Mit der Morgenglut des Ostens erschien Išta. Sie war voller Zorn, ihre Schwester an der Seite einer Himmelsschlange zu sehen. Der Angstschrei Anatus riss den Purpurnen aus dem Schlummer. Er musste mit ansehen, wie Išta ihre Schwester mit ihrem Speer durchbohrte. Schützend breitete er seine Flügel aus, und es entbrannte ein verzweifelter Kampf zwischen dem Drachen, der versuchte, Anatu zu retten, und der zornigen Išta. Seine Flammen und sein peitschender Schwanz verwüsteten den Wald von Horizont zu Horizont. Da er stets mehr auf Anatu als auf sich achtete, empfing er viele Wunden von Išta. Zuletzt durchbohrte der Speer der Geflügelten sein Herz.
Išta nahm das Haupt des Purpurnen. Sie brachte es zum gelben Turm von Garagum. Und die Devanthar erschufen der Anatu ein Gefängnis aus dem Schädel der Himmelsschlange. Dort liegt sie noch heute, aus der Wunde in ihrer Brust blutend, gefangen im Gebein ihres Geliebten. Unfähig zu sterben, verstoßen von ihresgleichen. Der Leib des Purpurnen aber wurde zum Gefiederten Haus gebracht, wo man ihn nutzte, um viele mächtige Zauber zu weben. Und wen die Devanthar von Zapote unter ihre auserwählten Krieger aufnehmen, dem gewähren sie, vom Fleisch des Drachen zu essen.«
Der Weg zur Vollkommenheit
Bidayn war gut gelaunt an diesem Morgen, denn sie hatte den Lauf dieses Mal mit etwas mehr Anstand hinter sich gebracht. Nicht gut, nein, bei Weitem nicht gut, aber wenigstens hatte sie sich zum ersten Mal nicht vor Erschöpfung übergeben. Sie hatte mit Appetit im großen gemeinsamen Essenssaal gefrühstückt. Die anderen schienen sie heute Morgen nicht so anzustarren, wie sie es in den ersten Tagen getan hatten. Diese Blicke zwischen Mitleid und Verachtung waren schwer zu ertragen gewesen. Die anderen Schüler hier schwiegen sie an. Doch ihre Blicke riefen ihr zu, dass sie die Jahre in der Weißen Halle nicht überleben würde. Man sprach nur selten darüber … Aber Bidayn kannte die Geschichten darüber, dass sie hier Prüfungen erwarteten, die etliche der auserwählten jungen Elfen nicht überlebten. Bis heute Morgen war sie überzeugt gewesen, dass sie zu jenen gehören würde, die scheiterten. Dass sie nicht stark genug sein würde. Sie war keine Kriegerin wie Nandalee, sie war eine Zauberweberin. Sie vermochte nicht einzusehen, warum sie laufen sollte wie ein Wolf und warum sie lernen musste, mit einem Schwert umzugehen. Sie sollte ihre Studien der Magie vertiefen. Wenn überhaupt, dann war das ihre Waffe. Am liebsten aber wäre ihr, niemals jemanden umzubringen. Das war sie nicht … Und sie bezweifelte, dass sie jemals dazu fähig sein würde, ganz gleich, was man ihr hier beibrachte.
Allerdings würde sie stärker werden. Das mochte ja nützlich sein. Und sei es, dass sie daraus lernte, mit mehr Entschlossenheit ihren Willen durchzusetzen.
»Hast du etwas dagegen, wenn ich bei deiner ersten Lektion im Schwertkampf anwesend bin?«
Die Stimme war freundlich und unaufdringlich, aber Bidayns gute Laune war verflogen. Sie erhob sich von ihrem Tisch. Jetzt wurde sie wieder angestarrt. Sie hatten zu sechst am Tisch gesessen. Und Nandalee, die ihr so oft ein Anker war, war natürlich nicht hier. Man hatte sie beide getrennt. Freundschaften schien man hier in der Weißen Halle als eine Belastung zu empfinden. Manchmal hatte Bidayn das Gefühl, dass eines der Ziele ihrer Lehrer darin bestand, aus ihnen allen Einzelgänger zu machen. Nandalee kam damit hervorragend zurecht. Sie nicht.
»Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn du mich zum Übungsplatz begleitest«, sagte sie, unfähig eine Stimmlage zu finden, die ihre wahren Gefühle verborgen hätte.
Lyvianne, ihre Lehrerin, war ihr erst vorgestern zugeteilt worden. Anders als bei Nandalee, die Gonvalon schon vom ersten Tag an als persönlichen Lehrer zur Seite gestellt bekommen hatte. Aber auf Nandalee musste man auch besser aufpassen. Bidayn dachte daran, wie ihre Freundin gleich zur Ankunft verprügelt worden war. Nun musste sie zu Ailyn. Ob sie wohl noch alle Zähne haben würde, wenn die Schwertmeisterin mit ihr fertig war? Bestimmt wusste Ailyn, dass Nandalee ihre beste Freundin war. Ihre einzige.
Bidayn blickte auf den Rücken ihrer Lehrerin. Sie ging drei Schritt vor ihr und sie ging barfuß. Bei dem Anblick fröstelte es Bidayn. Ob Lyvianne auch so eine Barbarin aus Carandamon gewesen war, bevor sie hierher, in die Weiße Halle, kam? Lyvianne war schlank, ohne hager zu sein, und strahlte eine Sinnlichkeit aus, um die Bidayn sie sofort beneidet hatte. Und eine unnahbare Überlegenheit. Wie alle Lehrer trug sie Weiß. Die goldenen Stickereien an Kragen und Säumen wiesen sie als eine Drachenelfe aus. Das Gold war allein ihnen vorbehalten. Manche, so wie Ailyn, verzichteten darauf, es zu tragen. Aber Lyvianne war keine Elfe, die auf irgendetwas verzichtete, was sie errungen hatte. Das war zumindest Bidayns Eindruck.
Jede Bewegung Lyviannes war vollkommen. Sie ging nicht, sie schritt, wenn sie den Kopf wandte, tat sie es voller Anmut, und ein Lächeln von ihr ließ Herzen schmelzen. Es machte Bidayn schon Freude, ihr einfach nur zuzusehen. Selbst Lyviannes offenes Haar war makellos. Keine einzelne Strähne hatte sich aus dem Strom von leicht bläulich schimmerndem Schwarz gelöst, das Haar schwang in vollkommener Harmonie zum Rhythmus der Schritte.
Lyvianne hatte ihr am Tag zuvor die Bibliothek gezeigt. Obwohl Bidayn schon zwei Wochen in der Weißen Halle weilte, hatte sie bis gestern nicht einmal davon gehört, dass es eine Bibliothek gab, und ohne Führerin hätte sie sie wohl auch nicht gefunden. Sie lag in einem abgelegenen Teil der weitläufigen Kellergewölbe. Und offensichtlich wurde sie nicht oft besucht. Das weiche, bernsteinfarbene Licht von Barinsteinen, das die Räume erhellte, war kein Ersatz für Tageslicht, fand Bidayn. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass man diesen Ort absichtlich so gestaltet hatte, dass die meisten Elfen sich dort nicht gerne aufhalten würden. Lyvianne aber hatte ihr anvertraut, dass sie oft in die Bibliothek kam.
Schon bei der ersten Begegnung mit Lyvianne hatte Bidayn das Gefühl gehabt, dass die Lehrerin auf den Grund ihrer Seele zu blicken vermochte. Und das ganz ohne Magie! Vielleicht war Lyvianne ihr vor langer Zeit einmal ähnlich gewesen? Vielleicht war auch sie einmal ein eingeschüchtertes Mädchen gewesen, das gefürchtet hatte, die Prüfungen der Weißen Halle nicht zu überleben. Bidayn lächelte freudlos. Das waren Tagträume! Man konnte wohl kaum verschiedener von ihr sein, als die selbstbewusste Lyvianne es war. Sie war sicherlich niemals schwach gewesen.
Als sie einen der von Rosenranken eingefassten Gartenwege erreichten, die zu den verschiedenen Übungsplätzen führten, blieb Lyvianne unvermittelt stehen. »Dir ist unangenehm, dass ich bei dir bin, nicht wahr?«
Bidayn vermochte sich dem Bann der waldgrünen Augen nicht zu entziehen, die auf sie gerichtet waren. »Es ist nicht …«, brachte sie stammelnd hervor, unfähig, den Satz zu einem sinnvollen Ende zu führen.
»Ich war bei deiner Freundin, nachdem Ailyn sie so übel zugerichtet hat. Damit dies kein weiteres Mal geschehen wird, begleite ich dich jetzt. Du bist mir anvertraut. Das nehme ich sehr ernst! Wer sich gegen dich stellt, der fordert auch mich heraus. Ailyn weiß das. Sie wird sich zügeln, wenn ich anwesend bin.«
Bidayn war ihr dankbar und zugleich fühlte sie sich elend. Nandalee brauchte keinen Aufpasser! Kaum dass sie die Weißen Hallen erreicht hatten, hatte sich ihre Freundin bereits einen Namen gemacht. Niemand würde sich ohne Not mit ihr anlegen.
»Was heißt zügeln?«, fragte Bidayn zurückhaltend.
»Du wirst nicht ohne blaue Flecke davonkommen. So ist das bei Schwertkampfübungen. Aber vertrau mir – was Nandalee widerfahren ist, wird dir erspart bleiben.«
»Warum muss ich überhaupt Schwertkämpfen lernen? Ich kann das nicht! Ich habe andere Talente.«