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Jedes Reiskorn und jeder Apfel, der Nangog verließ, passierte diese Schwelle, und es war der einzige Weg in ihre Heimatwelt. Nie wurde das Tor geschlossen, und niemals verebbte der Strom von Menschen, der es in die eine oder andere Richtung durchquerte. Es war eine gefahrvolle, eine magische Reise, und mannigfaltig waren die Geschichten über verlorene Karawanen, die im Dunkel jenseits des Goldenen Pfades gestrandet waren, den es auf keinen Fall zu verlassen galt. Nur zu gut erinnerte sich Artax an die Ängste, die er während seiner ersten Reise auf dem Goldenen Pfad ausgestanden hatte. Und er war überzeugt, dass die Gefahr für ihn selbst als Unsterblicher kaum geringer war als das Risiko, das ein einfacher Bauer einging.

Einmal mehr war der Löwenhäuptige nirgends zu sehen. Die Devanthar verbrachten nie viel Zeit an der Seite Sterblicher, aber Artax hatte das Gefühl, dass der Löwenhäuptige ihn mied. War es Freiheit? Oder beruhte seine Abwesenheit auf Abneigung? Nein, dachte Artax, genug davon. Ein König sollte sich nicht dauernd mit Fragen herumschlagen. Aaron hatte von seinen Lehrern gelernt, dass ein Herrscher vor allem entscheidungsfreudig sein musste — ganz gleich, ob er falsche Entscheidungen traf. Sein Hofstaat musste stets das Gefühl haben, dass er ganz genau wusste, was er tat. Artax blickte auf seine Hände, die wieder zu zittern begannen, sobald er den Griff von den Armlehnen löste. Er wusste, was das Zeremoniell von ihm verlangte. Er würde sich alle Mühe geben, stark und kraftvoll zu erscheinen. Zumindest für einige Augenblicke.

Die Sklaven trugen ihn auf seiner Sänfte zur Mitte des Platzes und verharrten dort. Artax erhob sich in dem Bewusstsein, dass jedes Augenpaar im Kreis einer Meile auf ihn gerichtet war. Ihm wurde ein wenig übel. Er hatte mit Wasser verdünnten Wein getrunken. Es war heiß.

Ein seltsames magisches Licht spielte um den Innenrand der magischen Pforte. Wie körperlose Schlangen erschien es; Lichtwürmer, die sich beständig umeinanderwanden. Rastlos. Unheimlich. Hinter ihnen lag Dunkelheit, durch die ein breiter, golden glänzender Weg führte.

»Ich rufe dich, Gefährte in der Finsternis!« Artax war überrascht, wie kraftvoll seine Stimme klang und die Worte weit über den Platz trug. Das leise Raunen in der Menschenmenge verstummte. Selbst die Maultiere und Lastkamele waren still.

Etwas bewegte sich jenseits des Tores – ein Licht, das langsam größer wurde, entwuchs der Finsternis. Ein Löwe trat aus der Pforte, groß wie ein Stier. Sein Leib war aus Silber. Die Mähne golden. Und das waren keine Metaphern. Der Löwe bestand mit Ausnahme seiner honigfarbenen Augen tatsächlich ganz und gar aus Metall. Da Menschen allein auf den Goldenen Pfaden verloren waren, hatten die göttlichen Devanthar ihnen sieben Gefährten erschaffen; metallene Führer, durchdrungen von Magie. Dieser Löwe war einer von ihnen.

Majestätisch schritt er durch die weite Gasse inmitten der Menschenmenge dem Thron entgegen, den Blick fest auf Artax gerichtet. Als er ganz nah war, vernahm Artax einen Laut, der an das Klingeln kleiner Silberglöckchen erinnerte. Jeder Schritt des Löwen wurde davon begleitet. Bewundernd betrachtete der Unsterbliche die Kreatur. Sein Leib bestand aus unzähligen einander überlappenden Schuppen, in die feine Haare ziseliert waren. Die Mähne aber war aus länglichen Strähnen gefertigt. Manchmal ertönte gedämpftes Surren im silbernen Leib des Löwen und ein rhythmisches Klacken. Unmittelbar vor der Sänfte hockte sich der Löwe auf seine Hinterläufe und blickte erwartungsvoll zu ihm auf.

»Ich danke dir, dass du meinem Ruf gefolgt bist«, sagte Artax salbungsvoll. »Bitte führe mich zu meinem Palast in Akšu. Es ist an der Zeit, zu meinem Volk zurückzukehren.«

Der Löwe neigte sein Haupt, sodass jeder sehen konnte, dass er sich dem Willen des Unsterblichen unterwarf. Dann erhob er sich und schritt der Goldenen Pforte entgegen.

Artax wandte sich an sein Gefolge, das in langen Kolonnen auf dem Platz versammelt war, und machte eine Geste, als wolle er sie alle mit seinen Armen umfangen. »Folgt mir, meine Brüder und Schwestern. Wir kehren heim!«

Schweißüberströmt ließ er sich auf den Thron sinken. Nie zuvor hatte ein Unsterblicher seine Untergebenen Brüder und Schwestern genannt. Ringsherum erhob sich tausendstimmiges Getuschel. Plötzlich übertönte eine einzelne Stimme alle übrigen. »Heil dir, Aaron, Herrscher aller Schwarzköpfe! Wir folgen dir im Dunkeln wie im Lichte!«

Überall wurde der Ruf aufgegriffen. Tausende feierten ihn. Und ihre Stimmen übertönten die Fanfaren, die zum Aufbruch riefen.

Artax war gerührt. Ein Kloß stieg ihm in den Hals. Seine Augen wurden feucht, auch wenn er Tränen zurückhalten konnte.

Juba legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Jetzt habt Ihr sie«, sagte sein Gefährte, und obwohl er den Mund fast an Artax’ Ohr brachte, musste er unziemlich laut sprechen, um gegen die Jubelrufe anzukommen. »Jetzt werden sie Euch überallhin folgen.«

Zumindest im Augenblick, dachte Artax. Er war entschlossen, ihre Gunst zu halten und sie nicht zu enttäuschen. Als er nun der Goldenen Pforte entgegengetragen wurde und sich hinter seiner Sänfte die Kolonnen formierten, die ihm nach Akšu folgen würden, erlaubte er sich sogar ein wenig Hoffnung. Er würde alle Stürme überstehen und sein Königreich in ein wahrlich goldenes Zeitalter führen – auch wenn er dafür das Gold von den Dächern der Paläste holen musste, um es sinnvoller einzusetzen.

Kurz wunderte er sich, dass sein Quälgeist schwieg – nicht nur während der Zeit seines Fiebers, sondern auch jetzt, im Augenblick seines Triumphes. War Aaron fort? Artax vermisste ihn nicht! Vom Jubel der Menge getragen und von neuer Kraft durchflutet, blickte er zu dem Tor, das ihn in seine alte Heimat führen würde, über den Weg, den er als Bauer gekommen war und auf dem er nun als Großkönig zurückkehrte. Er fühlte neue Kraft in sich aufkeimen. Wenn die Begeisterung für seine Herrschaft anhielt, dann würde er ganz Aram verändern können.

Plötzlich wurde die Menge unruhig. Vereinzelte Rufe erklangen, ohne dass Artax die Worte genau verstand. Ein Kamel blökte ängstlich.

»Seht zum Himmel, Herr!«, sagte Juba hinter ihm. »Bei den Göttern!«

Der Unsterbliche musste den Kopf weit in den Nacken legen. Die Sänfte war schon zu nah vor die Steilwand gerückt. Zuerst sah er die Banner. Mehr als hundert mussten es sein. Der Himmel war erfüllt von wogenden Stoffbahnen. Ein jedes zeigte den Pferdekopf Ischkuzas. Die Palastwache der Steppenreiter war mit ihren Wolkensammlern am Himmel aufgezogen und ein jeder von ihnen hatte ein langes Seidenbanner an sein Fluggeschirr geschnallt. Ihre Bronzerüstungen funkelten im Sonnenlicht und die roten Hosen sahen aus wie frisch vergossenes Blut. Jeder Krieger führte eine Lanze mit sich, von der ebenfalls ein Seidenbanner wehte. Artax erkannte Shaya unter ihnen – die einzige Reiterin ohne Bart. Die einzige Reiterin mit einer Haarsträhne, die ihr immer wieder keck über ihre dunklen Augen fiel.

Zweimal hatte die siebenunddreißigste Tochter des Großkönigs von Ischkuza ihn besucht, während er ans Krankenlager gefesselt war, hatte Heilkundige und sogar einen Geisterrufer mitgebracht. Und kostbare Kräuter, die man auf Feuerschalen neben seinem Bett verbrennen sollte. Die Kräuter hatten so grässlich gerochen, dass Artax davon abgesehen hatte, sie zu benutzen. Statt die Krankheit zu bannen, hätten sie vermutlich seine Lebensgeister vertrieben. Aber mit der jungen Kriegerprinzessin zu sprechen hatte ihn glücklich gemacht. Sie war stets sehr direkt. Manche mochten das barbarisch nennen, aber er hatte offene Worte schon immer geschätzt.

Die Krieger am Himmel senkten alle zugleich ihre Lanzen. »Heil dir, Aaron, Herrscher der Schwarzköpfe!«, hallte Shayas Stimme in der Göttersprache über den Platz, sodass der größere Teil seines Hofstaats sie verstehen konnte.

Heil dir, Shaya, dachte Artax. Wir werden einander wiedersehen.

Jubel brandete auf. Noch niemals hatte ein Großkönig seine Leibwache geschickt, um einen anderen Unsterblichen auf diese Weise zu verabschieden.

Die Zeiten änderten sich, dachte Artax stolz.