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»Juba!«

»Erhabener, Ihr …«

»Nein«, unterbrach er den Kriegsmeister barsch. »Ich werde mich nicht schonen. Ich habe ein Reich zu führen. Bringt mir die Todeslisten der hingerichteten Priester. Ich möchte sie studieren und überlegen, ob wir nicht noch ein paar vergessen haben. Und was ist mit Barnaba, dem Vertrauten des Hohepriesters Abir Ataš? Ist er endlich gefasst? Ich wünsche seinen Kopf. Wie kommt es, dass er immer noch frei herumläuft?«

»Aram ist ein sehr großes Königreich …«

»Keine Ausflüchte, Juba. Glaube nicht, dass ich die Zügel locker lassen werde.«

»Natürlich nicht, Herr.«

Es war so gut, wieder ganz Herr seiner Glieder zu sein. Dieser Bauer … Artax brachte ihn noch um den Verstand. Er musste den Kerl loswerden! Aber wie? Diese Tagträume von Almitra und der nach Pferd stinkenden Barbarenprinzessin … Aber was wollte man von einem Bauern anderes erwarten? Der fühlte sich vermutlich gar nicht wohl, wenn er eine gewaschene Frau im Bett hatte. »Hol mir …« Diese Namen. Er konnte sie sich nie merken. Ganz anders als der kleine Bauer. Aber dessen Verstand würde er jetzt gewiss nicht aufwecken, nur um den Namen einer Haremsdame zu erfahren. »Hol mir diese große Blonde aus dem Harem. Die mit den langen Beinen, die kaum unsere Sprache spricht. Du weißt, wen ich meine, Juba?«

Der Kriegsmeister nickte. »Ja, Erhabener. Aber Ihr sagtet doch eben noch …«

»Vergiss, was ich eben gesagt habe. Hol mir einfach das Mädchen. Und vergiss die Todeslisten nicht!«

»Geht es Euch wirklich gut?« Juba sah ihn forschend an. Merkte er etwas?

Beschwichtigend lächelte Aaron ihm zu. »Glaub mir, mein Freund, es geht mir blendend. Heute Nacht bin ich ganz der Alte!«

Von gebrochenen Nasen und dunklen Herzen

Ein fremder Geruch war im Zimmer. Der Duft eines Frühlingswaldes. Nandalee konnte sich kaum rühren. Ihr Kopf fühlte sich an wie ein Nest voller aufgeregter Hummeln. Sie versuchte die Augen zu öffnen. Sie waren noch immer zugeschwollen. Sie atmete flach durch den Mund, weil ihre Nase zu sehr schmerzte.

»Du hast einen guten Kampf gefochten. Allerdings zeugt es nicht gerade von Klugheit, Ailyn derart herauszufordern.« Es war eine Elfe, die sprach. Ein seltsam fremder Akzent haftete ihrer Stimme an. Sie war keine Normirga. Und sie kam auch nicht aus Arkadien. Mit Daumen und Zeigefinger schob Nandalee die Lider ihres rechten Auges auseinander. Licht stach ihr wie ein Dolch ins Auge, das sofort zu tränen begann. Vor ihr saß eine große, schwarzhaarige Elfe. Ihr Gesicht war fast hager, so schmal war es. Die Lippen voll und sinnlich. In grünen Augen mit hellbraunen Sprenkeln spiegelte sich ein schalkhaftes Lächeln. Die Fremde trug ein weißes Kleid mit einem Stehkragen, ganz ähnlich wie Ailyn. Doch dieses Kleid war mit goldener Stickerei gesäumt.

»Wer bist du?« Nandalee ließ die Lider los und sofort schloss sich ihr geschwollenes Auge wieder.

»Mein Name ist Lyvianne. Ich werde eine deiner Lehrerinnen sein.«

Nandalee seufzte stumm. Sie wollte lieber allein sein. »Ich fürchte, ich bin nicht ganz in der Verfassung, etwas zu lernen.«

»Du hast nicht viele Freunde, nicht wahr?«

Nandalee hatte keine Lust, auf diese Frage zu antworten. Stille, durchbrochen vom leisen Summen einer Fliege und entferntem Flötenspiel, lag zwischen ihnen. Die Fremde war gut darin zu schweigen, dachte Nandalee. Geschwätzigkeit mochte sie nicht.

»Wie viel Wert legst du auf dein Äußeres?«

»Wenig. Ich kann mir denken, wie ich aussehe.«

»Jemand sollte dir die Nase richten. Die Schwellungen werden verschwinden. Aber die Nase …«

»Ist sie schief?« Sie wollte kein Gesicht haben, mit dem sie sich zum Gespött der anderen machte. Sie war ohnehin schon fremdartig genug.

»Sie ist geschwollen und schief. Wenn das Nasenbein nicht innerhalb der nächsten Tage in seine ursprüngliche Position verschoben wird, wirst du eine schiefe Nase behalten. Wenn du einen Trümmerbruch hast und das Nasenbein in verschiedene Splitter zerbrochen ist, wird es schwer, deine Nase wieder zu richten. Unternimmt man nichts, könntest du auch leichte Atembeschwerden davontragen.«

»Bist du eine Heilerin?«

»Ich lehre Sprachen und auch Flötenspiel.«

War das ein Scherz? Sie wünschte, sie könnte Lyvianne ins Antlitz sehen. Sie war hierhergekommen, um kämpfen zu lernen. Was sollte sie mit Flötenspiel!

»Ich könnte mich an deiner Nase versuchen, wenn du erlaubst. «

So, wie Lyvianne ihren Zustand beschrieben hatte, hatte sie wenig zu verlieren. »Das wäre nett.«

Die Elfe lachte leise. »Nett wirst du das gleich wohl nicht mehr nennen.« Sie tastete über die zerschundene Nase, und Nandalee spürte, wie sich das gebrochene Nasenbein bewegte. Der Schmerz war so heftig, dass ihr Tränen in die Augen traten und sie aufstöhnte. Blut perlte über ihre Oberlippe. Plötzlich strich ihr ein eisiger Hauch über das Gesicht. Ein Schauer überlief sie. Ihre Nase war wie taub. Der Schmerz verebbte.

»Was war das?«

»Ein wenig Magie. Mich wundert, dass sich niemand um dich gekümmert hat. Obwohl …«

Nandalee wartete, ob Lyvianne noch etwas sagen würde, doch die Elfe zog es vor zu schweigen.

»Du denkst, sie mögen mich nicht.«

»Ich würde eher sagen, sie fürchten Ailyn. Ailyn wollte, dass du Schmerzen hast. Das war übrigens ein wirklich bemerkenswerter Schwertstreich. Ein Hieb, um seine Gegner zu blenden. Bedauerlich, dass dabei die Nase im Weg steht.«

»Das bekommt sie zurück.«

»Jetzt, meine Liebe, phantasierst du. Du warst zwar auf gewisse Art respekteinflößend in deinem Aufbegehren gegen Ailyn, aber es ist vollkommen unwahrscheinlich, dass du sie jemals besiegen wirst. Ich hoffe, dir ist klar, dass sie mit dir gespielt hat. Wenn es ihr ernst ist, dann tötet sie mit dem ersten Hieb. Leg dich nicht mit ihr an. Eine gute Kriegerin zeichnet aus, dass sie Kämpfe, die sie nicht gewinnen kann, meidet. Und du willst doch eine gute Kriegerin werden.«

»Das hört sich nicht an, als seiest du eine Kriegerin«, entgegnete Nandalee derb und konnte sich gerade noch beherrschen, die fremde Elfe nicht feige zu nennen.

»Was ist eine Kriegerin?«, fragte sie provozierend ruhig.

»Dämliche Frage. Eine Kämpferin, die für eine Sache streitet und mutig genug ist, um dabei ihr Leben zu wagen.«

»Und du meinst, dafür muss man ein Schwert in den Händen halten?«

»Wie sonst sollte man kämpfen! Natürlich könnte eine Kriegerin auch einen Bogen benutzen oder …« Sie hatte das Gefühl, aufs Glatteis geführt zu werden. »Wahrscheinlich können auch Zauberweber in einem Kampf nützlich sein«, gab sie schließlich zu.

Lyvianne lachte leise. »Ja, das können sie. Ebenso wie Spitzel, die sich unbewaffnet und allein mitten unter die Feinde wagen, um deren Schwächen auszuspähen. Ist ihre Aufgabe vielleicht nicht noch gefährlicher als die derjenigen, die, umringt von Gefährten, in einer Schlacht stehen? Sie sind ganz auf sich gestellt. Niemand wird ihnen helfen, wenn sie entdeckt werden.«

»Bist du so ein Spitzel?«

»Wenn ich es wirklich wäre, dürfte ich dir nicht davon erzählen oder müsste dich belügen. Reden wir lieber von etwas anderem. «

Nandalee versuchte erneut, die Augen zu öffnen, doch es wollte ihr nicht gelingen, und so rief sie sich Lyviannes Gesicht ins Gedächtnis. In ihrem schmalen Antlitz hatte Härte gelegen. Sie konnte sie sich allein unter Feinden vorstellen. Ein Feigling war sie wohl nicht.

»Kannst du Flöte spielen?«

Nandalee schüttelte den Kopf und bereute die Bewegung sofort. Ein dumpf pochender Schmerz meldete sich in ihrem Hinterkopf. »Das ist nutzlos. Zeitverschwendung.«

»Was das angeht, wirst du an deinen Überzeugungen arbeiten müssen oder du wirst niemals unter die Drachenelfen aufsteigen. «