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Während Artax den Sänften nachblickte, war er wieder ein wenig in sich zusammengesunken. Umhang und Rüstung lasteten schwer auf seinen Schultern und seine Beine zitterten. Er hatte zu lange gelegen! Seine Kräfte verließen ihn.

Es war ihm peinlich, nach Jubas Arm zu greifen. Und doch hatte er keine Wahl. Er stützte sich auf den stämmigen Krieger. »Hilf mir.« Artax Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Sein Feldherr brachte ihn zu seiner königlichen Sänfte. Es war ein prächtiger Thron auf einem wuchtigen, hölzernen Podest. Die Rückenlehne des Throns war wie das aufgefächerte Rad eines Pfaus gestaltet. Tausende Edelsteinsplitter ahmten die schillernde Farbenpracht des Pfauengefieders nach.

Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ Artax sich nieder. Seine Arme zitterten, obwohl er sie auf die Lehnen stützte. Er krallte sich daran fest, um gegen die Schwäche anzukämpfen. Er wusste, dass er aschfahl war. Schweiß perlte von seiner Stirn.

»Du solltest noch warten«, flüsterte Juba, der hinter die Rückenlehne getreten war.

»Ich muss zurück«, entgegnete Artax gehetzt. »Es ist noch so viel zu tun … So viel …«

Er wollte das Reich verändern. Er hatte es von unten gesehen, mit den Augen des Bauern, so wie Aaron es niemals gekannt hatte und wahrscheinlich alle anderen Unsterblichen auch nicht. Es gab so viel Ungerechtigkeit und Korruption, unnötige Armut und überflüssigen Luxus. Sogar Aaron hatte gewusst, was marode und krank war, war aber zu träge gewesen, irgendetwas zu verändern.

Oft hatte sich Artax darüber Gedanken gemacht, wie sein Vorgänger an die Macht gekommen sein mochte. Selbst in seinen Fieberträumen hatte er die quälenden Grübeleien nicht abstreifen können. Wer war Aaron einst gewesen? So viel Artax von Aaron auch wusste, er wusste nicht, wie sein Vorgänger unter die Unsterblichen aufgestiegen war. Weshalb klaffte ausgerechnet in diesem Punkt in seiner Erinnerung ein absolut schwarzes Loch? Hatte der Devanthar diese Erinnerung getilgt, so wie der Wind eine Spur im Sand verschwinden ließ? Wer waren all die anderen gewesen, die es vor ihm gegeben haben musste? Wenn Aaron ganz ähnlich wie er an die Macht gelangt war, dann musste er doch auch über die Erinnerungen seines Vorgängers verfügt haben. Und dieser wiederum über die Erinnerungen desjenigen, der vor ihm geherrscht hatte. Benutzte Aaron deshalb immer das Wir, wenn er sprach? War seine Persönlichkeit untrennbar mit den anderen verschmolzen? Und drohte ihm, Artax, dasselbe Schicksal? Wenn dies stimmte, dann müsste sein Wissen bis zum allerersten Menschen reichen, den die Devanthar in die Rolle des Unsterblichen gezwungen hatten, überlegte Artax. Nein, gezwungen war das falsche Wort. Er war sich gewiss, dass der Löwenhäuptige den Ersten verführt hatte. Wer könnte schon einer Machtfülle widerstehen, die fast an die Macht eines Gottes heranreichte!

»Du musst einen Befehl geben.« Jubas Flüstern schreckte ihn aus seinen Gedanken.

Müde hob er die rechte Hand.

»Zur Goldenen Pforte«, rief der Feldherr mit Donnerstimme.

Sklaven mit nackten, geölten Oberkörpern traten an die Sänfte des Unsterblichen heran. Artax wusste, dass es zwanzig waren. Alle zugleich hoben sie die polierten Schwarzholzstangen an, ohne dass ein besonderer Befehl notwendig gewesen wäre. Muskeln spielten unter sonnengebräunter Haut und Artax fühlte sich noch erbärmlicher, als sie im Gleichschritt losgingen. Scheinbar unbeeindruckt vom Gewicht des Throns, seiner selbst und des Feldherrn. Und er? Er hatte kaum mehr die Kraft, seine Hand zu heben!

Artax biss sich auf die Lippen, bis der süße Schmerz seine Melancholie verdrängte. Er lehnte sich zurück und ließ die Stadt an sich vorübergleiten. Hier in den oberen Vierteln waren die kühnsten Visionen der Architekten einer ganzen Welt Wirklichkeit geworden. Schneeweißer Marmor, purpurner Porphyr, meergrüne Jade, goldene Dächer, Skulpturen von erlesenen Künstlern, Mosaike auf den Straßen. Viele Schritt lange Wandfriese, die Schlachtszenen, Jagden oder die Devanthar zeigten.

Alle Menschen, die man entlang der Straßen sah, waren wohlgenährt und gut gekleidet. Ihre Gesichter waren nicht von Schicksalsschlägen gezeichnet. Alles hier war voller Würde. So sollte es sein. Artax dachte an sein Dorf zurück. An das Elend – aber auch an das Glück dieser kleinen Leute, ihre Zuversicht und ihren Mut. Ihm war bewusst, dass all dies rings um ihn herum nur Bestand hatte, weil es Tausende Dörfer wie das aus seiner Kindheit gab. Er wollte eine gerechtere Welt. Auch wenn dann vielleicht die Goldene Stadt verschwinden musste. Ihm war bewusst, dass alles, was er tat, von den Devanthar beobachtet wurde. Er musste sich beeilen. Denn alt würde er gewiss nicht werden.

Den Kopf in den Nacken gelegt, bestaunte er die himmelragenden Türme mit ihren verschnörkelten Holzerkern. Die Brücken, die sich mehr als hundert Fuß über ihm zwischen den Häusern spannten. Die bunten Banner, die von manchen Fassaden wehten. Wie viele hundert Stunden Arbeit wohl in solch einem dreißig Schritt langen Banner stecken mochten?

Wohlgerüche zogen durch die Gassen. Der Duft köstlicher Speisen und Gewürze. Der Geruch von Mandelblüten, gerösteten Nüssen und jenen geheimnisvollen schwarzen Bohnen, aus denen der Adel von Ischkuza einen dunklen Trank braute, der angeblich neue Lebenskräfte weckte.

Der Gleichklang marschierender Soldatenstiefel hallte vom Pflaster, begleitet vom kristallenen Laut von Zimbeln und wehmütigen Flötenklängen. Wenn ein Unsterblicher die Stadt verließ, war es üblich, noch einmal seine Macht zu demonstrieren. Man bot all seine Krieger auf. Zeigte auf dem Marsch durch die Goldene Stadt seine Schätze.

Juba hatte vor ein paar Tagen, bezecht nach einem Fest, vorgeschlagen, auf einer Sänfte einen großen goldenen Phallus mit sich zu führen. Ein Symbol für den Sieg über Muwatta. Die Geschichte des Kampfes und seiner Folgen hatte schon längst in der ganzen Stadt die Runde gemacht. Jeder entlang der Straßen hätte gewusst, worauf das goldene Kleinod anspielte. Tumulte wären unvermeidlich gewesen. Artax war versucht gewesen … Sein Quälgeist Aaron begeistert! Der Unsterbliche lächelte. War es Weisheit oder Feigheit, die ihn abgehalten hatte? Ohne Zweifel war er noch nicht in der Verfassung für weitere Kämpfe.

Fanfarenklang riss ihn aus seinen Tagträumen. Sie hatten den weiten Platz vor der Goldenen Pforte erreicht. Fast sein gesamter Hofstaat war versammelt. Der größere Teil würde ihn auf der Reise nach Aram begleiten. Tausende Schaulustige säumten den weiten Platz, der fast eine Meile durchmaß. Auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich eine graubraune Steilwand, die abgesehen von einzelnen Terrassen und zwei schlanken Türmen, die sich auf vorstehenden Felsnasen erhoben, nicht bebaut worden war. An ihrem Fuß lag das Tor. Eine Pforte mit goldenen Flügeltoren, so gewaltig, dass angeblich zehn der zweizahnigen Kopfschwänzler nötig waren, um einen der Torflügel zu öffnen. Es war eine Pforte, die jedes menschliche Maß sprengte — geschaffen von den Devanthar, deren Zaubermacht auch jenen unheimlichen Pfad erschaffen hatte, der jenseits der Pforte lag. Ungeachtet der Zeremonie arbeiteten Hunderte der besten Steinmetze, von Stoffbahnen verborgen, rechts und links des Tores an Bildnissen der Devanthar, größer noch als jene Statuen, die die Prachtstraße zum Weltenmund säumten. Waren sie zu selbstherrlich? Oder war es wichtig, dass das Volk immer wieder an sie erinnert wurde? Brachte ihre Existenz den Frieden? Er wusste es nicht, und das machte ihm Angst. Schnell wandte er den Blick von den verhüllten Statuen ab und erneut dem Tor zu.