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Sie nickte Ailyn zu. Im selben Augenblick kam der erste Angriff. Ailyn stieß wie eine Viper vor. Nandalee machte einen Satz zurück und riss ihren Stock zur Parade hoch.

Die Drachenelfe änderte die Schlagrichtung. Ihr Holzschwert schwang in elegantem Bogen unterhalb von Nandalees Waffe vorbei. Ailyn nahm die Wucht aus dem Hieb und berührte sie nur sanft am Bauch.

»Vor seinem Feind zu stehen ist schon etwas anderes als ein Schuss auf hundert Schritt Entfernung, nicht wahr?« Sie zog den Stock zurück. »Nach einer Lektion verneigt sich ein Schüler vor seinem Lehrer.«

»Ich dachte, Gonvalon sei mein Lehrer.«

»Lehrer ist, wer immer einen etwas lehrt.«

»Ich werde mich vor Gonvalon verbeugen, wenn er mich etwas lehrt«, entgegnete sie trotzig.

»Du glaubst also, unsere Regeln gelten nicht für dich?«

Nandalee hielt dem frostigen Blick der Drachenelfe stand.

»Gut, dann lass uns zur nächsten Lektion übergehen.«

Diesmal traf Nandalee der plötzliche Angriff nicht mehr ganz so überraschend. Sie wich seitlich aus und ging ihrerseits zum Angriff über. Ailyn parierte den Schlag. Er war zu wuchtig geführt. Nandalees Stock glitt über ihren Knüppel. Statt den Hieb zu blocken, hielt sie die Waffe schräg, sodass Nandalee von der Wucht ihres eigenen Hiebes nach vorne gerissen wurde. Sie taumelte. Ein Schlag traf sie in der Kniekehle. Sie brach ein. Ein Tritt in den Rücken ließ sie mit dem Gesicht voran im schlammigen Gras landen.

»Wie ich schon sagte, nach einer Lektion verneigen sich die Schüler«, sagte Ailyn spöttisch. »Manche, die es spät lernen, werfen sich sogar zu Boden.«

Nandalee rappelte sich auf. Ihr weißes Gewand war über und über mit Schlamm bespritzt. Ailyn hingegen strahlte noch immer blütenweiß. Nicht einmal ihre Stiefel waren schmutzig.

»Wenn die Lektion beendet ist, legt man die Waffe aus der Hand«, sagte die Drachenelfe ruhig.

Nandalee nickte und kämpfte gegen ihren Zorn an. Ihre Stimme klang gepresst, als sie antwortete. »Gut. Das habe ich verstanden.«

Die Lehrerin hob überrascht eine Braue. »Dann machen wir eben weiter.« Sie grüßte Nandalee mit einem leichten Nicken der hölzernen Klinge.

Nandalee erwiderte den Gruß. Ihr linkes Bein schmerzte dort, wo sie der Schlag ins Kniegelenk getroffen hatte. Sie konnte es kaum belasten. Es war unvernünftig, nicht aufzugeben, aber Zorn und verletzter Stolz überwogen ihre Vernunft. So ließ sie sich dazu hinreißen, ihr Holzschwert mit beiden Händen zu packen und zu einem wuchtigen Hieb auszuholen, der geradewegs auf Ailyns Kopf zielte.

Die Lehrerin blieb stehen. Sie machte nicht einmal den Versuch, den Angriff mit ihrem Übungsschwert zu parieren. Stattdessen schnellte im letzten Augenblick ihre Linke hoch. Sie schnappte das Schwert zwischen Daumen und Zeigefinger. Eine Geste, als wolle sie ein lästiges Insekt zerquetschen.

Für Nandalee war es, als dresche sie mit dem Schwert auf einen Felsen ein. Alle Wucht des Hiebes wurde auf sie zurückgeworfen und selbst ihr Zorn fiel auf sie zurück wie eine Woge, die sich an einer Steilklippe bricht. Sie fühlte sich bloßgestellt. Hilflos wie ein kleines Kind, das gegen einen Erwachsenen aufbegehrt.

Einige der Zuschauer lachten.

»Können wir einfach Klinge gegen Klinge kämpfen, oder benötigst du Zauberwerk, um gegen mich zu bestehen?«

Diese Worte hatten besser gesessen als jeder ihrer Schwerthiebe. Ailyn trat einen Schritt zurück und hob herausfordernd ihr Holzschwert.

Trotz Schmerz und Wut war Nandalee bewusst, dass sie damit nichts gewonnen hatte. Die Drachenelfe war ihr turmhoch überlegen. Alles, was ihr diese Worte einbringen würden, wäre eine weitere Tracht Prügel. Und wieder einmal siegte ihr Trotz. Sie würde sich dem Unausweichlichen stellen. Sie würde nicht einfach aufgeben!

Sie hob das Schwert, um den Fechtergruß zu erwidern. Die feinen Härchen an ihren Armen stellten sich auf. Ein Prickeln überlief ihren Körper und die Sicht auf die magische Welt überlagerte ihren Blick. Sie sah Kraftlinien in ihrem Holzschwert zusammenfließen. Um Ailyn gab es keine auffälligen Muster. Sie hielt Wort und wob keinen Zauber. Sie hatte es auch nicht nötig! Schnell wie ein Falke vom Himmel stürmt, um einen jungen Hasen zu schlagen, griff sie an, um dann plötzlich langsamer zu werden.

Nandalee parierte den Hieb ohne Mühe. Sie hörte erstaunte Rufe. Doch konnte sie es nicht wagen, Ailyn aus den Augen zu lassen, die sich nun wieder flink wie eine Katze bewegte. Auch die Schwertmeisterin wirkte überrascht. Sie schlug eine Finte und wurde erneut unbegreiflich langsam.

Nandalee wehrte sie ab. Wieder wurde Ailyn schneller. Die Drachenelfe passierte sie und stieß ihr mit dem Ellenbogen unter die Rippen. Benommen taumelte Nandalee. Das Bild der magischen Fäden um ihr Schwert zerfaserte.

Ailyn fuhr herum und führte einen hohen Schlag. Das Holzschwert traf Nandalee mitten ins Gesicht. Ihr Nasenbein brach. Blut strömte ihr über die Lippen. Ihr Gesicht fühlte sich taub an. Ailyn hatte ihr mit der Breitseite des Holzschwerts ins Gesicht geschlagen und mit dem Hieb beide Augen getroffen.

Nandalee taumelte rückwärts. Grelle Lichtpunkte tanzten über den Kraftlinien, und der Augenblick gnädiger Taubheit verging. Der Schmerz überfiel sie mit solcher Eindringlichkeit, dass sie sich würgend vornüberbeugte. Ihre Augenlider schwollen binnen weniger Herzschläge zu Säcken voller Blut. Ihr blieb nur noch die magische Sicht. Aber sie konnte nicht mehr denken, nicht mehr handeln, war willenlose Sklavin ihrer Schmerzen. Nie zuvor hatte sie sich so hilflos gefühlt. Ein langer, heißer Dorn schien von der Nasenwurzel bis tief in ihr Hirn zu stechen. Ein wahrer Sturzbach von Blut quoll aus der Nase und mischte sich mit ihrem Erbrochenen.

Ein neuerlicher Hieb traf ihr Holzschwert und prellte ihr die Übungswaffe aus der Hand. Ein grober Stoß vor die Brust schickte sie auf den schlammigen Boden, wo sie hilflos um sich tastete.

Sie sah Ailyns Aura. Das Rot der Wut und einen leichten Anflug von Blau, so als fürchte die Lehrerin sich auch. Dumpfer, pochender Schmerz pulsierte in ihren Lidern. Vom Treffer geblendet, sah Nandalee allein mit dem Verborgenen Auge. Ein Bündel von Kraftlinien verband sie noch immer mit ihrem Übungsschwert.

Der alles andere überwältigende Schmerz flaute ein wenig ab. Sie würde nicht aufgeben! Nicht so! Eine Runde noch. Ihr war klar, dass sie erneut unterliegen würde. Aber sie war wild entschlossen, weiterzukämpfen, wo jeder andere aufgegeben hätte. Sie würde sich nicht demütigen lassen! Im Gegenteil, sie würde Ailyn beschämen. Zielsicher packte sie das Schwert am Griff. Die Drachenelfe stand über ihr; sie musste ihr zugesehen haben. Der Blauton ihrer Aura war um eine Nuance stärker geworden.

Nandalee führte einen trotzigen Hieb nach den Beinen der Lehrerin. Er war leicht zu parieren. Die Holzstäbe schlugen mit hartem Knall aufeinander. Ein Laut, der die atemlose Stille unterstrich, die nun rings herum herrschte.

»Gib auf!« Ailyn Stimme merkte man nichts von der unterschwelligen Furcht an. Auch ihren Zorn verbarg sie. Sie klang einfach nur bestimmend.

Statt zu antworten, drehte sich Nandalee, setzte sich auf und hob erneut ihr Schwert. Ob sie mit einem Stich die Deckung der Elfe durchbrechen könnte?

Ein wuchtiger Hieb prellte ihr die Waffe aus der Hand. Sie flog davon. Nandalee hörte sie ein ganzes Stück entfernt auf den schlammigen Boden klatschen.

Ailyn setzte ihr einen Fuß auf die Brust und drückte sie langsam herunter. »Du bist besiegt.«

Nandalee packte Ailyns Holzschwert in einem verzweifelten Versuch, es der Drachenelfe zu entwinden. Ihre Magie gab ihr eine Kraft, die weit über das normale Maß hinausreichte. Doch auch Ailyn hatte nun einen Zauber gewoben.

»Du nutzt, was du mir verwehren wolltest«, sagte sie so leise, dass es außer Nandalee niemand hören konnte. Dabei verschob sie das Schwert ein wenig, sodass seine hölzerne Spitze nun auf Nandalees Kehle zeigte. Das Holz knarrte vom Druck, den sie beide darauf ausübten.

Nandalee spürte, dass sie unterliegen würde. Zoll um Zoll wanderte das Schwert in Richtung ihrer Kehle.