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Nandalee hatte gesehen, wie die zierliche Elfe einen Troll mit bloßen Händen getötet hatte. Sie würde sich ihre Gunst erobern! Kämpfen zu lernen war etwas anderes, als auf dem Hintern zu sitzen und zu meditieren. Wohin immer sie nun gebracht würde, sie war sich sicher, dass sie dort eine bessere Schülerin sein würde als hier.

»Hol deine Sachen«, sagte Gonvalon kühl. Auch ihm würde sie beweisen, dass sie einen Platz unter den Drachenelfen verdient hatte. Gerade ihm, ihrem Retter!

Sie gehorchte und eilte zu der kleinen Höhle, um die sie so sehr von ihren Mitschülern beneidet worden war. Sie nahm ihre Decke und einen Sehnenschutz für ihr linkes Handgelenk, den sie aus einem alten Stück Leder gefertigt hatte. Bald würde sie wieder einen Bogen besitzen! Sie hatte es vermisst, zu schießen und zu jagen. Sie rollte die Decke zusammen, schlang sie über ihre Schulter und verknotete die beiden Enden über ihrer Hüfte mit einem kurzen Stück Lederschnur. Dann kehrte sie in die weite Höhle zurück. Es gab ohnehin nicht viel. Außer den Kleidern, die sie trug, würde sie nur das Kristallamulett mitnehmen, das Sata ihr geschenkt hatte. Bidayn sah aus, als habe man sie verprügelt. Sie duckte sich und wirkte zutiefst unglücklich. Nandalee hingegen war froh, diesem Ort endlich zu entfliehen. Nur eins galt es noch zu tun. Sie nahm all ihren Mut zusammen und stellte sich breitbeinig vor den Schwebenden Meister. »Ich fordere das Amulett zurück, das du mir genommen hast.«

Totenstille herrschte in der weiten Halle. Bidayn duckte sich ängstlich, in Erwartung dessen, was auf diese unglaubliche Beleidigung folgen musste. Die übrigen Schüler wichen langsam zur Höhlenwand zurück. Gonvalon starrte sie mit offenem Mund an. Ailyn betrachtete sie mit missbilligend gehobener Braue.

Wisst Ihr, was dieses Amulett bedeutet, Elfenkind?

Nandalee war überrascht, wie gelassen der Drache blieb.

Ihr glaubt, es war einfach nur ein Geschenk? Es ist viel mehr als das. Es ist ein Symbol Eurer Schwäche. Ihr seid hierhergekommen, um darüber hinauszuwachsen. Und Ihr habt versagt. Ihr hättet meine Höhle als eine stolze Zauberweberin verlassen sollen. Dann hätte ich Euch das Amulett gegeben, auf dass es Euch künftig an Eure eigene Größe erinnert. Ich werde es behalten, bis zu jenem Tag, an dem Ihr aus eigener Kraft durch diesen Albenstern schreitet. Noch ist es nichts weiter als ein Zeichen für Euer Versagen, denn Ihr vermögt Euch nicht einmal kraft Eurer Magie zu wärmen. Wachst über Euch hinaus! Überrascht mich! Und dann kehrt zurück und macht dieses Amulett zum Zeichen Eures Triumphes, Dame Nandalee.

Der Drache hob einen seiner zierlichen Vorderarme zum Abschied und sie sah, dass er das Amulett an einem Lederriemen um das Gelenk unterhalb seiner Krallenhand trug, so wie eitle Elfen Schmuckarmbändchen trugen. Eine Welle von Zorn überrollte sie. Diese selbstgerechte, eingebildete Echse! Er hatte sie bestohlen! Sie würde …

Gonvalon packte sie bei ihrem Haar. »Du fängst keinen Streit an! Hat man dich nie Respekt gelehrt? Mach dich darauf gefasst, dass du in mir keinen duldsamen Meister finden wirst. Du verlässt diesen Ort in Schande und wenn du nicht willst, dass ich dich an deinen Haaren durch den Albenstern zerre, sei endlich folgsam und füge dich.«

Die beiden wissen, was vorgefallen ist. Gebt nach, Dame Nandalee. Gebt ihnen keinen Anlass zu fürchten, dass Ihr von Eurer ungebändigten Gabe Gebrauch macht. Sie würden Euch, ohne zu zögern, töten.

Die Hitze seiner Gedanken verebbte und erlosch. Einen Herzschlag lang erwog sie, nach dem Drachenelfen zu treten und sich loszureißen. Aber Gonvalon hatte recht. Sie konnte hier nicht gewinnen. Finster blickte sie zum Schwebenden Meister auf und schwor sich zurückzukehren. An diesem Tag hätte sich alles umgekehrt. Dann würde er sie fürchten und das Amulett würde sie daran erinnern, wie sie über einen Drachen triumphiert hatte.

Sie verließ den Schwebenden Meister ohne ein Wort des Abschieds.

Stumm folgten Nandalee und Bidayn den beiden Drachenelfen durch den Albenstern. Die Reise durch das Nichts dämpfte Nandalees Zorn, denn ihr war bewusst, dass sie hier allein verloren wäre. Und ihr wurde klar, dass der Drache ihr eine Warnung mit auf den Weg gegeben hatte. Die Drachenelfen waren die Krallen der Himmelsschlangen. Ihre Scharfrichter. Gelang es ihr nicht, ihr Temperament zu bändigen, würde sie an dem Ort, an den sie nun gebracht wurde, nicht sehr lange überleben.

Ein zweites Tor wuchs aus einem Stern, in dem sich etliche goldene Pfade kreuzten. Die Reise zwischen den Welten hatte sie in ein weites Tal geführt, dessen Hänge mit Kiefern bedeckt waren. Nandalee hatte keine Ahnung, wohin die beiden Drachenelfen sie gebracht hatten. Aber sie mochte das Tal. Die Luft war klar und kühl. Die Landschaft erinnerte sie ein wenig an ihre Heimat. Hier würde es im Winter gewiss Schnee geben, auch wenn der Ort sicher weit südlich von Carandamon lag. Wo immer sie waren, es war weit fort von der Höhle des Schwebenden Meisters, denn hier war es gerade einmal Mittag.

Bidayn hielt sich dicht bei ihr. Sie sah sich mit großen Augen um. Ihr schien es nicht zu gefallen.

Gonvalon und Ailyn gingen voraus. Die beiden sprachen kein einziges Wort mit ihnen.

Sie wanderten den ganzen Nachmittag. Mal unter Kieferngeäst, mal zwischen Birken entlang eines kühlen Baches. Endlich, die Abenddämmerung war schon nah, erreichten sie ein großes Haus, das sich an den Berghang schmiegte. Es war von abweisender Eleganz. Der Schwung seiner Mauern folgte dem Hang. Die Front war durch Säulen und elegante Bögen gegliedert. Im ersten Geschoss reihten sich kleine Fenster wie Astlöcher aneinander. Es war das erste Mal, dass Nandalee ein Haus sah. In Carandamon hatte ihre Sippe in einer Höhlenfestung gelebt oder aber in Zelten, wenn sie auf Wanderschaft waren. Das Dach, das auf dem Haus saß, erinnerte sie ein wenig an einen Sattel, nur dass es aus flachen, einander überlappenden Schieferplatten gefügt war. Wie zwei Arme streckten sich ihnen zwei mit allerlei Gestrüpp überwucherte Holzgerüste vom Haupthaus aus entgegen. Blüten in Rot und Gelb reckten ihre Häupter aus dem nutzlosen Rankendickicht. Nandalee konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wozu das Gebilde wohl dienen mochte. Die Wände des Holzgerüsts bestanden allein aus in einigen Schritt Abstand stehenden Balken und das Dach waren Laubranken. Merkwürdig.

»Endlich«, flüsterte Bidayn. »Ich spüre meine Füße kaum noch.«

Nandalee fand, dass ihr Spaziergang kaum der Rede wert gewesen war, aber ihr war auch klar, dass es wohl ziemlich herzlos wäre, ihrer Freundin zu sagen, was sie dachte.

»Das ist besser als ein Loch in einem Felsen, nicht wahr?« Bidayn klang erleichtert und deutete auf das Haus.

»Hmm.« Nandalee hatte ganze Winter in Felslöchern gelebt und daran nie etwas auszusetzen gehabt, solange sie nur Schutz vor dem beißenden Nordwind boten. Ob das hier besser war … Es würde schon gehen. Die Hauptsache war, dass sie hier in etwas unterrichtet werden würde, das sie auch verstand.

Als sie näher kamen, roch Nandalee Pferde. Sehen konnte sie allerdings keine. Vielleicht gab es auf der Rückseite des Hauses Stallungen. Niemand war erschienen, sie zu empfangen. Bidayn wirkte darüber ein wenig enttäuscht. Sie drehte ständig den Kopf und gaffte alles an.

Eine kurze Treppe führte zur Vorderfront des Hauses, der ein säulengetragener Gang vorgelagert war. Auch um einige der steinernen Säulen rankte sich Grünzeug.

Das Eingangstor war etwas mehr als drei Schritt hoch. Eine doppelflügelige Tür, mit Schnitzereien geschmückt. Sie mochten hier Schnörkel, wie es schien. Hinter der Tür öffnete sich eine weite Empfangshalle, aus der zwei Treppen zu einer Galerie emporstiegen. Gedämpftes Abendlicht fiel durch die Fenster in ihrem Rücken. Der Boden war mit einem Mosaik ausgelegt, das eine Frau zeigte, die zwischen Schlangen tanzte. Seltsam, ging es Nandalee durch den Kopf.