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ER wusste, dass das Gefühl zu fallen trog. Und doch vermochte SEIN Verstand kaum die beklemmende Angst zu besiegen, die den eingebildeten Sturz in endloses Dunkel begleitete. ER lenkte seinen Willen auf den Pfad, den ER finden wollte. Vor SEINEM geistigen Auge entstand ein Bild des komplexen Netzwerks, das das Nichts durchzog und alle drei Welten miteinander verband. Ein Gedanke nur, und ER stand erneut auf einem Goldenen Pfad. An anderer Stelle. Bald kreuzte er sich. Ein paar Schritt weiter fand sich ein minderer Albenstern. Ein Ort, an dem vier der Goldenen Pfade einen Schnittpunkt teilten.

ER trat hindurch, zurück in die Welt der Menschen. Verweilte und kehrte zurück in das Netz. Versuchte seine Spur zu verwischen und gab es auf. Alles, was ER erreichte, war, die Spur einer magischen verwischten Spur zu hinterlassen. Erneut trat ER durch einen minderen Pfad. Die Risiken, die diese leichtfertigen Passagen auf unsicheren Wegen bargen, waren IHM bewusst. Ein falsches Wort, wenn er SEINEN Zauber wob, ein flüchtiger Augenblick, in dem die Konzentration abgelenkt war, und ER machte nicht nur einen weiten Schritt durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Vielleicht nur um Stunden, womöglich aber auch um Jahrzehnte.

ER stand auf einer Felsklippe hoch über einem blaugrünen Meer. Dicht unter dem Horizont erkannte ER Segel. Eine geflügelte Sonne auf rotem Grund schmückte sie. Die Schiffe waren schlank und wirkten zerbrechlich. Die Menschen mochten schwach sein, aber sie hatten auch Mut, sich auf solchen Gefährten den Launen des Ozeans auszuliefern.

Beschämt dachte ER daran, wie sehr ER sich hatte treiben lassen. ER hatte einen Plan. Auch für SEINE Reise. ER wollte das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden. ER wollte durch viele verschiedene Albensterne schreiten, um SEINE Fährte zu verwischen und schließlich wollte ER jenes menschliche Königreich bereisen, von dem ER so viele Gerüchte und so wenig Greifbares kannte. An einer Meersküste zu stehen und Schiffen nachzusehen gehörte nicht zu SEINEM Plan.

Ein Wort der Macht und erneut öffnete sich das magische Tor, das ER eben erst durchschritten hatte. Diesmal blieb ER länger auf dem Goldenen Pfad und passierte viele Albensterne, bis ER schließlich jenen fand, dem ER in Gedanken schon so oft nahe gewesen war. Hier kreuzten sich sieben Wege. Es war ein Ort von großer Macht. Eine Pforte, die nicht ohne Gefahr durchschritten werden konnte. Ein Weg, der IHN ins Reich der Zapote führen würde. Über sie war nur wenig bekannt. Kein anderes der großen Menschenreiche hatte so viele SEINER Spione verschlungen. Nicht einmal die Schwimmenden Inseln.

ER trat durch den Lichtbogen hinaus in schwüle Hitze. Warmer Nebel zog durch wucherndes Grün. Dichtes Unterholz umfing ihn. Neben IHM ragte, halb unter Schlingpflanzen verborgen, eine Stele auf, die ein flächiges Gesicht schmückte. Eine Fratze mit weit aufgerissenem Mund, in dem sich viel zu große Zähne drängten. Auf dem linken Auge saß ein Schmetterling, groß wie eine Menschenhand. Licht stach in gleißenden Speeren durch das Blätterdach hoch über IHM; ein langarmiger Affe schwang sich durch das Geäst eines Baumes, der sich mit grellroten Blüten schmückte. Modergeruch stieg aus dem Unterholz. Der Gestank von nassem Fell.

Zwischen roten Blüten ragte ein unförmig großer Schnabel hervor. Dann folgte ein Vogelkopf. Schwarze Augen blickten zu IHM herab.

Ein Schlag traf SEINE Brust. Ungläubig sah ER an SICH herab.

Ein Pfeil. Er hatte IHN getroffen!

Das Raubtier

Nandalee hatte sich gefügt. Sie hatte zwar nach wie vor Zweifel daran, dass aus ihr eine gute Zauberweberin werden könnte, doch es ließ sich nicht leugnen, dass ihr Verborgenes Auge sich geöffnet hatte. Die magische Welt zu sehen war ihr eine leichte Übung geworden. Aber sie zu verändern und die Kraftströme für sich nutzbar zu machen fiel ihr nach wie vor schwer. Sie beneidete die anderen, vor allem jene, die schwebten. Ihr gelang es nie, sich so tief in Meditation zu versenken. Stattdessen versank sie in Langeweile, wenn sie stundenlang still saß und versuchte, eins mit den Kraftlinien zu werden. Manchmal fragte sie sich sogar, ob die Kraftlinien vielleicht nur Linien aus Licht waren und die eigentliche Kraft zum Zaubern aus den Schülern selbst kam. Ihr fehlte Führung durch den Schwebenden Meister. Ihr fehlte, dass sie an die Hand genommen wurde und es ein greifbares Ziel gab.

Nandalee blickte hinaus zum verhangenen Wolkenhimmel über den Bergen. Sie wollte, dass die Welt wieder so einfach war wie früher. Eine Welt, in der es Jäger und Beute gab, Gute und Böse, und in der Trolle Ungeheuer waren. Früher hatte sie nie einen Zweifel daran gehabt, dass sie zu den Guten gehörte. Bis der Sänger, der Alb, der auf dem Blauen Stern reiste, sie zurückgewiesen hatte. Für ihn gehörte sie nicht zu den Geschöpfen, die seiner Aufmerksamkeit wert waren. Sie bereute, ihre Sippe in Gefahr gebracht zu haben, jedoch einen Troll getötet zu haben, hatte sie nie bereut. Aber die Zurückweisung durch den Sänger nagte an ihr, und dass die Drachen sich dafür umso mehr für sie interessierten, war nur ein schwacher Trost.

Aus den Augenwinkeln blickte sie hinüber zu Sayn. Er war ein Kotzbrocken. Vom ersten Tag an hatte er gegen sie intrigiert und die anderen Schüler gegen sie aufgebracht. Außer Bidayn hatte sie keine Freundin gewonnen. Die anderen verhielten sich im günstigsten Fall neutral, die meisten aber standen ihr mit kaum verhohlener Feindschaft gegenüber. Oder war es einfach nur Neid, weil ausgerechnet sie, die unbegabteste Schülerin, vor die Regenbogenschlangen geholt worden war?

In den letzten Wochen hatte Sayn es manchmal geschafft zu schweben. Wie es wohl wäre, wenn er die Höhle verließe? Nandalee hatte nach wie vor nicht verstanden, was den Ausschlag gab, hier abgeholt zu werden. Es war in all den Wochen, die sie hier war, nur ein einziges Mal geschehen, dass ein Schüler geholt worden war. Und der hatte es noch nicht einmal geschafft zu schweben, auch wenn er durch andere Taten sehr wohl bewiesen hatte, ein Zauberweber zu sein.

Würde es ruhiger für sie werden, wenn Sayn fort war? Oder vielleicht, wenn ein anderer neuer Schüler kam? Würde sich die Missgunst dann auf den Neuen konzentrieren?

Wieder schielte sie zu Sayn herüber. Der junge Elf war wirklich überaus attraktiv – und angespannt. Sicher spürte er, dass sie ihn beobachtete; ebenso wie Nandalee sich sicher war, dass der Schwebende Meister seine Sinne auf sie gerichtet hatte. Jetzt, in ebendiesem Augenblick. Seine Augen waren zwar geschlossen und der weiße Drache wirkte völlig unbeteiligt und in sich versunken, doch das war Trug. Wer in der Wildnis aufgewachsen war, der wusste, wenn er Aufmerksamkeit erregte. Diesen Sinn brauchte man zum Überleben, sonst kam man nicht einmal mit Frostwölfen klar, geschweige denn mit Trollen.

Vorgestern hatte jemand in ihre Wasserflasche gepinkelt. Und zwei Mal war in den Wochen, die sie hier nun lebte, ihre Decke spurlos verschwunden. Hinter all dem steckte Sayn, da war sie sich ganz sicher.

Ein Kribbeln überlief Nandalee. Die feinen Härchen auf ihren Armen richteten sich auf. Etliche der Schülerinnen und Schüler öffneten die Augen. Selbst Bidayn, die so schwer aus der Ruhe zu bringen war. Etwas geschah …

Sayn schien noch immer ganz in seine Meditation versunken zu sein. Vielleicht merkte auch er etwas, hielt aber einfach die Augen geschlossen, um so zu tun, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Das würde ganz zu ihm passen!

Aufhören.

Die Stimme des Meisters war in ihren Gedanken. Er schien zu allen gesprochen zu haben, denn alle blickten zu ihm auf. Nur Sayn nicht.

Aufhören! Das ist der falsche Weg!

Der junge Elf zitterte jetzt am ganzen Leib. Blutige Tränen rannen ihm über die Wangen, aber er öffnete immer noch nicht die Augen. Eigentlich geschah es dem Dreckskerl ganz recht. Aber sie konnten doch nicht einfach alle nur zusehen. Sie musste ihn aus der Trance reißen, auch wenn er sich danach nur noch umso mehr über sie ärgern würde.

Nandalee sprang auf, während alle anderen Sayn nur anstarrten.