»Vorwärts!«, rief Gonvalon. »Schwächlinge können wir hier nicht gebrauchen.«
Nandalee war überrascht, die zartgliedrige Elfe so erschöpft zu sehen. Sie waren nicht einmal fünf Meilen gelaufen und das in einer Gangart, in der sie selbst den ganzen Tag hätte laufen können.
»Du wirst mich umbringen, wenn ich weiterlaufen muss. Mir ist übel … Ich …« Sie würgte.
»Hier machen wir aus Zauberwebern Krieger, Bidayn. Frag einmal deine Freundin danach, wie es ist, wenn einem eine Meute Trolle im Nacken sitzt. Du musst laufen können, um zu überleben. Du musst Ausdauer haben, um eine gute Kämpferin zu sein!«
»Ich versuche es ja. Ich …« Sie begann erneut zu würgen.
Nandalee wandte sich ab. Bidayn erbrach sich. Gonvalon schien das nicht viel auszumachen. Er sah ihr ohne Mitleid zu.
»Wir werden jeden Morgen laufen«, sagte er ruhig, als Bidayn sich erschöpft den Mund abwischte und gegen einen Baum lehnte. Schweiß stand auf ihrem Gesicht und sie war kreidebleich. Zum Erbarmen sah sie aus, dachte Nandalee.
»Und du wirst jeden Tag besser werden, Mädchen«, fuhr Gonvalon ungerührt fort. Er deutete auf einen entfernten Hügel, auf dem ein Turm stand. »Ich werde mit Nandalee bis zum Turm laufen. Und dann laufen wir zurück zum Haupthaus. Wenn ich im Haupthaus ankomme, dann solltest du auch dort sein. Oder du wirst heute Abend nicht mehr in diesem Tal sein.«
Wo würde sie hingebracht? Nandalee spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Warum war Gonvalon so vage geblieben? Was geschah mit Zauberwebern, die hier scheiterten? Mit Elfen, die ihre Sippen verloren hatten und auch nicht zu den Drachenelfen gehören würden?
»Bitte …« Bidayn blickte ihn flehentlich an. »Bitte, ich kann nicht.«
»Du bist hier, um deine Grenzen zu überschreiten. Ein neues Zeitalter wird anbrechen, Bidayn. Und wir, die Ausgestoßenen, werden in Zukunft die Mächtigen sein. Jene unter uns, die sich bewährt haben.« Er wandte sich an Nandalee. »Wenn du deinen Lauf verweigerst, wirst auch du von hier fortgebracht. Aber für dich sollte das ja keine Schwierigkeit sein.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und lief dem Turm entgegen.
»Lauf«, sagte Bidayn.
»Ich kann dich doch nicht hierlassen.«
Ihre Freundin versuchte sich an einem Lächeln. »Natürlich kannst du. Ich schaffe das. Was glaubst du, wie lange er brauchen wird? Zum Turm und zurück …«
Nandalee sah zu dem Turm. »Wenn der Weg nicht viele Windungen hat, noch mindestens eine Stunde. Ich weiß es aber nicht. Wenn er schneller läuft …«
»Ich glaube, er ist gar nicht so übel, wie er tut.« Bidayn richtete sich auf und drückte ihren Rücken durch. »Mir geht es schon wieder besser. Ich werde das schaffen. Mach dir um mich keine Sorgen. Über eine Stunde, sagst du. Ich mach dir nichts vor. Ich werde nicht laufen können. Aber gehen, das schaffe ich noch.«
Sie wirkte jetzt tatsächlich zuversichtlich. »Du kannst das schaffen!«
»Ja. Ich schaff das.«
Nandalee blickte Gonvalon nach. Sie war voller Rachegedanken. Sie atmete tief ein und dachte an Sayn. Sie musste ihre Gefühle beherrschen. »Ich werde ihm zeigen, was es heißt zu laufen. Ich werde es ihnen allen zeigen!« Sie rannte los. Nicht in jenem kräftesparenden Trab, in dem sie begonnen hatte. Sie wollte Gonvalon überholen und sehr lange vor ihm beim Haupthaus sein. Sie wusste, dass sie das durchhalten würde.
Bald überholte sie ihn. All ihre Kraft legte sie in ihren Lauf. Sie fand leicht den Weg zum Turm. Zu laufen befreite sie. Ihre Wut ließ nach. Sie fühlte sich mit sich und allem um sie herum im Gleichgewicht. Sie kam Gonvalon entgegen, als ihm noch mehr als ein Drittel der Strecke zum Turm fehlte. Er nickte ihr zu. Idiot! Dachte er vielleicht, sie würde vergessen, wie er ihre einzige Freundin behandelt hatte?
Sie lief weiter. Ihre Muskeln brannten. Durch die verdammte Höhlenhockerei war sie außer Übung. Aber sie würde es schaffen, daran hatte sie keine Zweifel. Ihr Atem ging zwar schneller, aber nicht keuchend. Ihre Gelenke schmerzten ein wenig. Sie versuchte es zu ignorieren und ließ die Gedanken schweifen. Zu laufen war ihre Meditation. Nicht der Unsinn, den sie beim Schwebenden Meister getrieben hatten.
Sie erreichte erneut die Stelle, an der Bidayn zusammengebrochen war. Nandalee blickte kurz über ihre Schulter. Gonvalon war nicht in Sicht. Er musste Meilen hinter ihr liegen.
Gut gelaunt erreichte sie den Kamm eines flachen Hügels. Fünfzig Schritt tiefer saß Bidayn am Ufer eines Baches und wusch ihr Haar.
Nandalee stürmte zu ihr hinab. »Was machst du da?«, rief sie außer sich.
»Ich werde nicht nach Erbrochenem stinken, wenn sie mich von hier fortbringen.« Sie sah traurig zu ihr auf. »Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe. Ich wusste, dass ich es nicht mehr zurück schaffen würde.«
Nandalee setzte sich neben sie ans Ufer. »Dann werden sie uns wohl beide fortbringen müssen. Du bist die erste wirkliche Freundin, die ich in meinem Leben habe. Ich werde dich nicht im Stich lassen.«
»Weil ich Feigling nachts bei dir ins Bett krieche?«
»Das ist nichts Ungewöhnliches. Glaubst du etwa, vor dir sei noch niemand in mein Bett gekrochen? Das Besondere an dir ist, dass du nicht schnarchst.«
Bidayn lächelte verhalten. »Bitte lauf weiter. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du meinetwegen …«
»Nicht deinetwegen! Sie haben ungerechte Regeln, und du weißt ja, dass ich mich nicht leicht füge. Ich habe meine eigenen Regeln. Und ich gehe lieber mit dir in die Verbannung, als dich hier zurückzulassen.«
»Aber man hört nie wieder von denen, die keine Drachenelfen geworden sind.«
»Kennst du dich da so gut aus?«
Bidayn senkte den Blick. »Natürlich nicht. Ich weiß auch nicht mehr als du … Es gibt die Drachenelfen. Hast du jemals von denen gehört, die gescheitert sind? Ich meine, man müsste doch etwas gehört haben. Die lösen sich doch nicht in Luft auf. Die …«
»Die sind sicher zu Gemüseputzern in Koboldküchen gemacht worden. Aus so einer Koboldküche kommt man nie mehr heraus, wenn man einmal drinnen ist.«
Bidayn lächelte nicht. »Du musst laufen. Geh jetzt!«
»Wir machen das zusammen.«
»Ich kann nicht!«
Bidayn sagte das so müde und hoffnungslos, dass Nandalee klar wurde, dass alles Reden fruchtlos sein würde. Hier halfen nur noch Taten. »Du steigst auf meinen Rücken!«
»Was?«
»Das war kein Vorschlag, das war ein Befehl. Wenn du nicht willst, dass wir dasselbe Schicksal erleiden, dann hör auf mich. Ich bin eine Jägerin. Ich konnte einen erlegten Hirsch einen ganzen Tag lang durch tiefen Schnee tragen«, log sie schamlos. »Verglichen mit einem Hirsch bist du kaum mehr als ein Häschen. Los jetzt!«
Ein Funken Hoffnung glomm in Bidayns Augen.
Nandalee nahm sie huckepack, und sie war wirklich nicht sehr schwer. Auf dem ersten Stück Weg lief Nandalee in leichtem Trab; bald brannten ihre Beine schlimmer als zuvor und als sie eine Steigung hinaufmusste, verlangsamte sie ihre Schritte, versuchte ihren Atem zu beherrschen, doch schon bald konnte sie ein Keuchen nicht mehr unterdrücken. Bidayn bestand darauf, allein zu gehen. Nandalee ließ ihr ihren Willen. Ihre Freundin hinkte und versuchte es, so gut es ging, zu verbergen.
»Knöchel verstaucht?«
»Es … geht … schon!«, stieß Bidayn zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
Es ging nicht! Als Nandalee zurückblickte, entdeckte sie Gonvalon. Der Drachenelf lief ein sehr gemächliches Tempo und war vielleicht noch eine halbe Meile entfernt.
»Zurück auf meinen Rücken!«
Bidayn widersetzte sich nicht. Sie schien jetzt doppelt so viel zu wiegen wie eben am Bach. Nandalee starrte auf den Weg zu ihren Füßen. Einfach durchhalten, dachte sie. Immer und immer wieder wiederholte sie die Worte und der Schweiß rann ihr in Strömen über das Gesicht. Halb ging sie, halb lief sie. Weit vorgebeugt. Der unregelmäßige Weg mit der Spur aus Grasbüscheln in seiner Mitte kam immer näher. Bald würde sie zusammenbrechen. Nein, nicht an die Niederlage denken! Nur an den Sieg. Und wenn das nicht ging, dann sollte sie an gar nichts denken! Sie stellte sich eine weite, weiße Winterlandschaft vor. Eine verschneite Ebene, von fernen Bäumen gesäumt. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Ein kühler Wind blies ihr ins Gesicht. Es ging ihr gut. »Es geht mir gut«, murmelte sie leise. Der Weg verschwamm vor ihren Augen. Sie war auf dieser Ebene! Sie war stark und guter Laune.