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»Wir können da nicht hin. Das habe ich dir doch schon tausendmal erklärt! Wenn wir da herumschleichen, wird der Drache unsere Witterung aufnehmen. Vielleicht kommt er dann nie wieder. Oder er fängt an, nach uns zu suchen …«

»Deshalb würde ich vorschlagen, wir lassen uns hier nie wieder blicken. Hast du völlig den Verstand verloren? Was für eine Sorte ist das? Ein Sonnendrache, nicht wahr? Das ist einer dieser verfluchten Sonnendrachen aus Ischemon! Da kannst du dich ja gleich mit einer Regenbogenschlange anlegen. Schlag dir den aus dem Kopf!«

Der Drache auf der anderen Seite des Tals hielt beim Fressen inne und blickte in ihre Richtung.

»Wenn du dich nicht leiser ereifern kannst, werden wir sein Nachtisch. Und stell dich nicht an. Es gibt keine schwarz-gelben Sonnendrachen. Die sind alle rot.«

Der Drache blickte immer noch zu ihnen herüber. Er war mindestens fünfhundert Schritt entfernt. Er konnte sie unmöglich gehört haben! Galar schluckte. Sein Mund und sein Hals waren schlagartig ausgetrocknet.

»Auf jeden Fall frisst das Vieh gerade einen Auerochsen. Und es ist der verdammt größte Drache, den ich je leibhaftig gesehen habe«, flüsterte Nyr.

»Vielleicht spürt er unsere Blicke«, sagte Galar unsicher. »Los, starr auf deine Stiefel!«

»Wie sollte man Blicke spüren?«, murrte sein Gefährte. Aber er gehorchte.

Auch Galar senkte den Blick. »Drachen können zaubern. Denen ist alles zuzutrauen.«

Die beiden schwiegen.

Nach einer Ewigkeit war ein Geräusch zu hören, das an splitternde Äste erinnerte.

»Ob er wohl wieder frisst?«, flüsterte Nyr.

»Na, er wird wohl keinen Baum fällen.«

Wieder schwiegen sie und lauschten auf die beunruhigenden Geräusche von der anderen Seite des Tals.

»Ob sie es wohl merken, wenn man sie über einen Spiegel ansieht?«

»Wie meinst du das?«

»Na, wenn man einen Spiegel im richtigen Winkel aufstellt, könnte man darin den Drachen beobachten, ohne ihn direkt anzusehen. Vielleicht spürt er dann ja nicht, dass er beobachtet wird.«

»Und wenn sich ein Sonnenstrahl im Spiegel bricht, sind wir tot.«

»Ist wohl anzunehmen«, murmelte Nyr nachdenklich. »Warum muss es ausgerechnet dieser Drache sein? Können wir uns nicht irgendeinen netten Wasserdrachen schnappen? Oder eine ausgewachsene Silberschwinge?«

»Weil das der einzige Drache ist, den ich kenne, der immer wieder an denselben Ort kommt. Normalerweise fressen sie da, wo sie ihr Jagdwild zur Strecke bringen. Sie müssen sich ja nicht vor anderen Jägern fürchten. Aber dieser da ist etwas ganz Besonderes. Vielleicht ist er verrückt? Er sieht ja auch ein wenig seltsam aus.«

Nyr nickte. »Ja, erinnert an eine riesige Hornisse, so schwarzgelb. Das Mistviech sieht gefährlich aus. Ich mag Hornissen schon nicht. Und der … Wir müssen auch näher ran, wenn wir ihn erlegen wollen. Fünfhundert Schritt, das ist einfach zu weit.«

»Also bist du dabei.« Galar versuchte beiläufig zu klingen. »Ich würde nur ungern einen anderen Schützen …«

»Du wirst keinen anderen finden, der verrückt genug ist, sich mit einem Sonnendrachen anzulegen.« Nyr zog die Rechte unter seiner Nase durch und eine Spur grüner Rotz blieb auf seinem Fäustling zurück.

»Du wirst der berühmteste Schütze der Bergkönigreiche sein.«

»Wahrscheinlich eher der toteste.«

»Du erinnerst dich an den Blodmarkt? Oder an das Massaker von Berghem? Wie lange sollen wir noch der Willkür der Drachen ausgeliefert bleiben? Wie tief müssen wir uns unter den Bergen verstecken, um vor ihnen in Sicherheit zu sein? Wie lange sollen wir vor ihnen fortlaufen? Wir müssen die Magie meistern, wenn wir uns ihnen stellen wollen. Und wir müssen Waffen besitzen, die selbst Drachen fürchten. Mit Mut allein werden wir ihnen nicht beikommen.«

Nyr stieß einen knurrenden Laut aus, dem nicht anzuhören war, ob er Zustimmung oder Ablehnung bedeutete.

»Hornbori wird alles besorgen, was wir brauchen. Besten Stahl, wie ihn selbst die Elfen nicht herzustellen vermögen. Daraus werden wir die Bögen der neuen Speerschleudern schmieden. Wir werden von allem das Beste bekommen. Das ist der Segen, Hornbori auf unserer Seite zu haben. Sein Einfluss wächst mit jedem Tag.«

»Und welchen Preis hat seine Hilfe?«

»Wir werden ihn auf die nächste Drachenjagd mitnehmen müssen.«

Nyr lächelte. »Drei Tage wie hier und wir können den Schleimscheißer begraben. Dem frieren hier doch in einer Stunde die Eier ab. Der hält doch nichts aus, der Schwafelkopf. Dann sind wir ihn wenigstens los.«

»Vielleicht ist er härter, als du denkst. Ich glaube, er hat sich tatsächlich in den Kopf gesetzt, Bergkönig zu werden. Und er kann die Leute besoffen quatschen. Vielleicht wird er es schaffen.«

Nyr schien wenig überzeugt zu sein. »Und wir verhelfen so einem Kerl zur Macht? Ist das wirklich klug?«

Galar blickte auf den großen, gestreiften Drachen. Wieder hörte man über das Tal hinweg einen der starken Knochen des Auerochsen zersplittern. »Wir müssen uns von den Drachen befreien. Und von ihren Sklaven, den Elfen. Wenn der Preis dafür ist, Hornbori zum Bergkönig aufsteigen zu sehen, dann müssen wir ihn eben zahlen. Könige stürzen mitunter auch wieder.«

Die Geschichte der gefallenen Göttin Anatu

»Es war in der Finsternis des Nichts, dass sie einander begegneten, der Drache und die Kriegerin. Einmal in tausend Jahren mag es geschehen, dass zwei einander auf einem der unzähligen Pfade aus Licht gegenüberstehen. Der Drache war groß wie ein Berg, die Kriegerin eine Göttin. Ein Jahr lang beobachteten sie einander, angespannt, bereit zum Angriff. Doch keiner wollte den ersten Hieb führen. Und endlich war es der Drache, der sprach: Du bist von Stolz, Mut und Schönheit. Ich mag dich nicht töten.

Die Kriegerin aber antwortete: Du könntest es auch nicht.

Das erzürnte den Drachen. Und es verstrich ein weiteres Jahr, in dem sie einander belauerten. Jeden Herzschlag bereit, einander anzufallen.

Diesmal war es die Kriegerin, die das Schweigen brach. Und sie fragte den Drachen, wie sein Name sei.

Die Albenkinder nennen mich den Purpurnen, antwortete er. Seinen wahren Namen aber verschwieg er, denn er wusste, ihn auszusprechen würde der Kriegerin Macht über ihn geben.

Und mich heißen die Menschenkinder Anatu, sagte daraufhin die Kriegerin, die ebenfalls vermied zu verraten, wie ihr wirklicher Name lautete. Du fürchtest, dass ich meinen Speer in deinen Rücken stoßen werde, wenn du dich abwendest, deshalb werde ich es sein, die nun geht. Folge mir in meine Welt, wenn du magst. Ich glaube, viel Gutes könnte daraus erwachsen, wenn wir miteinander reden, statt uns feind zu sein. Mit diesen Worten wandte sie sich ab und binnen eines Lidschlags war sie verschwunden.

Die Kreatur aber, die der Purpurne geheißen wurde, hatte Gefallen an Anatu gefunden. Er wusste, dass sie keine Geringere als eine Devanthar war. So folgte er ihr. Und er war die erste Geflügelte Schlange, die je nach Daia kam. Die Menschen flohen in Angst vor dem Schatten seiner Schwingen. Schließlich fand er Anatu auf dem Gipfel des Berges Luma in Luwien, in ihrem Palast aus Mondenlicht. Und Anatu empfing ihn mit einem Lächeln. Da begriff der Purpurne, dass es Liebe war und nicht Neugier, die ihn nach Daia gelockt hatte, und er sprach ein Wort der Macht und er nahm eine Gestalt an, die der der Anatu ähnlich war. Beide stiegen in den Himmel hinauf und wie die Schmetterlinge liebten sie sich im Fluge. Drei Tage und drei Nächte dauerte dies und als sie sich erschöpft von ihrer Lust niederließen, da waren sie in die Wälder von Drus gelangt, nicht weit von jenem Ort, an dem viel später auch den König der Dschinne sein Schicksal ereilte. Als die Geflügelte Schlange schlief, verging der Zauber, mit dem sie sich eine neue Gestalt gegeben hatte. Anatu aber hatte die Furcht vor der Himmelsschlange verloren. Sie blieb bei ihrem Geliebten.