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Drachenaugen

ER sah sich beklommen um. Bei den Zwergen zu sein war leicht gewesen. Sie waren wie Steine und hatten kaum Sinn für Magie. Oder besser gesagt, sie hatten ihre verborgenen Talente noch nicht erschlossen. ER wusste, dass dies eines Tages anders sein würde. Zumindest bei einigen. Bei den Zwergen jedenfalls hatte ER sich ganz sicher bewegen können. ER hatte ihre hässliche, gedrungene Gestalt angenommen. Und ihren Geruch …

Hier war es anders. ER hatte sich bereits durch drei Tore auf Nangog bewegt, hatte die gebundene Macht dieser Welt gespürt und ihre Andersartigkeit. Die Alben hatten ihren Kindern verboten, je hierherzukommen. Allen, selbst ihren ersten Kindern, den Regenbogenschlangen! Nur die Alben selbst wussten, welche verborgenen Kräfte hier schlummerten.

ER stand inmitten der Menge, die durch das Tor drängte. Seit über einer Stunde bewegte sich der Zug, angeführt von dem König in der Sänfte, durch die magische Pforte. Der Unsterbliche hatte IHN beeindruckt. Obwohl er kaum die Kraft besessen hatte, zu den Seinen zu sprechen, war da etwas an ihm, das Respekt einflößte. Und dann noch dieser Auftritt der fliegenden Krieger. Wahrlich, dieser Unsterbliche verstand es, sich in Szene zu setzen!

ER konnte spüren, wie sehr die einfachen Männer um ihn herum ihren Herrscher verehrten. IHM wurde solche Verehrung nicht entgegengebracht. Nur Respekt.

ER senkte den Blick, wurde eins mit der Masse, bot einen großen Teil SEINER Kraft auf, SEINE Zauber verschleiert zu halten. ER dachte an SEINEN Bruder, den Purpurnen, der einst in die Welt der Menschen gegangen war. Ohne die Erlaubnis der Alben. Er hatte geglaubt, Frieden stiften zu können. Ja, er hatte es sogar geschafft, dass sie alle seine Hoffnungen teilten.

Die Devanthar hatten ihn gemordet. Keine Regenbogenschlange wusste genau, was sich zugetragen hatte. Auch ER kannte nur die verworrenen Sagen aus der Überlieferung der Menschen. Geschichten, in denen von einem Himmel in Flammen und vom schlangengleichen Schrecken die Rede war. ER wusste, dass dies nicht die Wahrheit war! Der Purpurne war in Frieden gekommen. Einen Himmel in Flammen hatte es gewiss nicht gegeben!

Sie alle hatten es damals gespürt, als sein Nestbruder gestorben war. Das Entsetzen darüber, dass auch sie letztlich sterblich waren, war nie gewichen, ebenso wenig wie die Entschlossenheit, eines Tages Rache an den Devanthar zu nehmen. Die Rache hatte zu lange geruht. ER wusste, in welches der sieben Reiche sein Bruder hatte gehen wollen. ER sollte eine Drachenelfe schicken, die alte Fährte aufzunehmen. Falls sie sich nach so vielen Jahrhunderten nicht völlig in den Sagen und Märchen der Drusnier verloren hatte.

Kurz wagte ER aufzublicken und sah erleichtert, dass der Silberne Löwe durch den Albenstern gegangen war. Diese Kreaturen waren neu. SEINE Späher hatten IHM von den Silberlöwen berichtet. Heute hatte ER zum ersten Mal einen mit eigenen Augen gesehen. ER würde mit seinen Nestbrüdern über diese Geschöpfe sprechen müssen. Welchem Zweck dienten sie? Sie waren ganz und gar aus Metall und doch lebendig. Ob die Devanthar in der Lage waren, noch größere dieser metallenen Kreaturen zu bauen? Sollten sie für eine Invasion Albenmarks genutzt werden?

»Pass doch auf!«, raunzte IHN ein bärtiger Lastenträger an, den ER in Gedanken versunken angerempelt hatte.

»Weg mit dir!«

Erschrocken wich der Mann zurück. Seine Augen waren schreckensweit … Die Augen! ER begriff, dass ER sich hatte gehen lassen. Seine Augen … Der Zauber!

Unruhe entstand unter den Trägern.

»Brüder! Habt ihr das gesehen? Brüder, seht nur! Ein Dämon ist mitten unter uns!«

ER konzentrierte sich auf das magische Netz, das SEINEN Leib in die veränderte Form zwang und SEIN wahres Gewicht verheimlichte. SEINE Augen. Einen Herzschlag lang hatten sie sich ihrer wahren Form angenähert.

Leise flüsterte ER ein Wort der Macht, und es veränderte den Odem des Querulanten. Sein Atem roch nun nach Anis, so als habe er von jenem starken Schnaps getrunken, der – auch das wusste ER von seinen Spähern – im einfachen Volk Arams so beliebt war. Ein zweites Wort der Macht ließ die Zunge des Trägers schwer werden.

»So seht doch …«, lallte dieser.

»Was willst du, Trunkenbold? Kannst dich kaum auf den Beinen halten und rempelst mich an!«

Einige der Träger lachten.

»In die Reihe mit euch! Weiter. Los, geht!« Ein Aufseher mit breiter grüner Schärpe bahnte sich seinen Weg durch die Träger und brachte die Männer mit energischen Stößen seines dicken Knotenstocks in die Reihe zurück. »Was geht hier vor, Marik?«

»Ein Dämon …«, lallte der Träger. »Mit Schlangenaugen! Sieh!«

Der Aufseher drehte sich um. »Was hat er in deinen Augen gesehen, Umar?«

Der Aufseher schob IHM das Ende des Knotenstocks unter das Kinn und drückte SEINEN Kopf nach oben. ER musste gegen SEINEN Zorn ankämpfen! Dieser Wicht wagte es …!

ER sah ihm direkt in die Augen und konnte die Gedanken des Aufsehers lesen. Der Kerl sorgte sich darum, dass es Verzögerungen gab oder einer seiner Männer mit einer wertvollen Fracht im Nichts verloren ging. Um die Männer selbst sorgte er sich nicht. Von ihnen gab es genug.

»Was soll mit Umars Augen sein? Die Schlangenaugen hast du auf dem Grund deines Schnapsbechers gesehen! Gib mir deine Last!« Der Aufseher riss Marik den schweren Sack von den Schultern und bürdete ihn sich selbst auf. »Soll das Nichts dich verschlingen, du nutzloser Säufer!«

Marik trat in die Reihe zurück. Immer wieder blickte er furchtsam über seine Schulter.

Zügele dich, ermahnte ER sich stumm. ER hatte Umar am Abend zuvor in einer stillen Gasse überrascht und all sein Wissen getrunken. Dann hatte ER die Gestalt des Sterbenden angenommen und den Leichnam verschwinden lassen. Nun war ER froh, vorsichtig genug gewesen zu sein, tatsächlich die Gestalt eines Trägers angenommen zu haben und nicht die eines beliebigen Körpers, an den ER sich erinnerte. Unter den Menschen schien es wichtig zu sein, einen Platz in einem Netzwerk aus Freundschaften und Abhängigkeiten zu haben. Besonders seltsam waren die Verhältnisse bei den Luwiern. Geradezu absurd! Das große Haus nannten sie ihren Staat und hatten die Bevölkerung in Kammern gegliedert. Völlig verrückt! Aram war freier.

ER blickte zurück auf die himmelstrebende Stadt der Menschen. In Albenmark gab es nichts dergleichen — und das war gut so! Die Menschen zerstörten die Schöpfung. Ihm war unbegreiflich, warum die Devanthar das duldeten, ja, es sogar zu unterstützen schienen.

ER ließ sich mit dem Strom der Träger weitertreiben. Sie hatten Angst vor dem Nichts. Man konnte diese Angst geradezu körperlich spüren. Sie alle mussten schon mindestens einmal den Goldenen Pfad betreten haben. Wahrscheinlich öfter. Marik hatte kaum getrunken, doch viele andere rochen nach billigem Fusel oder hatten die glasigen Augen der Opiumraucher.

ER trat durch die magische Pforte. Wie alle anderen heftete er seine Augen auf den magischen Pfad zu SEINEN Füßen. Den Goldenen Weg, der von einer Welt in die nächste führte. ER könnte ihn verlassen, als Einziger hier. Konnte sich frei durch das Nichts bewegen, ohne verloren zu gehen. Aber ER durfte keine Aufmerksamkeit erregen. Deshalb hatte ER entschieden, inmitten der Trägerschar zu gehen und vor allem den Albenstern nicht selbst zu öffnen. So würde ER keine Spur hinterlassen.

Marik, der unmittelbar vor IHM ging, betete. Als würden ein paar dahingestammelte Worte einen Nutzen haben! Wahrscheinlich lachten die Devanthar über solche Gebete, und wahrscheinlich würde der Träger sich schon bald damit brüsten, wie furchtlos er den Schrecken des Nichts getrotzt hatte. Aus Umars Erinnerungen wusste ER, dass fast alle freiwillig hier waren. Wer immer eine Parzelle Land in Nangog bekommen wollte, musste eine Zeit lang als Lastenträger arbeiten. Es fanden sich immer genug Träumer, die an den schnellen Reichtum in der Neuen Welt glaubten.

Sie durchschritten einen anderen Albenstern. Wie lang hatte ihre Reise gedauert? Zehn Schritte? Ein Augenblick nur und sie standen auf einem weiten Palasthof. Aus den geraubten Erinnerungen tauchte ein Name auf – Akšu. Der Palast des unsterblichen Aaron. Gleißendes Licht stach nach SEINEN Augen. Licht, das Drachenaugen nicht einmal zum Blinzeln gebracht hätte. Doch in einen menschlichen Leib zu fahren hieß, sich von der Vollkommenheit abzuwenden. Blinzelnd sah ER sich um, Schweiß perlte von SEINER Stirn.