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»Wie kommst du an das Schwert und die Hosen meines Sohnes?«

Bozidar verschlug es den Atem. Was war das für eine Frage? »Ich bin dein Sohn!«, entrüstete er sich.

Ein Schlag auf die Brust war die Antwort.

»Belüg mich nicht!«

Er war verflucht, dachte Bozidar. Wie anders war zu erklären, dass sein eigener Vater ihn nicht erkannte, dass …? Er hob die Hand. Er hielt sie sich ganz dicht vor die Augen. Als sie schon fast seine Nasenspitze berührte, klärte sich sein Blick, als habe er einen Schleier fortgezogen. Es war die Hand eines alten Mannes, voll dunkler Flecken und von dicken Adern überzogen. Die Haut hing ihm in Falten zwischen den Fingern. Das Fleisch schien von den Knochen geschmolzen zu sein. Der kleine Finger und der Ringfinger waren gekrümmt. Er versuchte sie zu strecken. Vergebens.

Ungläubig tastete Bozidar über sein Gesicht und fand dieselben Verwüstungen. Es war ein schmales, hageres Gesicht, an dem faltige Haut herabhing. Tränen traten ihm in die Augen. Was war mit ihm geschehen?

»Wer bist du?«, drängte sein Vater auf ihn ein. »Wie kommst du an den Besitz meines Sohnes? Wo ist Bozidar?«

»Ich bin dein Sohn.«

Sein Vater hörte nicht auf ihn, entriss ihm den gegabelten Krückstock und drückte ihn ihm mit der Spitze gegen die Kehle. »Hör mir gut zu, Alter. Ich bin nicht für meine Langmut bekannt. Und niemand wird die Hand für dich erheben, wenn ich dir, Fremder, der du ungefragt auf meinen Hof gekommen bist, mit diesem Stock den Schädel einschlage!«

Und da endlich verstand Bozidar.

»Dein Sohn war im Geisterwald«, flüsterte er. Tränen rannen ihm über die Wangen, als er stockend von der wunderschönen Frau berichtete, die aus den Nebeln getreten war und deren Preis für eine einzige Liebesnacht fünfzig Jahre seines Lebens gewesen waren.

Verbannt

Neun Tage waren vergangen, seit Sayn gestorben war. Immer und immer wieder hatten sie den Felsboden geschrubbt und doch glaubte Nandalee Reste seines Blutes in den feinen Rillen im Stein zu sehen. Alle bemühten sich so krampfhaft, wieder zur Normalität zurückzufinden, dass die Anspannung unter ihnen einfach nicht weichen wollte. Bidayn machte sich absurderweise Vorwürfe, Sayn nicht rechtzeitig geholfen zu haben. Sie fand nur noch schwer Schlaf und ertrug es nicht, im Dunkeln allein zu sein. Fast jede Nacht kam sie in Nandalees Höhle.

Der Drache beendete das meditative Schweigen heute vor der Zeit. Das letzte Abendrot kämpfte noch gegen die Finsternis, die von Osten her den Himmel eroberte, als er sie aufrief, in ihre Höhlen zurückzukehren.

Nandalee war die Erste, die auf den Beinen war.

Ihr bleibt!

Sie war nicht sonderlich überrascht, dass der Drache sie zurückhielt. Der Meister hatte seit Tagen nicht mehr zu ihr gesprochen.

Bidayn warf ihr einen bangen Blick zu, als sie an ihr vorüberging.

Was dachtet Ihr, als Sayn starb? Der Drache hatte mit seiner Frage gewartet, bis alle Schüler sich in die Höhlen zurückgezogen hatten. Offenbar war ihm daran gelegen, dass niemand außer ihm ihre Antwort hörte.

»Ich habe mich gewundert, dass ihm niemand zu Hilfe eilte.«

Und davor? Was war, bevor er zu bluten begann? Ich kann zwar nicht in Euren Gedanken lesen, aber das bedeutet nicht, dass ich blind bin.

»Ich war es nicht …« Sie sagte das ohne Überzeugung. Längst quälten auch sie Zweifel.

Ich habe das Band zwischen ihm und Euch gesehen. Ihr habt einen Zauber gewoben. Ich konnte sehen, wie er ihn berührte. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, das stelle ich gar nicht in Frage. Aber ich bin mir sicher, wenn Ihr nicht hier wäret, würde er noch leben. Er hatte etwas Selbstzerstörerisches an sich. Immer schon. Ihr habt das durch Euren Zauber verstärkt. Und ich weiß nicht einmal genau, wie Ihr es getan habt. Ihr bedient Euch der Magie auf eine Weise, die mir fremd ist.

Nandalee überraschte seine Offenheit. »Ich wollte ihn nicht …«

Das nutzt ihm jetzt wenig. Für Euch endet der Unterricht hier. Noch in dieser Nacht. Ihr habt einen mächtigen Beschützer. Wenn es nach mir ginge … Ihr werdet abgeholt werden. Und Bidayn werden sie auch mitnehmen.

»Das ist nicht gerecht! Sie hat damit nichts zu tun!«

Euch steht es wohl kaum zu, darüber zu urteilen, was gerecht ist. Sie ist Eure Freundin. Auch zwischen euch beiden ist ein Band entstanden. Wenn Eure unbeherrschte Magie sie tötet, wünsche ich, dass es nicht hier geschieht. Sein Schweif peitschte aufgeregt über den Höhlenboden. Eine wie Ihr ist mir erst ein einziges Mal untergekommen. Fressen sollte man solche wie Euch! Bei der anderen konnte ich wenigstens die Gedanken lesen! Er schnaubte und Rauch kräuselte sich um seine Nüstern. Ihr seid gefährlich, Dame Nandalee. Ich werde Eure neuen Lehrer vor Euch warnen.

»Aber gibt es denn keine Möglichkeit zu beherrschen, was in mir schlummert?« Die Aussicht, von hier fortzukommen, schreckte sie nicht. Nur der Umstand, sofort wieder eine Ausgestoßene zu sein.

Wenn ich in Euren Gedanken lesen könnte, könnte ich Euch vielleicht helfen. Er blinzelte. War er etwa nervös? Befürchtete er, ihm könne dasselbe widerfahren wie Sayn? War sie so mächtig?

Wenn Ihr es schafft, Eure Leidenschaften zu beherrschen, werdet Ihr eine große Zauberweberin sein. Aber ich glaube nicht, dass Euch dies gelingen wird. Der Tod wird Euer steter Begleiter werden. Das ist die Zukunft, die ich für Euch erahne. Ganz so wie bei … Er bleckte die Zähne. Ihr werdet sie treffen und ich hoffe nur, dass die Erstgeschlüpften sie nicht zu Eurer Meisterin erwählen. Geschöpfe wie ihr … Ihr zieht einander an. Ihr werdet Euch großer Aufmerksamkeit durch die Regenbogenschlangen erfreuen. Und Ihr werdet …

Lichtschein flackerte hinter ihnen auf. Zwei flammende Säulen erhoben sich hinter ihnen aus dem Höhlenboden und neigten sich einander zu, bis sie ein magisches Tor bildeten.

Es war Gonvalon, der aus dem Nichts trat. Und die Frau, die ihm folgte, war Ailyn! Sie war also den Trollen entkommen. Die beiden betrachteten sie missbilligend. Nandalee schluckte. Was hatte der Meister ihnen über sie erzählt? Dass sie eine unberechenbare Mörderin war?

»Du hast schnell ausgelernt, Nandalee«, sagte die Elfe kühl. »Gonvalon wird nun das Vergnügen haben, dich zu unterrichten.«

Die beiden blickten zum Drachen auf. Nandalee konnte an ihren Gesichtern ablesen, dass sie sich mit dem Meister austauschten, auch wenn kein Wort gesprochen wurde. Der Schwebende Meister wirkte erleichtert.

Bidayn trat aus dem Tunnel, der zu ihren winzigen Höhlen führte. Sie trug ein Bündel unter dem Arm und wirkte, als wolle sie sich am liebsten in sich verkriechen. Unsichtbar werden. Rasch wandte Nandalee den Blick ab. Ob sie wirklich mit ihren Gedanken töten konnte? War es ihr Jähzorn? Sie hatte Sayn vom ersten Tag an nicht leiden können, das stimmte. Und diese Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber sie hatte ihn nicht ermorden wollen … Gut, sie hatte sich manchmal ausgemalt, ihn von der Klippe zu stoßen. Aber ihn so zu töten … War wirklich sie es gewesen? Oder hatte der Schwebende Meister einen Grund geschaffen, sie abzuschieben? Warum hätte er das tun sollen? Sie dachte, er mochte sie auf seine verschrobene Drachenart.

Ihr dürft Eure Sachen packen, Dame Nandalee.

Sosehr sich Nandalee gewünscht hatte, von hier fortzukommen – so hatte sie es sich nicht vorgestellt. »Wohin bringt ihr mich?«

Gonvalon bedachte sie mit einem eisigen Blick. Es war Ailyn, die antwortete. »Dorthin, wo man deine größte Begabung fördern wird – andere umzubringen. Die Regenbogenschlangen halten dich für ein nützliches Werkzeug.« Sie lächelte sie auf eine Art an, die Nandalee das Blut gefrieren ließ. »Ich bin auch ein wenig begabt in dieser Kunst, wie du weißt. Ich rate dir, ihre Gunst nicht zu verlieren, denn meine Gunst besitzt du nicht.«