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Sie schienen auch davon überzeugt zu sein, dass die Seelen derjenigen, die sie im Kampf töteten, ihnen folgten. Es war wichtig, in einen Geisterwald zu kommen, um sich dort zu reinigen. Das konnte durch Rauch geschehen oder auch durch Wasser. Sie schmunzelte. Vielleicht bestand ja noch etwas Hoffnung, dass er gewaschen war, wenn sie einander gegenüberstehen würden.

Erst nach der Reinigung durfte ein Krieger eine ihrer Siedlungen betreten. Und erst dann durfte er bei einer Frau liegen. Ihr kleiner Fürst war sehr lange bei keiner Frau mehr gewesen. Sie würde leichtes Spiel mit ihm haben. Diese Narren glaubten, die Seelen der Erschlagenen könnten in den Leib des ungeborenen Kindes fahren, wenn das Reinigungsritual nicht erfolgt war.

Eine Fratze starrte sie aus dem Nebel an. In der Ferne erklang ein Geräusch wie dumpfer Glockenklang. Die Barbaren schnitten Gesichter in die Stämme und setzten blutrote Steine als Augen, die von der nachwachsenden Rinde mit wulstigen Lidern umfangen wurden.

Wieder ertönte der dumpfe Glockenlaut. Das Geäst rauschte im Wind. Die Blätter flüsterten von den Geheimnissen der Toten, die mitten unter ihnen beigesetzt waren. Lyvianne konnte sie riechen, die Leichen! Sie lagen auf hölzernen Gerüsten, hoch im Geäst der ältesten Bäume. Die Tiere des Waldes fraßen von den Kadavern. Und was die Aasfresser nicht holten, verrottete.

Lyvianne verharrte und ließ den Wald auf sich wirken. Der Wind verwirbelte den Nebel. Ab und an stach ein silberner Lichtstrahl durch das Geäst. Hoch am Himmel, vor ihren Blicken verborgen, leuchtete der Mond in all seiner Pracht. Es war ein kühler Herbstabend. Der modrige, schwarze Waldboden atmete die Wärme des Tages in die Nacht.

Sie öffnete ihr Verborgenes Auge. Kein Tier regte sich, obgleich sie die Auren der Waldbewohner wahrnehmen konnte. Sie schienen verschreckt. Und auch sie spürte, dass fremde Kräfte in diesem Wald wirkten. Die Menschen waren keine Zauberweber, das wusste die Elfe ganz sicher. Aber hier in Drus war man überzeugt davon, dass Götter in den Wäldern lebten. Und Geister.

Lyvianne sah die Kraftlinien, die einem nahe gelegenen Albenstern entgegenstrebten. Ganz nah bei der magischen Pforte hatten die Drusnier einen Menhir errichtet. Einen grauen Stein von einer Art, wie man in weitem Umkreis keinen zweiten fand. Unter dem Moos, das auf ihm wucherte, waren Spiralen in seine verwitterte Oberfläche gegraben. Das Muster fing einen Teil der Kraft des Albensterns ein und leitete sie in die umstehenden Bäume ab. Welchem Zweck das diente, vermochte Lyvianne nicht zu erraten, doch daran, dass Zauber an diesem Ort wirkten, gab es keinen Zweifel. Auch ihr Zauber würde durch die Kräfte des Waldes und des Menhirs verstärkt werden.

Lyvianne hatte vor drei Tagen den Geisterwald entdeckt und ihn seitdem beobachtet. Vorher war sie mehr als eine Woche durch die Wälder von Drus gestreift und hatte sich davon überzeugt, dass ihr niemand folgte. Sie war sich dessen bewusst, dass sie früher oder später die Aufmerksamkeit eines Devanthar erwecken würde. Wahrscheinlich waren sie in der Lage, den Spuren zu folgen, die ihre Magie, für Menschen unsichtbar, im Gespinst jener Kraftlinien hinterließ, die sich durch alle Welten zogen. Deshalb wob sie nur selten einen Zauber. Und sie hatte auch nur einen Mord begangen. Das war unerlässlich gewesen. Sie hatte sich einen Schweinehirten gepackt und von ihm Grundkenntnisse über das Volk der Drusnier, ihre Wälder und ihren Aberglauben erworben. Und vor allem ihre Sprache. Leider verkrafteten die meisten Menschenkinder es nicht gut, wenn man ihre Köpfe entleerte. Auch zehrte der Zauber, den sie wob, an der Lebenskraft ihrer Opfer. Lyvianne hatte den Kadaver des Schweinehirten verbrannt. Der Anblick seines Leichnams, nachdem der Zauber vollendet war, hätte sicherlich für einiges Aufsehen unter den Drusniern gesorgt. Die letzten Überreste des Kerls ruhten tief im Waldboden unter einer Schicht von Steinen. Niemand würde ihn je wiederfinden.

Aber mit diesem Fürsten hier war es anders. Wenn sie hatte, was sie wollte, würde sie ihn nicht töten, sondern gezeichnet zurücklassen. Der Drache wollte es so – und auch ihr gefiel der Gedanke an den Schrecken, den der Krieger noch verbreiten würde, ehe er starb.

Die Elfe ging weiter, folgte dem dumpfen Klang. Jetzt waren ähnliche Laute auch aus anderen Richtungen zu hören. Sie klangen unwirklich. Nicht ganz in der Welt der Lebenden verhaftet. Es waren die Totenbäume.

Lyvianne duckte sich unter einer gestürzten Eiche hinweg, deren verschlungenes Wurzelwerk selbst im Tod noch den mächtigen Brocken Erde umklammert hielt, den sie bei ihrem Fall aus dem Waldboden gerissen hatte.

Die Elfe verharrte neben dem Stamm. Sie wusste, dass das Heiligtum auf der Lichtung keine zwanzig Schritt mehr entfernt war, auch wenn die treibenden Nebelschleier es vor ihren Blicken verbargen.

Zwischen Bäumen, deren Kronen gekappt waren, lag dort das Heiligtum. Es war ein Labyrinth aus miteinander verflochtenem Astwerk. Ein Teil dieser Äste lebte sogar noch. Lyvianne hatte sich dort nie hineingewagt. Der Ort war durchdrungen von fremder Magie. Ihr Opfer dort zu stellen wäre äußerst leichtfertig. Hier draußen war es vergleichsweise sicher.

Sie lehnte an einem efeuüberwucherten Fels und wartete. Der Weg zurück zur Siedlung würde den Krieger an ihr vorbeiführen. Ein Bild war in den Steinblock geschnitten. Grobe Linien. Sie zeigten eine geflügelte Frau, die mit einem Speer hinabstieß. Die Spitze der Waffe war unter dem Efeu verborgen. Welches Ungeheuer dieses Weib wohl bekämpfte? Sollte sie eine Devanthar sein? Lyvianne war versucht, den Efeu abzureißen … Dann entschied sie sich dagegen. Es war klüger, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einer gestürzten Eiche zu und betrachtete die zersplitterten Totengerüste im Astwerk. Ein Schädel, von dem neben vertrockneten Hautfetzen auch Strähnen schlohweißen Haares hingen, lag so nah, dass sie ihn mit dem Fuß hätte berühren können. Von blaugrüner Patina überzogene Bronzeröhren mischten sich mit zersplitterten Rippen. In den Totenbäumen hingen Windspiele, die bei der leisesten Brise ihr geisterhaftes Klagen anstimmten. Wie viele der Bauern wohl wussten, woher die unheimlichen Laute im Wald rührten? Ihr Schweinehirt jedenfalls hatte es nicht gewusst. Der war der Überzeugung gewesen, dass in diesen Wäldern die Toten zu den Lebenden sprachen.

Plätscherndes Wasser störte die Stille im Geisterwald. Der Krieger hatte mit der rituellen Waschung begonnen. Oder vergossen sie einfach nur Wasser? Wer wusste schon um die Bräuche von Barbaren. Ihr Schweinehirt nicht; der war niemals im Inneren des Labyrinths aus geflochtenen Ästen gewesen. Bald, sehr bald würde sie durch den Krieger auf das verbotene Heiligtum blicken.

Lyvianne schloss die Augen und wurde eins mit dem Wald um sie herum. Mit dem Gras unter ihren Füßen, dem Gewürm und den Käfern unter der Rinde der gefallenen Eiche. Mit der Maus, die ein Stück links von ihr am Eingang ihrer Höhle lauerte. Sie spürte alles Leben. Langsam weitete sie den Radius aus. Sie veränderte das Muster der Magie um sich herum nicht. Sie nahm es in sich auf. Jetzt spürte sie den Krieger. Sogar seinen kraftvollen Herzschlag. Er zog gerade seine schlecht geschnittene Hose hoch. Mitten in der Bewegung hielt er inne, als spüre er ihre Anwesenheit. Er geriet aus der Balance. Hüpfend kämpfte er mit seiner Hose.

Die Elfe entschied sich, ihm ein Stück entgegenzugehen. Der Wald verschwamm ihr vor den Augen. Ihr Atem ging keuchend. Ihr Körper gehorchte ihr nicht länger. Sie brach in die Knie. Sie zitterte am ganzen Leib. Nicht jetzt, war ihr letzter Gedanke, bevor sich der Nebel hastig zurückzog. Die Lichtung war verändert. Der Tempel lag nun auf einem flachen Hügel. Die geköpften Baumstämme waren ihrer Rinde beraubt, sodass ihr Holz knochengleich in der Nacht schimmerte. Einige der Stämme waren mit Schnitzwerk überzogen. Primitive Arbeiten, die falsch proportionierte, überlange Menschen zeigten, Tiere auf Stelzenbeinen und Blüten. Auch schienen Schriftzeichen in das Holz gekerbt zu sein.