sie haben sich mit den Devanthar eingelassen!«

»Bist du dir sicher? Auch die Devanthar können ihre Gestalt verändern. Vielleicht haben sie die Getwerg getäuscht? Hast du einen Beweis für ihren Verrat

»Wer wartet, bis er Beweise hat, wird eines Tages von den Ereignissen überrollt werden«, entgegnete ER ärgerlich.

»Und wer handelt, ohne sich ganz sicher zu sein, der wird auch das Blut Unschuldiger vergießen. Ist es das, wozu du mich anstiften willst?«

ER unterdrückte seine wahren Gedanken. »Ich fürchte, es ist das Schicksal von Herrschern, manchmal ein Unrecht zu begehen. Entscheidend ist, dass man mit den besten Absichten handelt.«

»Was für ein Trost für die Hinterbliebenen! Wovon du da redest, das ist nicht Herrschaft, sondern Tyrannei. Du kannst dir sicher sein, dass wir Alben so etwas nicht dulden werden. Denn ganz gleich, wie du unser Verhalten gegenüber unseren Kindern deutest – uns ist diese Welt nicht gleichgültig. Im Gegensatz zu Daia ist dies ein Ort des Friedens und der Vollkommenheit.«