Nicht!
Sie packte ihn, um ihn zu schütteln. Er sollte aufwachen. Auch wenn er ihr als Dank eine langte. Etwas bewegte sich unter seinem engen Hemd. Es spannte, verformte sich, wölbte sich vor, als wolle etwas aus Sayn herausbrechen. Ein Strom Blut quoll ihm über die Lippen. Der Stoff riss. Blut klatschte ihr ins Gesicht. Jemand schrie auf.
Nandalee blinzelte, tastete über ihr Gesicht, und als sie wieder klar sah, verharrte ihre Hand inmitten der Bewegung. Ihr wurde übel.
Sayn lag hingestreckt auf dem Steinboden. Sein Blut rann durch die Rillen des Spiralmusters auf dem Boden. Jemand übergab sich hinter ihr.
Nandalee versuchte zu begreifen, was geschehen war. Bidayn kniete sich neben den Toten. Er musste tot sein. Nandalee vermochte das Gesehene nicht mehr im Zusammenhang zu begreifen. Sie nahm nur noch Bildfetzen wahr. Sayns weit aufgerissene Augen. Sein zerfetzter Leib. Die Rippen, ausgestreckt wie aufgefaltete Flügel. Die Innereien. Das noch immer zwischen den Knochen ruckende Herz. Bidayn, die mit zitternden Händen über den zerschundenen Leib fuhr. Sayns Augen verdrehten sich jetzt. Er sah zu ihr herüber, und sie spürte, dass sein letzter Gedanke ihr galt. Dann erlosch der letzte Lebensfunke in seinem Blick.
Bidayn kämpfte noch immer um ihn, schrie Wörter der Macht, Wörter, die helfen sollten, die Macht der Magie zu bündeln und Zauber zu weben.
Nandalee rührte sich nicht. Es gab nichts, das sie noch hätte tun können. Sayn war tot. Sayn war tot!
Der Drache ließ sich neben Bidayn nieder. Sehr behutsam griff er mit seinen Krallenhänden nach der Elfe und zog sie an sich. Nandalee war verblüfft, ihn so behutsam zu sehen. Sie wusste nicht, was man als Anzeichen für Emotionen in einem Drachengesicht deuten konnte. Aber sein Körper, seine Haltung und sein Handeln drückten tiefe Betroffenheit aus. Bis seine lange lilafarbene Zunge aus seinem Maul schoss.
Er ließ Bidayn los und hob den Leichnam von Sayn auf. Dabei sah er Nandalee auf eine Weise an, die ihr Schauer über den Rücken jagte. So musste sich ein Kaninchen unter dem Blick des Falken fühlen. Was hatte sie getan? Sie war doch diejenige gewesen, die als Einzige aufgesprungen war, um Sayn zu Hilfe zu eilen!
So fürsorglich der Meister mit Bidayn umgegangen war, so sehr war er jetzt wieder Raubtier, als seine Krallen sich in das zerfetzte Fleisch des Schülers gruben. Er trat an den Rand der Klippe, schwang sich in die Luft und flog mit kräftigen Flügelschlägen davon. Das Blut, das in einer dünnen Perlschnur von Sayns Leib troff, wehte ihm nach wie eine Spur aus Tränen.
Nandalee war klar, was geschehen würde. Solange sie hier waren, gehörten sie ganz dem Schwebenden Meister. Ganz! Der Drache würde Sayn fressen. Er hatte gerade noch genug Anstand, es nicht vor ihrer aller Augen zu tun – und sie las in den Gesichtern der anderen, dass sie es alle wussten.
»Sayns Seele ist nicht mehr hier«, sagte Bidayn mit zittriger Stimme. »Das ist nur noch sein Leib. Es ist nichts, nur Fleisch. Seine Seele ist frei und wird wiedergeboren werden.«
Nandalee bezweifelte, dass diese Worte irgendjemanden trösteten.
Bidayn sah erbärmlich aus. Ihre Arme waren bis über die Ellenbogen mit Sayns Blut bedeckt, das weiße Kleid war besudelt, das Gesicht verschmiert von Blut und Tränen. Nandalee zog sie an sich und umarmte sie.
»So war es noch nie«, stammelte Bidayn. »Noch nie. So blutig. Es … Beim Letzten schlugen plötzlich Flammen aus dem Mund. Er ist von innen heraus verbrannt. Weißt du, ich glaube, die Alben haben die Magie nicht erschaffen, damit wir sie nutzen. Wir können das einfach nicht. Das war eine Warnung. So viel Blut …«
Nandalee drückte sie fest an sich. Zu fest. Ihre Worte beunruhigten sie.
»Warum war es diesmal anders gewesen?«
»Ich weiß es nicht«, schluchzte Bidayn. »Zauber zu weben ist gefährlich. Du weißt das. Es gibt viele Wege, dabei zu sterben. Es ist eine Kunst, die uns nicht geschenkt wurde. Wir müssen sie uns erkämpfen. Und jeder Kampf fordert Opfer.« Ihre Stimme stockte. »Aber Sayn. Er war gut, weißt du … Ich verstehe das nicht!«
Nandalee kam plötzlich ein schrecklicher Verdacht. War es womöglich nicht Sayn gewesen, der einen Fehler gemacht hatte?
Das gefiederte Haus
ER blickte auf den Pfeil mit der Spitze aus dunklem Vulkanglas, der von SEINER Brust abgeprallt war und nun zu SEINEN Füßen lag. ER lächelte. Ein solches Geschoss vermochte IHN nicht zu verletzen. Nicht in Menschengestalt. SEIN Körper war viel zu dicht! Der Zauber, der es IHM erlaubte, SEINE Gestalt zu verwandeln, war nicht vollkommen. ER vermochte zwar SEINE Größe zu verringern, bis sie der eines Menschen entsprach, nicht aber SEINE Masse. ER hatte noch immer das Gewicht einer Regenbogenschlange. Ein zweiter Zauber schützte IHN davor, nicht im weichen Boden zu versinken oder Steinplatten unter SEINEN Schritten bersten zu lassen, und ER musste sich ständig ermahnen, SEINE Kraft nicht zu vergessen. ER könnte mit einem Handschlag einen Baum entwurzeln.
ER bückte sich und hob sacht den ungewöhnlich langen Pfeil auf. Das Geschoss war rot befiedert. ER strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über die kunstvoll behauene Kante der steinernen Pfeilspitze. Wäre der Pfeil mit mehr Kraft abgeschossen worden, hätte er IHN vielleicht doch verwunden können. Auf der anderen Seite, so dachte ER, würde keine Menschenhand einen so starken Bogen spannen oder auch nur fertigen können.
Ein Geräusch über IHM weckte SEINE Aufmerksamkeit. Im Geäst eines riesigen Baums huschte ein Schatten davon. Eine schlanke Gestalt, fast nackt. Die Haut war in Grün- und Schwarztönen bemalt. Fast verschwamm sie mit dem flirrenden Licht der Baumkrone.
ER war schneller und kraftvoller als ein Mensch, und ohne Zeugen mäßigte ER sich nicht. Äste splitterten unter SEINEM Gewicht, wie ein Sturmwind fuhr ER in das dichte Gehölz und dann lag der Krieger unter IHM. Unfähig, einen Ton hervorzubringen, starrte der Wilde IHN mit schreckensweiten Augen an.
ER hatte es stets geliebt, Wild nachzustellen. Lächelnd beugte ER sich hinab und küsste den Menschen – frei von Liebe oder Zärtlichkeit und doch voller Begierde. Diesmal war ER viel unbeherrschter als in der Goldenen Stadt. Gierig entriss ER dem Wilden dessen Erinnerungen, stahl von ihm ein ganzes Leben. ER trank ihn und nutzte die Magie, die allem Lebendigen innewohnte, um dem Zauber, den ER wob, noch mehr Kraft zu geben. Es war köstlich, all jene Sinneseindrücke und alles Wissen in sich aufzunehmen. Als ER fertig war, war von dem Krieger nur ein verdorrter Kadaver geblieben. Ausgezehrt bis auf die Knochen. Das Fleisch war ihm vom Leib geschmolzen. Die Augen nur noch dunkle Höhlen. Der Mund ein klaffendes Loch, gesäumt von makellos weißen Zähnen.
ER erhob sich zufrieden. Erinnerungen und Wissen, das waren für IHN die einzigen erstrebenswerten Schätze. ER hatte das Wissen um diesen Zauber an SEINE treueste Drachenelfe weitergegeben. So konnte sie Suchen verkürzen. Konnte sich das Denken der Menschenkinder zu Eigen machen. War eine Drachenelfe allein in der Welt der Menschen unterwegs, dann war es überlebenswichtig, deren Sitten und Gebräuche zu kennen. Dieser Zauber, mit dem man alle Erinnerungen seines Opfers in sich aufnahm, ersetzte Jahre des Lernens.
Zufrieden suchte ER nach einem gestürzten Baumriesen, der eine Lücke in das dichte Blätterdach gerissen hatte. Dort streckte ER sich auf das moosgepolsterte Holz und genoss die Sonne. Mit geschlossenen Augen ließ ER das geraubte Leben an SICH vorüberziehen, schwelgte in fremden Erinnerungen, ergötzte sich am dunklen Aberglauben des Kriegers. Für den Wilden waren die Devanthar vogelköpfige Götter!
Der Krieger hatte in einem runden, fensterlosen Haus gelebt, dessen Außenwände aus Holzpfählen bestanden. Seine ganze Sippe hatte dort gelebt. Sie schliefen in Hängematten an Pfählen. Es gab keine Wände. Keinen richtigen Boden. Keinen Ort, an dem man allein sein konnte. Dort hatte er oft den Erzählungen eines Schamanen gelauscht, der behauptete, ein Schattenjäger gewesen zu sein. Ein schwarzer Panther. Er war zum Gefiederten Haus gegangen und unter die Gotteskrieger aufgenommen worden. Ein Privileg, das nur jenen gewährt wurde, die mit bloßer Hand einen schwarzen Panther fingen und es schafften, ihn lebend zu diesem ominösen Gefiederten Haus zu bringen. Die Erzählungen über diesen Ort waren widersprüchlich. Mal verglich der Schamane ihn mit Bergen. Dann wieder sprach er von dunklen Höhlen.