»Du willst jetzt nicht behaupten, sie würden Flöte spielen und den Feinden Albenmarks ein Ständchen bringen.«
»Wir denken hier nicht nur daran, wie ihr eines Tages gegen unsere Feinde bestehen könnt. Ihr müsst auch vor euch selbst bestehen. Damit ein Leben nicht völlig aus den Fugen gerät, gilt es, das Gleichgewicht zu wahren. Deine Hauptaufgabe wird es sein zu zerstören, Leben zu vernichten und wenn man weiter blickt, dann wirst du vielleicht sogar mithelfen, Kulturen zu zerstören und Ideen auszulöschen. Denn die Feinde, die wir töten, sind nicht allein jene, die mit dem Schwert in der Hand daherkommen. Dieser Aufgabe kannst du auf Dauer nur gewachsen sein, wenn dein Charakter gefestigt ist und du bis ins Innerste davon überzeugt bist, das Richtige zu tun. Auch die stärkste Seele wird eines Tages mit Zweifeln ringen. Ich bin noch niemandem begegnet, den das Blutvergießen nicht irgendwann in tiefste Selbstzweifel stürzt. Deshalb ist es wichtig, dass du auch etwas erschaffst. Dass du mit dem Schönen in der Welt verbunden bleibst. Ailyn zum Beispiel singt, wenn sie alleine ist. Ich aber kann all meine Traurigkeit in mein Flötenspiel geben, und mit jeder Note, die ich spiele, wird mir mein Herz leichter. Andere von uns erschaffen Skulpturen, arbeiten mit Bronze oder Glas. Du musst deinen Weg finden, dich auszudrücken. Wir nehmen das genauso wichtig wie deine Ausbildung im Kampf. Wenn du nicht lernen kannst, mit deiner Traurigkeit und der Dunkelheit in dir umzugehen, wirst du ein Strohfeuer sein. Ich bin überzeugt, dass du großes Talent hast, aber du wirst jung vergehen, wenn du dich nicht vor dir selbst hütest.«
Nandalee war sich nicht sicher, ob sie ihr glauben sollte. Welche Gewissensbisse sollte man haben, wenn man Trolle oder andere Feinde tötete? Sie hielt das, was Lyvianne da erzählte, für ausgemachten Unsinn. Allerdings hütete sie sich, dies der Elfe ins Gesicht zu sagen.
»Wirst du meine Lehrerin sein?«
»Ganz sicher sogar. Aber ich glaube, du meinst etwas anderes. Jedem Schüler wird einer der Lehrer als Seelenbruder zur Seite gestellt. Bei dir wird es Gonvalon sein. Ich war leider nicht hier, als darüber entschieden wurde. Ich glaube, es wäre besser gewesen, mich mit dieser Aufgabe zu betrauen.«
Was sollte das schon wieder? »Warum?«
»Wegen der Dunkelheit, die du in dir trägst. Weil du anders bist als die anderen. Der Schwebende Meister hat uns sehr eindringlich vor dir gewarnt. Hättest du nicht bereits das besondere Interesse der Regenbogenschlangen und vor allem des Dunklen erweckt, ich bin sicher, der Schwebende Meister hätte dich getötet.«
Nandalees Hand krampfte sich in die Decke.
»Ich sehe, du weißt, wovon ich rede. Dem Drachen war unheimlich, dass er nicht in deinen Gedanken lesen kann. Und er ist der Meinung, dass du über sehr viel ungezügelte, zerstörerische Kraft verfügst. Wer dich erzürnt, der ist seines Lebens nicht mehr sicher. Er hat Gonvalon und Ailyn gesagt, du hättest Sayn getötet. «
»Das ist nicht wahr!«, begehrte Nandalee auf und doch berührte Lyvianne mit diesen Worten ihre tiefsten Ängste.
»Wer werden herausfinden, was wahr ist und was nicht. Bis dahin werde ich mich hüten, dich zu ärgern.«
»Ich habe wirklich nicht …«
Lyvianne legte ihre eine Hand auf den Arm. »Das war ein Scherz. Ich weiß, wie dir zumute sein muss. Als ich Schülerin war, hat man von mir auch geglaubt, dass ich ein dunkles Herz habe. Manche behaupten das noch heute. Ganz wie du habe auch ich besondere Gaben. Gaben, die den anderen unheimlich sind. Für mich sind wir wie Schwestern. Deshalb wäre ich so gern deine Seelenschwester geworden. Niemand hier kann dich so tief verstehen wie ich. Meine Tür wird dir immer offen stehen. Bitte komm zu mir, wenn dir etwas Kummer bereitet oder du einfach nur jemanden zum Reden suchst, der dich verstehen wird.«
Nandalee war sich unsicher, was sie davon halten sollte. Sie wünschte, sie hätte Lyvianne ins Gesicht sehen können. »Welche Gaben besitzt du?«
»Wenn du zu mir kommst und dich mir ganz anvertraust, werde auch ich vor dir keine Geheimnisse haben.« Die Elfe erhob sich und strich ihr noch einmal über den Arm. »Du solltest jetzt schlafen. Und fürchte dich nicht vor Ailyn. Ich werde sie wissen lassen, dass du unter meinem besonderen Schutz stehst. Etwas wie heute Mittag wird sich nie mehr wiederholen.«
Nandalee hätte sich freuen sollen, stattdessen hatte sie ein ungutes Gefühl. Bekämpften sich die Lehrer hier untereinander?
Auf dem Weg nach draußen drehte Lyvianne sich noch einmal um. »Denk einmal darüber nach, was für Begabungen du außer dem Jagen und Töten hast. Vielleicht bist ja auch du eine Flötenspielerin. « Mit diesen Worten schloss sie die Tür.
Nandalee aber lag noch lange wach und grübelte.
Große Erwartungen
»Das ist er!«, flüsterte Galar, als der Drache einen Augenblick mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft verharrte und sich dann auf seinen Fressplatz herabsinken ließ.
Galar musste gegen sein Zähneklappern ankämpfen. Seit drei Tagen lagen sie auf ihrem Beobachtungsposten. Drei Tage hatten sie kein Feuer angemacht und nichts Warmes gegessen oder getrunken. Ihre Tarndecke war inzwischen unter einer dicken Schicht Schnee verborgen. Nur ein schmaler Spalt, der von ferne wie ein Felsspalt aussehen musste, blieb ihnen, um den gegenüberliegenden Hang zu beobachten.
Dem hageren Nyr hatte die Kälte noch wesentlich mehr zu schaffen gemacht. Seine Nase hatte inzwischen eine beunruhigende dunkelrote Farbe angenommen. Auch er starrte unverwandt auf den Drachen.
»Der ist zu groß«, sagte er leise, fast ehrfürchtig.
»Das ist es ja gerade! Ich will einen Großen. Aus seinen Knochen und seinem Blut werden wir starke Magie destillieren.«
»Du meinst, du willst auch Hornboris andere Hand unverwundbar machen?«
»Mir ist es ernst«, zischte Galar. »Wir müssen Zauber weben können, wenn wir unsere Freiheit behalten wollen. Hast du nicht die Gerüchte über die Zusammenkünfte des Rates der Bergkönige gehört?«
»Stimmt es eigentlich, dass auch Hornbori dort war?«
»Ja, aber er hatte kein Rederecht.« Der unglaubliche Aufstieg dieses Hochstaplers ärgerte Galar. Andererseits zog er seinen unmittelbaren Nutzen daraus. Seine Werkstatt war vergrößert worden und so gut ausgestattet, wie er es vor einem Jahr nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Sogar einen eigenen Brunnen hatte er inzwischen, und drei Gehilfen, die ganz nach seiner Flöte tanzten. Auch hatte Hornbori großzügig seine Reise nach Drashnapur unterstützt. Nur war diese leider völlig ergebnislos verlaufen. Es war unmöglich herauszufinden, aus welcher Käserei jener Käse stammte, der mit Drachenblut vermengt die wunderbare Veränderung von Hornboris Hand herbeigeführt hatte. Galar hatte zweiundsiebzig Käse von seiner Reise mitgebracht. Ihr Duft war noch eine halbe Meile von seiner Höhle entfernt in den Tunneln zu riechen. Er brauchte dringend neues Drachenblut, um seine Experimente fortsetzen zu können. Der Ärger über den Gestank im Berg wurde immer größer. Wenn er nicht bald Erfolge vorweisen könnte, würden sie ihn hinauswerfen!
Bislang war der einzige Erfolg seiner Forschungen, dass er nun ganz sicher sagen konnte, dass Käse aus Drashnapur ein ausgezeichnetes Konservierungsmittel war. Gab man ein paar Krümel davon in Vorratsfässer oder Kisten, wurden die Lebensmittel weder von Maden noch von Würmern befallen. Keine Mäuse wagten sich heran und nicht einmal Schimmelpilz wollte gedeihen. Nur war der Geruch der auf diese Weise behandelten Lebensmittel, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig.
»Der frisst einen ausgewachsenen Auerochsen«, murmelte Nyr, der seine Augen noch immer starr auf den Drachen gerichtet hielt, ehrfurchtsvoll. »Einen Auerochsen!«
»Höchstens ein Kalb«, wiegelte Galar ab. »Das täuscht auf die Entfernung.«
»Willst du mich für dumm verkaufen? Ich sehe doch die Tanne im Vergleich. Das ist ein Auerochse und kein Kalb!«
»Du meinst das Tännchen?«
»Wenn du möchtest, dass ich noch einmal einen Fuß auf diesen scheißkalten Berg setze, dann solltest du mich nicht verarschen! Ich sehe, was ich sehe! Wir hätten auf den anderen Berg klettern sollen, um uns die Knochen anzusehen. Würd mich nicht wundern, wenn da sogar Mammutknochen liegen würden.«