Unzählige Füße hatten Staub aufgewirbelt. Immer noch drehte sich Marik alle paar Augenblicke nach IHM um. Er hatte Lust, ihn zu verfluchen. Etwas Spektakuläres. Vielleicht Fliegenschwärme, die aus seinem Mund und den Nasenlöchern quollen.
Still wie eine Statue stand der Silberne Löwe auf einem Sockel und wachte über den Albenstern und die Träger, die den Goldenen Pfad verließen.
ER senkte den Kopf vor dem silbernen Schrecken. Unauffällig musste ER bleiben. Demütig! Vielleicht hatte sich ein Devanthar unter die Menge gemischt? Auch sie liebten es, fremde Gestalt anzunehmen. Man konnte bei ihnen nie wissen … Manche ließen sich wie Götter verehren. Andere mischten sich unter die Menschen und streiften unerkannt unter ihnen umher. Wieder dachte ER an den Purpurnen. Auf welche Weise SEIN Nestbruder wohl ums Leben gekommen war?
Die Menschen wurden in Gruppen aufgeteilt. Manche trugen tief gebeugt von Stirnriemen gehaltene Körbe auf dem Rücken, die meisten jedoch schleppten einfache Säcke auf ihren Schultern. Der Duft von frisch gebackenem Fladenbrot zog über den Hof. Etliche Träger rasteten im Schatten entlang der nördlichen Mauer, die den Hof eingrenzte. Die Männer scherzten jetzt. Erschöpfung und Anspannung waren von ihnen abgefallen; sie waren dem Nichts entronnen und dem vermeintlichen Glück als Landbesitzer in der Neuen Welt einen Schritt näher gekommen.
»Steh nicht nutzlos herum!« Der Aufseher versetzte IHM einen groben Stoß mit seinem Knotenstock und trieb IHN wie ein Stück Vieh zu einer Trägergruppe. »Warte hier, bis du aufgerufen wirst, und fang nicht wieder Ärger an! Hast du mich verstanden, Umar?«
»Ja, Herr«, murmelte ER widerwillig.
Ein neuer Stoß mit dem Stock folgte. »Was sagst du? Ich habe dich nicht verstanden.«
»Ja, Herr!«, stieß ER hervor.
Einige Lastenträger blickten auf und grinsten IHN an. ER ging zu ihnen hinüber. Die Versuchung, ihnen SEINE Macht zu demonstrieren, wuchs. ER malte sich den Schrecken auf den Gesichtern der Männer aus, wenn ER ihnen SEINE wahrhaftige Erscheinung offenbarte. ER würde den halben Palasthof ausfüllen. SEIN Atem wäre wie Sturmwind …
SEINE Laune hob sich.
Nun wieder schmunzelnd, blieb ER vor den anderen stehen und wartete, trat nicht in den Schatten und genoss das Sonnenlicht auf seinem Antlitz. Bewegungslos wie eine Echse auf einem heißen Felsen. Ein Raunen unter den Männern ließ IHN aufhorchen. Der Schatten war weitergewandert und fast bis zur Hofmauer zurückgewichen. Die Männer flüsterten, ihr Tonfall hatte sich verändert.
ER blickte sich um. Schwer bewaffnete Krieger traten nun aus dem Lichtbogen des Albensterns. Ihnen folgten Lastenträger in mit scharlachroten Fransen gesäumten Wickelröcken. Die eingeölten, muskulösen Oberkörper schimmerten und langes Lockenhaar fiel den Trägern bis auf die Schultern. Je vier von ihnen trugen an zwei langen Stangen eine große Truhe. Mehr als ein Dutzend dieser Truhen wurden auf den Hof gebracht. Sie waren mit Messingbeschlägen versehen und schneeweiße Intarsien formten sich, ins dunkle Holz versenkt, zu Blumenranken und abstrakten Mustern.
Die letzten drei Kisten umgab eine seltsame Aura. Was immer darin verborgen lag, war von Magie durchdrungen. So stark, dass ER die Macht selbst fünfzig Schritt entfernt noch wie eine körperliche Berührung empfand. SEIN Interesse war geweckt und ER wagte es, SEIN Verborgenes Auge zu öffnen. Keinen halben Herzschlag lang. Nur ein flüchtiges Blinzeln. Was die Träger in großer Eile zu einem Flügeltor aus rotem Nussbaumholz brachten, veränderte das magische Gefüge. Die Kraftlinien wurden verwirbelt. Ihre Muster gerieten in Unordnung. So etwas hatte ER noch nie gesehen! Nicht, ohne dass ein Zauberweber nach den Kraftlinien griff. Was hatten sie von Nangog gestohlen? Welche Geheimnisse barg die verbotene Welt?
ER blickte noch auf das Tor aus Nussbaumholz, lange nachdem es sich wieder geschlossen hatte. Sie mussten Nangog erforschen! Es genügte nicht mehr, Spitzel allein in die Welt der Menschen zu schicken. ER dachte an die Überlebende. Konnte ER sie noch einmal schicken? Nein, es wäre ein Fehler, immer nur sie für die wichtigsten Missionen zu wählen. Wer wäre dann der Richtige? Sollte ER aus der Blauen oder der Weißen Halle wählen? Oder sollte er Talawain, jenen Spitzel, der unter die höchsten Ränge der Palastdiener aufgestiegen war, zu SICH befehlen? Er würde sicherlich zu diesen Truhen gelangen können. Doch vielleicht würde er dann enttarnt werden. Nein, ihn konnte ER nicht opfern. Es würde Jahrzehnte dauern, erneut einen Elfen bis unter die engsten Vertrauten des unsterblichen Aaron aufsteigen zu sehen! Falls es überhaupt ein zweites Mal gelingen würde.
Ein harscher Befehl brachte Bewegung in die Männer entlang der Mauer, und mürrisch nahmen sie ihre Lasten wieder auf. Die Angst hatte sie erneut im Griff.
ER reihte sich in die Schlange der Träger ein. Leises Klirren mischte sich unter das Murmeln und die knappen Befehlsrufe und augenblicklich wurde es stiller. Der Silberne Löwe war von dem Podest gestiegen – und kam IHM entgegen! Seine Tatzen hinterließen tiefe Abdrücke im Staub des Hofes.
Unwillkürlich wich ER einen Schritt zurück. Zehn Herzschläge mochte es dauern, bis ER seine wahre Gestalt angenommen hatte. Zehn Herzschläge und alles wäre verdorben. ER dachte an den Stein, den ER bei sich trug. An den Mord, den ER ausgerechnet an jener begangen hatte, die nur aus einer Laune heraus auf SEINER Todesliste gestanden hatte. Jene, die es gebraucht hatte, um die acht vollzumachen. Wenn ER hier zum Drachen wurde, würden die Devanthar IHM sofort nachstellen. Und schlimmer noch — die Alben würden es erfahren!
ER würde entkommen. Der Albenstern war nur ein paar Schritt entfernt. Aber SEINE Rückkehr nach Albenmark in Gestalt eines Drachen würde nicht unbemerkt bleiben. Fragen würden laut werden; Fragen, auf die es keine Antworten gab. Es würde damit enden, dass die Alben in SEINEN Gedanken lesen würden. Etwas, das sie – wie ER jetzt wusste — normalerweise niemals taten, weil es gegen ihre hehren Ideale von Freiheit verstieß. Aber wenn ER in Gestalt eines Drachen aus der Welt der Menschen käme und sich gegen ihre Fragen sträubte, dann …
Der Löwe war jetzt ganz nah – und dann schritt er an IHM vorüber und hin zum Albenstern. Gleißendes Licht erhob sich schlangengleich aus dem Boden. Ein Licht, so hell, dass es die Farben trank und jeder auf dem Hof den Blick niederschlug. Die Lichtschlangen neigten sich einander zu, bildeten einen Bogen, und als sie sich berührten, lag zwischen ihnen Schwärze, durchzogen von einem pfeilgraden goldenen Pfad.
Der Löwe beachtete IHN nicht! Oder gab er es nur vor?
Einige Würdenträger erschienen bei dem Tor. Befehle wurden gerufen. Die Träger zu einer Kolonne geformt. Immer zwei nebeneinander.
ER reihte sich ein. Diesmal würde ER SEINEN eigenen Weg gehen!
Der Geruch der Angst kehrte zurück, das leise Flüstern, die rasch gemurmelten Stoßgebete. Manche Träger hielten ihre Glücksbringer fest umklammert, andere nahmen einen Schluck aus den Kürbisflaschen, die an dünnen Lederriemen über ihre wunden Schultern hingen. Sie waren schwach, diese Menschen.
ER rückte seine Last zurecht und ging gemessenen Schritts dem Albenstern entgegen. Dunkel umfing IHN. Und dann tat ER, was all die Träger so sehr fürchteten. ER wich vom Pfad ab.
Der Aufseher mit dem Knotenstock fluchte, als IHN die Finsternis verschlang. ER hatte das Gefühl zu stürzen. Ein Schrei hallte IHM nach.
ER ließ den Sack fallen. Ein verlorener Lastenträger war ein Ärgernis, aber es würde kein Aufsehen erregen. Es war ein alltäglicher Tod inmitten eines unvergleichlichen magischen Wunderwerks, das von den Devanthar zur Karawanenroute degradiert worden war.